Lieferketten
Europa orientiert sich um: Energie kommt bald auch aus Lateinamerika
Die Auswirkungen des jüngsten Kriegs im Nahen Osten auf die Weltwirtschaft sind deutlich – und drastisch. Das zeigt sich bisher vor allem auf dem Energiemarkt: Der Preis für Rohöl stieg von rund 60 Dollar im Februar 2026 auf zeitweise über 100 Dollar pro Barrel seit April. Auf dem europäischen Markt für Erdgas stieg der Preis von Februar bis Mai um rund 40 %, von 32 €/MWh auf über 45 €/MWh.
Europa erlebt damit bereits die zweite Energiekrise innerhalb weniger Jahre. Die erste wurde durch den Angriff Russlands auf die Ukraine ausgelöst: In kürzester Zeit mussten russische Öl- und Gasimporte ersetzt werden. EU‑Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte daher 2023 „Derisking“ zu einem Leitprinzip der europäischen Energiesicherheit: Diversifizierung wurde zum zentralen Bestandteil der Beschaffungsstrategien. Auch in Deutschland.
Deutschlands alternative Gasquelle versiegt
Deutschland setzte nach dem Stopp russischer Gaslieferungen vor allem auf zwei Maßnahmen: mehr Pipelinegas aus Norwegen und den schnellen Aufbau von Flüssiggas-(LNG)-Importkapazitäten. Inzwischen deckt Norwegen fast die Hälfte der deutschen Gasimporte. Allerdings wird das Kapazitätslimit in Norwegen bald erreicht sein, neue Gasfelder werden nicht erschlossen.
Zugleich hat Deutschland seit 2022 mehrere LNG-Importterminals errichtet, die zukünftig auch auf Wasserstoff umgerüstet werden können. LNG wird per Schiff transportiert und ist nicht an feste Pipelineverbindungen gebunden, was neue Möglichkeiten eröffnet. Doch auch neue LNG-Lieferketten nach Deutschland sind aktuell noch anfällig.
So verhandelt Deutschland schon seit 2022 mit Katar über einen Liefervertrag von 2 Millionen Tonnen LNG pro Jahr. Doch Katars Exporte sind abhängig davon, dass Schiffe die Straße von Hormus passieren können. Hinzu kommt, dass iranische Angriffe im März 2026 die große LNG-Anlage Ras Laffan massiv beschädigten. Damit ist die angestrebte neue Lieferkette schon wieder unterbrochen. Heute stammen mehr als 90 % der deutschen LNG-Importe aus den USA.
Südamerika wird für Europa interessanter
Die deutsche Industrie und der Handel dürften daher nun verstärkt Lateinamerika in den Blick nehmen: Die Region gilt größtenteils als stabil, und der Atlantik bietet für Europa sichere Transportwege. Hinzu kommt, dass europäische Unternehmen wie Shell, TotalEnergies und Repsol bereits in Brasilien, Guyana, Mexiko und Argentinien aktiv sind.
Energiepolitisch ist Lateinamerika jedoch kein einheitlicher Raum. Mexiko unter der Klimawissenschaftlerin Claudia Sheinbaum und Kolumbien – sollte es nach der Stichwahl Ende Juni zu einer linksgerichteten Regierung kommen – dürften ihre Öl- und Gasexporte eher reduzieren und mehr Energie im Binnenmarkt halten. Andere Länder hingegen bereiten sich auf den Export fossiler Rohstoffe vor.
Für den Ölmarkt sind vor allem Brasilien und Guyana relevant. Beide haben ihre Offshore-Produktion deutlich ausgeweitet. Guyanas Anteil an den deutschen Rohölimporten stieg von nahezu null im Jahr 2021 auf sechs Prozent im Jahr 2025 und lag damit über dem Nigerias.
Auch der LNG-Markt wächst. Trinidad und Tobago sowie Peru exportieren bereits LNG nach Europa Ihre Liefermengen sind aber begrenzt. Das größte Potenzial liegt in Argentinien. Das Schiefergasfeld Vaca Muerta zählt zu den größten der Welt, und der Aufbau von LNG-Infrastruktur ist geplant.
Ende 2025 unterzeichneten Argentinien und Deutschland bereits eine Vorvereinbarung über LNG-Lieferungen von bis zu 2 Millionen Tonnen jährlich ab 2027.
LNG kann die Brücke zur Energiewende werden – wenn die Bedingungen stimmen
Deutschland fördert seit vielen Jahren den Ausbau von erneuerbaren Energien und die Produktion von grünem Wasserstoff in lateinamerikanischen Ländern. Man könnte argumentieren, dass der Fokus auf LNG dem entgegensteht. Tatsächlich muss beides aber kein Widerspruch sein: LNG kann als Brückentechnologie dienen, und die Exporteinnahmen können die Energiewende in der Region mitfinanzieren.
Die zusätzlichen Einnahmen aus Öl und LNG können etwa in Windparks, Elektrolyseure und Wasserstoffleitungen fließen sowie in die Produktion klimafreundlichen Stahls, Aluminiums und Düngers auf Basis emissionsarmen Wasserstoffs. Dafür spricht, dass Energieunternehmen wie Petrobras in Brasilien und YPF in Argentinien teilweise staatlich sind und bereits in erneuerbare Energien, CO2-Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) und Wasserstoff investieren.
Selbstverständlich ist ein solcher Effekt aber nicht. Öl- und vor allem LNG-Exporte können nur dann zur Energiewende beitragen, wenn Regierungen und Unternehmen die zusätzlichen Mittel tatsächlich für Dekarbonisierung nutzen. Deutschland und Europa könnten darauf hinwirken. Derartige Bemühungen sind aber nur dann glaubwürdig und erfolgversprechend, wenn die eigenen Klimaschutzziele (z. B. EU Green Deal, Fit for 55) konsequent weiterverfolgt werden.
Andreas Stamm ist Projektleiter und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Transformation der Wirtschafts- und Sozialsysteme“ am German Institute of Development and Sustainability (IDOS).
andreas.stamm@idos-research.de
Verónica Robert ist Professorin für Wirtschaftsentwicklung an der Universidad Nacional de San Martín in Argentinien.
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