Entwicklung und
Zusammenarbeit

Äthiopien

Menstruationshygiene: „Es brauchte eine marktbasierte Lösung“

In Äthiopien haben zwei von drei Frauen und Mädchen keinen Zugang zu guten Menstruationsprodukten. Das Sozialunternehmen „Mela for Her“ will das ändern und verbindet den Verkauf von Monatsbinden mit Aufklärungsarbeit. Mitbegründer und Geschäftsführer Kaleab Getaneh Zewelde erläutert im Interview, warum ein Unternehmen seiner Meinung nach der beste Weg ist, um das Problem anzugehen.
Mela for Her entwickelt und produziert wiederverwendbare Binden und Menstruationsunterwäsche. Mela for Her
Mela for Her entwickelt und produziert wiederverwendbare Binden und Menstruationsunterwäsche.

Kaleab Getaneh Zewelde im Interview mit E+Z

Das Wort „Mela“ bedeutet im Amharischen „Lösung“. Welche Lösung bietet Mela for Her seinen Kundinnen?

Mela for Her hat sich zur Aufgabe gemacht, das Leben von Frauen und Mädchen zu verbessern, indem es erschwingliche, nachhaltige Produkte für die Menstruationshygiene anbietet, über Menstruation aufklärt und Jobs schafft. Das Unternehmen stellt wiederverwendbare Damenbinden und Menstruationsunterwäsche her. Alle Produkte wurden von äthiopischen Frauen und Mädchen getestet und gut angenommen. In Zusammenarbeit mit humanitären Organisationen versorgen wir zudem schutzbedürftige Gruppen wie Geflüchtete und Vertriebene mit „Dignity Kits“, die Menstruationsprodukte und Hygieneartikel enthalten. Mela for Her ist ein Unternehmen von Frauen für Frauen – es wird von Frauen geführt und mehr als 85 % des Teams sind weiblich.

Aus welcher Motivation heraus haben Sie Mela for Her gegründet?

In Äthiopien haben schätzungsweise 70 % der Frauen und Mädchen keinen Zugang zu adäquaten Menstruationsprodukten. Fast die Hälfte weiß zudem nicht genug über Menstruationsgesundheit und -hygiene. Dies wirkt sich negativ auf die Bildung von Mädchen aus, auf die Frauengesundheit, auf ihre Würde und wirtschaftliche Teilhabe. Meine Frau Imma Guixe hatte bereits über 20 Jahre Erfahrung im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, als sie zu Hause an der Nähmaschine den Versuch startete, wiederverwendbare Damenbinden herzustellen. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung im Bereich Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH) und im sozialen Unternehmertum beschlossen wir, diese Idee in einem nachhaltigen Sozialunternehmen umzusetzen. An dem Projekt „Mela for Her“ sind mittlerweile viele engagierte Menschen, Partner und Unterstützer beteiligt.

Screenshot der zivilgesellschaftlichen Organisation YONECO.

Reproduktive Gesundheit

Selbstgemachte Damenbinden

Warum haben Sie sich für die Gründung eines Unternehmens entschieden, statt Mittel von internationalen Organisationen einzuwerben?

Wir waren überzeugt, dass es eine marktbasierte Lösung brauchte. Die Herausforderungen im Bereich der Menstruationsgesundheit in Äthiopien sind zu groß und zu komplex, als dass wir uns darauf verlassen wollten, Spenden einzusammeln und kostenlose Produkte zu verteilen. Wir haben Mela for Her als Sozialunternehmen gegründet, das nach soliden geschäftlichen Grundsätzen funktioniert und zugleich sozialen Nutzen und Erschwinglichkeit in den Vordergrund stellt.

Welche neuen Ideen oder Ansätze haben Sie umgesetzt, und was haben sie bewirkt?

