Junge Menschen
„Unsere Generation wird auf eine andere Art führen“
Selma Bichbich im Interview mit Eva-Maria Verfürth
Sie haben im Laufe der Jahre an mehreren UN-Klimakonferenzen (COPs) teilgenommen. Werden Sie auch dieses Jahr wieder dabei sein, trotz der enttäuschenden Ergebnisse der letzten Gipfeltreffen?
Ja, das werde ich, und ich bin weiterhin davon überzeugt, dass es sich lohnt. Die COP ist ein wichtiger Ort, an dem junge Menschen die Politik mitgestalten, sich kritisch mit politischen Maßnahmen befassen, Alternativen vorschlagen und direkt mit politischen Führungskräften und Entscheidungsträger*innen sprechen können. So können wir Themen, die bisher nicht im Vordergrund standen, zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Als Klimaaktivistin und Vertreterin eines globalen, von Jugendlichen geführten Netzwerks bin ich meist als Beobachterin akkreditiert. Aber einmal wurde ich im Rahmen einer offiziellen Delegation mit Verhandlungsstatus zugelassen. So hatte ich mehr Zugang zu offiziellen Verhandlungsräumen, Briefings der Vertragsparteien und Koordinierungssitzungen – und konnte die Positionen verschiedener Länder besser verstehen und die Perspektiven junger Menschen einbringen. Auf der COP bauen junge Menschen Netzwerke auf und entwickeln gemeinsam Lösungen für ihre Gemeinschaften. Aus diesen Austauschprozessen sind schon viele Initiativen und Partnerschaften hervorgegangen. Dieses Jahr findet die COP in der Türkei statt, also in meiner Weltregion, und das ist sehr aufregend für uns.
Viele Aktivist*innen scheinen derzeit von den UN enttäuscht zu sein. Teilen Sie diese Frustration?
Ja, aber ich habe noch Hoffnung für die UN. Allerdings denke ich, dass die Organisation ihre Prioritäten auf das lenken muss, was wirklich auf dem Spiel steht, und dass sie präventiver agieren muss. Zum Beispiel wird Wasser immer noch nicht wichtig genug genommen, und das, obwohl wir in den kommenden Jahren auf eine Katastrophe zusteuern. In einigen Ländern gibt es bereits Konflikte um Wasser. In meiner Region treten genau deshalb alte Landesgrenzen aus der Kolonialzeit wieder zutage – weil Wasser und Sicherheit zu Streitpunkten geworden sind. Die UN muss zudem ihren Blick verlagern: von einer westlichen Perspektive auf eine des Globalen Südens. Wir können nicht weiter davon ausgehen, dass das, was im Globalen Norden funktioniert, auch im Globalen Süden fruchtet. Nicht jedes Land hat die gleichen Kapazitäten, Ressourcen und Möglichkeiten, um Lösungen zu finanzieren, und auch nicht die gleichen Ansichten innerhalb seiner Gemeinschaften. Im aktuellen System ist der Globale Süden immer der schwächere Part, der mit mehr Problemen und Konflikten zu kämpfen hat.
Dennoch beschreiben Sie die COP als einen Ort, wo junge Menschen sich äußern können. Wie machen die UN das möglich?
Die UN verfügen über Mechanismen, um uns in Entscheidungen einzubeziehen. So werden etwa Stellungnahmen von lokalen Jugendkonferenzen weltweit gesammelt und zu einem „Global Youth Statement“ (GYS) zusammengefasst. Diese jugendpolitische Erklärung enthält Empfehlungen zu allen wichtigen Bereichen: Wasser, Energie, Technologien, Klimaanpassung, Verlusten und Schäden, Bildung und Stärkung des Klimaschutzes. Das GYS wird der Spitze der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) sowie hochrangigen UN-Vertreter*innen vorgelegt. Diese prüfen es, und manchmal fließen die Ergebnisse sogar in UNFCCC-Verhandlungen ein und erreichen dort nationale Vermittler*innen und Entscheidungsträger*innen.
Welche Möglichkeiten zur Teilhabe haben junge Menschen in Ihrem Land, und welche Unterstützung kommt vom UN-System?
Junge Menschen in Algerien bringen ihre Ideen und Perspektiven zunehmend in nationale Diskussionen ein, unter anderem über den Jugendrat der Regierung. Allerdings könnten sie noch deutlich stärker an Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Die Beiträge junger Menschen könnten wirkungsvoller sein, wenn sie früher in den Prozess einbezogen würden – von der Festlegung von Prioritäten bis hin zur Ausarbeitung und Umsetzung von Entscheidungen.
