CO₂-Kompensation
Für VWs CO₂-Zertifikate müssen die Rinder der Massai schneller laufen
Bisher war der deutsche Automobilhersteller Volkswagen in Tansania vor allem wegen seiner bei Staatsbediensteten beliebten Automodelle bekannt. Nun steht er aus einem anderen Grund im Rampenlicht: Er finanziert ein groß angelegtes CO₂-Kompensationsprojekt. Dabei spielen die Massai und ihre Herden eine wichtige Rolle. Doch die Indigene Bevölkerung lehnt das Projekt weitgehend ab, denn es steht im Widerspruch zu traditionellen Praktiken, die für ihren Lebensunterhalt von großer Bedeutung sind.
Das „Longido Monduli Rangelands Carbon Project“ wird von der zivilgesellschaftlichen Organisation „Soils for the Future Tanzania“ gemeinsam mit dem „Biodiversity Research Institute“ entwickelt und von Volkswagens Joint Venture für Umweltberatung, „Volkswagen ClimatePartner“, unterstützt. Das Projekt möchte durch Beschleunigung der Weiderotation der Massai-Herden ein ausgedehntes Grasland-Ökosystem in zwei Bezirken in Nordtansania fördern.
Dafür müssen die nomadischen Hirtinnen und Hirten ihr Vieh häufiger auf neue Grasflächen treiben. Statt drei Monate auf derselben Weide zu grasen, sollen die Rinder nun alle zwei Wochen auf eine neue Weide getrieben werden.
„Plan für schnelle Weidewechsel“
Der „Plan für schnelle Weidewechsel“ zielt darauf ab, die Speicherung von Kohlenstoff in den Gräsern zu maximieren. Die Massai sind es gewohnt, sich mit ihren Herden entsprechend der saisonalen Schwankungen frei über die weitläufigen Weideflächen zu bewegen. Im Rahmen des CO₂-Kompensationsprojekts müssten sie nun einen starren 14-tägigen Weidewechselzyklus einhalten. Die Projektkonzeption sieht vor, ihre Rinder nach einem festen Zeitplan zu gruppieren und umzutreiben, wobei das Weideland in zeitlich definierte Blöcke unterteilt wird, damit der Kohlenstoffgehalt im Boden gemessen und überwacht werden kann.
Dem Projekt liegt unter anderem die Annahme zugrunde, dass schnelle Rotationsweidesysteme es den Massai ermöglichen, die natürlichen Wanderungsmuster ihres Viehs nachzuahmen, wodurch Überweidung reduziert und die Bodengesundheit verbessert werden soll. Zugleich wird erwartet, dass die Gemeinden durch die Einführung nachhaltiger Weidepraktiken die Biodiversität fördern und Einkommen generieren, da der gebundene Kohlenstoff verkauft werden kann, um Maßnahmen zum Naturschutz zu finanzieren. Die Idee ist, ein nachhaltiges Finanzierungsmodell zu schaffen, das die Renaturierung von Flächen unterstützt und hilft, lokale Lebensgrundlagen zu sichern.
Eine zweite Annahme ist, dass Überweidung mehrjährige Gräser zerstört, den Schutz der obersten Bodenschicht schädigt und die Versorgungssicherheit für Viehherden mindert. Degradierte Böden verlieren Kohlenstoff und werden anfälliger für Klimarisiken und Naturkatastrophen. Umgekehrt nimmt durch den Wechsel zwischen Beweidung und Brache die organische Substanz im Boden zu, was die Folgen des Klimawandels mildert und die Widerstandsfähigkeit lokaler Ökosysteme fördert.
Jahrhundertealtes Wissen
Kritische Stimmen halten das Konzept der CO₂-Kompensation des Projekts jedoch für in vielerlei Hinsicht mangelhaft. Dem Eindruck nach liegt der Fokus eher auf dem CO₂-Fußabdruck eines europäischen Unternehmens als auf dem Überleben der nomadischen Hirt*innen.
Normalerweise bestimmen die Verfügbarkeit von Wasser, der Verlauf der Trockenzeit und die Migration ihres Viehs die Weidewege der Massai. Die Weidemuster und die Mobilität der Massai bilden nicht nur eine zentrale Säule ihrer traditionellen Kultur, sondern tragen auch nachhaltig und positiv zum Erhalt und zur Widerstandsfähigkeit trockener Weidegebiete bei.
Die Massai kennen die Täler, in denen sich während der Trockenzeit Wasser sammelt, ebenso wie die Korridore, denen sie bei Regen folgen müssen, und sie wissen, in welchen Monaten sie weiterziehen oder an einem Ort verbleiben sollten. Dieses Wissen geben sie von Generation zu Generation weiter. Und genau diese Gewohnheiten sind es, die die Weidegebiete des ostafrikanischen Grabenbruchs ökologisch wertvoll machen.
