Entwicklung und
Zusammenarbeit

Roundtable

„Ein Umfeld gestalten, in dem Geld sinnvolle Veränderungen vorantreibt“

Ohne Entwicklung kann der Privatsektor nicht gedeihen, und ohne den Privatsektor kann ein Land keine eigenständige, nachhaltige Entwicklung erreichen. Beim ersten E+Z- Roundtable haben wir mit vier Experten aus dem Privatsektor über Chancen und Herausforderungen privatwirtschaftlicher Beteiligung an der Entwicklungsfinanzierung gesprochen – ein Thema, das angesichts des aktuellen Rückgangs der öffentlichen Entwicklungsfinanzierung und der wachsenden Finanzierungslücke zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Ohne Privatsektor keine Entwicklung: Wie lässt sich Rendite nachhaltig erwirtschaften? Dieser Artikel ist Teil eines Schwerpunkts zum Thema Entwicklungsfinanzierung, für den wir eine Bilderserie mit KI erstellt haben. E+Z, Bild mit KI generiert Ohne Privatsektor keine Entwicklung: Wie lässt sich Rendite nachhaltig erwirtschaften? Dieser Artikel ist Teil eines Schwerpunkts zum Thema Entwicklungsfinanzierung, für den wir eine Bilderserie mit KI erstellt haben.

Helmy Abouleish, Richard Rugendo, James Shikwati und Bruno Wenn im Interview mit Eva-Maria Verfürth und Katharina Wilhelm Otieno

Herr Abouleish, SEKEM vereint nachhaltig orientierte Unternehmen aus verschiedenen Branchen wie Textil, Pharma und Landwirtschaft. Ist das rentabel?

Helmy Abouleish: Meine Erfahrung der letzten 48 Jahre hat gezeigt, dass unsere Bioprodukte in allen Bereichen weder teurer noch weniger profitabel sind als konventionelle Produkte. Organische, zirkuläre und nachhaltige Produkte sind deutlich günstiger, wenn man alle Gesundheits- und Umweltkosten berücksichtigt. Wir müssen erkennen, dass diese Produktionsmethoden die Zukunft sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Abouleish: Wir unterstützen derzeit etwa 40 000 kleinbäuerliche Betriebe bei der Umstellung auf ökologischen und biodynamischen Landbau. Um das zu erleichtern, bieten wir den Landwirt*innen Zahlungen für Ökosystemleistungen an, insbesondere für CO2-Gutschriften. Ein Kleinbauer in Ägypten beispielsweise, der etwa zwei Hektar Land besitzt, wird zögern, auf biodynamische Landwirtschaft umzustellen, da er in den ersten Jahren mit geringeren Erträgen und höheren Kosten rechnen muss. Unsere Lösung besteht aus zwei Teilen: Zunächst verkaufen die Landwirt*innen ihre biodynamischen Produkte weiterhin zum Marktpreis. Nach einem Jahr beginnen sie, Kohlenstoff im Boden zu binden, Bäume zu pflanzen, Kompost zu produzieren und die Methanemissionen zu reduzieren. Dafür erhalten sie Emissionsgutschriften, die ihre Rentabilität um 40 bis 50 Prozent steigern.

Das zeigt, wie sich Nachhaltigkeitsbestimmungen tatsächlich positiv auswirken können. Gibt es weitere regulatorische Änderungen, die effektiv zu wirtschaftlichem Wachstum beigetragen haben?

Abouleish: Auf der COP27 haben wir uns erfolgreich für ein Gesetz über einen freiwilligen CO2-Markt in Ägypten eingesetzt. Unsere Finanzaufsichtsbehörde erkennt nun CO2-Zertifikate als Finanzinstrumente an. Sie hat außerdem ein Akkreditierungs- und Verwaltungssystem geschaffen und an der ägyptischen Börse eine Plattform für den Handel mit CO2-Zertifikaten eingerichtet. Zahlungen für Ökosystemleistungen können im Inland verkauft werden. Anstatt auf globale Käufer angewiesen zu sein, können ägyptische Unternehmen ihre Emissionen nun durch lokale Kohlenstoffbindung ausgleichen und so ein zirkuläres Nachhaltigkeitsmodell innerhalb der eigenen Wirtschaft schaffen. So kann unsere Initiative expandieren.

