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Chinas Wandel vom sehr armen Land zum Exportweltmeister

Seit den frühen 1980er-Jahren ist China von einem sehr armen Land mit niedrigen Einkommen zum Exportweltmeister mit höheren mittleren Einkommen geworden. Diesen Erfolg hat es weder kommunistischer Dogmatik noch marktwirtschaftlicher Orthodoxie zu verdanken. Entscheidend war aus Sicht des Oxforder Ökonomieprofessors Stefan Dercon Pragmatismus.
Blick auf den Lujiazui Financial District in Shanghai, China. picture alliance/dpa/HPIC/Wang Gang
Blick auf den Lujiazui Financial District in Shanghai, China.

Stefan Dercon im Interview mit Hans Dembowski

Die Kommunistische Partei Chinas erklärt ihren spektakulären Wirtschaftserfolg mit ihrer langfristigen Führungsrolle. Ist Diktatur wirklich der Grund?

Nein, so einfach ist es nicht. Tatsächlich sind die Wachstumsraten von Ländern unter autoritärer und demokratischer Herrschaft langfristig ungefähr gleich, wie Studien zeigen. Allerdings weichen Diktaturen viel stärker vom Durchschnitt ab. Ihr Erfolg kann spektakulärer sein, aber dafür sind Krisen oft schlimmer.

Gilt das auch für die Volksrepublik?

Ja, in ihrer Geschichte gibt es beides. In den ersten 30 Jahren nach der kommunistischen Revolution von 1948 blieb China bitterarm. Der sogenannte „Große Sprung nach vorn“ sollte die Dörfer von 1958 bis 1961 industrialisieren, führte aber wegen Vernachlässigung der Landwirtschaft zu einer verheerenden Hungersnot, die 20 bis 30 Millionen Menschen das Leben kostete. Mitte der Sechzigerjahre löste Mao Zedong mit der Kulturrevolution weiteres Chaos aus. Unter Mao stagnierte Chinas Lebensstandard jahrzehntelang auf dem Niveau von armen Ländern südlich der Sahara. Das änderte sich erst, nachdem Deng Xiaoping sich 1978 in den innerparteilichen Konflikten, die 1976 nach Maos Tod einsetzten, durchgesetzt hatte.

Und Deng nutzte dann seine Chance, um die Wirtschaft zu liberalisieren?

Den Eindruck kann man im Rückblick gewinnen, chinesi­sche Fachleute erzählen aber eine andere Geschichte. Anfangs wollte Deng nicht die Wirtschaft, sondern das Regie­rungssystem reformieren. Ein Kernanliegen war die Dezentralisierung der Macht. Kommunistischen Führungs­kräften auf Provinzebene wurde erlaubt, politische Konzepte zu formulieren und umzusetzen. Das Zentral­komitee machte sie dann für die Ergebnisse verantwortlich. Deng verstand, dass eine kleine Gruppe von Menschen in der Hauptstadt ein riesiges Land wie China nicht wirkungsvoll steuern kann. Zwar verfügte das Zentral­komitee über einen funktionstüchtigen Staatsapparat, es konnte aber weder auf lokale Probleme reagieren noch lokale Chancen erkennen.

Dezentralisierung von Entscheidungen ist untypisch für Diktaturen. Es bedeutet ja, dass der oberste Potentat nicht alles am besten weiß. Nötig ist zudem Faktenorientierung. Um sich nicht selbst zu gefährden, sagen Funktionstragende unter autoritärer Herrschaft ihrem „geliebten Führer“ gewöhnlich, was sie glauben, dass er hören will. Ist die Partei unter Deng davon tatsächlich abgewichen?

Ein wesentlicher Grund war, dass Deng Fehler nicht wiederholen, sondern aus ihnen lernen wollte. Dafür steht seine berühmte Metapher „Nach Steinen tastend den Fluss überqueren“. Seine reformorientierte Gruppe in der Parteispitze hatte eine Idee davon, wohin sie das Land führen wollte, aber wie das gelingen könnte, war nicht klar. Dengs Lösung war, verschiedene Konzepte zu testen. Das zeigt, dass er nicht einfach brillante langfristige Strategien implementierte. Wer aus Fehlern lernen will, muss eingestehen, dass es welche gibt. Anstatt Allwissenheit vorzutäuschen, orientierten sich er und andere an der Parteispitze an Tatsachen. 

Wurden denn Fehler gemacht?

