Seltene Erden
Myanmar: Der kaum bekannte Ursprung von Chinas wichtigen Mineralien
Vor wenigen Monaten verkündete Präsident Donald Trump, dass er Grönland erwerben wolle, und brachte die USA damit an den Rand eines Konflikts mit ihren europäischen NATO-Partnern. Als Grund wird weithin angenommen, dass er die Abhängigkeit der USA von China bei Seltenen Erden verringern wolle.
Seltene Erden – eine Gruppe von 17 Metallen, die für Permanentmagnete in Windkraftanlagen, Elektrofahrzeugen (EVs), Elektronik und Verteidigungssystemen unverzichtbar sind – sind in den Mittelpunkt des geopolitischen Wettlaufs um Ressourcen gerückt. Anders als ihr Name vermuten lässt, sind diese Elemente im Vergleich zu Mineralien wie Tantal nicht besonders selten. Dennoch kommen sie oft nur in geringen Konzentrationen vor und werden weltweit nur an wenigen Orten abgebaut.
Die Marktkonzentration, insbesondere in der Veredelungsindustrie, ist enorm. Mehr als 90 % der Seltenen Erden werden derzeit in China verarbeitet und gelangen von dort auf den Weltmarkt. Dies schafft eine enorme Marktmacht. Als China im April 2025 die Ausfuhr von sieben schweren Seltenen Erden beschränkte, standen die EU und die USA sofort unter Druck, sich alternative Bezugsquellen zu sichern.
Weniger beachtet ist aber die Frage, woher China seine Rohstoffe bezieht. Laut chinesischen Zolldaten stammen zwei Drittel der in China verarbeiteten schweren Seltenerdelemente Terbium und Dysprosium aus dem kriegsgeschüttelten Myanmar. Insbesondere nachdem China seine Umweltstandards für den Bergbau verschärft hatte, wurde Myanmar zu einem wichtigen Abbaugebiet, da chinesische Standards hier nicht gelten. Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesundheit der Menschen, soziale Strukturen, Kriminalität und die Konfliktdynamik.
Gleichzeitig birgt die fragile politische Lage in Myanmar Risiken für die Lieferkette, für den Verarbeiter China ebenso wie für Importeure von schweren Seltenen Erden und Permanentmagneten weltweit. Doch trotz der entscheidenden Rolle des Landes in einer kritischen Lieferkette gibt es kaum Berichterstattung über Myanmar. Selbst der Bericht der Internationalen Energieagentur aus dem Jahr 2026 über Seltene Erden hat Myanmar „aufgrund fehlender zuverlässiger Daten zu den Reserven“ in die zentralen Grafiken nicht mit aufgenommen.
Die Kachin-Region und Chinas Rolle im Myanmar-Konflikt
In Myanmar begann der Abbau von Seltenen Erden Anfang der 2010er Jahre entlang der chinesischen Grenze im Norden des Teilstaats Kachin und nahm nach dem Militärputsch im Jahr 2021 an Fahrt auf. Laut einem Bericht von Global Witness (2024) lag die Zahl der Abbaustätten im Jahr 2023 bei 300, was einem Anstieg um 40 % gegenüber 2021 entspricht.
Nach dem Putsch von 2021 sind die bewaffneten Konflikte intensiver geworden. Es kam landesweit zu weitreichenden Zusammenstößen zwischen den bewaffneten Organisationen der ethnischen Minderheiten und einem Zusammenschluss dieser Widerstandsgruppen, der sogenannten Volksverteidigungsstreitkraft (People’s Defence Force, PDF), auf der einen Seite sowie dem myanmarischen Militär mit seinen verbündeten Milizgruppen auf der anderen Seite. Wer Bergbaugebiete kontrolliert, kann daraus erhebliche wirtschaftliche Vorteile ziehen und externem politischem und wirtschaftlichem Druck etwas entgegensetzen.
