Just Transition
Hohe Ziele: Gemeinsam für eine nachhaltigere Batteriebranche
Inga Petersen im Interview mit Eva-Maria Verfürth
Die Global Battery Alliance (GBA) wurde 2017 gegründet, nachdem mehrere Berichte über den Kobaltabbau in der Demokratischen Republik Kongo erschienen sind. Ein Bericht von Amnesty International über Kinderarbeit erregte weltweite Aufmerksamkeit. Aus welcher Motivation heraus haben die Gründungsmitglieder die GBA ins Leben gerufen?
Damals war bereits klar, dass die Batterieindustrie rasch wachsen muss. Wir brauchen Batterien, um sowohl den Verkehrs- als auch den Energiesektor durch erneuerbare Energien und stationäre Energiespeicher zu dekarbonisieren. Gleichzeitig übte die öffentliche Aufmerksamkeit Druck auf Automobilunternehmen aus, die Kobalt in Batterien für Elektrofahrzeugen verwenden, sowie auf Technologieunternehmen wie Apple, die dieselben Materialien in Lithium-Ionen-Batterien für Unterhaltungselektronik einsetzen. Die Gründungsmitglieder der Allianz haben sich zusammengeschlossen, um sich für ein nachhaltiges Wachstum der Branche einzusetzen und die damit verbundenen Risiken zu verringern: Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzungen und die CO2-Emissionen, die bei der Batterieherstellung entstehen.mate Now“.
Was kann mit einer umweltfreundlicheren Batterieproduktion und -nutzung erreicht werden?
In einem Elektrofahrzeug beispielsweise ist die Batterie das Element, dessen Herstellung am CO₂-intensivsten ist. Indem sie die Treibhausgasemissionen bei der Batterieproduktion messen und dokumentieren, können die Unternehmen der Wertschöpfungskette gemeinsam daran arbeiten, den CO₂-Fußabdruck der Batterie zu verringern. Damit lassen sich die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus des Fahrzeugs hinweg erheblich reduzieren. Im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen, die wir unter hohen ökologischen und sozialen Kosten fördern, nur um sie dann zu verbrennen, können kritische Mineralien in Batterien nahezu unendlich oft recycelt werden. Sie bilden den Rohstoff für eine Kreislaufwirtschaft der Zukunft.
Die Struktur der GBA ist einzigartig. Sie bringt Unternehmen, NGOs und sogar staatliche Akteure zusammen. Warum dieses Format, und wie funktioniert es?
Die Probleme, die wir angehen wollen, sind so komplex, dass die gesamte Wertschöpfungskette – vom Bergbau bis zum Recycling – gemeinsam aktiv werden muss. Automobilunternehmen, Bergbauunternehmen, Regierungen: Keiner von ihnen kann diese Probleme allein lösen. Die GBA ist die größte Multi-Stakeholder-Allianz im Energiespeichersektor, und ihre Mitglieder decken die gesamte industrielle Wertschöpfungskette ab: von den weltweit größten Bergbauunternehmen wie Rio Tinto und Anglo American über Batteriezellhersteller wie CATL und Panasonic bis hin zu Batterieabnehmern wie Tesla oder Engie, die diese Batterien kaufen und in ihre Produkte integrieren. Aber sie umfasst auch NGOs, Thinktanks und internationale Organisationen. Diese Vielfalt an Akteuren ermöglicht es uns, eine ganzheitliche Definition davon zu entwickeln, wie eine nachhaltige Batterie-Wertschöpfungskette aussehen sollte.
Was waren die ersten Schritte der GBA?
Zunächst haben wir beschlossen, Transparenz in die Wertschöpfungskette zu bringen. Schließlich kann man nicht steuern, was man nicht messen kann. Wir wollten die Auswirkungen auf Umwelt, Gesellschaft, Menschenrechte und Regierungsführung beleuchten, und all das haben wir in unserem Batteriepass erfasst. Dieser digitale Produktpass enthält wichtige Informationen, darunter die Herkunft der Materialien – woher das Lithium, Kobalt und Nickel stammen, wo sie raffiniert und wie sie verarbeitet wurden. Er umfasst auch, welche Standards die Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette erfüllen. Dies erleichtert es Käufer*innen, Produkte zu vergleichen – egal ob es sich um Endverbraucher*innen handelt, die ein Elektrofahrzeug kaufen, um Investor*innen oder um Städte wie Oslo, die ihre öffentliche Busflotte elektrifizieren möchten.
Was war die größte Herausforderung bei der Entwicklung des Batteriepasses?
