Südafrika
Afrikas größte Volkswirtschaft und die Folgen der Deindustrialisierung
Verarbeitendes Gewerbe und Schwerindustrie in Südafrika schrumpfen, die Wirtschaft verlagert sich zunehmend auf Rohstoffexporte, Dienstleistungen und Landwirtschaft. Ökonom*innen bezeichnen das Land als einen Fall von „vorzeitiger Deindustrialisierung“ und meinen damit den Verlust industrieller Kapazitäten, ehe überhaupt hohe Einkommen erreicht werden.
Im Vaal-Dreieck südlich von Johannesburg sind die Folgen sichtbar. Seit den 1920er-Jahren haben die Stahlwerke, Hütten und Kraftwerke dort für sichere Arbeitsplätze gesorgt und ganze Orte geprägt. Doch nun schließen die Fabriken.
Die Jobverluste sind erheblich, besonders im Metallsektor und in der Schwerindustrie. In den vergangenen 20 Jahren sind Hunderttausende Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe verloren gegangen, 61.000 allein im letzten Quartal 2025.
Kabelo Ramkgathadi von der Nationalen Metallarbeitergewerkschaft Südafrikas (NUMSA) ist seit fast 25 Jahren in der Metallbranche tätig und hat sich vom einfachen Arbeiter zum Bohrmaschinenführer hochgearbeitet. Heute vertritt er Gewerkschaftsmitglieder im gesamten Vaal-Dreieck.
„Als ich in die Branche einstieg“, sagt Ramkgathadi von seinem Schreibtisch im NUMSA-Büro in Vanderbijlpark aus, „hatte niemand Probleme, Arbeit zu finden. Wenn man bei einem Unternehmen kündigte oder entlassen wurde, bekam man gleich nebenan den nächsten Job.“
Ende 2025 schloss der globale Stahlriese ArcelorMittal sein Stahlwerk in Vereeniging – 3500 Arbeitsplätze fielen dadurch weg. Zudem kündigte das Unternehmen Entlassungen in seinem Stahlwerk in Vanderbijlpark an. Diese Jobverluste treffen eine Region mit einer Arbeitslosenquote von ohnehin 55,2 %.
Die soziale Mobilität nach dem Ende der Apartheid, auf die Ramkgathadi anspielt, ist ins Stocken geraten, wie der 37-jährige Bongani Mokoena (Name geändert) bestätigt. Er begann zunächst als Hilfsarbeiter bei einem Stahlhersteller. Später gelang es ihm, wie er es ausdrückt, „den Besen beiseitezulegen“ und als spezialisierter Maschinenbediener für 3,16 Dollar die Stunde zu arbeiten. Mit Überstunden verdiente er 480 bis 600 Dollar im Monat, doch nun ist er arbeitslos. Er hat Schwierigkeiten, eine neue Stelle zu finden, und sagt, dass auch seine Freunde in der Metallindustrie davon berichteten, keine Jobs mehr zu bekommen.
Für diejenigen, die gerade von der Schule kommen, stellt Mokoena fest: „Es sieht schlecht aus. Man kann sehr froh sein, eine Stelle im Einzelhandel zu ergattern.“
Hohe Strompreise und künstliche Wirtschaftsstrukturen
Der unmittelbare Grund für die Schließungen in der Schwerindustrie sind die gestiegenen Preise für Strom und Güterverkehr. Sie liegen auf einem unwirtschaftlichen Niveau, sodass es günstiger ist, stattdessen Waren zu importieren.
Laut der Energy Intensive Users Group of Southern Africa sind die Strompreise von 0,012 $/kWh im Jahr 2008 auf 0,10 $/kWh im Jahr 2024 gestiegen. Ein Grund für die Preisanstiege bei Schienenverkehr und Strom ist, dass die Regierung in den 2000er-Jahren nicht in die Infrastruktur investiert hat. Ein anderer ist die Korruption, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten weit verbreitet war. Stromausfälle und Störungen im Schienenverkehr sind Alltag.