Wir verteilen nicht nur Menstruationsprodukte, sondern klären auch über Menstruationsgesundheit auf, sensibilisieren für das Thema und machen politische Interessenvertretung. Eine unserer wichtigsten Innovationen ist das „Von-Frau-zu-Frau“-Modell. Frauen werden bei uns aktiv in die Produktentwicklung, Herstellung, den Verkauf, das Marketing und den Vertrieb eingebunden. So haben wir beispielsweise freiberufliche Verkäuferinnen darin geschult, unsere Produkte in ländlichen Gebieten zu verkaufen. Dabei können sie eine Provision von bis zu 15 % verdienen. Menstruation ist hier vielerorts noch ein Tabuthema, und in diesen Regionen besonders. Unsere Verkäuferinnen gehen von Tür zu Tür und sprechen persönlich mit den Frauen. So haben sie für das Gespräch eine sichere Umgebung. Sie sensibilisieren für das Thema Menstruationsgesundheit und erklären, wie unsere Produkte funktionieren.

Saleswomen from Mela for Her show potential customers their reusable menstrual health products.
Mela for Her
Verkäuferinnen von Mela for Her stellen einer potenziellen Kundin ihre wiederverwendbaren Menstruationsprodukte vor.

Welche Herausforderungen gab es in den Anfangsjahren von Mela for Her?

Mela for Her wurde im März 2020 gegründet, auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie. In dieser Zeit mit Lockdowns, Reisebeschränkungen und Lieferkettenunterbrechungen ein Produktionsunternehmen zu gründen, war äußerst schwierig. Eine weitere große Herausforderung bestand darin, ausreichende und erschwingliche Finanzie­rung zu sichern – noch dazu für ein Sozialunternehmen, das in einem relativ neuen Sektor tätig ist. Außerdem waren Devisen nicht leicht zu bekommen. Einige der speziellen Rohstoffe, die wir für die Produktion benötigen, mussten importiert werden, und der begrenzte Zugang zu Devisen hat die Beschaffung und Produktion oft verzögert.

Was hat Ihnen in der Anfangsphase am meisten geholfen?

Eine unserer größten Stärken war die viele Unterstützung von Freunden und Fachleuten, die an unsere Vision und Mission geglaubt haben. Als wir den Betrieb aufgenommen haben, haben sich mehrere Expert*innen eingebracht, etwa in den Bereichen Fertigung, Social Impact, Gleichstellung und Geschäftsentwicklung, die nun zu den Gründer*innen und Berater*innen des Unternehmens zählen. Darunter Maria Eva Moll Moncada, Gründerin der in Großbritannien ansässigen Modeberatung Maemaze, die maßgeblich am Aufbau unserer Fertigungssysteme und Produktionsprozesse beteiligt war. Außerdem erhielten wir finanzielle und technische Unterstützung von verschiedenen Entwicklungsorganisationen, darunter die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), das deutsche Bundes­ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Ent­wicklung (BMZ) und die GIZ im Rahmen von „Invest for Jobs“ sowie Oxfam. Darüber hinaus hat eine politische Maßnahme unsere Produktionskosten erheblich gesenkt: Die äthiopische Regierung ermöglicht es Herstellern von Menstruationshygieneartikeln, ihre Rohstoffe zollfrei einzuführen. Insbesondere in der Anfangsphase war das für uns sehr hilfreich.

Wo steht Mela for Her heute?

Mela for Her hat sich von einem kleinen Start-up zu einem etablierten Sozialunternehmen mit 42 Mitarbeiter*innen entwickelt. Wir haben über 350.000 Frauen und Mädchen in ganz Äthiopien mit hochwertigen Produkten für die Menstruationshygiene versorgt. Außerdem haben wir 179 weibliche Vertriebsmitarbeiterinnen eingestellt, die unsere Produkte auch in abgelegenen Gebieten vertreiben, und wir tragen dazu bei, in Äthiopien höhere Qualitätsstandards für wiederverwendbare Menstruationsprodukte zu etablieren. Heute ist Mela for Her eine bekannte Marke mit einem skalierbaren Geschäftsmodell und einer soliden Grundlage für zukünftiges Wachstum.

Kaleab Getaneh Zewelde ist Mitgründer und Geschäftsführer von Mela for Her.
kaleab.getaneh@melaforher.com 

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