Seit 2021 nutzen chinesische Unternehmen das Machtvakuum in der Region aus, und der unregulierte Abbau von Seltenen Erden hat zugenommen. Chinesische Unternehmen kooperieren mit verschiedenen Akteuren, um sich den Zugang zu Seltenerdreserven zu sichern. In der Region Kachin waren dies lange Zeit vor allem das Militär und Milizgruppen.
Chinas Rolle im Konflikt wurde 2023 deutlicher, als bewaffnete ethnische Organisationen die Kontrolle über die ressourcenreichen Gebiete erlangten. Berichten zufolge übte China enormen Druck aus, um seine Interessen zu schützen, und zwang mehrere bewaffnete ethnische Organisationen dazu, zentrale Bergbaugebiete an das Militärregime in Myanmar zurückzugeben. So nahm China beispielsweise den Anführer der bewaffneten Widerstandsgruppe MNDAA fest, nachdem diese die Stadt Lashio im Shan-Staat eingenommen hatte und sich weigerte, sich zurückzuziehen.
Im September 2024 eroberte die Kachin Independence Army (KIA) – der bewaffnete Arm der ethnischen Organisation Kachin Independence Organization (KIO) – mehrere wichtige Grenzgebiete, darunter auch die Städte Chipwi und Pangwa mit den größten Abbaustätten für Seltene Erden des Landes. Die Region wurde vorher von den Border Guard Forces kontrolliert, einer mit dem Militärregime in Myanmar verbündeten Miliz. Die Bergbauaktivitäten wurden größtenteils durch chinesisches Kapital und Investitionen finanziert.
Kurz nachdem die KIA diese wichtigen Städte eingenommen hatte, schloss China alle Grenzübergänge und stellte den Handel mit dem Kachin-Staat ein. Dies übte erheblichen politischen und wirtschaftlichen Druck auf die KIO/A aus, da die Dörfer an der Grenze für die Versorgung mit grundlegenden Waren und Dienstleistungen auf China angewiesen sind. Allerdings hat auch China ein Interesse daran, Zugang zu den Ressourcen zu behalten. Im Dezember 2024 fanden daher Verhandlungen zwischen den chinesischen Behörden und der KIO/A statt. Der Handel wurde wieder aufgenommen. Im Gegenzug gestattete die KIO/A chinesischen Investoren, den Abbau von Seltenen Erden in der neu eroberten Region fortzusetzen.
Boom im Bergbau, Folgen für Umwelt und Gesellschaft
Die rapide Ausweitung der Bergbauaktivitäten in den Grenzregionen Myanmars hat schwerwiegende Folgen. Die Umwelt wird zerstört, und die sozialen Verwerfungen verschärfen sich. Wälder wurden abgeholzt, über die Berghänge ziehen sich die Bergwerke, und klare Bäche sind durch chemische Abwässer verfärbt. Die einst ruhige Grenzlandschaft hat sich in eine überfüllte, chaotische Bergbauzone verwandelt.
Myanmars wirtschaftliche Lage ist desolat, und die Bergbauindustrie im Kachin-Staat hat Tausende von Menschen aus dem ganzen Land angezogen, die auf der Suche nach Arbeit sind. Durch den Zustrom von Arbeitskräften sind Glücksspiel, Drogenkonsum und -handel sowie Kriminalität stark angestiegen. Bewohner*innen der Bergbaustädte Chipwi und Pangwa berichten, dass sie sich in ihren eigenen Gemeinden zunehmend unsicher fühlen.
Auch die Umweltschäden haben zugenommen. Für die Gewinnung Seltener Erden werden chemische Substanzen wie Ammoniumcarbonat und Oxalsäure verwendet. Ihr weitverbreiteter Einsatz hat maßgeblich zur Entwaldung, Wasserverschmutzung und Bodendegradation beigetragen. Im Jahr 2024 kamen bei Erdrutschen an Abbaustätten für Seltene Erden in Pangwa rund 50 Menschen ums Leben, viele weitere werden vermisst.
