Internationale Zusammenarbeit
Wer in Wasser investiert, investiert in Sicherheit
„Wenn Wasser zur Waffe wird“ – so lautete eine Schlagzeile, als der Iran Anfang März dieses Jahres gezielt Wasserentsalzungsanlagen im Persischen Golf angriff. Was öffentlich als Vergeltung für Angriffe der USA und Israels auf iranische Wasser- und Energieanlagen ausgerufen wurde, hatte ein klares geostrategisches Ziel: die Zivilbevölkerung und die Wirtschaft in Bahrain, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten von der elementaren Ressource Wasser abzuschneiden.
Der Nahe Osten gehört zu den trockensten Regionen der Welt. Entsalzungsanlagen sichern dort die Trinkwasserversorgung für Millionen Menschen: In Kuwait stammen 90 % des Trinkwassers aus Meerwasserentsalzung, in den Vereinigten Arabischen Emiraten mehr als 42 %. Ein Angriff auf diese Anlagen kann innerhalb kürzester Zeit eine humanitäre Krise auslösen. Ganze Städte müssten evakuiert werden. Und auch die wirtschaftlichen Folgen wären dramatisch: Ohne ausreichend Wasser drohen Landwirtschaft, Industrie und Energieproduktion zum Erliegen zu kommen.
Wasser: die strategische Ressource des 21. Jahrhunderts
Die schlimmsten Folgen konnten im März verhindert werden. Aber der Vorfall zeigt beispielhaft, wie verletzlich unsere Gesellschaften angesichts zunehmender Wasserknappheit geworden sind. Wasser entwickelt sich zur strategisch wichtigsten Ressource des 21. Jahrhunderts – vergleichbar mit der Bedeutung von Energie im vergangenen Jahrhundert. Wer den Zugang zu Wasser unterbricht, gefährdet nicht nur die Versorgung der Bevölkerung, sondern auch Stabilität und Frieden.
Dabei ist Wasser weit mehr als nur ein Rohstoff. Sauberes Trinkwasser und eine sichere Sanitärversorgung sind Voraussetzungen dafür, dass Gesundheitssysteme funktionieren, Kinder zur Schule gehen und Menschen ein Einkommen erwirtschaften können. Sie schützen vor Krankheiten, Armut und Hunger. Sie ermöglichen Landwirtschaft, Industrie und eine verlässliche Energieversorgung. Deshalb ist der Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung ein Menschenrecht.
Gleichzeitig wird Wasser weltweit knapper. Dadurch entwickelt sich die Verfügbarkeit von Wasser immer mehr auch zu einem Sicherheitsfaktor. Denn wo Wasser knapp wird oder sehr ungleich verteilt ist, drohen Verteilungskonflikte oder gar Ernährungs- und Versorgungskrisen. Wasserknappheit wird damit zu einem Risiko für gesellschaftliche Stabilität und für Frieden innerhalb und zwischen Staaten.
Der Klimawandel und die Übernutzung von Wasserressourcen verschärfen das Problem massiv: Sie stören den Wasserkreislauf, lassen Quellen versiegen und machen Extremwetterereignisse wie Dürren oder Überschwemmungen mit all ihren Folgen wahrscheinlicher und intensiver.
Dabei entstehen Wasserkrisen nicht nur in Kriegsgebieten. Noch immer haben weltweit mehr als 2 Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nur etwa die Hälfte der Frischwasserquellen weist eine gute Wasserqualität auf. Jedes Jahr sterben mehr als 1,4 Millionen Menschen, viele davon Kinder, an Krankheiten wie Durchfall, die mit mangelnder Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung zusammenhängen. Besonders Frauen und Mädchen tragen die Folgen. Sie verbringen oft täglich Stunden damit, Wasser zu holen. Für viele Mädchen bedeutet das: weniger Zeit in der Schule, weniger Bildung und somit schlechtere Zukunftsperspektiven.
