Internationaler Fußball
„Der erste Gedanke ist: Da brauchen wir jetzt einen Mann“
Carolin Braun im Interview mit Eva-Maria Verfürth
Deutschland diskutiert seit einigen Wochen über die erste Cheftrainerin in der Männer-Bundesliga. In Kenia trainiert seit zwei Jahren zum ersten Mal eine Frau in der Kenyan Premier League. Das ist eine Sensation, denn Trainerinnen sind im Männerfußball immer noch eine völlige Ausnahme. Sie selbst waren die weltweit erste Assistenztrainerin in einer Männer-Nationalmannschaft. Wie sind Sie nach Botsuana gekommen?
Ich habe an der Technischen Universität München gearbeitet, als ein spannendes Projekt in Botsuana ausgeschrieben wurde. Ich habe mich beworben, aber eigentlich nicht gedacht, dass ich den Job bekommen würde, denn es war ein Männerfußballprojekt. Am Ende sollte der botsuanische Fußballverband, die Botswana Football Association (BFA), aus drei Kandidat*innen auswählen. Die anderen beiden waren Männer und hatten gute Qualifikationen, also dachte ich, damit bin ich raus. Aber die BFA hat sich tatsächlich für mich entschieden. Und ich dachte: Wenn sie so offen sind, dann interessiert mich das erst recht. Also bin ich von 2019 bis 2022 nach Botsuana entsandt worden – für ein Projekt vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und dem Auswärtigen Amt (AA).
Da ging es aber erst mal noch nicht um die Nationalmannschaft?
Nein, das war auch nicht geplant. Ich sollte Fußballentwicklung unterstützen, Talente sichten und fördern, Trainer*innen aus- und fortbilden und habe auch den Frauenfußball unterstützt. Mit meinen Erfahrungen und weil ich eine UEFA-A-Lizenz habe, mit der man im Profifußball arbeiten kann, konnte ich Ausbilderin für die CAF werden – dem afrikanischen Fußballdachverband, der Confédération Africaine de Football. Ich habe einen Schwerpunkt auf Ausbildungen für Trainer*innen gelegt, die sonst keine Möglichkeiten haben, Kurse zu besuchen. Dafür war ich viel unterwegs in den Regionen, bin auch schon mal elf Stunden mit dem Auto hingefahren. Genau in dem Zeitraum kam es dann zu einem Trainerwechsel bei der Männernationalmannschaft. Der neue Cheftrainer, Adel Amrouche, hat mich mehrfach angefragt, in seinem Trainerteam dabei zu sein, aber ich habe immer abgelehnt. Ich hatte ja schon eine Aufgabe, die mir auch sehr wichtig war. Die Nationalmannschaft war gar nicht mein Ziel – und wenn ich jetzt darüber nachdenke, habe ich auch nie wirklich Ja gesagt.
Wie ist es dann doch dazu gekommen?
Ich war mit der Frauennationalmannschaft im Ausland unterwegs, und als ich zurückfliegen wollte, hat mir der Teammanager gesagt: „Dein Ticket wurde umgebucht. Du fliegst jetzt direkt zur Männernationalmannschaft weiter, die gerade ein Camp in Ägypten hat.“ Er hat einfach nicht locker gelassen, weil er es für eine gute Idee hielt. Ich musste lachen – und war dann natürlich auch gerne dabei. Ich habe dann an vielen Tagen beides gemacht, habe erst acht Stunden Trainerausbildung gegeben und war danach bei der Nationalmannschaft.
Wie wurde das aufgenommen von den Spielern und von den Fans?
Die Spieler haben vielleicht kurz komisch geguckt, aber der Coach hat von Anfang an klargemacht: Caro ist die Assistentin, und er will keine Widerrede. Dann waren wir direkt auf dem Platz, und alles andere war vergessen. Es macht einfach Spaß, wenn man bei der Sache ist. Wir haben uns zusammen auf die Qualifikation für die Afrikameisterschaft und die WM-Qualifikation vorbereitet. Bei den Fans war es gemischt – manche haben es gefeiert, andere fanden es seltsam. Die mediale Aufmerksamkeit war jedenfalls enorm.
