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Film

Flucht und Exil aus der Sicht eines Kindes

„Kanaval“ ist ein authentischer und einfühlsamer Film über Flucht, Fremdsein und die Suche nach einem neuen Anfang, eindringlich erzählt mit mythischen Bildern. Besonders beeindruckend ist auch die persönliche Geschichte des Hauptdarstellers.
Rayan Dieudonné aus Haiti in der Rolle des neunjährigen Rico. Kanaval 2023
Rayan Dieudonné aus Haiti in der Rolle des neunjährigen Rico.

Dieser Beitrag ist der fünfte unseres Kultur-Spezialprogramms für 2026 mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz. 

Haiti, 1975. Es ist Karneval. Dem Verbot seiner Mutter zum Trotz schlüpft der neunjährige Rico allein durch die Haustür und streift durch die kleine Hafenstadt. Karibische Rhythmen, fantastische Kostüme, Lachen und Tanz erfüllen die Straßen, und Ricos Fantasie verwebt alles zu einem mystischen Kosmos. „Es ist zu gefährlich“, hatte seine Mutter noch gewarnt. „Heute Nacht weiß man nicht, wer wer ist.“ Der Karneval – er hebelt kurzzeitig die Realität aus, die Hierarchien, die Zugehörigkeiten. Doch er ist nur Schein.

Für Rico soll dieser surreal anmutende Streifzug der letzte in seiner Heimatstadt sein. Als er nach Hause zurückkehrt, sieht er, wie seine Mutter Erzulie von Regierungsschergen des Diktators Jean-Claude Duvalier zusammengeschlagen wird. Noch in derselben Nacht fliehen die beiden Richtung USA und Kanada. Haitianische Oppositionelle helfen ihnen, bis sie bei einem kanadischen Ehepaar auf dem Land unterkommen können.

Der Kontrast zu ihrer Heimat könnte kaum größer sein. Im tiefen Schnee kommen sie in einem kleinen Dorf an, das seine eigenen gesellschaftlichen Strukturen und Konventionen hat. Während Erzulie mit dem Trauma kämpft und sich kaum um ihren Jungen kümmern kann, nehmen sich die Eheleute Albert und Cécile des Jungen mit viel Zuneigung und Geduld an. Albert nimmt Rico mit zur Motorschlittenfahrt und zur Jagd. Doch ob im Dorf oder in der Schule – Rico erfährt immer wieder Rassismus und Mobbing. 

Die abwertenden Bemerkungen und der Spott der Dorfbewohner*innen richten sich dabei auch gegen das Paar, das ihn aufgenommen hat. Mit ihrer mitfühlenden Art wollen Albert und Cécile ohnehin nicht recht in die eingefahrene Dorfgemeinschaft passen. Zugehörigkeit und Heimat, so bekommt man das Gefühl, haben nicht nur mit dem Ort zu tun, an dem wir leben und aufgewachsen sind, sondern viel mit den Menschen, die uns umgeben. Albert und Rico werden zu einem ungewöhnlichen, ungleichen und doch starken Team, das mit Humor und der gemeinsamen Sehnsucht nach schönen Momenten der Situation trotzt.

Unglück überwinden

Neben der Geschichte ist es vor allem die Atmosphäre, die „Kanaval“ besonders macht: Einfühlsame Musik und magisch-surreale Filmmomente verleihen Ricos Gefühlswelt Ausdruck. So erfindet er sich einen unsichtbaren Freund, einen kleinen Jungen mit Anlehnungen an die haitianische Mythenwelt, der ihm durch die schwierigen Zeiten hilft. Erst zum Ende des Films, als sich das Schicksal zum Guten wendet, verabschiedet sich sein imaginärer Begleiter. „Auch wenn Menschen Schreckliches widerfahren ist, können sie wieder glücklich werden“, erläutert der luxemburgische Koproduzent Neigeme Glasgow-Maeda, der aus Trinidad und Tobago stammt. 

Besonders sticht die Darstellung des jungen Rico hervor, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird: Rayan Dieudonné beeindruckt mit seiner ausdrucksstarken und authentischen Art – solch überzeugende Kinderdarsteller sieht man selten im internationalen Film. Dies ist besonders beeindruckend, wenn man die Geschichte seines Castings kennt: „Wir haben ihn in einem Gemeindezentrum in Québec gefunden, als er noch Flüchtling war“, erzählt Glasgow-Maeda. Schauspielerfahrung hatte der Zehnjährige keine – wohl aber die entscheidende Lebenserfahrung: Dieudonné stammt selbst aus Haiti. Glasgow-Maeda erzählt, dass er zusammen mit seiner Familie nach Venezuela floh, den Kontinent in Richtung Norden durchquerte und schließlich zu Fuß die gefährliche Roxham-Route von den Vereinigten Staaten nach Kanada zurücklegte. Als er dort ankam, habe er Haitianisch-Kreolisch, Französisch, Englisch und Spanisch gesprochen. „In vielerlei Hinsicht“, so Glasgow-Maeda, „hat er in ,Kanaval‘ seine eigene Geschichte gespielt“.

Film 
Kanaval, 2023. Kanada, Luxemburg, Haiti, 1 h 52 min. Regisseur: Henri Pardo.

Eva-Maria Verfürth ist Chefredakteurin von E+Z.
euz.editor@dandc.eu    

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