Wassersicherheit als Schwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Der Zugang zu Wasser entscheidet damit über Chancen, Gesundheit, wirtschaftliche Entwicklung und Frieden. Genau deshalb macht die deutsche Entwicklungspolitik Wasser zu einem strategischen Schwerpunkt und baut ihr Engagement aus – gemeinsam mit Partnerländern, auf regionaler und auf multilateraler Ebene. Wassersicherheit für alle als Kerngedanke der Agenda 2030 mit ihrem Nachhaltigkeitsziel 6 „Sauberes Wasser und Sanitärversorgung“ steht dabei auch im Zentrum unseres Engagements.
Gemeinsam mit unseren Partnerländern arbeiten wir daran, die Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung zu verwirklichen. Kommunen und kommunale Unternehmen sind dabei zentrale Akteur*innen. Denn oft liegen die Planung, der Betrieb und die Instandhaltung der Wasserinfrastruktur in ihrer Hand. Wir unterstützen beispielsweise den Irak und Jordanien dabei, Wasserverluste durch Lecks im Trinkwassernetz zu mindern und Abwasser nutzbar zu machen. In Mali und Kenia fördern wir den Aufbau von Kleinbewässerungsnetzen für Kleinbäuer*innen. Und in Namibia unterstützen wir dabei, eine Kläranlage zu modernisieren und eine Wasseraufbereitungsanlage in der Hauptstadt Windhoek zu bauen, die es erlauben, Abwasser wieder zu Trinkwasser aufzubereiten und damit die Resilienz gegen Dürren zu stärken.
Gleichzeitig arbeiten wir mit lokalen und nationalen Behörden daran, die Wasser-Governance zu stärken. Das bedeutet, die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Wasserressourcen geschützt und sozial gerecht verteilt werden. Länder wie Jordanien und Tunesien unterstützen wir dabei, ihre nationale Wasserstrategie zu reformieren oder das Wasserrecht zu modernisieren. Ein besonderes Augenmerk unserer Vorhaben liegt auf benachteiligten Bevölkerungsgruppen und Regionen, die häufig noch unzureichenden Zugang zu Wasser- und Sanitärversorgung haben. Dabei ist es wichtig, die Wasserkosten so auszugestalten, dass sie für alle Bürger*innen erschwinglich sind. Sozial ausgewogene Tarife und gezielte Investitionen sind wichtige Instrumente dafür.
Jordanien zeigt beispielhaft, warum Wassersicherheit heute Sicherheitspolitik ist. Das Land gehört zu den wasserärmsten Staaten der Welt. In den Sommermonaten reicht das verfügbare Wasser häufig nicht aus. Gleichzeitig sinken die Grundwasserspiegel seit Jahren, während Klimawandel und Bevölkerungswachstum den Druck weiter erhöhen. Deutschland unterstützt Jordanien dabei, die Wasserinfrastruktur zu verbessern und ein zentrales System aufzubauen, mit dem Wasser- und Energiedaten erfasst werden. So können Wasserverluste reduziert, der Wasserverbrauch gesenkt und das Grundwasser geschützt werden. Wir beteiligen uns an der Finanzierung einer Meerwasserentsalzungsanlage und am Bau von emissionsarmen Kläranlagen. Damit wird Abwasser für die Landwirtschaft nutzbar und es bleibt mehr wertvolles Trinkwasser für die Bevölkerung erhalten. Im Norden des Landes wurden mit Förderung der deutschen Entwicklungspolitik Wasser- und Abwasserleitungen installiert, wodurch Hunderttausende lokale Einwohner*innen und Flüchtlinge Zugang zu Trinkwasser und Sanitärversorgung erhalten haben.
Wasser kennt keine Grenzen
Länder wie Jordanien sind für ihre Versorgungssicherheit auf Flüsse wie den Jordan angewiesen, der über Landesgrenzen hinwegfließt – so wie es ein großer Teil des weltweit verfügbaren Süßwassers tut. Das birgt Potenzial für Konflikte und macht eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit unerlässlich. Gleichzeitig liegen in der friedlichen Zusammenarbeit zu Wasser auch große Chancen.