Bruno Wenn: Viele Regierungen haben auch das Engagement des Privatsektors in der Energieerzeugung ermöglicht. Ein Beispiel ist Senegal, wo die deutsche Entwicklungszusammenarbeit die Regierung bei der Konzeption rechtlicher Rahmenbedingungen für privatwirtschaftliche Investitionen im Energiesektor unterstützt hat. So nahmen netzunabhängige Lösungen auf dem Land enorm zu – hauptsächlich vom senegalesischen Privatsektor finanziert.

James Shikwati: Kenias meistzitiertes Beispiel ist M-Pesa, die von Safaricom entwickelte mobile Geldlösung. Die kenianische Regierung ermöglichte dem Privatsektor, Zugang zu Finanzmitteln durch Innovation zu verbessern. Obwohl die kenianische Zentralbank anfangs skeptisch war, ermöglicht M-Pesa heute Millionen von Transaktionen pro Tag. Menschen, die in Nairobi arbeiten, müssen Verwandten in sehr abgelegenen Teilen des Landes Bargeld nicht mehr selbst bringen. Sie können es über eine Plattform senden, die auf bestehenden kulturellen Praktiken und Unterstützungsmechanismen von erweiterten Familien aufbaut. Dem Privatsektor müssen Flexibilität und Innovationen ermöglicht werden, um Probleme von lokalen Gemeinschaften, Regierungen und Ländern anzugehen.

Was braucht der Privatsektor noch, um zu florieren?

Wenn: Regierungen können Märkte schaffen, die wiederum erhebliche finanzielle Ressourcen innerhalb der Länder mobilisieren. In Westafrika gibt es etwa Pensionsfonds und Versicherungsgesellschaften mit beträchtlichem Kapital, aber begrenzten Investitionsmöglichkeiten in der Region. Wenn es gut entwickelte Kapitalmärkte gäbe, könnten diese institutionellen Investoren Infrastrukturprojekte, insbesondere im Energiesektor, durch den Kauf von Anleihen finanzieren.

Dadurch würden lokale Währungsreserven erschlossen und Währungsinkongruenzen vermieden, die zu Problemen und unhaltbaren Auslandsschulden führen können. Nehmen wir die Situation von Herrn Rugendo: Wenn er Maschinen aus Europa kaufen möchte, benötigt er meist Fremdwährung. Seine Einnahmen erzielt er aber in der lokalen Währung, sodass er mit einer Währungsinkongruenz konfrontiert ist. Wenn lokale Banken Finanzierungen in Kenia-Schilling anbieten könnten für Importe von Kapitalgütern, wäre das ein Wendepunkt.

Shikwati: Die Währungen afrikanischer Länder können bei internationalen Transaktionen meist nicht direkt umgetauscht werden, was sie auf den globalen Märkten praktisch wertlos macht. Wenn lokale Währungen nicht international gehandelt werden können, bleibt finanzielle Nachhaltigkeit schwierig. Das schränkt das Wachstum kleiner und mittlerer Unternehmen (KMUs) ein, da es für sie schwieriger ist, Ausstattung zu importieren oder sich zu erweitern.

Richard Rugendo: Wir müssen auch in Humankapital investieren. Eine gesunde, gut ausgebildete Bevölkerung ist Voraussetzung für Produktivitätssteigerung und Innovation. Ohne sie werden auch die besten Finanzmechanismen nur begrenzte Wirkung haben.

Welche Rolle spielen regionale Wirtschaftsgemeinschaften?

Wenn: Eine bedeutende. Zugang zu Märkten ist für Unternehmenswachstum wesentlich, daher ist eine länderübergreifende Infrastruktur wichtig. Aber selbst, wenn es eine solche gibt, verbringen LKWs etwa in Ostafrika oft Tage an Grenzübergängen, weil es zwischen Nachbarländern unterschiedliche Regulierungsstandards gibt. Regionale Wirtschaftsgemeinschaften sollten einheitliche Standards einführen. Das würde die bürokratische Ineffizienz verringern, die die Kosten für die Verbraucher*innen in die Höhe treibt.

Rugendo: Als Unternehmer halte ich Initiativen wie die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA) für wichtig. In der Lebensmittelindustrie führt Bürokratie oft zu enormen Verzögerungen an den Grenzen. Verderbliche Waren können dann nicht mehr verkauft werden.

Finanzierungsmodelle für Klima und Entwicklung werden oft kritisiert. Herr Shikwati, was läuft auf der internationalen Ebene schief?

