Technische Infrastruktur
Wie Start-ups Versorgungslücken im Globalen Süden schließen
In Nigeria kommt rechnerisch ein*e Radiolog*in auf mehrere hunderttausend Menschen – deutlich weniger als in Industrieländern. Diese gravierende Versorgungslücke ist symptomatisch für viele Schwellenländer. Antworten darauf kommen heute immer häufiger aus der privaten Tech-Szene.
Das ägyptische Healthtech-Start-up Rology etwa betreibt eine KI-gestützte Teleradiologie-Plattform. Damit verbindet es Krankenhäuser mit Radiolog*innen weltweit, die medizinische Bilddaten wie Röntgenaufnahmen aus der Ferne auswerten und Befunde erstellen. Das Unternehmen hilft so vor allem, den Mangel an Radiolog*innen zu überbrücken und Diagnosen schneller sowie kostengünstiger verfügbar zu machen, insbesondere in Regionen mit begrenzter medizinischer Infrastruktur.
Hinter Modellen wie Rology steht ein grundlegender Wandel: In Entwicklungs- und Schwellenländern beschränken sich Start-ups längst nicht mehr auf die Entwicklung von Produkten oder das Angebot einzelner Dienstleistungen, sondern bauen zunehmend auch die zugrunde liegende Infrastruktur auf. Sie tun dies in einer Weise, die als technologisches Exportmodell für den Weltmarkt fungieren kann.
Autonome Drohnen, solarbetriebene Kühlhäuser
Das populäre Narrativ des „Leapfrogging“, also des bloßen Überspringens technologischer Entwicklungsstufen, greift mittlerweile zu kurz. Stattdessen beobachten wir die Entstehung einer hybriden Infrastruktur „von unten“: Start-ups bauen das Fundament, auf dem ganze Ökosysteme wachsen können, wobei die künstliche Intelligenz direkt in die physische Welt eingreift.
In Ruanda beispielsweise steuert KI die Flugrouten autonomer Drohnen des US-Unternehmens Zipline. Sie liefern lebenswichtige medizinische Güter wie Blutkonserven in entlegene Gebiete. In Ghana vernetzt das Start-up FreezeLink solarbetriebene Kühlhäuser mit intelligenten Überwachungssystemen. Das Unternehmen schafft damit Infrastruktur, die in vielen afrikanischen Ländern bislang nur unzureichend vorhanden ist, und sorgt dafür, dass Produkte von den Produzenten bis zu den Verbraucher*innen durchgehend gekühlt bleiben.
Eine besondere Dynamik entfaltet sich derzeit in Nordafrika. In Ländern wie Marokko, Tunesien und Ägypten wächst eine junge, technisch versierte Generation heran, die das Rückgrat einer neuen Dienstleistungsinfrastruktur bildet. Tunesien etwa weist eine der weltweit höchsten Quoten an Absolvent*innen in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) auf.
Dieses Reservoir an Ingenieur*innen und IT-Spezialist*innen führt dazu, dass Städte wie Casablanca, Tunis und Kairo zu zentralen Hubs für Engineering und Cybersecurity werden – aber auch für sogenannte Offshore-Dienstleistungen, also ausgelagerte Dienstleistungen im Ausland. Begünstigt durch die räumliche Nähe zu Europa fungieren Start-ups im Norden Afrikas auch als Partner für europäische Unternehmen, die ihre digitale Transformation durch hochqualifizierte Remote-Teams vorantreiben wollen. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in anderen Weltregionen beobachten.
Digitale Infrastruktur in Südostasien und Lateinamerika
Dieses Phänomen der „Infrastruktur von unten“ ist längst global. In Südostasien, insbesondere in Archipel-Nationen wie Indonesien und den Philippinen, erschwert geografische Fragmentierung den klassischen physischen Handel. Start-ups haben hier dezentrale Logistik- und Zahlungssysteme geschaffen, die Millionen von Kleinstunternehmer*innen erstmals an den Weltmarkt anbinden. Diese „Super-Apps“ fungieren de facto als Finanz- und Handelsinfrastruktur für Regionen, die vom traditionellen Banken- und Postwesen nie erreicht wurden – etwa Plattformen wie Gojek in Indonesien oder Grab in Südostasien, die Zahlungssysteme, Lieferdienste und Mobilitätsangebote in einer Anwendung bündeln.