Die größte Herausforderung ist die Komplexität der Wertschöpfungskette. Vergleichbare Zertifizierungssysteme haben in der Regel ein Ausgangsmaterial – sei es Baumwolle, Schokolade, Kaffee oder Holz – und dann eine komplexe Produktpalette. Bei der GBA ist es fast umgekehrt. Wir haben eine sehr komplexe Reihe von Ausgangsmaterialien, die alle ihre Besonderheiten haben, je nach Herkunft und Verarbeitungsmethode, aber nur ein einziges Endprodukt: die Batterie.
Ist es überhaupt möglich, die Lieferkette von Batterien vollständig zurückzuverfolgen?
Für Teile der Lieferkette haben wir bereits eine lückenlose Rückverfolgbarkeit vom Bergwerk bis zum Fahrzeug etabliert. Dies ist für relativ vertikal integrierte Unternehmen wie Tesla einfacher: Sie kennen ihre Lieferanten und können das Kobalt bis zum Bergwerk in der DR Kongo zurückverfolgen. Sie verwenden dafür Systeme zur Rückverfolgbarkeit oder „Book-and-Claim“-Systeme, wie sie auch zur Messung von Emissionseinsparungen genutzt werden. Gleichzeitig ist es für viele Unternehmen schwierig, ihre Wertschöpfungskette vollständig abzubilden. Große Unternehmen wie BASF, ein deutscher multinationaler Konzern und der weltweit größte Chemieproduzent, können teilweise Zehntausende von Lieferanten haben.
Rückverfolgbarkeit ist jedoch kein Selbstzweck, da sie nichts über die sozialen oder ökologischen Auswirkungen aussagt. Sobald wir aber eine einheitliche Berichterstattung etabliert haben, können wir damit beginnen, Produkte zu vergleichen und Rückschlüsse auf ihren sozialen und ökologischen Fußabdruck zu ziehen.
Für die Unternehmen ist es ein erheblicher Aufwand, sich an einem solchen internationalen Prozess zu beteiligen. Sie erfassen Lieferketten, erstellen Berichte und unterziehen sich Prüfungen vor Ort. Weshalb machen die Unternehmen mit?
Die Gründe der einzelnen Unternehmen variieren. Gesetzliche Vorschriften einzuhalten, ist dabei sicher eine Motivation. Die Unternehmen stehen hinsichtlich ihrer Wertschöpfungsketten unter genauer Beobachtung und müssen nachweisen, dass sie sich gemeinsam mit ihren Lieferanten für Themen wie Menschenrechte, Biodiversität und gegen Entwaldung einsetzen. Die GBA ermöglicht es, diese Bemühungen zu validieren und sichtbar zu machen.
Im Jahr 2023 hat die EU eine neue Verordnung verabschiedet. Sie legt Nachhaltigkeitsanforderungen für Batterien fest, die auf dem EU-Markt verkauft werden. Wie hat sich das auf die Arbeit der GBA ausgewirkt?
Marktzugang ist ein echter Motivator für Unternehmen, und die EU-Verordnung war ein wichtiger Treiber. Wir haben einen starken Zuwachs an Unternehmen gesehen, die von unseren Erfahrungen lernen wollen. Die GBA bietet einen einzigartigen vorwettbewerblichen Raum, in dem Unternehmen die Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen testen und sich darüber austauschen können. Für chinesische Hersteller ist es beispielsweise wichtig, zu verstehen, was europäische Regulierungsbehörden verlangen – und nachweisen zu können, dass sie diese Anforderungen erfüllen.
China gilt allgemein nicht als Vorreiter in Sachen sozialer und ökologischer Verantwortung, und der geopolitische Wettbewerb um Ressourcen verschärft sich. Hat dies Auswirkungen auf die Arbeit der GBA?
Jeder, der in der Branche tätig ist, weiß, dass es ohne China keine Batterieindustrie gibt. Aber wir beobachten tatsächlich das Gegenteil von dem, was man erwarten könnte: eine starke Bereitschaft zur Zusammenarbeit über die geopolitischen Grenzen hinweg. Wir sehen ein starkes Engagement chinesischer Akteure in den Bereichen Nachhaltigkeitsberichterstattung, Sorgfaltspflicht bei Menschenrechten und Kapazitätsaufbau. Lassen Sie es mich so formulieren: Es gibt Allianzen der Willigen und Allianzen der Handelnden. Die GBA hat sich wirklich zu einer Allianz der Handelnden entwickelt.
Die GBA ist nicht das einzige Zertifizierungssystem. Mehrere kommerzielle Anbieter von Batteriepass-Lösungen haben ähnliche Angebote. Was zeichnet die GBA aus?
In naher Zukunft wird die bloße Einhaltung der EU-Batterieverordnung einem Unternehmen keinen Wettbewerbsvorteil mehr verschaffen. Die Standards der GBA sind umfassender und schaffen Vergleichbarkeit, wodurch Unternehmen ihre Produkte auf dem Markt differenzieren können. Einige Fahrzeugflottenbetreiber und institutionelle Investoren suchen nach Produkten, die sich von der billigsten Option abheben. Sie wünschen sich eine unabhängige Validierung. Wir arbeiten zum Beispiel viel mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) und der International Finance Corporation (IFC) zusammen, die bedeutende Investoren im Bereich stationärer Energiespeicher im Globalen Süden sind.
