Entwicklung und
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Afrika

China hat eine Hauptrolle – doch das Drehbuch muss Afrika schreiben

China spielt inzwischen zweifellos eine zentrale Rolle in Afrikas Entwicklungsgeschichte. Die entscheidende Frage ist nun, ob afrikanische Staaten diese Rolle mit ihren eigenen Vorstellungen in Einklang bringen können.
Die von China gebaute Entebbe-Schnellstraße in Uganda. picture alliance / Zoonar / WIBKE WOYKE
Die von China gebaute Entebbe-Schnellstraße in Uganda.

In Ugandas Hauptstadt Kampala ist China an jedem beliebigen Tag nicht zu übersehen. Chinesische Supermärkte, Restaurants und Großhandelsgeschäfte gehören sowohl im Stadtzentrum als auch in den schnell wachsenden Vororten längst zum Stadtbild. Studierende besuchen Mandarin-Kurse am Konfuzius-Institut der Makerere-Universität, in der Hoffnung, dadurch Zugang zu Stipendien, Arbeitsplätzen oder Geschäftsmöglichkeiten zu erhalten. Chinesische Motorräder schlängeln sich durch den Verkehr auf Straßen, die von chinesischen Firmen gebaut wurden, und hiesige Unternehmen sind auf Infrastruktur angewiesen, die mit chinesischen Krediten finanziert wurde.

Nirgends in Afrika ist China mehr eine ferne Großmacht. Das Land ist Teil des Alltags. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Das bilaterale Handelsvolumen zwischen China und Afrika hat 2025 mit 348 Milliarden Dollar einen neuen Höchststand erreicht. Damit war China bereits das 17. Jahr in Folge Afrikas wichtigster bilateraler Handelspartner. Doch Chinas Einfluss reicht weit über den Handel hinaus. Er zeigt sich in Infrastrukturprojekten, an Universitäten, in diplomatischen Beziehungen und angesichts der sich wandelnden Weltordnung zunehmend auch in politischen Entscheidungen afrikanischer Regierungen.

Chinas wachsender Einfluss birgt sowohl Chancen als auch Probleme. Er bietet afrikanischen Ländern alternative Finanzierungs-, Handels- und Investitionsmöglichkeiten, wirft aber auch Fragen hinsichtlich Verschuldung und Abhängigkeit auf.

Eine veränderte Wirtschaftslandschaft

Chinesische Unternehmen sind heute zentrale Akteure in Bereichen, die früher von westlichen Bauunternehmen und multilateralen Institutionen dominiert wurden. Auf dem gesamten Kontinent haben sie Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen und Energieanlagen in einem Umfang und mit einer Geschwindigkeit errichtet, die viele afrikanische Regierungen mit ihren traditionellen Partnern kaum hätten erreichen können.

Uganda ist ein anschauliches Beispiel für diesen Wandel. Chinesische Unternehmen haben eine führende Rolle beim Bau großer Infrastrukturprojekte wie der Wasserkraftwerke Karuma und Isimba sowie der Schnellstraße zwischen Kampala und Entebbe gespielt. Der Umfang dieser Projekte ist beträchtlich. Das 2024 in Betrieb genommene Karuma-Wasserkraftwerk mit einer Leistung von 600 Megawatt beispielsweise kostete rund 1,7 Milliarden Dollar. Etwa 85 % davon wurden durch einen Kredit der chinesischen Exim-Bank finanziert.

Die Hinwendung zu China erklärt sich auch dadurch, dass Peking bereit ist, große Infrastrukturprojekte zu finanzieren. Kredite, Bauleistungen und Ausrüstung werden häufig über staatlich unterstützte Unternehmen gebündelt angeboten, auch wenn China in den vergangenen zehn Jahren weniger direkte Kredite vergeben hat als zuvor. Für Regierungen mit dringendem Entwicklungsbedarf ist dieses Modell attraktiv, weil es sichtbare Ergebnisse noch innerhalb einer politischen Amtszeit zutage fördert. Gleichzeitig gibt es jedoch Bedenken hinsichtlich Transparenz, Vergabeverfahren und langfristiger Schuldentragfähigkeit.

Der Reiz der Nichteinmischung

Afrikanische Politiker*innen begegnen diesen Sorgen häufig mit dem Hinweis, dass auf diese Weise Infrastrukturdefizite geschlossen würden, die westlich geprägte Ansätze oft nicht beheben konnten. Ein wesentliches Merkmal des chinesischen Engagements ist die offiziell vertretene Politik der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Anders als viele westliche Geber knüpft China seine Finanzierungen in der Regel nicht an Bedingungen in den Bereichen Regierungsführung oder Menschenrechte.

