Nachhaltigkeit

Landwirtschaftliche Produktivität neu denken

Das herkömmliche Verfahren zur Messung landwirtschaftlicher Produktivität blendet langfristige Effekte aus. Ein anderer Ansatz ist nötig, um nachhaltige Landwirtschaft zu fördern und zu belohnen.
Pestizideinsatz auf einem Weizenfeld in Punjab, Indien. picture-alliance/ASSOCIATED PRESS/Manish Swarup Pestizideinsatz auf einem Weizenfeld in Punjab, Indien.

Die Menschheit steht vor der Herausforderung, eine wachsende Weltbevölkerung mit begrenzten Ressourcen ernähren zu müssen. Dazu gilt es, die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern. Sie wird traditionell definiert als die Erzeugung von mehr Output (Ernte) bei gleichem Input (Fläche, Boden, Kapital, Arbeit) oder von gleichem Output bei geringerem Input. Wirtschafts-wissenschaftler*innen bezeichnen dies als „total factor productivity“ (TFP), eine weit verbreitete Messgröße, um landwirtschaftliche Effizienz zwischen Ländern zu vergleichen und Fortschritt zu beziffern.

Allerdings berücksichtigt TFP die langfristigen Folgen der landwirtschaftlichen Praktiken für Böden, biologische Vielfalt, Gesundheit und Menschen nicht. Das ist fatal, weil eine kurzfristige Produktivitätssteigerung die Bedingungen für künftige Produktivität in vielerlei Hinsicht gefährden kann. Zum Beispiel können intensive Anbaumethoden dem Boden schaden; Düngemittel können gesundheitliche Probleme verursachen; und zu geringe Regenerationszeiten können die Humusschicht verringern. Insofern TFP diese Aspekte nicht berücksichtigt, bleibt das Bild unvollständig.

Ein Beispiel hierfür ist die „Grüne Revolution“, die Indien in den 1960er-Jahren als Reaktion auf zwei Hungersnöte begann. Angeführt von dem Genetiker M. S. Swaminathan wurden in der westlichen Region Punjab Hochertragssorten von Weizen und Reis eingeführt, um die Produktivität zu steigern. Rekordernten waren die Folge. Indiens „Grüne Revolution“ erfuhr entsprechend viel Anerkennung dafür, dass sie die wachsende Bevölkerung ernährt und die ländliche Armut verringert hat.

Negative Folgen der „Grüne Revolution“ in Indien

Jahrzehnte später zeigen sich jedoch zunehmend die negativen Auswirkungen. Die einst als „Land der fünf Flüsse“ bekannte Region Punjab steht wegen des wasserintensiven Reisanbaus unter hohem Risiko der zunehmenden Wüstenbildung innerhalb der nächsten 25 Jahre. Anhaltende Bodendegradation, eine geringere Saatgutvielfalt und die sich verschlechternde Gesundheit der Bewohner*innen sind beständige Herausforderungen. Außerdem werden Regen- und Trockenzeiten durch die Klimakrise immer weniger vorhersehbar.

Auch die sozialen Folgen sind schwerwiegend. Bauern sind gezwungen, teures gentechnisch verändertes Saatgut und Düngemittel von Großkonzernen zu kaufen, um die ausgelaugten Böden bewirtschaften zu können. Dies führte zu hoher Verschuldung und zehntausenden Suiziden jährlich. Darüber hinaus ist Punjab wegen des weit verbreiteten Einsatzes gefährlicher Agrochemikalien als Indiens „Krebshauptstadt“ berüchtigt.

Trotz alldem kommen Metriken wie TFP zu dem Ergebnis, dass die „Grüne Revolution“ Indiens Produktivität steigerte. Sie konzentrieren sich auf kurzfristige wirtschaftliche Leistung statt auf den langfristigen Nettogewinn für Planet und Mensch. Der potenzielle langfristige Schaden fällt unter den Tisch. Landwirtschaftliche Praktiken, die nachhaltige Produktivität untergraben und einem erfüllten und gesunden Leben im Weg stehen, sollten aber nicht als produktiv bezeichnet werden.

