Gesundheit
Ebola ist nicht der einzige Notfall
Masern-Ausbrüche, epidemische Ausmaße von Malaria, schwangere Frauen, die keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben – die medizinischen Bedürfnisse in der ostkongolesischen Provinz Ituri und in der gesamten Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) sind enorm, sagt Maria Mashako, medizinische Koordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen. „Und das waren sie bereits vor dem jüngsten Ebola-Ausbruch.“
„Die Versorgung bricht nun vollständig zusammen“, berichtet Mashako weiter. „Selbst Routineimpfungen für Kinder laufen derzeit nicht weiter. Das ist eine tickende Zeitbombe, die uns noch vor erhebliche Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit stellen wird.“
Die Provinz Ituri bleibt das Epizentrum des Ausbruchs mit den meisten aller bestätigten Fälle des durch das Bundibugyo-Virus verursachten Ebolafiebers. Der mittlerweile 17. Ausbruch von Ebolafieber in der DR Kongo wurde Mitte Mai 2026 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgestellt und breitet sich weiter aus. Anfang Juli wurden über 1700 Infektionen bestätigt und Hunderte Todesopfer registriert. Extrem begrenzte Diagnose- und Laborkapazitäten machen eine effektive Erfassung und damit Nachverfolgung weiterhin sehr schwierig.
Konflikte und Desinformation
Inmitten dieser tödlichen Epidemie gehen die seit Jahren anhaltenden schweren Kämpfe zwischen nichtstaatlichen und staatlichen Akteuren weiter. Humanitäres Völkerrecht wird von allen Seiten missachtet und massive Gewalt, darunter sexualisierte Gewalt, gegen die Zivilbevölkerung verübt. Es fehlt aktuell auch an ernsthaften politischen Bestrebungen, Friedensabkommen umzusetzen. Selbst medizinische Einrichtungen werden nicht von Gewalt verschont. Immer wieder kommt es zu tödlichen Angriffen auf Gesundheitspersonal.
Viele Menschen haben zudem kein Vertrauen in das ohnehin geschwächte Gesundheitssystem. Die Armut in der Region ist extrem, und trotzdem müssen sie Behandlungen oft aus eigener Tasche bezahlen. Gemeinschaften haben bereits beängstigende Ebola-Ausbrüche erlebt – oft mit traumatischen Erfahrungen, bei denen sie Angehörige verloren haben, von denen sie sich nicht angemessen verabschieden konnten. Oft fehlten auch Informationen zum genauen Krankheitsverlauf. Solche Erinnerungen prägen die Wahrnehmung von aktuellen Maßnahmen. Eine einseitige, auf Ebola ausgerichtete Reaktion könnte außerdem den Eindruck der Bevölkerung bestärken, dass ihre sonstigen Gesundheitsbedürfnisse weniger zählen.
Auch ein aus wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen geleiteter Ansatz wäre in der aktuellen Lage fatal. Zu oft leiten rohstoffbezogene Interessen die Entscheidungen mächtiger – und oft externer – Akteure in der DR Kongo, und nicht die Prioritäten und Bedarfe der kongolesischen Bevölkerung. Es braucht einen kooperativen und vertrauensvollen Ansatz, der Ängste und Bedürfnisse ernst nimmt und Barrieren und Stigmata abbaut. Dazu gehört, dass Menschen sich sicher fühlen, indem ihnen etwa trotz Isolation der Kontakt mit Familien ermöglicht wird und sie so früh in Gesundheitszentren kommen.
Forschung zu seltenen Ebolaviren nicht profitabel genug
Obwohl das Bundibugyo‑Ebolavirus bereits seit 2007 bekannt ist, gibt es bis heute weder zugelassene Impfstoffe noch Medikamente, und auch effektive Diagnostika bleiben schwer zugänglich. Diese Forschungslücken sind kein wissenschaftliches, sondern vor allem ein politisches und wirtschaftliches Problem: Für pharmazeutische Unternehmen gilt die Forschung zu seltenen Ebolaviren nicht als profitabel. Für Gesundheitsteams vor Ort bedeutet das, dass häufig nur unterstützende Behandlung wie Flüssigkeitsgabe und Symptomkontrolle möglich ist. Dabei ist bei der Eindämmung von Epidemien vor allem eines entscheidend: Geschwindigkeit.
