Entwicklung und
Zusammenarbeit

Fairer Handel

Kritische Mineralien: Abbau der Ungerechtigkeit

Wer profitiert von den Bodenschätzen des Globalen Südens? An vielen Orten wiederholen sich koloniale Muster der Ausbeutung. Manche Entwicklungen lassen aber auf mehr Verteilungsgerechtigkeit hoffen.
In den Abbaugebieten des Globalen Südens herrschen weiterhin ausbeuterische Bedingungen Eduardo Relero
In den Abbaugebieten des Globalen Südens herrschen weiterhin ausbeuterische Bedingungen

Brasilien und Deutschland möchten bei der Erschließung und Lieferung von Rohstoffen stärker zusammenarbeiten, das verkündeten die Regierungschefs Luiz Inácio Lula da Silva und Friedrich Merz im Umfeld der weltgrößten Industriemesse in Hannover im April. Brasilien verfügt über kritische Mineralien wie Kobalt und Kupfer sowie das zweitgrößte Vorkommen von Seltenen Erden, übertroffen nur von China. Ohne diese Rohstoffe läuft kein Smartphone, fährt kein E-Auto, dreht sich kein Windrad. Sie sind elementare Bestandteile der dringend benötigten Energiewende, und Industrieländer wie Deutschland sind auf sie angewiesen.

Für Länder des Globalen Südens stellt der Rohstoffexport weiterhin eine wichtige Einnahmequelle dar. In Guinea und der DR Kongo machen Erzeugnisse aus dem Bergbau laut UN mehr als 80 % der Exporte aus. Für viele Importländer geht es indes auch darum, unabhängiger von China zu werden, das unter anderem das Geschäft mit Seltenen Erden dominiert

Der globale Markt für kritische Mineralien ist hunderte Milliarden Dollar schwer, Tendenz steigend. Ein profitables Geschäft für jene, die die Ressourcen kontrollieren. Die Bevölkerung in den Abbaugebieten aber zahlt weiterhin einen horrenden Preis. In den Minen schuften Arbeiter*innen unter ausbeuterischen Bedingungen. Der Bergbau verschärft vielerorts Konflikte und zerstört sowohl Naturschätze als auch die Gesundheit der Anwohner*innen. Wo Gesetze zum Schutz von Mensch und Umwelt überhaupt existieren, behindert oft die Schwäche staatlicher Institutionen ihre Umsetzung.

Der Handel mit kritischen Mineralien reproduziert weiterhin koloniale Muster. Industriestaaten, China inbegriffen, greifen nach den Rohstoffen in ökonomisch schwächeren Ländern, verarbeiten sie weiter und profitieren von der Wertschöpfung. Die Entwicklungsforscher Ezra Moïse Amisi und Bossissi Nkuba halten in ihrem Beitrag zur Lage in der DR Kongo fest: Seit der kolonialen Ausbeutung durch Belgien hätten sich zwar Wortwahl und Druckmittel geändert. Unverändert aber bleibe die Frage, wer die Ressourcen kontrolliert. In der DR Kongo sind das teils einheimische Milizen, teils ausländische Truppen, teils mächtige Investoren – nur nicht die lokale Bevölkerung.

Tiefschürfende Veränderungen nötig

Fortschritte sind erkennbar, geschehen aber zu langsam. Das Lieferkettengesetz der EU etwa ist eine Errungenschaft im Bereich Sorgfaltspflicht, wurde zuletzt aber abgeschwächt und verschoben. Internationale Kooperationen wie die Global Battery Alliance für eine nachhaltigere und sozialere Herstellung von Batterien sind begrüßenswert, müssten aber viel mehr Nachahmer finden.

Der viel zitierte „Wettlauf um kritische Mineralien“ ist für die Länder des Globalen Südens ein Wettlauf gegen die Zeit. Gelingt es, mehr Wertschöpfung im eigenen Land zu halten, bevor die Ressourcen ausgebeutet sind? Und gelingt es, die Menschen in den Abbaugebieten fair zu beteiligen an den Schätzen, die sie heben? 

Brasiliens Präsident machte in Hannover klar: Sein Land habe nicht vor, sich auf die Rolle als Ressourcenlieferant reduzieren zu lassen. Vielmehr sei ein Technologietransfer nötig, damit Rohstoffe noch in Brasilien verarbeitet werden könnten. Aus Ländern wie Burundi und Bolivien. kommen ähnliche Töne. Gelänge endlich eine fairere Verteilung, käme dies für die Menschen am kargen Ende der Lieferkette jedenfalls keinen Moment zu früh.

Jörg Döbereiner ist Chef vom Dienst bei E+Z.
euz.editor@dandc.eu 

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