Doch die tieferliegende Ursache der Deindustrialisierung besteht in zwei konfligierenden wirtschaftspolitischen Ansätzen. Als die Nationale Partei 1948 an die Macht kam und die Apartheid einführte, ging es in der Industriepolitik darum, die Afrikaaner*innen zu unterstützen und den christlichen Nationalismus zu verteidigen. Stahl, Bodenschätze, Strom und Eisenbahn waren in staatlicher Hand und mussten keine Gewinne erwirtschaften.
Etienne Rousseau, Gründungsgeschäftsführer des staatlichen Petrochemie-Konzerns Sasol, beschrieb das industrielle Ethos 1948 als „künstliche Wirtschaft und Schutz durch die Regierung“.
Nach dem Ende der Apartheid 1994 und besonders während der Präsidentschaft von Thabo Mbeki (1999-2008) konzentrierte sich die Regierungspolitik darauf, die Industrie zu privatisieren. Man hoffte, der Wettbewerb auf dem Weltmarkt würde das Wirtschaftswachstum ankurbeln.
Das staatliche Unternehmen South African Iron and Steel Industrial Corporation (ISCOR) wurde 2001 mit der Ausgliederung seiner Eisenerzsparte vollständig privatisiert. Einige Jahre später übernahm der indische Milliardär Lakshmi Mittal den Stahlbereich.
„ArcelorMittal will heute vor allem seinen Gewinn maximieren“, sagt Ramkgathadi. Das bedeute eine Abkehr vom Ziel von ISCOR, dem es nicht unbedingt um den größtmöglichen Gewinn gegangen war, sondern um Stabilität.
Die Metallarbeitergewerkschaft NUMSA vertritt die Position, die Stahlindustrie könne nur gerettet werden, indem sie renationalisiert wird.
ArcelorMittal South Africa lehnte ein Interview für diesen Artikel ab.
Schulden und Drogen
Vincent Ndemande lebt in Sebokeng, einem großen Township im Vaal-Dreieck. Er ist Koch, aber in keinem festen Arbeitsverhältnis. „Viele Menschen arbeiten derzeit nur in Kurzschichten“, sagt er. „Früher konnte man seine Familie ernähren und seine Schulden abzahlen. Heute nehmen die Leute Kredite auf und sind zum Monatsende noch tiefer verschuldet.“
In Sebokeng fließt das Abwasser über Straßen, die teils asphaltiert sind, teils nicht. Die Infrastruktur verfällt nicht nur in armen Townships. Auch die ehemals wohlhabenden Städte Vanderbijlpark und Vereeniging sind wegen des jahrzehntelangen Verfalls der kommunalen Verwaltung in einem desolaten Zustand.
Faatema Patel ist Apothekerin an einer Hauptstraße im zentralen Geschäftsviertel von Vereeniging. Dreck, Müll und Schlaglöcher prägen das Straßenbild. Nachdem das Stahlwerk geschlossen wurde und die Arbeiter*innen ihre Krankenversicherung verloren, nahm ihre Apotheke innerhalb eines Monats 20 % weniger ein, sagt sie.
Die entlassenen Arbeiter*innen werden laut Patel „ins öffentliche Gesundheitssystem strömen, das ohnehin schon zu kämpfen hat“. Jeden Tag kämen Patient*innen aus dem öffentlichen Gesundheitssystem in ihre Apotheke und fragten nach Medikamenten, die im öffentlichen Gesundheitswesen nicht verfügbar seien, so die Apothekerin.
Einige dieser Mittel sind antiretrovirale HIV-Medikamente, von denen der Privatsektor laut Patel eine Monatsration für etwa 22 Dollar bereitstellt. Zum Vergleich: Die Grundsozialhilfe der Regierung stellt bedürftigen Südafrikaner*innen als kurzfristige Hilfe 23 Dollar monatlich zur Verfügung. Etwa 9 Millionen Menschen sind auf diese Beihilfe angewiesen.
