Indigenes Wissen
Wie Indigenes Wissen helfen kann, Waldbrände einzudämmen
Das Dorf Mlevela liegt im südlichen Hochland Tansanias. Dort befindet sich ein kleiner, 2,5 Hektar großer Wald, der seit Jahrzehnten allen vom Menschen verursachten Widrigkeiten standhält.
Es ist Alex Msigwa, der im Namen des Oberhaupts der lokalen ethnischen Gruppe, den Bena, in diesem Wald ein Heiligtum hütet. Sowohl der Wald als auch das Heiligtum heißen „Nyumba Nitu“, auf Deutsch etwa „dunkles Haus“. Erzählungen der Bena betonen den besonderen Schutzstatus des Ortes. Msigwa berichtet etwa, dass ein britischer Investor 1948 rund 28.000 Hektar Land für eine Akazienplantage erwarb. Als Bulldozer dann mit der Rodung begannen, hätten sie die Bäume im Bereich des heiligen Schreins nicht entwurzeln können. Sie stehen dort bis heute.
Auch ein Feuer, das etwa zur selben Zeit ausbrach, habe die Bäume im Bereich des Heiligtums nicht zerstören können, sagt Msigwa. Nach der Übernahme durch den Investor habe es außerdem ein ganzes Jahr lang nicht geregnet. Mitglieder der Gemeinde erklären, dass der Regen erst wieder einsetzte, nachdem der Investor im Namen der dort begrabenen Ahnen eine beträchtliche Entschädigungssumme an die Verwaltung des Schreins gezahlt hatte.
Unabhängig davon, ob sich solche Berichte überprüfen lassen, prägen sie vor Ort Entscheidungen und Praktiken hinsichtlich des Umweltschutzes. Das Gebiet gilt laut Msigwa seit Menschengedenken als heilig. Bis heute gehen Menschen in den Wald, um Opfergaben darzubringen, ihre Ahnen zu ehren und ihnen zu danken.
Heilige Orte als Schutz vor Bränden
In vielen ländlichen Gemeinschaften vermeiden es die Menschen, Bäume in heiligen Wäldern oder an Orten wie Ahnengräbern zu fällen oder abzubrennen – sie fürchten, damit den Zorn der Toten auf sich zu ziehen. Der 68-jährige Magwisa Sambilole aus dem Dorf Utalingolo im Süden Tansanias erklärt diesen Glauben im lokalen spirituellen Kontext: „Die Toten wohnen an heiligen Orten und dürfen niemals gestört werden. Wer Bäume fällt, zieht ihren tödlichen Zorn auf sich.“ Die Einhaltung solcher Bräuche soll Bäume selbst dort schützen, wo Wälder durch Klimawandel oder Abholzung bedroht sind.
Temilinga Ngwega, ein 70-jähriger Ältester aus dem Dorf Magunga in Zentraltansania, beschreibt eine weitere Vorsichtsmaßnahme. Bevor in der Nähe eines heiligen Ortes ein Feuer entzündet wird, räumen die Menschen einen Pfad rund um die Fläche frei, die abgebrannt werden soll. „Wir machen das, damit sich das Feuer nicht auf andere Bereiche ausbreitet und damit wir es leichter eindämmen können, falls es außer Kontrolle gerät“, erklärt er. Ngwega ergänzt, dass es in seiner Gemeinde auch streng verboten sei, tagsüber Feuer zu entzünden, da Hitze und Wind dazu führen können, dass sich die Flammen nur schwer kontrollieren lassen.
Diese Praktiken verbinden praktisches Wissen mit kulturellen Überzeugungen und können bestimmte Gebiete wirksamer vor Bränden und Abholzung schützen als staatliche Vorschriften. In vielen Gemeinschaften der mehr als 120 ethnischen Gruppen Tansanias sind Regeln zur Unantastbarkeit bestimmter Bäume, zum Schutz von Grabstätten und zum respektvollen Umgang mit kulturell bedeutenden Wäldern dokumentiert.
In den Usambara-Wäldern im Nordosten Tansanias beispielsweise halten sich die lokalen Gemeinden beim Holzsammeln ebenfalls an bestimmte strenge Regeln, die dem Schutz von Ressourcen dienen. Zu bestimmten Zeiten dürfen etwa nur Bäume auf der linken Seite gefällt werden; die übrigen bleiben unberührt. Außerdem soll es dort Menschen geben, die Bäume in spirituelle Praktiken einbeziehen.
Gemeinschaften im südöstlichen Distrikt Iringa sowie in den Tabakanbaugebieten der trockenen Regionen südlich von Dodoma im Zentrum Tansanias befolgen ebenfalls strenge Regeln für den Umgang mit Feuer. Besonders wichtig sind diese Vorschriften während der Trockenzeit.