Eigentlich hätte sich eine solche massive Vernachlässigung nicht wiederholen dürfen. Nach dem großen Ausbruch in Westafrika im Jahr 2014 dauerte es bis zum Jahr 2020, bis erstmals wirksame Medikamente gegen das damals zirkulierende Ebolavirus auf den Markt kamen. Während Länder wie die USA große Medikamentenvorräte aufgebaut haben, fehlt betroffenen Ländern bis heute ein schneller, verlässlicher und vor allem bezahlbarer Zugang zu medizinischen Hilfsmitteln. Deshalb müssen an öffentliche Forschungsgelder von Anfang an verbindliche Zugangsbedingungen geknüpft werden, damit neue Produkte dort verfügbar sind, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
518 Millionen Dollar benötigt
Die WHO und die afrikanische Gesundheitsbehörde Africa Centres for Disease Control and Prevention (Africa CDC) haben einen regionalen Plan zur Eindämmung des Ausbruchs vorgelegt. Insgesamt 518 Millionen Dollar werden benötigt, um betroffene Länder in Afrika zu unterstützen.
Länder wie Deutschland verfügen über erhebliche politische, wissenschaftliche und medizinische Kapazitäten, um zur Eindämmung des Ausbruchs beizutragen. Die jüngst angekündigten zusätzlichen Mittel in Höhe von 13 Millionen Euro von Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan sind daher ein wichtiges Signal. Entscheidend ist, dass daraus auch langfristige politische Verantwortung entsteht.
Deutschland kann jetzt zeigen, dass sein Anspruch, ein verlässlicher Partner in der globalen Gesundheit zu sein, auch in Krisenzeiten trägt. Dafür sind vor allem drei Dinge entscheidend:
- Es braucht eine ressortübergreifend koordinierte politische Führung. Angesichts der jüngsten Umstrukturierungen in den beteiligten Ministerien sind klare Zuständigkeiten und eine enge Abstimmung zwischen Auswärtigem Amt, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und Gesundheitsministerium entscheidend. Dafür könnten – wie bereits 2014 – auch besondere Koordinierungsmechanismen, etwa ein*e Sonderbeauftragte*r, sinnvoll sein.
- Deutschland muss seine Unterstützung für die humanitäre Hilfe und den Ausbau resilienter Gesundheitssysteme weiter stärken. Dazu gehören insbesondere Investitionen in Diagnostik-, Labor- und Surveillance-Kapazitäten sowie in die Versorgung der betroffenen Bevölkerung vor Ort.
- Die Bundesregierung sollte verlässliche Evakuierungs- und Behandlungsmöglichkeiten für humanitär Helfende schaffen. Wer in einem Ausbruch im Einsatz ist, muss sich auf eine schnelle und sichere medizinische Versorgung verlassen können. Deutschland hat die Expertise und die Behandlungskapazitäten, um diese Sicherheit zu unterstützen.
Der Ebolafieber-Ausbruch zeigt erneut, dass Epidemien nicht allein im Labor oder im Krankenhaus eingedämmt werden. Sie können nur bezwungen werden, wo Gesundheitssysteme gestärkt und Forschung öffentlich finanziert werden – und wo Menschen Vertrauen in die medizinische Versorgung haben. Wer nur auf den aktuellen Ausbruch reagiert, wird beim nächsten erneut überrascht werden. Wenn die Weltgemeinschaft jetzt nachhaltig investiert, schützt sie Menschen auch in zukünftigen Epidemien.
Ärzte ohne Grenzen ist bereits seit vielen Jahren in der DR Kongo tätig und arbeitet eng mit den lokalen Gesundheitsbehörden zusammen. Als Reaktion auf den Ebola-Ausbruch hat die Organisation ihre Nothilfemaßnahmen deutlich ausgeweitet: Über 1400 Mitarbeitende sind speziell für die Eindämmung des Ausbruchs im Einsatz. Die Teams betreiben derzeit sieben Ebola-Behandlungszentren und über 15 Isolationszentren in den betroffenen Regionen Ituri und Nord- und Süd-Kivu, unterstützen lokale Gesundheitseinrichtungen, schulen medizinisches Personal und liefern Schutzmaterialien.
Jasmin Behrends arbeitet als Referentin für globale Gesundheit in der politischen Abteilung von Ärzte ohne Grenzen Deutschland (Médecins Sans Frontières).
jasmin.behrends@berlin.msf.org
Stephanie Johanssen arbeitet als Referentin für humanitäre Hilfe in der politischen Abteilung von Ärzte ohne Grenzen Deutschland (Médecins Sans Frontières).
stephanie.johanssen@berlin.msf.org