Klar, und zwar viele. Heute wissen wir zum Beispiel alle, dass die Sonderwirtschaftszone Shenzhen ein Riesenerfolg war und zum Vorbild für andere Zonen wurde. Kaum bekannt ist dagegen, dass gleichzeitig mit Shenzhen drei weitere Sonderwirtschaftszonen gestartet wurden. Sie scheiterten aber und sind längst vergessen. Mit Sicherheit schlugen auch viele andere Maßnahmen fehl, haben sich aber nicht im kollektiven Gedächtnis festgesetzt.

Heute würden wir sagen, dass Deng Mikromanagement ablehnte. War seine Führungsmethode, die Vision von einem wohlhabenden China zu schaffen, das wieder zu seinem drei Jahrtausende lang gehaltenen Platz als wichtigstes Land der Welt aufsteigen soll? Die Partei scheint sich diesem Ziel bis heute verpflichtet zu fühlen.

Das mag in der Rückschau so aussehen, aber Deng wurde von keinem globalen Ehrgeiz angetrieben. Ihm ging es um den langfristigen Machterhalt seiner Partei in China. Das sollte in den Augen der Menschen legitim sein. Dazu trugen Wirtschaftswachstum, Ernährungssicherheit und Armutsreduzierung bei. Nach den gewaltigen Krisen, die China unter Mao erschüttert hatten, wusste er, wie riskant es ist, sich nur auf gewalttätige Repression zu verlassen. Wirtschaftliche Modernisierung war weniger gefährlich. Die Fortschrittsvision, die Deng im Parteiapparat etablierte, war also eigennützig. Sie war zugleich sowohl hinsichtlich der Armutsreduzierung als auch der Legitimierung der Partei sehr erfolgreich.

Viele Diktaturen sind Kleptokratien ohne irgendein Verständnis von Gemeinwohl. Liegt es am Konfuzianismus, dass das in China anders ist? Die chinesischen Kaiser übten ihre immense Machtfülle ohne Aufsicht aus, sollten dem herrschenden Weltbild zufolge aber für Harmonie in der Gesellschaft sorgen. Im kollektiven Gedächtnis Chinas bedeutet der Kollaps der Zentralgewalt Bürgerkrieg und Not, während starke Kaiser für Frieden stehen.

Ich würde das kommunistische Regime nicht romantisieren. Konfuzianisches Denken mag eine Rolle spielen, aber daran richtet die Parteispitze ihre Entscheidung nicht aus. Meist handelt sie pragmatisch. Sie will die Kontrolle behalten und dabei möglichst wenig Widerstand erfahren. Deshalb versucht sie Probleme zu lösen, bevor sie zu groß werden. Entsprechend unterdrückt das Regime Proteste gegen Missstände wie zum Beispiel Luftverschmutzung nicht gewaltsam, sondern versucht, die Ursache in den Griff zu bekommen. Ende 2022 duldete es zum Beispiel in vielen Städten Massenproteste gegen den Corona-Lockdown. Statt die Demonstrationen zu unterdrücken, beendete es den Lockdown. Das Regime akzeptiert keine Kritik an seiner Führungsrolle, aber öffentliche Debatten über mangelhafte Verwaltung kommen vor.

Ist die Wirtschaftspolitik auch pragmatisch?

Ja, das Regime verfolgt keine langfristig durchkonzipierte Liberalisierungsstrategie. Es ergreift Chancen, wo es welche erkennt. Würde die Partei von marktwirtschaftlicher Orthodoxie geleitet, hätte sie die riesigen, defizitären Staatsbetriebe längst privatisiert. Sie scheut aber offenbar die damit verbundenen Konflikte. Von diesen Firmen hängen Millionen von Arbeitsplätzen sowie Karrieren von Parteikadern ab.

In europäischen Umweltschutzkreisen heißt es manchmal, langfristiges Denken habe China zum Vorreiter in der Klimapolitik gemacht, der erneuerbare Energie und E-Mobilität voranbringt. Stimmt das?

Ich sehe vor allem kurzfristigen Pragmatismus. China hat kaum fossile Rohstoffe, also ist es sinnvoll, auf ­erneuerbare Energie zu setzen. Sobald so ordentlich Strom erzeugt wird, wird E-Mobilität attraktiv. Zudem will das Regime so viel wie möglich exportieren und versucht zu antizipieren, wofür es künftig globale Nachfrage geben wird. Angesichts der internationalen Klimadebatte will es in relevanten Technikfeldern möglichst große Marktanteile gewinnen. Ich würde keine Diktatur mit vermeintlich langfristigem Denken rechtfertigen, wenn kurzfristige Kalküle so offensichtlich sind.