Shikwati: Bestehende Modelle scheinen darauf ausgelegt, Märkte für wohlhabendere Länder zu entwickeln, anstatt einkommensschwachen Ländern zu ermöglichen, eigene Märkte für eigene Produkte zu entwickeln. Nehmen wir etwa Ernährungssicherheit: Entwicklungsfinanzierung priorisiert tendenziell den Anbau von Cash Crops wie Weizen, Zuckerrohr oder Baumwolle. Der Anbau dieser Pflanzen in Subsahara-Afrika erfordert jedoch ökologische Veränderungen, die Klimawandel beschleunigen. Einheimische Pflanzen sind an die lokalen Bedingungen angepasst. Wenn wir uns aber für Sorten wie Augenbohnen oder Jutemalven einsetzen, werden sie von Finanzierungsinstitutionen oft abgelehnt. Das wirft die Frage auf, wem Entwicklung eigentlich dient. Schaffen wir Märkte für Industrienationen oder verhelfen wir armen Ländern zu ihren eigenen? Entwicklungsfinanzierung muss einen Mentalitätswandel durchlaufen, um selbsttragendes, lokal ausgerichtetes Wachstum zu unterstützen.

Können Sie das erläutern? Wie kann Entwicklungsfinanzierung zum Aufbau nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen beitragen und positive wirtschaftliche Entwicklung bewirken?

Shikwati: Entwicklungsfinanzierung ist häufig auf Beratung aus Industrieländern angewiesen, die so den Expertenrat zu Nachhaltigkeitsstrategien monopolisiert. Der Ansatz führt eher zu oberflächlicher Konformität als zu echter Übernahme. Regierungen in Afrika kopieren politische Maßnahmen aus Europa und den USA und ignorieren dabei lokale Gegebenheiten. Nachhaltigkeitsstrategien müssen kontextspezifisch sein, auf das Wissen indigener Gemeinschaften zurückgreifen und auf Bedingungen vor Ort passen, anstatt bloße Importe aus Industrieländern.

Wenn: Richtlinien, wie sie von europäischen Entscheidungstragenden beschlossen werden, können für Unternehmen in Entwicklungsländern zum Albtraum werden. Die Anzahl an Standards und Complianceanforderungen führt zu hohen Kosten, die Wachstum hemmen. Die wichtigsten Privatunternehmen sind lokale Unternehmen. Die Schlüsselfrage für Entwicklungsfinanzierung muss lauten: Wie können wir ihnen helfen, zu wachsen? Die Antwort: durch Förderung von Rechtssicherheit, vorhersehbarer Besteuerung, guten Geschäftsbedingungen und Investitionen in Infrastruktur.

Herr Rugendo, Sie haben Unterstützung von Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen erhalten, etwa von der DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft). Welche Herausforderungen gab es dabei?

Rugendo: Wir müssen uns mit Verzerrungen bei der Entwicklungsfinanzierung befassen. Selbst wenn eine Institution Mittel zu angemessenen Bedingungen bereitstellt, sind Zinssätze oft überhöht, wenn sie über Geschäftsbanken an Unternehmen weitergegeben werden. Banken streben natürlich nach Gewinn – aber wenn ein Teil ihrer Mittel aus Entwicklungsgeldern stammt, sollten wir uns fragen, ob sie wie vorgesehen verwendet werden.

Wenn: Entwicklungsfinanzierung hängt von den Bankensystemen in Entwicklungsländern ab. Entscheidend ist, ob diese Banken in der Lage sind, KMUs zu unterstützen. Es geht aber nicht nur um die Banken, sondern auch um Regierungspolitik. Nehmen wir das Beispiel einiger afrikanischer Länder, in denen Finanzministerien oft Staatsanleihen zu hohen Zinssätzen ausgeben. Wie können wir von Banken vor Ort erwarten, dass sie das höhere Risiko und die kompliziertere Vergabe von Kleinkrediten an KMUs übernehmen, wenn sie auch risikolose Staatsanleihen kaufen könnten? Deshalb ist die Politik von Bedeutung. Regierungen müssen eine umsichtige Finanzverwaltung umsetzen, die nicht alle inländischen Finanzmittel absorbiert, sondern sicherstellt, dass Kapital für den Privatsektor verfügbar bleibt.

Wie könnte das funktionieren?

