Entwicklung und
Zusammenarbeit

Demokratieindex

Der Weg in die Autokratie ist umkehrbar

Mit dem Aufstieg Chinas, der Wiederwahl Donald Trumps und der gefestigten Herrschaft Vladimir Putins scheint die Welt ein neues autoritäres Zeitalter zu erleben. Tatsächlich beobachten Forschungsinstitute, dass die Autokratisierung weltweit voranschreitet. Dennoch wäre es voreilig, die Demokratie abzuschreiben.
Anhänger*innen des ungarischen Oppositionsführers Peter Magyar bei der Gedenkfeier zur ungarischen Revolution von 1956 in Budapest im November 2025. picture alliance/ZUMAPRESS.com/Daniel Alfoldi
Anhänger*innen des ungarischen Oppositionsführers Peter Magyar bei der Gedenkfeier zur ungarischen Revolution von 1956 in Budapest im November 2025.

Die US-Organisation Freedom House warnt in ihrem „Freedom in the World“-Bericht 2026 vor einem „Growing Shadow of Autocracy“, und laut dem Göteborger Demokratieforschungsprojekt V-Dem leben heute 74 % der Weltbevölkerung in autokratischen Systemen. Nur noch ein kleiner Teil von rund sieben Prozent lebt in liberalen Demokratien.

Militärputsche in Burkina Faso und Niger, autoritäre Umbauten in Georgien und El Salvador sowie einbrechende Demokratiewerte in den USA seit Donald Trumps zweiter Amtszeit tragen zu dieser Entwicklung bei. Auch Indien gilt längst nicht mehr als größte Demokratie der Welt, 
sondern wird im V-Dem-Bericht als „Wahlautokratie“ eingeordnet.

Der Bertelsmann Transformation Index (BTI) 2026 zählt inzwischen 52 Staaten zu den harten Autokratien, in denen Grundrechte systematisch eingeschränkt werden. 

Autokratien sind auf dem Vormarsch, doch auch der Widerstand wächst

Doch während sich neue Autokratien herausbilden und festigen, stehen immer mehr autokratische Regierungen breitem Widerstand aus der eigenen Bevölkerung gegenüber. Gerade im Globalen Süden und in Osteuropa haben sich in den letzten Jahren neue politische Bewegungen formiert. 

In Sri Lanka trugen Massenproteste gegen Misswirtschaft und Korruption später zu Neuwahlen und einem demokratischen Machtwechsel bei. In Bangladesch brachten Studentenproteste 2024 trotz massiver Repressionen einen Regierungswechsel mit Neuwahlen 2026 hervor. Auch in Nepal und der Mongolei mobilisierten junge Protestbewegungen gegen Korruption und autoritäre Tendenzen und erreichten weitreichende politische Veränderungen. International bekannt wurden die Proteste als sogenannte „GenZ-Proteste“.

Jüngst führte eine breite politische Bewegung in Ungarn einen Regierungswechsel herbei, der noch vor wenigen Jahren in Viktor Orbans „Wahlautokratie“ – wie V-Dem das Land einordnete – unmöglich erschien.

Der Mythos der effizienten Autokratie wird widerlegt

Die Proteste richten sich gegen Korruption, schlechte Regierungsführung, staatliche Willkür, Ungleichheit und Ressourcenverschwendung. Während sich Autokratien in der Außendarstellung als effizient und stark präsentierten, erlebten viele Bewohner*innen von Autokratien das Gegenteil und zeigten ihren Unmut, so der BTI 2026.

In Serbien stürzte im November 2024 das Dach des Bahnhofs Novi Sad ein, 15 Menschen starben. Der Bahnhof war nach Umbaumaßnahmen erst vier Monate vorher wiedereröffnet worden. Anschließend gingen mehr als 100.000 Menschen für Demokratie und gegen Machtmissbrauch und Korruption der autoritären Regierung auf die Straße. Die Antiregierungsproteste dauern seither an und gelten als Teil der „GenZ-Proteste“.

