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Fußballgeschichten

Frauenfußball in Kenias Wüste

Rael Lomoti hat in der Turkana, einer der ärmsten Regionen Kenias, die erste Mädchenfußballmannschaft gegründet. Die „Desert Roses“ treten nicht nur auf dem Platz an, sondern auch gegen patriarchale Normen – und spielen für eine bessere Zukunft.
Rael Lomoti und Spielerinnen eines ihrer Desert Roses-Teams auf dem Weg zu einem Match. Moses Mbotela
Rael Lomoti und Spielerinnen eines ihrer Desert Roses-Teams auf dem Weg zu einem Match.

„Lionel Messi“, sagt Lilian Kandali, als sie nach einem fußballerischen Vorbild gefragt wird. Die 14-Jährige spielt seit fünf Jahren bei den „Desert Roses“. Inzwischen führt sie als Kapitänin ihr Team in ihrer Altersklasse an.

Begonnen hat alles 2017 in Lodwar, der größten Stadt der Turkana-Region mit rund 80.000 Einwohner*innen. Damals startete das Programm mit einer einzigen Mädchenmannschaft. Heute erreicht das Projekt mehr als 3500 Mädchen. Unter dem Dach von Desert Roses trainieren inzwischen 18 Teams verschiedener Altersgruppen: montags bis freitags nach der Schule, verteilt über das gesamte County im Norden Kenias.

In der Turkana werden viele Mädchen früh verheiratet

Die Turkana ist karg, in vielen Gegenden wüstenartig. Landwirtschaft ist dort äußerst schwer zu betreiben. Die gleichnamige ethnische Gruppe, die seit Jahrhunderten in der Region lebt, bestreitet ihren Lebensunterhalt daher bis heute überwiegend als Viehzüchter*innen.

Viele Menschen in Turkana sind akut vom Hungertod bedroht.

Hirtengemeinschaften

Gewächshäuser in der Wüste

Vor allem Frauen und Mädchen tragen in dieser Lebensweise die Hauptlast und kümmern sich von klein auf um das Vieh. „Wer in einem Dorf in der Turkana-Wüste als Mädchen geboren wird, hat bis heute wenig Perspektiven“, sagt Rael Lomoti, die Gründerin der „Desert Roses“. Viele Mädchen würden sehr früh verheiratet. Noch immer werde der „Wert“ einer Frau bei den Turkana in Vieh bemessen – Tiere, die bei einer Hochzeit als Brautpreis an die Familie der Braut gehen.

Entdeckt von einer Nonne

Lomoti ist selbst Turkana und heute 31 Jahre alt. Dass sie nicht den Weg so vieler junger Frauen gehen musste, lag aber keineswegs daran, dass ihre Kindheit unbeschwert gewesen wäre. Als sie sechs war, verließen ihre Eltern mit ihr und ihren vier Geschwistern während einer besonders schweren Dürre die Turkana und zogen nach Nairobi, um Arbeit zu finden. Kurz darauf starb Lomotis Mutter. Der Vater hielt die Familie als Tagelöhner über Wasser – für eine dauerhafte Versorgung und den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder reichte es aber nicht.

Dass die Familie nach dem Tod der Mutter nicht vollständig in die Armut abstürzte, hängt aus Lomotis Sicht entscheidend mit dem Fußball zusammen. Ihr Talent zeigte sich früh: In Juja, einer Stadt in der Nähe von Nairobi, spielte sie regelmäßig in der Schulmannschaft. Dadurch wurde Schwester Luise Radlmeier, eine deutsche Nonne, die dort ein Waisenhaus sowie verschiedene Sozialprogramme leitete, auf sie aufmerksam. Ein Mädchen, das Fußball spielte, war Ende der 1990er-Jahre in Kenia keine Selbstverständlichkeit.

Radlmeier förderte Lomoti und wurde zu einer wichtigen Mentorin. Angeregt durch die Gemeindearbeit der Nonne, machte Lomoti 2014 ihr Diplom in Sozialer Arbeit an einer Universität in Nairobi. Als Radlmeier vor neun Jahren starb, traf Lomoti eine Entscheidung: „Ich wollte zurück in die Turkana und meiner eigenen Gemeinde helfen – und zwar mithilfe des Sports, der auch mein Leben verändert hat.“

Fußball eröffnet Bildungschancen

Aus diesem Entschluss entstand Desert Roses. Anfangs reagierten traditionelle Autoritäten der Turkana mit Widerstand. „Es hieß: Fußball ist nichts für Mädchen, das seien westliche Methoden, die bei den Turkana nichts verloren hätten“, erinnert sich Lomoti. Für die defensive Mittelfeldspielerin stand jedoch von Beginn an mehr auf dem Spiel als das Training: „Fußball ist ein Mittel zum Zweck, um die Mädchen zusammenzubringen, ihnen einen sicheren Raum zu bieten, Werte zu vermitteln und vor allem Bildungschancen zu eröffnen.“

Sie blieb dran – und suchte gezielt Männer, die ihre Idee mittragen. Einer davon ist Loroo Esekon Emmanuel. Der Ingenieur nennt sich selbst einen „Botschafter“ Lomotis und begleitet sie bis heute in Gesprächen mit besonders traditionell eingestellten Turkana. 