Wenn: In Indien werden Banken dazu angehalten, mehr Finanzmittel für KMUs bereitzustellen. Die indische Zentralbank schreibt vor, dass ein Teil der Bankportfolios für solche Unternehmen verwendet werden muss. Die Mobilisierung inländischer Ressourcen wird von politischen Verantwortlichen in Geberländern oft übersehen. In Entwicklungsländern ist viel Kapital vorhanden. Die Frage ist aber, wie diese Ressourcen für Entwicklung mobilisiert werden können. Wo immer eine Marktnachfrage besteht, tauchen Unternehmen auf, um sie zu decken. Ich frage mich, warum Regierungen das nicht effektiver nutzen: Warum werden Unternehmen nicht aktiv in die Bereitstellung von sauberem Wasser, Bildung oder Gesundheitsversorgung eingebunden? Gewinnorientierte Modelle und Entwicklungsziele sind nicht unbedingt gegensätzlich.

In vielen Ländern mit niedrigen Einkommen gibt es bereits viele öffentlich-private Finanzierungsmodelle, die etwa Gesundheits- und Bildungsdienste unterstützen. Diese Privatisierung birgt aber Probleme, da arme Menschen selten dafür bezahlen können. Wie kann sichergestellt werden, dass die von Privatunternehmen angebotenen Dienstleistungen für alle zugänglich sind?

Shikwati: Es braucht einen starken Regulierungsrahmen, der Transparenz und Rechenschaftspflicht gewährleistet. Nehmen wir noch einmal M-Pesa – die kenianische Zentralbank hat Maßnahmen eingeführt, um fairen Wettbewerb und Verbraucherschutz zu gewährleisten. Regierungen müssen immer Unternehmen regulieren, nicht umgekehrt.

Wenn: Ich stimme zu, aber der Privatsektor kann nur dann einen Beitrag zu öffentlichen Dienstleistungen leisten, wenn ein solides und unabhängiges regulatorisches Umfeld vorhanden ist. Das bedeutet, dass die Einmischung der Regierung begrenzt werden sollte, sobald die Regeln festgelegt sind. Die Regulierung muss Transparenz, Beschaffungswesen und gegenseitige Kontrolle umfassen, um Missbrauch zu verhindern.

Trotz aller Hindernisse stellt sich der Privatsektor weiterhin den Herausforderungen. Was motiviert aufstrebende und erfahrene Unternehmer*innen?

Abouleish: Der Schlüssel liegt darin, eine Vorstellung von der Zukunft zu haben. Wenn man weiß, wie die Dinge in 20 Jahren aussehen sollen, gibt diese Vision Sinn, Antrieb und Mut. Wir erschaffen die Welt um uns herum. Verantwortungsübernahme – für die eigene Zukunft, das eigene Schicksal und die eigene Wirkung – ist ein entscheidender Ausgangspunkt.

Rugendo: Um Barrieren zu überwinden, ist eine Kombination aus Marktentwicklung, Führung, Engagement, Innovation und Verbrauchereinbindung erforderlich. Ein nachhaltiges und sozial verantwortliches Geschäftsumfeld entsteht nicht von selbst – es muss gestaltet werden. Sowohl der Privatsektor als auch die Behörden können viel tun. Wir leben in einem globalen Dorf, und die Märkte sind miteinander verbunden.

Herr Wenn, was muss die internationale Gemeinschaft im Auge behalten?

Wenn: Der Privatsektor ist für die Entwicklung von entscheidender Bedeutung, da er sowohl Einkommen als auch Arbeitsplätze schaffen kann. Was wir brauchen, ist Dialog: Entwicklung kann nicht von Regierungen allein erreicht werden; Lösungen müssen in Zusammenarbeit mit dem Privatsektor geschaffen werden. Das Problem ist nicht der Geldmangel – es geht darum, ein Umfeld zu gestalten, in dem Geld sinnvolle Veränderungen vorantreibt.

James Shikwati ist Gründer und Direktor des Inter Region Economic Network (IREN Kenya). 
james@irenkenya.com  

Helmy Abouleish ist Unternehmer und CEO der ägyptischen Initiative SEKEM. 
PR@sekem.com   

Richard Rugendo ist Unternehmer und Gründer von Kevian Kenya Limited.

Bruno Wenn ist ehemaliger Vorsitzender der EDFI, der European Development Finance Institutions.
https://www.deginvest.de/