Mit dem Aufstieg Chinas entwickelte sich die Vorstellung, dass Autokratien mit mehr Effizienz regieren würden als Demokratien. Der BTI 2026 widerlegt diesen Mythos: China steht in Sachen Gestaltungsfähigkeit und Ressourceneffizienz im Ranking hinter den allermeisten Demokratien. Unter den Staaten des Globalen Südens und Osteuropas landet China auf Platz 25 (Gestaltungsfähigkeit) bzw. Platz 29 (Ressourceneffizienz) und damit hinter der Republik Moldau, Botswana und der Ukraine. In Europa werden in Sachen Ressourceneffizienz nur Bosnien, Belarus und Russland schlechter als Serbien bewertet. Singapur, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar sind im BTI 2026 die einzigen Autokratien, die bei den genannten Kriterien mit den meisten Demokratien mithalten können. 

In Autokratien wird Loyalität in Patronage-Netzwerken belohnt und nicht die Effizienz und Wirksamkeit politischer Vorhaben, erklärt der BTI. Das führe zu Korruption, Ungleichheit, Inkompetenz und grassierendem Missmanagement – verbunden mit teilweise katastrophalen Folgen für die Gesellschaft. Mit den „GenZ-Protesten“ macht die Bevölkerung auf die Missstände aufmerksam und fordert Veränderung und Regierungswechsel.

Massenbewegungen trotzen massiver Repression

Viele autokratische Regierungen reagieren mit schwerwiegenden Repressionen von Social-Media-Verboten bis hin zu Schusswaffeneinsatz und Gewalt gegen Protestierende. Nicht wenige Staaten setzten sich damit durch. Die gewaltreichste Repression erlitt die Antiregierungsbewegung im Iran im Januar 2026. Innerhalb weniger Tage wurden Schätzungen zufolge mehrere zehntausend Menschen getötet und weitere Zehntausende verhaftet. Es waren die tödlichsten Repressionen weltweit seit dem sogenannten Rabaa-Massaker an Anhänger*innen der Muslimbruderschaft in Ägypten 2013 und seit der Niederschlagung des Arabischen Frühlings durch Militär und Geheimdienste in Syrien 2011/2012.

Dagegen brachten die Antiautokratie-Proteste in Nepal, Sri Lanka und Bangladesch – trotz Repressionen mit insgesamt mehreren hundert Toten – Übergangsregierungen hervor, die demokratische Wahlen organisieren konnten. In Staaten wie Ungarn und Polen wurden – in einem Bündnis aus politischer Opposition und breiter Massenbewegung – Wahlen gegen die amtierende Regierung gewonnen, obwohl die Ausübung von Pressefreiheit und die Freiheit der Justiz bereits über Jahre eingeschränkt worden waren.

Die Beispiele zeigen, dass selbst langjährige Autokratisierungsprozesse Widerstand nicht unmöglich machen. In Staaten wie Serbien, Georgien, Kenia, Peru und Indonesien halten Proteste trotz voranschreitender Autokratisierung an.

Die internationale Aufmerksamkeit konzentriert sich derzeit noch auf die Präsenz autokratischer Akteure wie Trump, Putin und Xi Jinping. Weniger Beachtung findet dagegen, dass gleichzeitig Massenbewegungen gegen autokratische Herrschaft weltweit eine Wiederauferstehung feiern, wie der BTI 2026 verdeutlicht. Im Schatten der Autokratisierung hat sich Widerstand in einer Vielzahl von Weltre­gionen gebildet.

Marius Moniak ist Politikwissenschaftler und Medizinstudent mit den Schwerpunkten globale politische Trends, Konflikte und autokratische Regime. Außerdem engagiert er sich in der humanitären Gesundheitsversorgung in Frankfurt am Main.
euz.editor@dandc.eu

Neueste Artikel

Beliebte Artikel