Entwicklung und
Zusammenarbeit

Klimaschutz

„Wir wollen keinen weiteren endlosen Prozess ohne echte Umsetzung“

Viele Klimaaktivist*innen sind seit Jahren frustriert über die etablierten multilateralen Prozesse zur Bekämpfung des Klimawandels. Die erste Konferenz zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen (TAFF) im April in der kolumbianischen Stadt Santa Marta weckte Hoffnungen, dass eine neue Art der Klimadiplomatie außerhalb des COP-Systems etabliert werden könnte. Die kolumbianische Aktivistin Xiomara Acevedo Navarro nahm an dem Treffen teil. Sie sagt, sie habe sich zwar bis zu einem gewissen Grad vertreten gefühlt, sei aber dennoch vom Ergebnis enttäuscht.
Xiomara Acevedo (zweite von links) auf der TAFF-Konferenz in Santa Marta, Kolumbien, im April. Barranquilla+20
Xiomara Acevedo (zweite von links) auf der TAFF-Konferenz in Santa Marta, Kolumbien, im April.

Xiomara Acevedo Navarro im Interview mit Leon Kirschgens 

Sie engagieren sich schon seit vielen Jahren für den Klimaschutz. Wie kam es dazu, dass Sie an der Konferenz in Santa Marta teilgenommen haben?

Ich komme aus Barranquilla in Kolumbien und setze mich nun schon seit mehr als zehn Jahren für Klima- und Umweltthemen ein, also praktisch mein halbes Leben lang. Die Arbeit von „Barranquilla +20“, der von mir gegründeten zivilgesellschaftlichen Organisation, verbindet lokale Gemeinschaftsinitiativen mit internationaler Klimapolitik. Auf lokaler Ebene unterstützen wir Projekte, die meist von Frauen und Schulen geleitet werden, wie zum Beispiel den Schutz von Feuchtgebieten, Initiativen zur Wasserbewirtschaftung und agroökologische Obstgärten. Wir bemühen uns aber auch darum, die Stimmen sozialer Bewegungen, insbesondere von Frauen- und Jugendbewegungen, in globalen Entscheidungsgremien zu stärken. So sind wir auf die Konferenz in Santa Marta aufmerksam geworden – für viele Organisationen und Aktivist*innen fühlte sich das wie ein potenziell wichtiger politischer Moment an.

Warum erschien Ihnen die TAFF-Konferenz politisch so wichtig?

Weil viele von uns seit Jahren vom COP-Prozess frustriert sind. Im Rahmen der UN-Klimakonvention werden fossile Brennstoffe immer noch selten direkt als Hauptursache der Klimakrise angesprochen. Jedes Jahr gibt es Verhandlungen und Erklärungen, aber nur sehr wenige konkrete Maßnahmen in Bezug auf fossile Brennstoffe selbst. Als Kolumbien und die Niederlande also eine separate Konferenz ankündigten, die sich speziell auf den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen konzentrierte, begrüßten viele Aktivist*innen dies als etwas Neues, das direkt dieses zentrale Thema in den Fokus nimmt. Und die Tatsache, dass sich mehr als 50 Länder freiwillig zur Teilnahme entschlossen, war entscheidend. Das bedeutet, dass diese Länder zumindest bereit sind, diesen dringend notwendigen Wandel offen zu diskutieren. Das hat die politische Atmosphäre im Vergleich zu vielen COP-Verhandlungen bereits verändert.

Wie haben Sie sich als Vertreterin der Zivilgesellschaft auf die Konferenz vorbereitet?

Unsere Arbeit begann lange vor der Konferenz selbst. Gemeinsam mit Frauenorganisationen und Jugendbewegungen organisierten wir Konsultationen und Diskussionen, um unsere eigenen Positionen und Forderungen zu entwickeln. Ein wichtiges Thema für uns war, dass Care-Arbeit als eine Säule jeder sozial gerechten ökologischen Wende anerkannt wird. Wir wollten Perspektiven in Bezug auf Gender, Care-Arbeit und Klimagerechtigkeit in den Prozess einbringen.

Der Beteiligungsprozess war ziemlich schwierig. Es gab fast täglich Versammlungen, branchenspezifische Dialoge, Konsultationen und parallele Treffen. Wenn man eine Veranstaltung verpasste, lief man manchmal Gefahr, bei einer anderen nicht vertreten zu sein. Viele empfanden das als anstrengend, insbesondere Aktivist*innen, die weite Strecken zurückgelegt hatten, um an der Konferenz teilzunehmen. Und ehrlich gesagt fühlte es sich manchmal überfordernd an. Zivilgesellschaftliche Gruppen wurden ständig um Erklärungen, Vorschläge und Beiträge gebeten. Aber am Ende fragten sich viele von uns immer noch, wie viel Einfluss diese Beiträge tatsächlich auf die Endergebnisse hatten.

Das Ziel der Konferenz war nicht, eine weitere Erklärung zu verfassen, sondern vielversprechende Lösungen und einen Prozess für deren Umsetzung zu entwickeln. Was halten Sie vom Ergebnis?

Ich hatte für einen so wichtigen historischen Moment etwas Ehrgeizigeres erwartet. Natürlich verstehe ich, dass es für Länder schwierig ist, sich auf konkrete Maßnahmen zu einigen. Aber nachdem mehr als 50 Länder zusammengebracht wurden, die bereit waren, direkt über fossile Brennstoffe zu diskutieren, hatte ich auf klarere politische Vorschläge gehofft. Stattdessen fühlen sich viele Dinge immer noch unklar an. Es ist die Rede von einer Roadmap, wissenschaftlichen Gremien und thematischen Arbeitsgruppen. Aber wir wissen immer noch nicht wirklich, wie das endgültige politische Ergebnis dieses Prozesses aussehen soll.