Die deutsche Entwicklungspolitik unterstützt Anrainerstaaten bei dieser regionalen Zusammenarbeit. Ziel ist es, Konflikten vorzubeugen, eine gerechte Verteilung des Wassers zu fördern und Ökosysteme über Grenzen hinweg zu schützen. Dazu werden gemeinsame Managementpläne für Flussgebiete, Seen und Grundwasservorkommen entwickelt, Daten zu Wasserressourcen ausgetauscht und abgestimmte Frühwarn- und Krisenmechanismen aufgebaut. Wir stärken regionale Organisationen – etwa Flussgebietsorganisationen oder Regionalbanken – damit sie Stakeholder an einen Tisch bringen und gemeinsame Investitionen in Wasserinfrastruktur fördern. So entstehen verbindliche Regeln für die Nutzung und Entnahme von Wasser.
Das zeigt sich etwa im Tschadseebecken, dessen Gewässer sowohl Lebensader als auch Konfliktherd zwischen den Anrainerstaaten Kamerun, Niger, Nigeria und Tschad ist. Das BMZ arbeitet mit der Tschadseebeckenkommission (CBLT) zum Aufbau eines klimaresilienten, grenzüberschreitenden Wasserressourcenmanagements. Dabei geht es darum, die Kapazitäten der Kommission selbst zu stärken. Wir wollen gemeinsam regionale Informationssysteme zu Wasserressourcen ausbauen und Planungsinstrumente etablieren, die alle mit einbeziehen.
Globale Allianzen für Wassersicherheit
Auch auf multilateraler Ebene engagiert sich die deutsche Entwicklungspolitik für Dialog und einen Interessenausgleich aller Nutzer*innengruppen. Wir festigen gezielt Partnerschaften für Wassersicherheit und setzen uns für eine gestärkte Rolle von UN-Water ein, damit Wasserprogramme der verschiedenen UN-Organisationen besser koordiniert werden. Die UN-Wasserkonferenz im Dezember in Abu Dhabi ist ein wichtiger Meilenstein, um sich international auf ambitionierte Maßnahmen für globale Wassersicherheit zu verständigen. Genauso unterstützen wir eine aktive Rolle der multilateralen Entwicklungsbanken – etwa als Umsetzungspartner der Weltbank-Initiative „Water Forward“, die zusätzliche Mittel für klimaresiliente Wasser- und Sanitärversorgung mobilisiert. Und als Sitzstaat des Sekretariats für die UN-Konvention zur Bekämpfung von Wüstenbildung (UNCCD) nutzen wir unsere besondere Verantwortung, um das Thema Dürreresilienz global auf die Agenda zu setzen.
Eine Frage des Überlebens
Wasserkrisen sind kein Naturgesetz. Sie sind häufig Ergebnis politischer Entscheidungen, struktureller Ungleichheit und mangelnder Vorsorge. Deshalb braucht es politische Antworten auf die sich zuspitzende Wasserkrise: entschlossenes Handeln für die Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung, konsequenten Klimaschutz und eine enge internationale Zusammenarbeit.
Wie existenziell diese Zusammenarbeit ist, hat der jordanische Staatssekretär im Wasserministerium, Jihad Al-Mahamid, bei meinem Besuch in Amman im letzten Jahr eindrucksvoll auf den Punkt gebracht. Auf die Frage, was passieren würde, wenn Deutschland seine Unterstützung einstellte, sagte er: „Wir würden alle sterben. Es gäbe kein Wasser mehr in Jordanien – wir würden alle sterben.“
Mich hat dieser Satz seitdem nicht mehr losgelassen. Er macht deutlich, worum es bei Wassersicherheit letztlich geht: nicht um Rohre, Pumpen oder Leitungen, sondern um Menschenleben, wirtschaftliche Perspektiven und Frieden. Gerade in einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen wird deutlich: Wer heute in Wasser investiert, investiert nicht nur in Infrastruktur. Er investiert in Gesundheit, Resilienz gegen den Klimawandel, wirtschaftliche Entwicklung – und damit in Sicherheit und Frieden.
Quellen
UN, 2026: The Sustainable Development Goals Report.
Reem Alabali Radovan ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
bmz.de/de