Bolivien
Der ungehobene Schatz der Anden
Der Salar de Uyuni mit einer Fläche von mehr als 10.000 Quadratkilometern ist die größte Salzpfanne der Welt, die Haupttouristenattraktion Boliviens und zugleich eine der weltweit größten bekannten Lithiumlagerstätten. Das begehrte Leichtmetall wird vor allem für Speicherbatterien gebraucht – und damit für alles von Smartphones über Elektroautos bis hin zu Großspeichern. Es ist essenziell für E-Mobilität und den Umstieg auf erneuerbare Energien, und der Bedarf steigt rasant: Die International Energy Agency (IEA) schätzt, dass sich die Lithiumnachfrage bis 2040 verfünffachen wird.
Mit seinen Lithiumvorkommen liegt Bolivien weltweit auf Platz zwei. Von den 150 Millionen Tonnen Lithium, die laut dem US Geological Survey von 2026 bekannt sind, verfügt Bolivien über schätzungsweise 23 Millionen, hinter Argentinien mit 28 Millionen und vor Chile mit 13 Millionen Tonnen. Zusammen bilden die Vorkommen der drei Länder in den Anden das sogenannte Lithiumdreieck. Für Bolivien, eines der ärmsten Länder Südamerikas, bietet dieser natürliche Schatz eine große Chance auf Wirtschaftswachstum durch neue Rohstoffeinnahmen.
Das Lithium ist noch im Salzwasser gebunden
Unter Evo Morales, der von 2006 bis 2019 Präsident war, wurden Boliviens Lithiumvorkommen zu Staatsbesitz erklärt. Doch dem Land fehlen Geld, Technik und Know-how für die Förderung und Weiterverarbeitung. Zwar hat Ende 2023 das Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) am Salar de Uyuni die erste industrielle Anlage zur Lithiumgewinnung in Betrieb genommen, sie hat jedoch verschiedene Konstruktions- und Betriebsprobleme und produziert nur einen Bruchteil der vorgesehenen Menge.
Bolivien ist für die Förderung daher auf die Zusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen angewiesen, was bislang jedoch weitgehend fehlschlug. So wurden in den vergangenen Jahren Vereinbarungen mit chinesischen und russischen Firmen getroffen, um Anlagen zur Lithiumgewinnung an mehreren bolivianischen Salzpfannen zu bauen. Daraus sind zwei Verträge für die Errichtung von industriellen Anlagen hervorgegangen, mit der russischen Firma Uranium One, die zum Staatskonzern Rosatom gehört, und mit einem chinesischen Konsortium. Laut bolivianischem Gesetz müssen derartige Verträge aber vom Parlament abgesegnet werden, was bisher an politischer Uneinigkeit, Kritik am Verfahren und an einzelnen Vertragsinhalten scheiterte – sodass der Bau der Anlagen bis heute nicht begonnen hat.
Ein neues Gesetz soll Investitionen anlocken
Seit November 2025 ist in Bolivien eine neue Regierung am Ruder. Der konservative Präsident Rodrigo Paz von der Christlich-Demokratischen Partei PDC steht für eine komplett andere Wirtschaftspolitik als sein Vorgänger Luis Arce, der ebenso wie Evo Morales der Partei Movimiento al Socialismo (MAS) angehörte. Auch Präsident Paz hat das Ziel, die Lithiumgewinnung endlich in Gang zu bringen und Einnahmen zu generieren, setzt dabei aber auf andere Partner.
Die neue Regierung erarbeitet nach eigenen Angaben ein neues Lithiumgesetz als Teil eines Gesetzespakets für den Bereich Energie und kritische Mineralien. Damit sollen Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit demonstriert werden, um internationale Investitionen anzulocken, wie es vom zuständigen Ministerium hieß.
Während sich die MAS-Regierung vom Westen abgewendet und am Staatenbund BRICS orientiert hatte – der ein Gegengewicht zum Westen schaffen und das globale Finanzsystem unabhängiger vom US-Dollar machen möchte –, wendet sich die Regierung unter Rodrigo Paz wieder stärker Europa zu. Sie hat sogar, nach zwei Jahrzehnten Eiszeit, die diplomatischen Beziehungen zu den USA wieder aufgenommen. Die neue Regierung signalisiert ausdrücklich Offenheit für Kooperationen mit westlichen Unternehmen, unter anderem im Rohstoff-, Energie- und Technologiesektor. Die Verträge mit den russischen und chinesischen Lithium-Unternehmen hingegen will sie prüfen lassen.
