Gemeinnützige Organisationen
Für arme Gemeinden in Kenia ist Fußball mehr als nur ein Spiel
NGUVU Edu Sport („NGUVU“ heißt auf Kiswahili „Kraft“) ist ein Beispiel dafür, wie sich die Rolle kleiner Basisprojekte wandelt – und ihre Aufgaben immer umfangreicher werden. Ursprünglich konzentrierte sich die Organisation auf Fußball, Mentoring und Bildungsförderung, doch angesichts der zunehmenden Nöte und wachsenden Verzweiflung der lokalen Bevölkerung hat sie ihr Angebot erweitert. Heute unterstützt NGUVU auch dabei, Grundbedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung zu decken.
Das Projekt wurde vor zwölf Jahren in Juja gegründet, einer Stadt im Großraum Nairobi. Zunächst bot es talentierten, benachteiligten Jungen eine Möglichkeit, Fußball zu spielen. Von Anfang an ging es aber auch darum, Werte wie Selbstvertrauen, Respekt und Toleranz zu fördern. Später gründete NGUVU auch ein Mädchen-Team und erweiterte sein Angebot um weitere sportliche Aktivitäten wie etwa Tanz.
Vor dem Hintergrund zunehmender Notsituationen aufgrund extremer Wetterereignisse und des globalen Wirtschaftsabschwungs nach der Covid-19-Pandemie entschied sich NGUVU für einen umfassenderen Ansatz. Das durch Spenden finanzierte Projekt unterstützte fortan nicht nur die Kinder in seinen Teams, sondern auch deren Familien – es half ihnen, die Miete zu bezahlen, Arztrechnungen zu begleichen oder in Notlagen für Essen auf dem Tisch zu sorgen.
Für die Begünstigten dieser gemeinnützigen Organisation war Fußball daher schon immer mehr als nur ein Sport: Er hat ihnen den Weg zu Bildung, Stabilität und neuen Chancen geöffnet.
Bildung und Sport
Susan Naboi erinnert sich, wie schwierig und ungewiss das Leben war, ehe sie zu der Organisation kam. Schulgebühren, Uniformen und selbst einfache Lernmaterialien waren oft unbezahlbar: „Manchmal musste ich mit leerem Magen zur Schule gehen und sollte trotzdem gute schulische Leistungen erbringen“. Möglichkeiten, nach der Schule Fußball zu spielen oder sich mit Gleichaltrigen in einer sicheren Umgebung zu treffen, habe es kaum gegeben, sagt sie.
Als südsudanesische Geflüchtete war Susan nicht sicher, ob sie die Schule würde abschließen können. Doch NGUVU gab ihr eine Zukunftsperspektive. Susan studiert inzwischen Sportwissenschaft an der größten Universität des Landes und spielt für deren Frauenfußball-Team sowie für die Mädchenmannschaft von NGUVU.
John Eketo ist Torwart der Jungenmannschaft NGUVU Homeboyz FC. Er wuchs mit einer alleinerziehenden Mutter auf und bekam mit, wie sehr sie kämpfen musste, um ihn und seine Geschwister großzuziehen. Sie hatte ständig Schwierigkeiten, für Schulgebühren und Grundbedürfnisse aufzukommen, und es war oft unklar, ob John die Schule weiter würde besuchen können.
Mit Hilfe der Organisation konnte er sogar sein Studium ohne Unterbrechung verfolgen. „Zu diesem Programm zu gehören, ist für mich ein Privileg“, sagt John. Er studiert Elektrotechnik und hofft auf eine Anstellung nach dem Studium oder darauf, ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Fußball ist nach wie vor sehr wichtig für ihn. Die NGUVU Homeboyz trainieren viermal pro Woche, und fast jeden Sonntag haben sie ein Spiel. Derzeit spielt die Mannschaft in der dritthöchsten Liga Kenias und ist der Stolz der ganzen Stadt – nur wenige Teams aus der Region haben es jemals so weit gebracht.
An Spieltagen versammeln sich die Zuschauer*innen am Stadtrand auf einem sandigen Platz, der bei Regen zu einem einzigen Schlammfeld wird. Leute aus ganz Juja kommen, um zuzuschauen, und bei Auswärtsspielen versuchen die, die es sich leisten können, mitzufahren.
Fußball bedeutet Sicherheit
„In Juja gibt es sehr viel Kriminalität“, sagt der Cheftrainer des Projekts, Fredrick Owuor. Wie die anderen drei Trainer ist auch er in dieser Stadt aufgewachsen. „Fußball ist hier nicht nur ein Sport oder ein Zeitvertreib. Er hält junge Menschen von der Straße fern, wo sie mit Drogen in Kontakt kommen, Opfer von Straftaten werden oder – aus der Armut heraus – selbst kriminell werden.“
Wenn sie trainieren oder Spiele haben, sind seine Jungs in Sicherheit, fügt er hinzu. Das Programm gebe den jungen Männern zudem Struktur und ein Zugehörigkeitsgefühl in einem Alltag, der vielen von ihnen ansonsten wenig Perspektiven bietet.
Das gilt noch mehr für Mädchen. In Juja gibt es viele Teenager-Schwangerschaften, besonders in benachteiligten Familien, und junge Mütter haben kaum eine Chance, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass junge Frauen sichere Orte haben, wo sie Sport treiben und Kontakte knüpfen können. Solche Möglichkeiten können entscheidend sein, um Selbstvertrauen aufzubauen, mit sozialem Druck umzugehen und die Schule nicht abzubrechen.