Was war der größte Fußball-Erfolg für Sie in Botsuana?
Wir haben uns mit der Frauennationalmannschaft zum ersten Mal für die Afrikameisterschaften qualifiziert. Ich habe das Trainerinnenteam als Technical Advisor begleitet, saß auf der Bank und war bei jedem Training dabei.
Stand hier auch zur Debatte, dass Sie als Trainerin einsteigen?
Das hätte ich auf keinen Fall gewollt, denn bei den Frauen gab es ja ein bestehendes Trainerinnenteam. Es hätte dann eine Trainerin aus Botsuana gehen müssen.
Wäre eine Assistenztrainerin bei der Nationalmannschaft in Botsuana damals auch vorstellbar gewesen, wenn Sie nicht von außen gekommen wären?
Bei den Männern? Nein, auf keinen Fall. Aber das gilt ja nicht nur für Botsuana. Auch in Deutschland oder anderen europäischen Ländern sind wir bei der Nationalmannschaft noch weit davon entfernt, dass eine Frau Trainerin wird – und eigentlich überall auf der Welt. Es hat zufällig gepasst: der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort und ein Trainer, der Unterstützung wollte.
Sie waren zuvor schon als Ausbilderin in Gambia und Namibia. Es stößt sicher dem einen oder anderen auf, wenn Sie von außen kommen und mitmischen. Ausgerechnet als Europäerin – das hat ja auch eine koloniale Geschichte. Wie sind Sie damit umgegangen?
Man braucht sehr viel Empathie und ein Gefühl dafür, wie man sich verhalten kann. Ich habe immer betont, dass ich für Zusammenarbeit da bin und keine Richtung vorgeben will. In den Gremien habe ich anfangs oft gesagt: „Ich weiß, ich bin zu jung, ich bin eine Frau und ich bin Ausländerin.“ Wenn ich das etwas scherzhaft eingeführt habe, dann haben alle gelächelt und wir kamen ins Gespräch.
Ihre letzte Stelle als Assistenztrainerin in einer Männernationalmannschaft mit Adel Amrouche war in Tansania...
Da haben wir uns zum dritten Mal in der Geschichte des Landes für den Afrika-Cup qualifiziert. Das war ein Riesenerfolg. Anfang 2024 durften wir dann in der Elfenbeinküste unter anderem gegen Marokko mit Spielern wie Bono – Yassine Bounou – und Achraf Hakimi spielen.
Dennoch sind Sie den Weg nicht weitergegangen, sondern sind zur FIFA gewechselt. Was machen Sie dort?
Ich leite den Stream Expertise des „Talent Development Scheme“; also Talentförderung auf globaler Ebene. Ich habe ein großes Expertenteam, das weltweit mit den Verbänden zusammenarbeitet. Wir kümmern uns um die Eliteförderung, sowohl in den großen Fußballnationen als auch in den bisher weniger erfolgreichen Ländern. Die letzten Weltmeisterschaften waren dominiert von Europa und einzelnen Spitzenländern wie Brasilien und Argentinien. Unser Ziel ist, dass bei Weltmeisterschaften, auch bei U17 und U20, wirklich eine Vielfalt an Ländern aus allen Regionen in den Halbfinalen und Finalen steht.
Die FIFA hat einen schlechten Ruf: Jede Männer-Weltmeisterschaft wird von Boykottaufrufen begleitet. Wie ist es für Sie, bei der FIFA zu arbeiten?
Bei diesen Debatten geht oft unter, was unter anderem im sportlichen Bereich der FIFA passiert. Bei unserem Talentförderungsprogramm machen 200 der 211 Verbände weltweit mit. Jeder Verband hat eine Ansprechperson, die mit ihm eine Langzeitstrategie entwickelt, beim Scouting unterstützt, einen Fokus auf ausreichenden und anspruchsvollen Spielbetrieb sowie auf beste Trainingsmöglichkeiten legt. Gewisse Projekte werden dann auch mit ein wenig Funding unterstützt.