In Townships wie in wohlhabenden Vororten klagen die Bewohner*innen des Vaal-Dreiecks über Drogen, besonders über „Nyaope“: eine billige Mischung aus Heroin, Cannabis und Haushaltschemikalien wie Poolreiniger und Rattengift. Der Zerfall des sozialen Gefüges schreitet voran.
Selina Marilitsi arbeitete als Reinigungskraft in einer Manganhütte, die Legierungen für die Stahlindustrie lieferte. Die Hütte wurde 2020 geschlossen, seither ist sie arbeitslos. Ihr Leben ist zu einem einzigen Kampf geworden, doch ihre größte Sorge gilt den beiden Söhnen, die noch zur Schule gehen.
„Wir wollen keine Drogen“, sagt sie. „Drogen bringen unsere Kinder um.“ Marilitsi plädiert dafür, dass Kinder zur Schule gehen, ausgebildet werden und ihren Eltern helfen sollten. „Wir fordern, dass das geregelt wird“, sagt sie.
Faatema Patels Apotheke verkauft keine rezeptfreien CodeinMedikamente mehr, weil ständig männliche Jugendliche danach fragten, oft unter dem Vorwand, ihre jüngeren Brüder seien krank. Codein ist ein Opioid, das unter anderem süchtig machen und zu Vergiftungen führen kann.
Die Zivilgesellschaft reagiert
Die Gemeinden versuchen, den Zusammenbruch der öffentlichen Dienste auszugleichen. In Roshnee, einem Vorort am Rande des Vaal, der während der Apartheid für indischstämmige Südafrikaner*innen erschlossen wurde, haben die Anwohner*innen die Verantwortung für die grundlegende Infrastruktur und Sicherheit übernommen. Sie reparieren Schlaglöcher, organisieren Patrouillen und unterstützen die örtlichen Schulen. Den Anwohner*innen zufolge gibt es seither so gut wie keine Kriminalität mehr.
Auch im nahegelegenen Sebokeng kämpfen die Anwohner*innen gegen Kriminalität an. Jeanette Vis engagiert sich ehrenamtlich im Community Policing Forum, das Patrouillen organisiert, da die Polizei wenig präsent ist. Das Forum versucht zudem, Drogen und Waffen von den Schulen fernzuhalten.
Doch diese Bemühungen reichen nicht aus, um die Leistungen, die der Staat erbringen sollte, komplett zu ersetzen.
Von der Politik enttäuscht
Die Bewohner*innen der Vaal-Region teilen das Gefühl, beiseitegeschoben zu werden. Nach Ansicht nicht weniger Anwohner*innen hat das Vaal die Wirtschaft des Landes aufgebaut, doch im Gegenzug stürzte der regierende African National Congress die Region in Armut.
„Ich fühle mich betrogen. Ich weiß, was sie versprochen haben“, sagt Bongani Mokoena vor einem stillgelegten Bahnhof. „Und ich weiß, was sie weiterhin versprechen – und nichts davon wird umgesetzt. Das macht mir Angst, weil ich Kinder habe in diesem kaputten Land.“
Gewerkschafter Kabelo Ramkgathadi prognostiziert: „Irgendwann kommt es zu einem Aufstand, bei dem die Menschen sagen werden: ‚Weg mit der Regierung!‘ Ich weiß nicht, wie sie das machen werden. Aber man sieht es kommen, langsam, aber sicher.“
Dieser Artikel wurde von der Henry Nxumalo Foundation und dem Pulitzer Center gefördert.
Nathalie Bertrams ist Investigativjournalistin, Dokumentarfotografin und National Geographic Explorerin. Sie berichtet über Umweltkriminalität, Wildtierhandel und Konflikte um natürliche Ressourcen, ihr Schwerpunkt liegt auf Europa und Afrika.
nathaliebertrams.de
Instagram | @nathaliebertrams
Tristen Taylor ist ein südafrikanischer Investigativjournalist. Er ist Mitglied des International Press Institute und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Philosophie an der Universität Stellenbosch.
tristen@thanatos.co.za