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Press freedom

Was es heißt, unter Präsident Sisi in Ägypten Journalist zu sein

Viele Journalist*innen in Ägypten werden überwacht, eingeschüchtert und leben mit der ständigen Angst, verhaftet zu werden. Ein Reporter schildert, wie diese Unsicherheit unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi zum Alltag geworden ist.
Ohne Pressefreiheit bleibt vieles im Dunkeln: abgeschaltete Straßenbeleuchtung in Kairo während Energiesparmaßnahmen im März. picture alliance / Anadolu / Mohamed Elshahed
Ohne Pressefreiheit bleibt vieles im Dunkeln: abgeschaltete Straßenbeleuchtung in Kairo während Energiesparmaßnahmen im März.

An das unheilvolle Geräusch habe ich mich bereits gewöhnt. Es passiert, wenn mein Telefon klingelt und auf dem Display nur „Unbekannter Anrufer“ steht. In solchen Momenten rutscht mir das Herz in die Hose. Ich warte ein paar Sekunden, dann gehe ich ran. Denn nicht abzuheben könnte noch schlimmere Konsequenzen haben. Wenn Mitarbeitende des ägyptischen Staatssicherheitsdienstes Journalist*innen zu Hause aufsuchen, kommen sie oft im Morgengrauen. Ich arbeite selbst als Journalist in Ägypten und habe bei Kolleg*innen erlebt, was das bedeuten kann: aufgebrochene Türen, beschlagnahmte Gegenstände, verängstigte Familien, Beleidigungen und körperliche Gewalt.

Die Stimme am anderen Ende ist mir vertraut. Es ist der Staatssicherheitsbeamte, der für meine Akte zuständig ist. Er klingt meist höflich und fragt, worüber ich zuletzt geschrieben habe, weshalb ich einen bestimmten Blickwinkel gewählt habe oder was ich mit einem bestimmten Satz gemeint habe. Manchmal endet das Gespräch nach wenigen Minuten. Doch manchmal fordert er mich auch auf, im Büro des Staatssicherheitsdienstes in Nasr City zu erscheinen, einer Gegend im Osten Kairos.

Ich weiß nie im Vorhinein, ob es einfach nur bei einem Besuch bleibt. Viele Journalist*innen und Aktivist*innen sind nach einer solchen Vorladung verschwunden und erst Wochen oder Monate später wieder aufgetaucht, als sie der Staatsanwaltschaft vorgeführt wurden. Häufig wird ihnen Terrorismus oder die „Verbreitung falscher Nachrichten“ vorgeworfen. Zunächst sitzen sie für 45 Tage in Untersuchungshaft, dann wird die Haft immer wieder aufs Neue verlängert. Wenn die gesetzliche Höchstdauer von zwei Jahren Untersuchungshaft erreicht ist, kann es sein, dass ein neues Verfahren gegen sie eröffnet wird. Menschenrechtsorganisationen bezeichnen diese Praxis als „Rotation“.

Am Tor in Nasr City muss ich mein Telefon abgeben. Ein Beamter bringt mich nach oben. Der für meine Akte zuständige Beamte stellt seine Fragen im selben ruhigen Tonfall wie am Telefon. Doch meistens sitzt in einer Ecke des Raumes noch ein anderer Mann. Er unterbricht das Gespräch mit kurzen, scharfen Bemerkungen: „Ihnen ist klar, dass das als Terrorismus gewertet werden kann.“ Oder: „Sie wissen, dass das als Verbreitung falscher Nachrichten interpretiert werden kann.“

Ägyptische Presse „unter Belagerung“

Ich weiß nicht, weshalb ich bislang nicht im Gefängnis sitze. Genauso wenig weiß ich, weshalb viele meiner Kolleg*innen dort gelandet sind. Ich arbeite für eine oppositionelle Zeitung, und in unserer Redaktion hängen die Fotos von Kolleg*innen, die seit Jahren hinter Gittern sitzen. Besonders belastend ist, dass wir kaum wissen, wo die roten Linien verlaufen. Unter Hosni Mubarak waren die Grenzen klarer: Kritisiere niemals den Präsidenten und seine Familie. Unter Abdel Fattah al-Sisi sind die Grenzen hingegen vage. Sie ändern sich immer wieder und sind kaum vorhersehbar.

Ich bin nicht der Einzige, der diese Unsicherheit spürt. Der Thinktank Tahrir Institute for Middle East Policy (TIMEP) schreibt, ägyptische Medien stünden „unter Belagerung“. Die Organisation Reporter ohne Grenzen zählte im Juni 2026 insgesamt 18 inhaftierte Journalist*innen. Unabhängige Medien geraten besonders stark unter Druck. Websites wie jene von Mada Masr, Al Manassa und Zawia3 werden regelmäßig blockiert.

Eine Jacke immer griffbereit neben dem Bett

Der Druck trifft auch die Familien. Menschenrechtsorganisationen warnen vor einer Art „stellvertretenden Bestrafung“: Angehörige von Journalist*innen und Aktivist*innen im Exil werden festgenommen, schikaniert oder mit Ausreiseverboten belegt. Meine Familie und ich haben deshalb zu Hause ein Vorgehen eingeübt, das wir „das Schwarze-Nacht-System“ nennen. Eine Tasche mit Kleidung, Medikamenten und anderen wichtigen Dingen steht jederzeit griffbereit, und neben dem Bett liegen immer eine Jacke und Schuhe, die man schnell anziehen kann. Meine Familie hat auch die Telefonnummern von Anwält*innen, Aktivist*innen und Journalist*innen griffbereit für den Fall, dass Sicherheitskräfte im Morgengrauen unsere Wohnung stürmen.

Wir haben geübt, wie wir uns dann am besten verhalten. Meine Familie soll nicht mit den Beamten diskutieren. Alle sollen zusammen in ein Zimmer gehen und sich ruhig verhalten. Ich selbst würde ohne Widerstand mitgehen, weil Widerstand nur weitere Misshandlungen nach sich ziehen könnte.

Weitermachen trotz der Drohungen

Die mentale Belastung ist kaum auszuhalten. Die meiste Zeit lebe ich in Angst. Ich träume davon, dass Polizist*innen die Tür eintreten. Bevor ich einen Artikel veröffentliche, lese ich ihn wieder und wieder. Ich bitte auch Menschen, denen ich vertraue, ihn gegenzulesen. Wir diskutieren dann darüber, wer sich angegriffen fühlen könnte, wie riskant der Text ist und welche Reaktion folgen könnte: ein Anruf, eine Vorladung nach Nasr City oder ein langer Weg ins Gefängnis. Doch auch diese Gespräche geben mir keine Verlässlichkeit. Niemand weiß, wo in Sisis Ägypten letztlich die roten Linien für Journalismus verlaufen.

Trotzdem arbeite ich weiter. Nicht, weil ich besonders mutig wäre, sondern weil es wichtig ist, die Dinge zu dokumentieren. Menschen werden politisch verfolgt und verhaftet, sie verschwinden gewaltsam. Vorwürfe von Folter stehen im Raum. Von offiziellen Stellen hört man dazu aber nur Schweigen. In einer solchen Situation macht unabhängiger Journalismus Fakten sichtbar, die die Mächtigen am liebsten unter den Teppich kehren würden.

Mostafa Nabil ist das Pseudonym eines ägyptischen Journalisten, der anonym bleiben möchte. 
euz.editor@dandc.eu  

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