Alles wegen des „Mzungu“?
Bei Ligaspielen bekommen die NGUVU Homeboyz von anderen Mannschaften oft zu hören, sie seien ja nur „wegen des Mzungu“ so weit gekommen. In Ostafrika ist „Mzungu“ eine Sammelbezeichnung für weiße Menschen. Hier ist konkret Lothar Firlej gemeint, ein ehemaliger Stützpunkttrainer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Sportlehrer aus Deutschland. Nachdem er eine Weile für einen katholischen Orden in Kenia tätig war, gründete er NGUVU Edu Sport.
Firlej lächelt über solche Behauptungen: „Letztlich sind es ja die Jungs, die spielen.“ Für den 64-Jährigen sind ohnehin nicht die Ergebnisse das Entscheidende. „Bei dem Programm geht es auch darum, jungen Menschen wichtige Werte zu vermitteln, die sie für ihre Zukunft brauchen – Teamwork, Respekt, Verantwortungsbewusstsein und Disziplin.“
Zusätzlich zum Sportprogramm bietet NGUVU regelmäßig Workshops für Kinder und Jugendliche an, die die Trainer*innen oder externe Referierende leiten – etwa zu Gewaltprävention, Geschlechterrollen, verantwortungsvollem Umgang mit Medien oder Erster Hilfe.
Einspringen, wo der Staat fehlt
NGUVU zeigt beispielhaft, wie Basissportinitiativen zu übergeordneten Entwicklungszielen beitragen können. Solche Programme helfen jungen Menschen, die Schule zu beenden, und verbessern so ihre beruflichen Aussichten und finanziellen Chancen. In ganz Kenia übernehmen ähnliche lokale Initiativen still und leise Aufgaben, die weit mehr sind als Talentförderung. Sie schließen Lücken im öffentlichen Sozialsystem, besonders in Gebieten, wo es viele einkommensschwache Haushalte gibt.
So wird Fußball dort, wo der Staat nicht in Erscheinung tritt, ein Weg zur sozialen Absicherung. Für junge Menschen wie Susan und John sind es vor allem gemeinnützige Organisationen, die einspringen und wichtige Hilfe leisten, etwa bei Bildung, medizinischer Versorgung oder Ernährung – Leistungen, für die eigentlich der Staat verantwortlich sein sollte. Dieser versagt aus verschiedenen Gründen jedoch oft – etwa wegen Misswirtschaft und hoher Kosten für den Schuldendienst. An Orten wie Juja füllt die Mischung aus Sport und Sozialarbeit daher Lücken, die Familien und öffentliche Einrichtungen kaum allein schließen können.
NGUVU ist nur eine von vielen Organisationen in Kenia, die ähnlich agieren. Heute unterstützt das Programm mehr als 80 junge Spieler*innen in drei Mannschaften und außerdem – in geringerem Umfang – deren Geschwister und andere Familienangehörige. Inzwischen werden mehr als 300 Jugendliche unterstützt. Zudem nehmen 200 ältere Menschen alle zwei Wochen an einem Programm für Senior*innen teil, das seit drei Jahren besteht. Dieses Modell aufrechtzuerhalten, ist allerdings eine permanente Herausforderung.
Es ist daher wenig erstaunlich, dass viele solcher lokaler Sportinitiativen von Menschen aus der westlichen Welt gegründet oder geleitet werden – den lokalen Gemeinschaften fehlt oft schlicht das Geld dafür. Es gibt auch erfolgreiche kenianische Initiativen, doch diese arbeiten meist weniger ganzheitlich. Viele Programme sind auf Spenden aus Europa oder den USA sowie auf Partnerschaften mit diesen Regionen angewiesen, die sich oft leichter sichern lassen, wenn ein Gründungsmitglied bereits über persönliche Kontakte verfügt.
Die wachsende finanzielle Unsicherheit schränkt NGUVU und viele andere Basisinitiativen ein – hinsichtlich der Zahl der Begünstigten wie auch der Kontinuität der möglichen Unterstützung. „Der Bedarf wächst, aber die Ressourcen schrumpfen in den letzten Jahren eher“, sagt Firlej. Das Projekt muss also immer schwierigere Entscheidungen darüber treffen, wen es unterstützt. „Die Menschen in der Gemeinde wissen, was wir tun, und seit wir uns nicht mehr nur auf Fußball konzentrieren, erreichen uns unzählige Anfragen von Familien, die noch nicht am Programm teilnehmen.“
Dies zeigt einen zentralen Konflikt: Gemeindebasierte Organisationen können zwar flexibel und reaktionsfähig sein, aber die Reichweite und Stabilität öffentlicher Systeme können sie nicht ersetzen. Dennoch bereut Firlej nicht, dass das Sportprojekt erweitert wurde und nun auch Grundbedürfnisse abdeckt: „Es ist klar, dass man das große Ganze im Blick haben muss – niemand kann mit leerem Magen Fußball spielen.“
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NGUVU Edu SPORT
Alba Nakuwa ist eine freie Journalistin aus dem Südsudan. Sie lebt in Nairobi, Kenia und arbeitet in Teilzeit als Trainerin für die Mädchenmannschaft von NGUVU.
albanakwa@gmail.com