Neben Sambia gehört Deutschland zu den Regierungen, die der GBA beigetreten sind. Was trägt Deutschland zur Allianz bei?
Der Einfluss dieser staatlichen Mitglieder ist nicht zu unterschätzen. Unternehmensprozesse und zwischenstaatliche Prozesse laufen oft getrennt ab, und es gibt nicht viele Plattformen, die sie auf wirklich integrierte Weise zusammenbringen. Deutschland ist der GBA mit dem ausdrücklichen Ziel beigetreten, die Perspektiven der Länder im Globalen Süden einzubeziehen, in denen die Mineralien gewonnen werden.
Warum ist das wichtig?
Derzeit werden Leistungserwartungen wie die Berichterstattung über CO2-Fußabdrücke oder die Sorgfaltspflicht im Bereich Menschenrechte von den nachgelagerten Märkten definiert, wo Verarbeitung und Industrieproduktion stattfinden. Doch dies sind nicht unbedingt die Prioritäten, die ein ressourcenförderndes Land setzen würde. Für diese Länder sind andere Faktoren – wie der Beitrag zur lokalen wirtschaftlichen Entwicklung oder ein verantwortungsvoller Umgang mit dem traditionellen Bergbausektor – sehr wichtig. Durch die Batterie-Benchmarks versuchen wir, diese Perspektiven einzubeziehen, auch wenn dies zunächst nur mit freiwilliger Berichterstattung beginnt. Denn genau das macht eine „Just Transition“ aus: sicherzustellen, dass die Kosten und Vorteile der Umstellung auf grüne Energie weltweit gerecht verteilt werden.
Wie hat Deutschland die mineralproduzierenden Länder bisher dabei unterstützt, eine Stimme am Verhandlungstisch zu haben?
Das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat Regierungsvertreter*innen ermöglicht, an unseren Treffen teilzunehmen und sich mit Unternehmen auszutauschen. Es unterstützt sie dabei, ihre Länder als attraktive Investitionsstandorte zu präsentieren. Durch die Einhaltung bestimmter Standards können sie sich von anderen Produzenten kritischer Mineralien abheben, da die Erfüllung dieser Standards in den Endmärkten wichtig ist. Dank des Engagements des BMZ ist die Regierung von Sambia offiziell der GBA beigetreten. Ihre Vertreter haben an Studienreisen nach China teilgenommen und Batterieproduktionsstätten in Ningde, im Südosten Chinas, besucht.
Das BMZ hat zudem eine Outreach-Beraterin finanziert, die für drei Jahre zur GBA abgeordnet ist. Akteure aus der Industrie sind es gewohnt, in solchen internationalen Prozessen zu arbeiten und verfügen über ganze Teams dafür. Im Gegensatz dazu fehlt es Regierungsakteuren oft an der Kapazität für ein kontinuierliches und systematisches Engagement. Deshalb ist es äußerst wichtig, eine Person zu haben, die sich nur darauf konzentriert.
Die GBA wurde als Initiative des Weltwirtschaftsforums gegründet und wurde erst 2022 zu einer unabhängigen Organisation. Sie finanziert sich vollständig aus Mitgliedsbeiträgen, arbeitet daher mit begrenzten Mitteln und einem kleinen Team. Zugleich ist sie in einer Branche tätig, die sich außerordentlich schnell entwickelt. Wie halten Sie da Schritt?
Es ist ein bisschen, als würde man ein Flugzeug bauen, während es schon am Fliegen ist. Aufgrund der vielen Beteiligten brauchen die Prozesse viel Zeit. Gleichzeitig können sich Industrieunternehmen nur eine gewisse Zeit an einem Prozess beteiligen, bis sie einen echten Return on Investment brauchen. Daher freuen wir uns sehr, dass wir dieses Jahr einen großen Schritt gehen und mit der Einführung des Zertifizierungssystems beginnen können.
Die Industrie entwickelt sich wahnsinnig schnell weiter. In weniger als zwei Jahren hat sie von überwiegend kobaltbasierten Nickel-Mangan-Kobalt-Akkumulatoren (NMC) auf Lithium-Eisenphosphat-Batterien (LFP) umgestellt, wobei weitere chemische Innovationen laufend auf den Markt kommen. Ich habe noch keine andere Branche gesehen, die so schnell Innovationen hervorbringt. Das macht unsere Arbeit sehr herausfordernd, aber auch sehr spannend.
Inga Petersen ist die Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied der Global Battery Alliance.
secretariat@globalbattery.org
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Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Cli