Fußt die Wirtschaftspolitik der Partei auf irgendeiner grundlegenden Idee?

Lange Zeit ging es ihr darum, Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft, in der sie in großem Elend schufteten, graduell und kontrolliert in produktivere Industriearbeitsplätze umzusetzen. Das war nicht nur wegen der riesigen Landbevölkerung recht einfach, sondern auch, weil die neuen Industriebranchen keine bestehenden Unternehmen bedrohten. Heute ist die Lage schwieriger, unter anderem wegen des demografischen Wandels. Als China noch ein Land mit niedrigen Einkommen war, waren die Früchte des Wachstums auch eindrucksvoller. Wer sein erstes Paar Schuhe bekommt, erlebt einen großen Fortschritt. Das zweite Paar Schuhe ist immerhin noch eine Verdopplung des Bestandes. Das fünfte oder sechste Paar sind dagegen eigentlich unwichtig. Sobald die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft befriedigt sind, werden Menschen anspruchsvoller und wollen wissen, wie es langfristig weitergeht. Vermutlich soll die nationa­listische Rhetorik von Xi Jinping von solchen Dingen ablenken.

Will die Partei immer noch aus Fehlern lernen – zum Beispiel im Kontext der neuen Seidenstraßenpolitik, mit der China Infrastrukturprojekte in Entwicklungsländern finanziert? Staatsschulden sind wieder ein großes Problem, und zwar nicht nur in Afrika.

Chinas Kreditvergabe ist viel zurückhaltender geworden. Die Verantwortlichen wollen nicht ihr Gesicht verlieren, also sprechen sie nicht öffentlich von Fehlern. Ihr Handeln zeigt aber, dass sie Risiken jetzt deutlicher wahrnehmen. Der Höhepunkt der Darlehensauszahlungen ist neun Jahre her. Anfangs dachten Entscheidungstragende, sie könnten mehrere Probleme gleichzeitig lösen, indem sie Privatfirmen Vorhaben im Ausland mit staatlichen Krediten umsetzen ließen. Sie wollten Handelschancen verbessern, heimische Beschäftigungsprobleme reduzieren und Chinas internationales Ansehen stärken. Sie haben mittlerweile erlebt, dass Dinge schieflaufen können, und dass Korruption solche Probleme oft verschlimmert.

Wie sieht es mit Korruption in China selbst aus?

Weil das Land kaum Kontrollmechanismen hat, wird sie immer ein Thema bleiben. Studien zeigen jedoch, dass die Partei sie im Griff behalten will. Autoritäre Regime nutzen Anti-Korruptionskampagnen meistens, um Opponierende aus Führungspositionen zu entfernen. Dagegen scheint Chinas Regime tatsächlich die illegitime Selbstbereicherung im Apparat möglichst stark einschränken zu wollen.

Was können Entwicklungsländer von China lernen?

Jedenfalls nicht, dass staatlich gelenkte Wirtschaft automatisch Entwicklung bringt. Eine richtige Lehre wäre vielmehr, dass Fakten wichtig sind und dass aus Fehlern gelernt werden muss. Wichtig ist zudem eine Vorstellung vom Gemeinwohl im Sinne einer gemeinsamen Verpflichtung aller, die Macht ausüben, Entwicklung und Wachstum voranzubringen. Es ist zwar klar, dass das chinesische Regime repressiv agiert, wenn es sich bedroht fühlt, andererseits hat es jedoch verstanden, sich in den Augen der Bevölkerung durch die Verbesserung des Lebensstandards Legitimität zu verschaffen. Auf diese Art von Legitimität kommt es übrigens auch in westlichen Ländern an. Trotz demokratischer Verfassungen lassen weitverbreitete wirtschaftliche Sorgen und soziale Unzufriedenheit die Zustimmung für autoritäre rechte Kräfte wachsen, die dann die Legitimität der Regierung infrage stellen. Um das zu ändern, müssen Staaten den Bedürfnissen und Erwartungen der Menschen wieder gerecht werden.  

Stefan Dercon lehrt Entwicklungsökonomie an der Universität Oxford. Sein Buch „Gambling on development – Why some countries win and others lose“ (London, 2023; Hurst & Company) enthält auch ein Kapitel über China.
stefan.dercon@economics.ox.ac.uk    

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