Was sind für Sie die größten offenen Fragen?

Für mich sind die zentralen Fragen: Wie genau sieht die Roadmap aus? Wozu verpflichten sich die Länder tatsächlich? Und wie wird die Umsetzung aussehen? Doch diese Fragen bleiben unbeantwortet. Und diese Ungewissheit sorgte auch bei einigen zivilgesellschaftlichen Gruppen für Frustration. Schließlich hatten wir enorm viel Zeit damit verbracht, Ideen einzubringen und an Konsultationen teilzunehmen.

Einige Beobachter*innen beschrieben Santa Marta als offener und kreativer als eine typische COP. Hat es sich für Sie ebenfalls anders angefühlt?

In gewisser Weise ja. Die teilnehmenden Länder diskutierten zumindest offen über fossile Brennstoffe, wissenschaftliche Erkenntnisse und Dekarbonisierung. Und anders als bei vielen COPs waren die Regierungen, die normalerweise schärfere Maßnahmen in Bezug auf fossile Brennstoffe blockieren, weitgehend abwesend. Das hat einige der Spannungen gemildert, die normalerweise bei Klimaverhandlungen entstehen. Gleichzeitig würde ich den Prozess nicht allzu sehr romantisieren. Im Hinblick auf die Beteiligung der Zivilgesellschaft fühlte es sich immer noch sehr strukturiert und in vielerlei Hinsicht eingeschränkt an. Es gab also Unterschiede, aber nicht unbedingt so radikale, wie von manchen beschrieben.

Verdächtige X-Konten, die im Umfeld der Weltklimakonferenz in Baku 2024 aktiv wurden.

Haben Sie Spannungen zwischen Ländern des Globalen Nordens und des Globalen Südens bemerkt?

Nicht in derselben Weise wie während der COP-Verhandlungen. Da diese Konferenz im Grunde eine Einladung an Länder war, die bereits bereit waren, sich mit fossilen Brennstoffen auseinanderzusetzen, waren viele der üblichen geopolitischen Konflikte weniger sichtbar. Die Spannung, die mir eher auffiel, bestand eigentlich zwischen diesem Prozess und der UN-Klimarahmenkonvention selbst. Ich hatte den Eindruck, dass sich einige Leute innerhalb des UN-Systems fragten, wie dieser neue Prozess in die bestehende Klimapolitik passen könnte. Es schien die Sorge zu bestehen, dass sich die Klimapolitik bis zu einem gewissen Grad außerhalb der traditionellen COP-Strukturen bewegen könnte.

Haben Sie sich persönlich als Teil der Zivilgesellschaft noch vertreten gefühlt?

Bis zu einem gewissen Grad, ja. Vor der Konferenz organisierte die kolumbianische Regierung mehrere vorbereitende Aktivitäten, und einige Institutionen versuchten wirklich, mit sozialen Bewegungen in Kontakt zu treten. Ich wurde zum Beispiel eingeladen, an Diskussionen zu Gender- und Klimafragen mitzuwirken. Und während der Konferenz selbst spiegelten einige der offiziellen Beiträge der Zivilgesellschaft Forderungen wider, die feministische Bewegungen und Frauenbewegungen zuvor gemeinsam erarbeitet hatten. In diesem Sinne fühlte ich mich also vertreten. Zugleich kann ein kurzer Beitrag aber nicht alle Frauen und Bewegungen weltweit repräsentieren. Daher fühlte es sich natürlich immer noch unzureichend an.

Sind Sie trotz Ihrer Kritik noch immer der Meinung, dass diese Art von Konferenz sinnvoll ist?

Ja, auf jeden Fall. Ich halte sie gerade deshalb für wichtig, weil sie außerhalb der traditionellen UN-Klimaverhandlungen stattfindet. Gleichzeitig wollen wir keinen weiteren endlosen multilateralen Prozess voller Erklärungen und Versprechen, aber ohne echte Umsetzung. Viele Menschen in der Zivilgesellschaft sind dieser Dynamik überdrüssig. Wir haben bereits die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Wir wissen, dass Regierungen dringend handeln müssen. Die eigentliche Frage ist nun, ob die Länder tatsächlich bereit sind, von Diskussionen zur Umsetzung und zum strukturellen Wandel überzugehen.

Eine zweite TAFF-Konferenz ist für 2027 in Tuvalu geplant. Was wird darüber entscheiden, ob sie von Bedeutung sein wird?

Ich denke, Vertrauen wird entscheidend sein. Wenn es den Ländern gelingt, aus diesem Prozess konkrete Maßnahmen abzuleiten und sie umzusetzen, könnte er politisch wichtig werden. Wenn er sich aber einfach zu einem weiteren langsamen diplomatischen Prozess ohne greifbare Ergebnisse entwickelt, werden viele Menschen sehr schnell das Vertrauen verlieren. Die nächste Phase wird also entscheidend sein. Die Menschen beobachten genau, ob dies ein wirklich neuer politischer Raum wird – oder einfach nur ein weiterer Konferenzzyklus.

LINK
Thompson, S. und van Cronenburg, F., 2026: Santa Marta explained: What happened at the first conference on transitioning away from fossil fuels. Sciences Po.

Xiomara Acevedo Navarro ist eine kolumbianische Klimaaktivistin. Sie ist Gründerin der zivilgesellschaftlichen Organisation Barranquilla +20, die das Ziel verfolgt, Frauen und Jugendliche in Prozesse der Klimagerechtigkeit einzubeziehen.
xio.acevedo@gmail.com 

Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.

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