Die neuen Projektvorgaben machen solche traditionellen Weidepraktiken unmöglich, da die Massai nun die Vorgaben zur Bindung von Kohlenstoff erfüllen müssen. Es gibt ernsthafte Bedenken: Die Indigene Bevölkerung könnte die Kontrolle über ihre traditionellen Weidegebiete verlieren und damit auch die Möglichkeit, ihre jahrhundertealten Praktiken fortzuführen. Sie befürchten insbesondere auch, den Zugang zu ihrem Heiligen Land für Rituale sowie zu den für sie unverzichtbaren Heilpflanzen zu verlieren.
Rechtswidrige Vorgehensweisen?
„Unser Leben ist untrennbar mit der Natur verbunden. Weil wir über tief verwurzeltes Wissen verfügen, verstehen wir besser als jeder andere, wie wir alles um uns herum für künftige Generationen schützen können“, sagt Daudi Lembile, ein Massai aus dem Dorf Ngasavela nahe der kenianischen Grenze. Die Praxis der Weidehaltung nach dem Blockrotationssystem berücksichtige nicht die saisonalen Schwankungen, die maßgeblich dafür sind, dass die Herden Zugang zu salzreichen Tälern und nährstoffreichen Pflanzen haben, an die sie nur zu bestimmten Zeiten im Jahr kommen. Oleng’yo Loketo, ein weiterer Massai aus demselben Dorf, geht noch einen Schritt weiter: „Wenn ihr uns von unseren heiligen Orten und Ritualstätten vertreibt, ist es so, als würdet ihr uns töten.“
Das CO₂-Kompensationsprogramm umfasst beinahe 970.000 Hektar Weideland, das über Verträge mit einer Laufzeit von bis zu 40 Jahren gebunden werden soll. Der Massai-Anwalt Edward Porokwa glaubt, dass das Blockrotationssystem vor allem darauf abzielt, sie aus Gebieten zu vertreiben, in denen sie seit Jahrhunderten leben. Auch Joseph Oleshangay, ebenfalls Massai-Anwalt und Menschenrechtsaktivist, hat wiederholt in verschiedenen Foren argumentiert, dass Projekte, die ohne Zustimmung der Betroffenen in deren Landnutzung eingreifen, rechtswidrig sind.
Eine Untersuchung der Nichtregierungsorganisation „Maasai International Solidarity Alliance“ (MISA) von 2025 hat Mängel im Projektmanagement aufgedeckt. Dazu gehören fragwürdige Vorauszahlungen an Dörfer sowie allgemein mangelnde Transparenz, etwa bei Vertragsabschlüssen. Den Erkenntnissen der NGO zufolge erhielten manche Gemeinden Verträge in einer für sie fremden Sprache, ohne rechtlich beraten worden zu sein und ohne sich sinnvoll am Prozess beteiligen zu können. Sie beanstandet, dass das Projekt überstürzt durchgesetzt worden sei, um sich Zustimmungen per Unterschrift zu sichern, ohne dass die lokale Bevölkerung – der grundlegende Kenntnisse über Kohlenstoffmärkte, Vertragsbedingungen und deren Folgen fehlen – informiert zugestimmt habe.
Laut MISA wird allen Dörfern ein sogenanntes „Engagement“- oder „Mitgiftgeld“ von zwei Dollar pro Hektar angeboten. Greenpeace verweist darauf, dass Emissionszertifikate für dieselben Flächen auf den globalen Märkten bis zum Zehnfachen dieses Betrags einbringen können. Die Organisation betont zudem, dass die tansanischen Vorschriften zum Emissionshandel von 2022 für Wälder konzipiert wurden und nicht für Weideland. Somit bewegen sich Projekte, die auf Kohlenstoffbindung im Boden abzielen, in einer Grauzone.
Kultureller Verfall
„Soils for the Future Tanzania“ weist jedoch alle Vorwürfe zurück. Die Organisation sagt, die Beratungssitzungen würden in den Dörfern auf Swahili und in der Massai-Sprache Maa abgehalten, und kein Vertrag werde unterzeichnet, ehe die Gemeinden den Bedingungen zugestimmt hätten.
Bezüglich der traditionellen Weidewege erklärt „Soils for Future Tanzania“, dass die Rotationsblöcke auf traditionellen Migrationsmustern basieren und mit der Weidesaison im Einklang stehen. Zudem müssten die Gemeinden im Rahmen des Projekts ihre Landrechte behalten und das Land weiterhin mit ihrem Vieh bewirtschaften. Außerdem sind der zivilgesellschaftlichen Organisation zufolge die meisten lokalen Projektmitarbeitenden selbst Massai aus den umliegenden Dörfern.
Lawrence Kilimwiko ist ein Journalist in Daressalam, Tansania.
reyegidebulambo15@gmail.com
Normalerweise bestimmen die Verfügbarkeit von Wasser, der Verlauf der Trockenzeit und die Migration ihres Viehs die Weidewege der Massai. Die Weidemuster und die Mobilität der Massai bilden nicht nur eine zentrale Säule ihrer traditionellen Kultur, sondern tragen auch nachhaltig und positiv zum Erhalt und zur Widerstandsfähigkeit trockener Weidegebiete bei.