Im vergangenen Jahr habe ich die Lokale Jugendkonferenz in Algerien organisiert. Es war herausfordernd, die Konferenz zu organisieren, während Wahlen zum Oberhaus des algerischen Parlaments stattfanden. Dank der finanziellen und institutionellen Unterstützung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) konnten wir jedoch relevante Akteur*innen einbinden und einen wichtigen Raum für junge Menschen schaffen, um uns an Klimadiskussionen zu beteiligen. Diese Erfahrung hat deutlich gemacht, wie wertvoll Partnerschaften zwischen jugendgeführten Netzwerken, öffentlichen Institutionen und internationalen Organisationen sind.
Mit der Gründung des von Jugendlichen geleiteten Umweltnetzwerks „Together for Blue and Green“ in Algerien wollten Sie junge Menschen dazu ermutigen, sich für die UN-Agenda 2030 einzusetzen. Fühlen sich die Ziele der Agenda noch richtig an?
Die Ziele sind gut, aber sie werden nicht ausreichend umgesetzt. Deshalb wollen wir junge Menschen darauf vorbereiten, politische Führungsrollen zu übernehmen. Jugendaktivismus sollte sich nicht auf Baumpflanz- und Aufräumaktionen beschränken. Es geht darum, an Politikgestaltung und Politikreformen mitzuwirken, Lösungen vorzuschlagen und zu handeln.
Die Agenda 2030 steht zunehmend unter Druck. Hat die Trump-Regierung Ihre Sicht auf die internationale Ordnung verändert?
Ich persönlich habe sehr von den USA profitiert. Ich habe an der American University of Beirut studiert, und mein Stipendium wurde vollständig von den USA finanziert. Aber ich bin sehr unglücklich damit, dass die aktuelle Regierung entschieden hat, aus Verträgen wie dem Pariser Abkommen auszusteigen, und auch mit ihren Interventionen im Nahen Osten – das ist nichts, was ich mir von einem Land wie den USA wünsche. Es sind die mächtigen Länder, die die Welt regieren; was wir brauchen, sind die richtigen Führungspersonen am richtigen Ort – nicht Leute, die um drei Uhr morgens das twittern, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Es besorgt mich, dass das Völkerrecht zunehmend untergraben wird. Niemand achtet es mehr, und es fühlt sich immer mehr so an, als wäre es bloß ein Stück Papier. Und am Ende sind es immer Regionen wie meine, die den Preis dafür zahlen.
Was muss sich ändern, damit das Völkerrecht wieder stärker wird?
Das Völkerrecht kann nur wieder glaubwürdig werden, wenn es alle Menschen gleichermaßen schützt, unabhängig von politischen Bündnissen oder Machtverhältnissen. Unsere Generation erlebt, wie ganze Gemeinschaften vertrieben und Städte zerstört werden, und wie Zivilist*innen leiden – von Gaza über den Südlibanon bis zum Iran. Wir können nicht weiter jeden Morgen mit solchen Nachrichten aufwachen und einfach zur Tagesordnung übergehen. Grundrechte und der Schutz der Zivilbevölkerung dürfen niemals von geopolitischen Interessen abhängen. Wir brauchen stärkere internationale Institutionen, echte Rechenschaftspflicht für alle Staaten und eine Diplomatie, die Gewalt verhindert, ehe noch mehr Menschenleben verloren gehen. Die internationale Gemeinschaft muss es zur Priorität machen, die anhaltende Zerstörung im gesamten Nahen Osten zu beenden. Sie darf nicht erst dann reagieren, wenn der Schaden bereits da ist, um sich auf den Wiederaufbau zu konzentrieren. Unsere Generation muss Doppelmoral hinterfragen und ein globales System mitaufbauen, in dem Gerechtigkeit, Würde und Menschlichkeit im Mittelpunkt stehen – und nicht selektives Schweigen.
Wie könnte das aussehen?
Unsere Generation kann anders führen, aber zuerst muss man uns Vertrauen schenken und uns zuhören. Es werden zu viele Entscheidungen über unsere Zukunft getroffen, ohne dass wir sinnvoll beteiligt werden. Wenn wir Entscheidungen kaum beeinflussen dürfen und nicht verstehen dürfen, wie Institutionen funktionieren, wie sollen wir sie dann eines Tages leiten? Junge Menschen entwickeln aber auch neue Formen der Teilhabe. In Nepal zum Beispiel nutzten sie Discord, eine Online-Kommunikationsplattform, um über Politik zu diskutieren und sich an der Wahl einer Interimspremierministerin zu beteiligen. Ich hoffe, dass die Politik der Zukunft solche Innovationen aufgreift, dass sie uns jungen Menschen zugesteht, Entscheidungen, die unser Leben betreffen, mitzugestalten, und es uns ermöglicht, künftig anders zu führen.
Selma Bichbich ist eine Klimaaktivistin und Menschenrechtsaktivistin aus Algerien und Gründerin des von Jugendlichen geführten Netzwerks „Together for Blue and Green“. Sie ist zudem Delegierte bei der UN-Klimakonferenz (COP).
LinkedIn | Selma Bichbich
selmaworks9@gmail.com
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.