Produktivität versus Reproduktivität

Inzwischen besteht breiter Konsens darüber, dass sich die Perspektive auf landwirtschaftliche Produktivität ändern muss. Statt sich nur auf kurzfristige Überschüsse zu konzentrieren, gilt es, die zukünftige Reproduzierbarkeit landwirtschaftlicher Praktiken zu bewerten. Der Begriff „Reproduktivität“ ist angemessener als „Produktivität“.

Die Diskussion um landwirtschaftliche Produktivität verlagert sich in Richtung Nachhaltigkeit. Es wächst das Interesse daran, landwirtschaftliche Systeme neu zu gestalten, im Sinne von Agrarökologie, Permakultur, Agroforstwirtschaft und regenerativer Landwirtschaft. Immer stärker wird betont, dass die Bevölkerung vor Ort an Entscheidungsprozessen beteiligt werden muss.

Ökologische und soziale Nachhaltigkeit messen

Die schwierige Frage ist, wie man landwirtschaftliche (Re-)Produktivität, Regenerativität oder Nachhaltigkeit messen kann. Dafür ist ein großer Zeitrahmen nötig. Allerdings erschwert es die Ungenauigkeit der aktuellen Klimamodelle, Langzeitfolgen zu quantifizieren. Noch komplexer wird es, wenn man die langfristigen ökologischen und sozioökonomischen Auswirkungen berücksichtigt.

Gleichwohl müssen Landwirt*innen, die nachhaltigere Methoden anwenden, ihre Fortschritte überwachen können. Datenanbieter stellen moderne Verfahren bereit, um die funktionale Biodiversität des Bodens zu messen – sowie dessen Potenzial, Wasser und Kohlenstoff zu speichern. Doch schon die Biodiversität im Boden zu quantifizieren, ist recht komplex. Noch schwieriger ist es, die oberirdische Biodiversität zu messen. Dies erfordert verschiedene Datenpunkte wie Satellitendaten und DNA-Proben. Außerdem müssen Annahmen über künftige Entwicklungen getroffen werden.

Finanzierung ist entscheidend

Nachhaltige Landwirtschaft zu quantifizieren, ist aber wichtig, um finanzielle Mittel von politischen Programmen, Kund*innen und Investor*innen einzuwerben. Denn landwirtschaftliche (Re-)Produktivität muss auch finanziell nachhaltig sein. Es reicht nicht, Landwirt*innen zu sagen, dass sich eine Änderung ihrer Methoden erst in zehn Jahren auszahlt, aber in den nächsten fünf Jahren zu Ertragseinbußen führt. Sie müssen in der Zwischenzeit einen Ausgleich erhalten.

Die aktuelle Debatte um Zahlungen für Ökosystemleistungen lässt hoffen, dass Wege gefunden werden, um reproduktiv arbeitende Landwirt*innen zu belohnen. Dennoch steht die Entwicklung erst am Anfang. Wir könnten damit beginnen, die „Grüne Revolution“ in Indien nicht als eine Zeit des Produktivitätsgewinns zu verstehen, sondern stattdessen als Lehrbeispiel dafür, wie landwirtschaftliche Produktivität zukünftig nicht gemessen werden sollte.

Literatur

Schragmann, H., 2024: Produktivität neu denken. Vom Trennungs- zum Vermittlungsbegriff. Springer.

Hannah Schragmann ist promovierte Ökonomin mit Schwerpunkt auf neuen Produktivitätsmetriken. Sie ist Chief Transparency Officer von Impact Hero, einem Impact-Start-up, und Leiterin des Bereichs Biodiversität bei Soilytix, einem Unternehmen zur Quantifizierung der biologischen Vielfalt von Böden.
hannah.schragmann@ethicsinbusiness.eu

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