Die unsachgemäße Entsorgung chemischer Abfälle hat die Schäden weiter verschlimmert. Giftige Abwässer sind in nahegelegene Bäche und Gewässer gelangt und beeinträchtigen Gemeinden in den Regionen Chipwi und Mai Ja Yang. Anwohner*innen, die diese Wasserquellen zum Baden und Trinken nutzen, haben Haut- und Augenerkrankungen entwickelt.
Ausbeutung führt zu lokalen Konflikten
An den Bergbaustandorten überwachen und leiten chinesische Betreiber die Anlagen, während lokale Arbeiter*innen gefährliche und schlecht bezahlte Tätigkeiten ausführen. Laut dem Myanmar Mining Watch Report 2023 ist Lohnausbeutung weit verbreitet. Einige Frauen wurden Berichten zufolge in ausbeuterische Beziehungen mit Vorgesetzten oder Investoren gezwungen. Diejenigen, die sich weigerten, haben in einigen Fällen ohne triftigen Grund ihren Arbeitsplatz verloren.
An einigen Orten lehnen die lokalen Gemeinden daher den weiteren Abbau von Seltenen Erden ab. In Dörfern wie N’Ba Pa und Ding Sing Pa kam es zu Protesten wegen Umwelt- und Gesundheitsproblemen, nachdem die Kachin Independence Organization (KIO) im Jahr 2023 den Bergbaubetrieb aufgenommen hatte. Aufgrund des starken Widerstands stellte die KIO den Bergbau in diesen Gebieten wieder ein.
Heute reichen die Auswirkungen des Seltenerdbergbaus über den Kachin-Staat hinaus. Auch aus Gebieten wie Namtu, Namkham und Mong Wi im nördlichen Shan-Staat werden Bergbauaktivitäten gemeldet, die zu Umweltzerstörung und Luftverschmutzung durch schwere Lastwagen führen und die Landwirtschaft beeinträchtigen. Im östlichen Shan-Staat hat sich der Abbau von Seltenen Erden zudem entlang der Flussgebiete von Lwe und Kok ausgebreitet. Die Verschmutzung gelangt durch die Flusssysteme bis in den Mekong. Es besteht Sorge, dass sich die Verschmutzung bis in die flussabwärts gelegenen Gemeinden in Chiang Rai in Thailand ausbreiten kann.
Regulierung des Bergbaus in Kachin
Die durch den Abbau von Seltenen Erden in den Teilstaaten Kachin und Shan verursachten ökologischen und sozialen Schäden sind enorm. In Kachin aber versucht die KIO, die Situation zu verbessern und den Bergbau zu regulieren.
Wie Ying, ein lokaler Geschäftsmann, berichtet, hat die KIO die Städte Chipwi und Pangwa als besondere Verwaltungseinheiten eingestuft. Sie sind nun direkt der zentralen Verwaltungseinheit der KIO unterstellt. Ein aktueller Bericht von Ta-Wei Chu, Assistenzprofessor an der Chiang-Mai-Universität in Thailand, und Seng Li, Direktor der Shaba Foundation, zeigt zudem, dass dank der Anstrengungen der KIO Drogenhandel, Glücksspiel und kriminelle Aktivitäten in beiden Orten deutlich zurückgegangen sind.
Darüber hinaus führte die KIO im Oktober 2025 eine neue Verordnung ein, um den Abbau von Seltenen Erden zu regulieren. Darin werden wichtige Bereiche wie Genehmigungsanträge, die Pflichten von Investoren, Umweltschutz, der Einsatz von Chemikalien, Arbeitsstandards und Umsetzungsmechanismen geregelt.
Sowohl inländische als auch internationale Investoren müssen nun strengere finanzielle Anforderungen erfüllen. Sie müssen eine Garantie in Höhe von 500.000 chinesischen Yuan (etwa 73.000 Dollar) hinterlegen, um die Renaturierung des Landes und die ökologische Wiederherstellung sicherzustellen. Zudem müssen sie eine Konzessionsgebühr von 100.000 Yuan (etwa 15.000 Dollar) pro Morgen Abbaufläche und eine Lizenzgebühr von 40.000 Yuan (etwa 6.000 Dollar) pro Tonne geförderter Mineralien entrichten. Alle Einnahmen und Garantien werden von der KIO-Administration eingezogen. Verstoßen Unternehmen gegen diese Bestimmungen, wird ihnen die Bergbaugenehmigung entzogen und rechtliche Schritte eingeleitet.