Wir haben außerdem sogenannte Knowledge Exchanges, bei denen wir eine gewisse Anzahl an Verbänden aus einer Region zusammenbringen, damit sie voneinander lernen können. In Mexiko waren zuletzt unter anderem die USA, Honduras, Guatemala, Kanada, Curaçao und Spanien dabei. Für die kleineren Verbände ist es interessant zu sehen, dass andere ähnliche Probleme haben, nur auf einem anderen Niveau. Die FIFA bringt wiederum große Expertise mit. In meinem Expertenteam ist zum Beispiel April Heinrichs, die als US-Kapitänin die erste Frauen-Weltmeisterschaft gewann und später die olympische Goldmedaille als Trainerin.
April Heinrichs ist eine der bekannteren Fußballspielerinnen, aber die Männer sind immer noch viel präsenter. Warum sind Frauen und Frauenförderung im Fußball wichtig?
Ich finde es persönlich schade, dass wir im Jahr 2026 immer noch darüber reden müssen. Fußball ist für alle, und damit ist das Thema eigentlich erledigt. Aber wir sind noch nicht so weit – und deshalb braucht es gezielte Unterstützung. Wenn man sich die Frauen-Bundesliga anschaut, sieht man zu wenig Frauen als Cheftrainerinnen. Und das wirkt sich aus: Mädchen hören auf dem Weg zur Trainerin auf oder fangen erst gar nicht an. Man muss es schon wirklich wollen, um sich da trotzdem durchzuboxen.
Wie war das, als Sie selbst klein waren?
Es gab damals keinen Mädchenverein – ich habe bei den Jungs mitgespielt und mir die Haare kurz geschnitten, weil alle Jungs kurze Haare hatten. Ich war in meiner Mannschaft das einzige Mädchen. Und auch die Vereine, gegen die wir gespielt haben, hatten keine Mädchen dabei. Heute gibt es mehr Zugang und mehr Vorbilder, allerdings noch nicht genug. Je nach Region gibt es weiterhin viele Vorurteile.
Wie war das in Botsuana?
Die Senior-Frauen-Cheftrainerin in Botsuana hat zehn Jahre lang die Nationalmannschaft trainiert und nebenbei als Installateurin von Klimaanlagen gearbeitet. Mit dem Fußball hat sie kaum etwas verdient, umgerechnet zehn Dollar am Tag, aber auch nur, wenn wir im Camp waren. In unserer gemeinsamen Zeit hatten wir gute Spielerinnen und haben uns für die Afrikameisterschaften qualifiziert. Da wurden direkt Stimmen laut: Da brauchen wir jetzt einen Mann, der mehr Erfahrung hat. Obwohl sie sich zehn Jahre lang eingesetzt hatte – als der Erfolg da war, sollte sie raus. Dabei hatte auch der Mann keine höhere Trainerlizenz oder bessere Erfahrung. Das wiederholt sich immer und immer wieder. Dieser Gedanke, dass Männer auf jeden Fall besser sind, egal, mit welcher Qualifikation, der ist weit verbreitet in vielen Ländern.
Was ist dann passiert?
Die Trainerin wurde nicht direkt ausgetauscht, aber später degradiert. Trotzdem ist sie immer noch dabei. Viele Frauen haben einen langen Atem, obwohl die Verhältnisse so schwierig sind. Mit den U17-Mädchen bin ich auch einmal zu einem Spiel nach Eswatini gefahren. Der Busfahrer war noch nie außerhalb von Botsuana gewesen, hat sich schrecklich verfahren, wir sind in wirklich gefährliche Gebiete gekommen und waren 24 statt neun Stunden unterwegs, ohne Proviant und mit einem kaputten Bus. Bei den Jungs wäre so etwas nicht passiert. Diese Mädchen haben es verdient, dass sie gefördert werden. Es gehört so viel Energie dazu, das durchzuziehen.
Carolin Braun leitet die Expertise des „Talent Development Scheme“ der FIFA. Von 2019 bis 2022 arbeitete sie für den botsuanischen Fußballverband und war unter anderem Assistenztrainerin bei der Männernationalmannschaft.
Instagram | Dr. Carolin Braun