„Sie kann sich die Ziegen selbst kaufen“

„Wir Turkana brauchen eine grundlegende Veränderung des Denkens. Mädchen werden noch immer nur als Werkzeug gesehen, um durch Brautpreise mehr Vieh zu akkumulieren“, sagt Emmanuel. „Dabei könnte es unserer gesamten Gegend viel besser gehen, wenn Mädchen Bildung erhalten würden, am Arbeitsmarkt teilnehmen und so ihre Familien unterstützen könnten.“ In Debatten verweist er auf Lomoti als Beispiel. „Ich sage dann: Der Fußball hat ihr Wege zur Bildung eröffnet, und sie ist nun diejenige, die ihren alten Vater unterstützt – niemand muss für sie einen Brautpreis bezahlen, denn sie kann sich die Ziegen selbst kaufen.“ 

Mittlerweile ernannte der kenianische Fußballverband Lomoti zur Repräsentantin für die Turkana-Region. In dieser Funktion organisiert sie unter anderem die Jugendligen beider Geschlechter.

Erfolgsgeschichten gibt es auch unter den Spielerinnen: 56 Mädchen aus dem Programm erhielten Sportstipendien an einer renommierten Schule in Kenia. Talentscouts schauen immer wieder bei den Trainingseinheiten vorbei und entdecken dabei Spielerinnen. 

Zu den Familien, die davon profitierten, gehört die von Iyanae Martha: Ihre Tochter ist eine Stipendiatin. „Ich habe fünf Kinder und hätte niemals eines davon auf eine so teure Schule schicken können“, sagt sie. Besonders stolz sei sie darauf, dass ausgerechnet eines ihrer Mädchen ausgewählt wurde. Anfangs habe es in der Gemeinde Skepsis gegenüber dem Projekt gegeben – doch inzwischen hätten die meisten verstanden, wie weit Fußball auch Mädchen bringen kann. „Ich wünschte, das Projekt hätte es schon in meiner Kindheit gegeben“, sagt Martha. „Was Rael tut, gibt allen Frauen der Turkana Hoffnung.“

Teammitglieder erhalten Zugang zu Hygieneartikeln

Wer kein Stipendium erhält, wird dennoch im Bildungsbereich unterstützt. „All unsere Teammitglieder erhalten Lernmaterialien, Trikots und Damenbinden – was nach wie vor eine große Herausforderung darstellt, da Tausende von Mädchen und Frauen Schwierigkeiten haben, Zugang zu Hygieneartikeln, sauberem Wasser und Aufklärung zur Menstruationshygiene zu erhalten; darüber hinaus werden 120 besonders schutzbedürftige Mädchen im Rahmen des Ernährungsprogramms unterstützt“, berichtet Lomoti. 

Die 18 Trainer*innen der Teams bieten zusätzlich zum Training Workshops – etwa zu Frauenrechten oder politischer Bildung – sowie Gesprächsrunden an. So oft es ihr möglich ist, organisiert Lomoti samstags in Lodwar ein Turnier, bei dem die verschiedenen Desert-Roses-Teams gegeneinander antreten. Und: Auch Jungen dürfen mitspielen. In jeder Alterskategorie (13, 15 und 17 Jahre) gibt es inzwischen auch Desert-Roses-Jungenmannschaften.

Spenden nehmen ab

Gleichzeitig ist die finanzielle Lage schwieriger geworden. Lomoti sagt, dass Spenden wegen der weltweiten Krisen stark zurückgegangen seien – in diesem Jahr habe man deshalb nicht alle Mädchen mit Büchern ausstatten können. „Für die Damenbinden reicht das Geld im Moment auch nicht“, fügt sie hinzu.

Viele Spielerinnen möchten später Fußballerin oder Trainerin werden. Eine von ihnen ist Mary Lokaale Ewoi. „Durch Fußball habe ich etwas, was mir eine Richtung gibt, worauf ich all meine Gedanken lenken kann“, sagt die 17-Jährige. Kapitänin Lilian wiederum verfolgt andere Ziele. Für sie ist an Desert Roses besonders wichtig, dass sie verlässlich Schulbücher bekommt – denn sie will studieren und vielleicht Ärztin werden.

Links
Turkana Desert Roses
Rael Lomotis Buch “Roses Will Rise” (Englisch) ist erhältlich über die zivilgesellschaftliche Organisation Vice Versa.

Katharina Wilhelm Otieno ist Redakteurin bei E+Z und arbeitet zeitweise in Nairobi. 
euz.editor@dandc.eu 

Dies ist die zweite unserer Fußballgeschichten. Weitere Geschichten finden Sie hier.

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