Die KIO hat zudem ein Komitee eingerichtet, das die Umsetzung der neuen Regeln überwacht und die Bergbauaktivitäten beaufsichtigt. Nor Nor, ein Bergarbeiter, berichtet, dass das Komitee regelmäßige Inspektionen an den Abbaustätten durchführt. Kürzlich wies es bei einem Besuch Betreiber und Arbeiter*innen an, die Umweltschäden so gering wie möglich zu halten.
Doch während sich die Regulierung verbessert hat, bleibt die Durchsetzung uneinheitlich. Jüngste Berichte der lokalen Nachrichtenagentur Kachin News Group deuten darauf hin, dass Arbeiter*innen in einigen Gebieten, insbesondere in Mai Ja Yang, bis zu fünf Monate lang keine Löhne erhielten. Weibliche Arbeiterinnen bekämen Probleme, wenn sie sich nicht den ausbeuterischen Forderungen ihrer Vorgesetzten beugen, was von anhaltenden Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen zeugt.
Regionale Konflikte beeinträchtigen internationale Lieferketten
Myanmars Probleme rund um die Seltenen Erden offenbaren die versteckten Kosten der weltweiten Energiewende und der Herstellung von Kommunikationstechnologien. Die Mineralien, die Elektrofahrzeuge und Windkraftanlagen antreiben, können bewaffnete Konflikte, Umweltzerstörung und Ausbeutung von Arbeitskräften begünstigen. Wenn europäische Hersteller Terbium und Dysprosium aus China beziehen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Mineralien aus Kachin oder Shan stammen, den kriegsgeschüttelten Regionen Myanmars. Die soziale und politische Krise dort ist ein ernsthaftes Risiko für eine zuverlässige Versorgung mit diesen Mineralien. Darüber hinaus haben Unternehmen aber auch eine Verantwortung zu handeln – gemäß internationalen Normen wie den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte oder unterschiedlichen Lieferkettengesetzen.
Was getan werden kann: Erstens sollten europäische Unternehmen mit der lokalen Zivilgesellschaft zusammenarbeiten und Verbündete in der Region suchen. Gemeinsam können sie Wege finden, wie die Unternehmen zur Verbesserung der Bedingungen im Bergbausektor beitragen können. Dies würde auch dazu beitragen, die Versorgung zu sichern. Gemäß den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und den OECD-Due-Diligence-Leitfäden ist der Aufbau solcher Beziehungen von entscheidender Bedeutung. Zweitens könnte die Suche nach anderen Bezugsquellen und technischen Alternativen dazu beitragen, die Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten zu verringern. Es müssen noch größere Anstrengungen unternommen werden, um Seltene Erden zu recyceln. Das bevorstehende EU-Kreislaufwirtschaftsgesetz sollte hierfür strengere Maßnahmen entwickeln. Entscheidend ist auch, kleinere Autos zu bauen und in gute und attraktive öffentliche Verkehrsmittel zu investieren. Letztendlich würde all dies dazu beitragen, die Nachfrage nach den „Konfliktmineralien“ Dysprosium und Terbium zu verringern.
Seng Li ist Forscher, Entwicklungsexperte und Gründer der Shaba Foundation aus Kachin in Myanmar. In seiner Forschung befasst er sich mit Landrechten, Vertreibung, Widerstand gegen landwirtschaftliche Großinvestitionen und Verwaltung natürlicher Ressourcen im Kachin-Staat in Myanmar.
senglisumlut@gmail.com
Johanna Sydow leitet das Referat Internationale Umweltpolitik bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Deutschland, zuvor war sie Referentin für Ressourcenpolitik bei Germanwatch und arbeitete zu Rohstofflieferketten, Kreislaufwirtschaft und Unternehmensverantwortung.
sydow@boell.de