Ähnlich tiefgreifend ist die Transformation in Lateinamerika. In Brasilien und Mexiko haben Fintech-Pioniere eine Finanzinfrastruktur geschaffen, die den traditionellen Sektor nicht nur herausgefordert, sondern in puncto Inklusion überholt hat. Durch die Digitalisierung von Krediten und Versicherungen wurde eine wirtschaftliche Teilhabe ermöglicht, die zuvor an starren bürokratischen Hürden scheiterte. Parallel dazu revolutionieren AgriTech-Start-ups die Landwirtschaft von Argentinien bis Kolumbien, indem sie Satellitendaten und KI nutzen, um Ressourcen effizienter zu verwalten – eine kritische Infrastrukturleistung in Zeiten des Klimawandels, die weit über den bloßen Verkauf von Software hinausgeht.
Damit diese Innovationen ihre Breitenwirkung entfalten können, bedarf es einer spezifischen staatlichen Haltung, die man als regulatorische Offenheit oder „regulatorische Geduld“ bezeichnen kann. Ein bekanntes Beispiel ist das mobile Bezahlsystem M-Pesa in Kenia, dessen Erfolg auch darauf zurückzuführen ist, dass die Regulierung zunächst Spielräume ließ und erst im Nachgang angepasst wurde.
Ein Instrument, das hierbei häufig eingesetzt wird, ist die sogenannte Regulatory Sandbox – also ein geschützter Testraum, in dem Unternehmen innovative Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen ausprobieren können, bevor eine umfassende Regulierung greift. Solche Ansätze finden sich inzwischen auch in Industrieländern, werden im Globalen Süden jedoch oft besonders flexibel angewendet.
Dies kann zu einem Effekt der „Reverse Innovation“ führen: Lösungen aus Schwellenländern liefern Impulse für andere Märkte. Dabei geht es weniger darum, bestehende Systeme in Industrieländern zu ersetzen, sondern vielmehr darum, neue, oft effizientere Ansätze zu ergänzen oder weiterzuentwickeln.
Perspektiven für private Entwicklungsfinanzierer
Wir erleben derzeit eine geopolitische Zäsur. In einer Phase rückläufiger staatlicher Entwicklungsbudgets gewinnen private Investitionen weiter an Bedeutung. Venture-Capital-Geber und Family Offices – also Organisationen zur Verwaltung großer Privatvermögen – schließen zunehmend Finanzierungslücken, die öffentliche Akteure hinterlassen.
Auch bei deutschen Unternehmen wächst das Interesse an Investitionen in Geschäftsmodelle, die lokale Probleme adressieren und gleichzeitig global skalierbar sind. Kapital entfaltet dabei oft gerade dort die größte Wirkung, wo es knapp ist: Ein zusätzlicher Arbeitsplatz kann in Schwellenländern eine erhebliche strukturelle Hebelwirkung entfalten.
Stärkung der lokalen Wertschöpfung
Dies gilt insbesondere für Modelle, die reale Wertschöpfung vor Ort verankern. Ein Beispiel hierfür ist die Entwicklung lokaler Produktionskapazitäten entlang bestehender Rohstoffketten. Unternehmen wie das deutsch-ghanaische Fairafric, dessen Schokoladenproduktion in Ghana von der DEG gefördert wurde, zeigen, wie sich die Wertschöpfungsketten dort halten lassen, wo die Rohstoffe wachsen. Dies ermöglicht existenzsichernde Einkommen und verringert die Abhängigkeit Afrikas von klassischen Rohstoffexporten. Lokale Ressourcen werden durch Technologie global marktfähig gemacht.
Für die internationale Gemeinschaft und für private Entwicklungsfinanzierer bedeutet dieser Wandel, dass sie Start-ups als relevante Infrastrukturbetreiber betrachten sollten. Damit einhergehen muss eine passende Finanzierungsarchitektur. Diese sollte Blended-Finance-Instrumente, die öffentliches Kapital als Risikopuffer mit privaten Investitionen verbinden, ebenso umfassen wie zirkuläre Modelle, bei denen Erträge direkt in neue lokale Projekte reinvestiert werden.
Wer diesen Prozess wirksam fördern will, sollte bereit sein, in die neuen digitalen und physischen Fundamente zu investieren. Für europäische Investoren ist der Globale Süden damit längst nicht mehr nur Absatzmarkt, sondern ein zentrales Testlabor für die Infrastruktur der Zukunft.
Wolfgang Krieger ist der Volkswirt der KfW-Tochter DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft mbH in Köln und Experte für internationale Märkte. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit der Finanzierung privater Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern.
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