Viele Gesetze zur Brandverhütung, wenig Wirkung
Dabei mangelt es eigentlich nicht an staatlichen Vorschriften. Die Regierung hat zahlreiche Gesetze zum Naturschutz erlassen. Nach dem Grassfires Control Act drohen jeder Person, die ohne Einhaltung der vorgeschriebenen Verfahren ein Feuer legt, bis zu sechs Monate Haft, eine Geldstrafe von rund 750 Dollar oder beides.
Trotz dieser Maßnahmen werden Berichten zufolge in Tansania jedes Jahr durchschnittlich mehr als 11 Millionen Hektar Wald durch Brände zerstört. Rund 90 % davon werden von Menschen verursacht. Studien deuten außerdem darauf hin, dass der zunehmende Anbau von Eukalyptus und Kiefern das Waldbrandrisiko im Land erhöht hat.
Menschen legen aus unterschiedlichen Gründen Feuer, häufig unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Sie nutzen es etwa zur Honigernte, zum Fang kleiner Tiere wie Buschschweinen, zur Vorbereitung von Ackerland, zur Holzkohleproduktion oder um Ratten und Schlangen auszuräuchern. Familien, die Vieh halten, verbrennen Gras, Sträucher und Gestrüpp, um frisches Gras nachwachsen zu lassen und Schädlinge zu beseitigen. Auch Winde und Blitzeinschläge können Waldbrände auslösen.
Die Folgen von Waldbränden sind gut dokumentiert. Sie stören Ökosysteme, schädigen Wassereinzugsgebiete und Wasserquellen, tragen zur Wüstenbildung bei und dezimieren Wälder. Zudem können sie das Wirtschaftswachstum insbesondere in Regionen bremsen, die von Forstwirtschaft abhängig sind. Sie zerstören Häuser und Lebensgrundlagen, verschärfen Armut und schwächen die Wertschöpfungsketten von Forstprodukten. Und nicht zuletzt führen Brände zu einem Rückgang der Artenvielfalt, etwa bei Heilkräutern, Sträuchern, Gräsern und Insekten
Traditionelles Wissen berücksichtigen
Studien weisen auf eine mangelnde Abstimmung zwischen den Akteur*innen hin, die Waldbrände verhindern sollen. Fachleute empfehlen daher ausdrücklich, traditionelle Methoden der Brandbekämpfung stärker in den Naturschutz einzubeziehen, da sich Indigene Regeln und Einschränkungen in einigen Gemeinschaften als wirksam erwiesen haben.
Eine Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) aus dem Jahr 2013 kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass in Tansania umfangreiches traditionelles Wissen über Buschfeuer vorhanden ist, einschließlich ihrer Ursachen, Folgen und darüber, wie man ihnen vorbeugen kann. In vielen ethnischen Gemeinschaften ist dieses Wissen sogar besonders wichtig, weil zahlreiche Familien in leicht entflammbaren Häusern mit dünnen Lehmwänden und Dächern aus Elefantengras leben.
Die Studie beschreibt auch umfangreiche Kenntnisse von Gemeinschaften hinsichtlich der Brandkontrolle bei der Vorbereitung der Felder. Gemeinschaften betrachten beispielsweise den frühen Morgen, wenn Gras und Gestrüpp noch mit Tau bedeckt sind, und den späten Abend, wenn der Wind abgeklungen ist, als die sichersten Zeiten für kontrollierte Brandrodung. In vielen Gemeinschaften werden diese Sicherheitsregeln durch alltägliche Unterweisung und kulturelle Ausdrucksformen wie Lieder und Sprichwörter vermittelt.
Feuer ist, insbesondere im Zusammenhang mit der Brandrodung, ein fester Bestandteil des sozioökonomischen Alltags vieler Menschen in Tansania. Die FAO spricht sich deshalb dafür aus, traditionelle Praktiken und Werte bei der Brandvorbeugung und -bekämpfung zu berücksichtigen. Zugleich jedoch untergraben mehrere Entwicklungen das traditionelle Wissen über Brandschutz. Dazu gehören etwa die wachsende Nachfrage nach marktorientierten Agrarprodukten und die Durchsetzung strenger Gesetze, von denen einige die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften gefährden.
Der Gesetzgeber sollte deshalb anerkennen, dass Indigene Naturschutzpraktiken und -überzeugungen beträchtliches Potenzial zur Stärkung des Umweltschutzes und zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen bergen. Sie könnten eine wirksame Ergänzung zu strengen Gesetzen darstellen, die in der Praxis oft nicht funktionieren.
Die Erfahrungen aus Tansania zeigen, wie wichtig es ist, dass Menschen ein persönliches Verantwortungsgefühl für ihre Umwelt und die Natur entwickeln. Gerade angesichts der eskalierenden Klimakrise, die längst auch den Westen erreicht hat, sollten Gesellschaften darüber nachdenken, wie die Umwelt wieder stärker persönlich als das begriffen werden kann, was sie ist: eine grundlegende Voraussetzung für die eigene Existenz.
Lawrence Kilimwiko ist Sozialforscher und Medienberater mit Sitz in Daressalam, Tansania.
lkilimwiko@yahoo.com
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.