Ein Zeichen für das neue, engere Verhältnis zum Westen war der Besuch einer Delegation der Europäischen Union (EU) im Februar in Bolivien. Zentrales Thema waren erneuerbare Energien. Auch ein Besuch am Salar de Uyuni stand auf dem Programm.
Die EU und Deutschland steigen als Partner ein
Die EU hat der bolivianischen Regierung Investitionen von 11 Millionen Euro im Rahmen der Global-Gateway-Initiative zugesichert – dem Investitionsprogramm für nachhaltige Infrastrukturprojekte im Globalen Süden. Außerdem finanzieren die EU und das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gemeinsam das Programm EU4ProTransición mit 9 Millionen Euro. Es soll ebenfalls der Energiewende in Bolivien dienen, darunter der Erzeugung von grünem Wasserstoff und der Lithiumgewinnung.
Kurz nach der Reise unterschrieb zudem das Unternehmen EAU Lithium, ein Konsortium aus dem australischen Bergbauunternehmen EAU Mining und der deutsch-australischen Firma Vulcan Energy Resources, eine Verhandlungsvereinbarung mit YLB. Damit ist das Land der Errichtung weiterer industrieller Anlagen zur Lithiumextraktion einen Schritt näher gekommen.
Internationale Kooperation – aber auch Schutz der eigenen Ressourcen
Von einer Maßnahme der Vorgänger ist die Paz-Regierung aber nicht abgerückt: von der Verstaatlichung der Ressourcen. Auch sie hat das Ziel, möglichst die ganze Wertschöpfungskette für Lithium-Ionen-Batterien im eigenen Land aufzubauen. In Bolivien ist die Angst groß, der wertvolle Rohstoff könne an ausländische Firmen verkauft werden, die sich daran bereichern, ohne dass Bolivien in nennenswertem Umfang profitiert. Mit dieser Art von Ausbeutung hat das Land schon in der Kolonialzeit schlechte Erfahrungen gemacht, als die Spanier ihren Reichtum auf den – damals weltgrößten – Silbervorkommen des Cerro Rico in Potosí aufgebaut haben.
Ein weiteres sensibles Thema sind die sozialen und ökologischen Folgen der Lithiumgewinnung. Viele Menschen, die an den Salzpfannen leben, sind gegen eine industrielle Nutzung. Sie beklagen mangelnde Beteiligung und befürchten Einbußen im Tourismus sowie Nachteile für das fragile Ökosystem. Die Indigene Vertretung der Provinz Nor Lípez beispielsweise verbot im Sommer 2025 den chinesischen und russischen Unternehmen kurzerhand den Zutritt zu ihrem Territorium: Die Verträge seien ohne die Zustimmung der Indigenen Völker geschlossen worden.
Bisher findet die Lithiumgewinnung am Salar de Uyuni mittels Verdunstung statt. Dieser Prozess dauert nicht nur lange, sondern verbraucht auch sehr viel Wasser – eine Ressource, die im Andenhochland knapp ist. Inzwischen wird ein anderes Verfahren vorangetrieben: die direkte Lithiumextraktion. Dabei wird der Rohstoff mittels eines Adsorptionsmittels direkt aus der Sole extrahiert und das Wasser anschließend zurückgeleitet. Die Methode gilt als wasserschonend und umweltfreundlich, sie ist wesentlich schneller und braucht weniger Platz als der Verdunstungsprozess. Zudem ist das gewonnene Lithium von großer Reinheit. Mit diesem Verfahren arbeitet auch EAU Lithium.
Dafür, dass es nicht nur technisch vorangeht, sondern auch Menschen und Umwelt respektiert werden, will sich das BMZ einsetzen. BMZ-Referentin Christina Seeberg-Elverfeldt, die Teil der EU-Delegation war, versicherte bolivianischen Medienberichten zufolge: „Es ist entscheidend, die Gemeinschaften und die sozialen und Umweltstandards zu respektieren; hier können wir einen Beitrag leisten.“
Katja Dombrowski ist Journalistin mit entwicklungspolitischem Schwerpunkt und ehemalige Redakteurin von E+Z. Von August 2022 bis Januar 2025 arbeitete sie im Auftrag des Weltfriedensdienstes e.V. in Bolivien.
kd@katja-dombrowski.info
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.