Die Massai kennen die Täler, in denen sich während der Trockenzeit Wasser sammelt, ebenso wie die Korridore, denen sie bei Regen folgen müssen, und sie wissen, in welchen Monaten sie weiterziehen oder an einem Ort verbleiben sollten. Dieses Wissen geben sie von Generation zu Generation weiter. Und genau diese Gewohnheiten sind es, die die Weidegebiete des ostafrikanischen Grabenbruchs ökologisch wertvoll machen.
Die neuen Projektvorgaben machen solche traditionellen Weidepraktiken unmöglich, da die Massai nun die Vorgaben zur Bindung von Kohlenstoff erfüllen müssen. Es gibt ernsthafte Bedenken: Die Indigene Bevölkerung könnte die Kontrolle über ihre traditionellen Weidegebiete verlieren und damit auch die Möglichkeit, ihre jahrhundertealten Praktiken fortzuführen. Sie befürchten insbesondere auch, den Zugang zu ihrem Heiligen Land für Rituale sowie zu den für sie unverzichtbaren Heilpflanzen zu verlieren.
Rechtswidrige Vorgehensweisen?
„Unser Leben ist untrennbar mit der Natur verbunden. Weil wir über tief verwurzeltes Wissen verfügen, verstehen wir besser als jeder andere, wie wir alles um uns herum für künftige Generationen schützen können“, sagt Daudi Lembile, ein Massai aus dem Dorf Ngasavela nahe der kenianischen Grenze. Die Praxis der Weidehaltung nach dem Blockrotationssystem berücksichtige nicht die saisonalen Schwankungen, die maßgeblich dafür sind, dass die Herden Zugang zu salzreichen Tälern und nährstoffreichen Pflanzen haben, an die sie nur zu bestimmten Zeiten im Jahr kommen. Oleng’yo Loketo, ein weiterer Massai aus demselben Dorf, geht noch einen Schritt weiter: „Wenn ihr uns von unseren heiligen Orten und Ritualstätten vertreibt, ist es so, als würdet ihr uns töten.“
Das CO₂-Kompensationsprogramm umfasst beinahe 970.000 Hektar Weideland, das über Verträge mit einer Laufzeit von bis zu 40 Jahren gebunden werden soll. Der Massai-Anwalt Edward Porokwa glaubt, dass das Blockrotationssystem vor allem darauf abzielt, sie aus Gebieten zu vertreiben, in denen sie seit Jahrhunderten leben. Auch Joseph Oleshangay, ebenfalls Massai-Anwalt und Menschenrechtsaktivist, hat wiederholt in verschiedenen Foren argumentiert, dass Projekte, die ohne Zustimmung der Betroffenen in deren Landnutzung eingreifen, rechtswidrig sind.
Eine Untersuchung der Nichtregierungsorganisation „Maasai International Solidarity Alliance“ (MISA) von 2025 hat Mängel im Projektmanagement aufgedeckt. Dazu gehören fragwürdige Vorauszahlungen an Dörfer sowie allgemein mangelnde Transparenz, etwa bei Vertragsabschlüssen. Den Erkenntnissen der NGO zufolge erhielten manche Gemeinden Verträge in einer für sie fremden Sprache, ohne rechtlich beraten worden zu sein und ohne sich sinnvoll am Prozess beteiligen zu können. Sie beanstandet, dass das Projekt überstürzt durchgesetzt worden sei, um sich Zustimmungen per Unterschrift zu sichern, ohne dass die lokale Bevölkerung – der grundlegende Kenntnisse über Kohlenstoffmärkte, Vertragsbedingungen und deren Folgen fehlen – informiert zugestimmt habe.
Laut MISA wird allen Dörfern ein sogenanntes „Engagement“- oder „Mitgiftgeld“ von zwei Dollar pro Hektar angeboten. Greenpeace verweist darauf, dass Emissionszertifikate für dieselben Flächen auf den globalen Märkten bis zum Zehnfachen dieses Betrags einbringen können. Die Organisation betont zudem, dass die tansanischen Vorschriften zum Emissionshandel von 2022 für Wälder konzipiert wurden und nicht für Weideland. Somit bewegen sich Projekte, die auf Kohlenstoffbindung im Boden abzielen, in einer Grauzone.
Kultureller Verfall
„Soils for the Future Tanzania“ weist jedoch alle Vorwürfe zurück. Die Organisation sagt, die Beratungssitzungen würden in den Dörfern auf Swahili und in der Massai-Sprache Maa abgehalten, und kein Vertrag werde unterzeichnet, ehe die Gemeinden den Bedingungen zugestimmt hätten.
Bezüglich der traditionellen Weidewege erklärt „Soils for Future Tanzania“, dass die Rotationsblöcke auf traditionellen Migrationsmustern basieren und mit der Weidesaison im Einklang stehen. Zudem müssten die Gemeinden im Rahmen des Projekts ihre Landrechte behalten und das Land weiterhin mit ihrem Vieh bewirtschaften. Außerdem sind der zivilgesellschaftlichen Organisation zufolge die meisten lokalen Projektmitarbeitenden selbst Massai aus den umliegenden Dörfern.
Lawrence Kilimwiko ist ein Journalist in Daressalam, Tansania.
reyegidebulambo15@gmail.com
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.