Für viele afrikanische Regierungen ist das ein entscheidender Vorteil. Dort, wo westliche Auflagen als bevormundend oder als Hindernis wahrgenommen werden, erscheint Chinas Ansatz pragmatischer und respektvoller gegenüber staatlicher Souveränität.

Ugandas Präsident Yoweri Museveni, der das Land seit mehr als 40 Jahren regiert, betont regelmäßig die Bedeutung von Infrastrukturfinanzierungen ohne umfangreiche politische Bedingungen. Für ihn ist die Partnerschaft mit China ein bevorzugter Weg, die Entwicklungslücken Ugandas zu schließen.
Kritiker*innen sehen das anders. Sie argumentieren, dass sich ohne politische Auflagen mangelnde Rechenschaftspflichten und bestehende politische Strukturen verfestigten, während Anreize für Reformen wegfielen.

Die Neue Seidenstraße zwischen Entwicklung und Abhängigkeit

Ein großer Teil von Chinas Engagement in Afrika steht im Zusammenhang mit der Belt and Road Initiative (BRI), der sogenannten Neuen Seidenstraße. Über sie wurden Verkehrsnetze, Häfen, Energieprojekte und Industrieinfrastruktur auf dem gesamten Kontinent finanziert. Befürworter*innen argumentieren, diese Investitionen trügen dazu bei, Afrikas Infrastrukturdefizite zu verringern, die Unternehmenskosten zu senken und die Industrialisierung voranzutreiben. Kritiker*innen verweisen dagegen auf eine steigende Schuldenlast, auf die Dominanz chinesischer Unternehmen bei manchen Projekten sowie auf den teilweise begrenzten Transfer von Technologie und Fachwissen. Hinzu kommt die Sorge, manche Länder könnten zu stark von chinesischer Finanzierung und chinesischen Märkten abhängig werden.

Einige Beobachter*innen sprechen deshalb sogar von neokolonialen Zügen in Teilen des chinesischen Engagements. Dieser Vergleich ist umstritten. China regiert keine afrikanischen Gebiete und übt auch keine direkte politische Kontrolle aus, wie sie mit einer Kolonialherrschaft verbunden ist. Allerdings prägen weiterhin Fragen zur Abhängigkeit, Verhandlungsmacht und dazu, ob die lokale Wirtschaft ausreichend von diesen Investitionen profitiert, die Debatte.

Letztlich dürfte wohl weniger entscheidend sein, ob China früheren Kolonialmächten ähnelt, als vielmehr, ob afrikanische Staaten ausreichend von der Partnerschaft profitieren. Straßen, Kraftwerke und Handelsmöglichkeiten sind wichtig. Ebenso entscheidend sind jedoch Technologietransfer, lokale Beschäftigung, industrielle Entwicklung und die Fähigkeit afrikanischer Regierungen, aus einer Position der Stärke heraus zu verhandeln.

Chinas Nullzoll-Regelung

Neben den großen Infrastrukturprojekten gewinnt der Handel zunehmend an Bedeutung. Unter Präsident Xi Jinping gewährt China seit Mai dieses Jahres 53 afrikanischen Staaten zollfreien Zugang zum chinesischen Markt. Von dieser Regelung ausgenommen ist lediglich Eswatini, das wegen seiner Beziehungen zu Taiwan außen vor bleibt. Die Maßnahme erweitert frühere chinesische Präferenzregelungen, die vor allem den am wenigsten entwickelten Ländern zugutekamen, und wird allgemein als Signal verstanden, dass Peking die Handelsbeziehungen zu Afrika weiter vertiefen möchte.

Für Länder wie Uganda ergeben sich daraus große Chancen. Fischprodukte sowie Kaffee, Kakao, Sesam und andere Agrargüter könnten leichter Zugang zu einem der größten Verbrauchermärkte der Welt erhalten. Uganda exportierte 2024 Waren im Wert von rund 92,6 Millionen Dollar nach China, importierte jedoch Produkte im Wert von mehr als 2,7 Milliarden Dollar. Das verdeutlicht das enorme Handelsungleichgewicht, das die Regierung verringern möchte.

Gefährdet der Handel mit China die AfCFTA?

Chinas Nullzoll-Regelung wirft zugleich Fragen über Afrikas eigene Handelsambitionen auf. Die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (AfCFTA), die die Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union in der bevölkerungsreichsten Freihandelszone der Welt vereint, soll den Handel innerhalb Afrikas stärken. Einige Ökonom*innen befürchten nun, dass der erleichterte Zugang zum chinesischen Markt afrikanische Staaten dazu verleiten könnte, sich weiterhin stärker nach außen zu orientieren, statt den regionalen Handel auszubauen.

Andere betrachten beide Initiativen als komplementär. Ein besserer Zugang zum chinesischen Markt könnte afrikanische Unternehmen dazu anregen, ihre Produktion auszuweiten, während die AfCFTA eine regionale Plattform bietet, auf der Güter verarbeitet, weiterverarbeitet und gehandelt werden können, bevor sie globale Märkte erreichen.

Entscheidend wird sein, ob Afrika diese Chancen nutzt, um mehr verarbeitete Produkte zu exportieren und damit einen größeren Teil der Wertschöpfung auf dem Kontinent zu halten, statt weiterhin vor allem Rohstoffe auszuführen. Gelingt dies, könnten Chinas Zollvergünstigungen die Industrialisierung und Exportdiversifizierung fördern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich die seit Langem bestehenden Muster verfestigen, nach denen Afrika Rohstoffe exportiert und Industriegüter importiert.

Die Herausforderung besteht daher nicht nur darin, einfach mehr nach China zu verkaufen, sondern anders zu verkaufen – etwa gerösteten Kaffee statt Kaffeebohnen oder verarbeitete Mineralien statt unverarbeitetem Erz. Nur so können Handelsbeziehungen ausgewogener und für beide Seiten vorteilhaft werden.

Chinas leiserer Einfluss

Während Wirtschaftsfragen oft die Schlagzeilen beherrschen, dehnt sich Chinas Einfluss auch still und leise durch Bildung, Stipendien und kulturellen Austausch aus. Tausende afrikanische Studierende absolvieren ihr Studium in China, viele von ihnen mit Stipendien der chinesischen Regierung. Bereits vor der Covid-19-Pandemie gehörte China zu den wichtigsten Studienzielen für Afrikaner*innen außerhalb des Kontinents. In Uganda bietet das Konfuzius-Institut der Makerere-Universität Mandarin-Kurse für Studierende, Berufstätige und Unternehmer*innen an, die von Chinas wachsender Präsenz profitieren möchten.

Für viele junge Afrikaner*innen ist China heute nicht mehr nur Entwicklungs- oder Handelspartner, sondern auch ein Ort, an dem sich berufliche Netzwerke aufbauen und Karrierechancen erschließen lassen. Zugleich wächst das Interesse an der chinesischen Kultur und Gesellschaft. Ob daraus langfristig politischer Einfluss entsteht, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass diese Form der Soft Power in Diskussionen über Chinas Rolle in Afrika häufig unterschätzt wird.

Wie Afrika China wahrnimmt

Gleichzeitig ist die öffentliche Wahrnehmung Chinas in Afrika keineswegs einheitlich. Während Regierungsvertreter*innen häufig die Vorteile von Infrastrukturprojekten, Handel und Investitionen hervorheben, äußern lokale Unternehmen mitunter Bedenken wegen der Konkurrenz chinesischer Firmen, insbesondere im Bau- und Einzelhandelssektor.

In Uganda verbinden viele Menschen China vor allem mit Straßen, den genannten Kraftwerken und günstigen Konsumgütern. Chinesisch finanzierte Infrastruktur gilt häufig als sichtbarer Beleg für Entwicklung. Gleichzeitig kommen immer wieder Zweifel auf hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, des Umgangs mit lokalen Auftragnehmer*innen und der wachsenden Schuldenverpflichtungen des Landes.

Dennoch ist Chinas Einfluss in weiten Teilen Afrikas insgesamt positiv besetzt. Laut einer Afrobarometer-Umfrage bewerten rund 63 % der Befragten in 34 afrikanischen Ländern Chinas wirtschaftlichen und politischen Einfluss positiv. Besonders häufig wird dabei die Infrastrukturentwicklung als Grund genannt.

Hinzu kommt eine generationelle Dimension. Jüngere Afrikaner*innen, die über digitale Plattformen zunehmend global vernetzt sind, entwickeln eigene Perspektiven, die sich oft weniger an historischen Bündnissen und stärker an wirtschaftlichen Chancen, Beschäftigungsmöglichkeiten und Unternehmertum orientieren.

Eines steht fest: Chinas Rolle in Afrika lässt sich nicht auf ein einziges Narrativ herunterbrechen. Für afrikanische Staaten besteht die Herausforderung nicht darin, sich zwischen China und anderen Partnern zu entscheiden. Entscheidend ist vielmehr, dass alle internationalen Partnerschaften den eigenen Entwicklungszielen dienen. Der wahre Maßstab für ihren Erfolg wird sein, ob sie Arbeitsplätze schaffen, lokale Industrien stärken und langfristigen Wohlstand fördern. In diesem Sinne ist die Geschichte Chinas in Afrika letztlich vor allem eine Geschichte über Afrika selbst – seine Entscheidungen, seine Verhandlungsmacht und seinen Platz in einer sich wandelnden Welt.

Ronald Ssegujja Ssekandi ist ein Autor aus Uganda.
sekandiron@gmail.com  
 

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