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Leben im vom Krieg zerrütteten Libanon: Zuflucht in einem Stadion

Das „Sports City“-Stadion in Beirut, einst Austragungsort für Fußballspiele und andere Veranstaltungen, beherbergt heute Vertriebene. Ihr Leben spiegelt sowohl das Ausmaß der humanitären Krise im Land als auch die Grenzen staatlicher Unterstützung wider.
Ein Junge hängt Wäsche im Camille-Chamoun-Stadion in Beirut auf,  das zu einer Notunterkunft für Geflüchtete umfunktioniert wurde. picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Bilal Hussein
Ein Junge hängt Wäsche im Camille-Chamoun-Stadion in Beirut auf, das zu einer Notunterkunft für Geflüchtete umfunktioniert wurde.

Ihren 67. Geburtstag hat Zeina Sarhan in einem Zelt gefeiert. Den Tag hat sie gemeinsam mit ihrer 60-jährigen Schwester Hosna in einer Unterkunft aus Plastikplanen im Camille-Chamoun-Sports-City-Stadion in Beirut verbracht. Hosna lebt seit 45 Jahren mit Zeina zusammen und bereitet ihren Morgenkaffee noch immer genauso zu wie früher zu Hause. Auch Nachbar*innen aus der benachbarten Zeltreihe sind vorbeigekommen und haben sich zu ihnen gesetzt. Kinder rannten über die Laufbahn und schlängelten sich zwischen Reihen von Feldbetten hindurch. In der Nähe der Eingänge verteilten Frauen Essen, das sie auf gemeinschaftlich genutzten Kochstellen zubereitet hatten.

Das Stadion, das normalerweise Platz für mehr als 49.500 Zuschauer*innen bietet, dient eigentlich als Austragungsort für Fußballspiele und nationale Veranstaltungen. Doch inzwischen hat es eine völlig neue Funktion übernommen und beherbergt rund 1500 Vertriebene. Als die israelischen Luftangriffe auf Libanon im Zuge der jüngsten Eskalation mit der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah begannen, wurde das Stadion zu einem Zufluchtsort für Familien aus dem Süden des Landes. Es ist eine von Hunderten von Gemeinschaftsunterkünften im ganzen Land, von denen viele überfüllt sind und nur unzureichende sanitäre Einrichtungen haben.

Zeina und Hosna Sarhan stammen aus Al-Duwair, einem Dorf im Süden Libanons. Ihr Familienhaus wurde bereits vor zwei Jahren während der israelischen Invasion zerstört. Danach zogen sie in ein kleines Haus, das ihr Vater Jahrzehnte zuvor gebaut hatte. Dort haben sie gemeinsam gelebt, bis die Kämpfe in diesem Jahr erneut aufflammten. Wieder vertrieben, verbrachten sie zunächst mehrere Nächte am Straßenrand, bevor sie schließlich das Stadion erreichten und dort Schutz fanden. „Hier wird für alles gesorgt, sogar für Medikamente“, sagt Zeina Sarhan. „Wir sind dankbar, aber es ist nicht unser Zuhause.“

Obwohl am 16. April eine Waffenruhe in Kraft getreten ist, gingen die israelischen Angriffe weiter. Bis Ende April wurden laut der staatlichen libanesischen Nachrichtenagentur 2576 Menschen getötet und 7962 verletzt.

Ein Zelt mit Fremden teilen

Die beiden Schwestern gehören zu den mehr als 1,2 Millionen Vertriebenen im Libanon – das ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Wie ihre Zukunft aussieht, wissen sie nicht. „Selbst wenn die Waffenruhe hält, können wir nicht in unser Dorf zurück. Es ist zu gefährlich“, sagt Zeina Sarhan.

Die 42-jährige Huda Zein El-Din stammt aus dem südlibanesischen Dorf Safad al-Battikh. Sie musste ein 250 Quadratmeter großes Haus mit Garten gegen ein Zelt eintauschen, das sie nun mit Fremden teilt. „Sie sind zu meiner Familie geworden, weil wir denselben Verlust teilen“, sagt sie. Nach Beginn der Waffenruhe kehrte sie kurz in ihr Dorf zurück, um Gold und Ersparnisse zu holen. Doch wenige Tage später zwangen neue israelische Drohungen sie erneut zur Flucht. An das Leben im Zelt habe sie sich nicht gewöhnt und wolle es auch nicht. Doch sie habe beschlossen, eine ihrer Zeltnachbarinnen mitzunehmen, sobald sie irgendwo eine Wohnung finde.

Mohammed, ein junger Mann mit Autismus, wurde aus den südlichen Vororten Beiruts ebenfalls ins Stadion gebracht. Wiederholte Explosionen nur wenige hundert Meter entfernt haben ihn schwer belastet. Erst nach Wochen intensiver Unterstützung durch Sanitäter*innen und Mitarbeitende der Unterkunft hat er sich langsam an die Geräusche gewöhnt.

Viele Vertriebene haben kein Einkommen

Für andere Bewohner*innen des Stadions besteht die größte Belastung in ihrer finanziellen Lage. Abu Ahmed Koudami, 60 Jahre alt, ist gemeinsam mit seinem Sohn aus dem südlichen Dorf Jouaiya gekommen, während seine Frau und Tochter bei seiner Schwägerin untergekommen sind. Die ersten Tage seien schwierig gewesen, berichtet er. Regen sei in die Zelte eingedrungen; die Nerven hätten blank gelegen. Später hätten sich die Bedingungen etwas verbessert.

„Wir kommen vom Land, in Beirut gibt es keine Arbeit für uns“, sagt Koudami. Die meisten Vertriebenen hätten keinerlei Einkommensquelle mehr. Viele hätten ihren Schmuck oder andere verbliebene Besitztümer verkauft, um über die Runden zu kommen. Die Flucht sei plötzlich gekommen, niemand sei darauf vorbereitet gewesen.

Naji Hammoud, der Leiter des Stadionkomplexes, erklärt, dass die Einrichtung derzeit erweitert werde, um weitere 1000 Menschen aufnehmen zu können. Die Regierung habe einen Bereich speziell für Menschen mit Behinderungen reserviert, mit barrierefreien Zugängen und Sanitäranlagen. Außerdem sei das libanesische Rote Kreuz täglich vor Ort und versorge die Bewohner*innen medizinisch. „Die meisten Menschen sind trotz der Waffenruhe geblieben, weil sie nirgendwo anders hin können“, sagt er. „Viele Familien fürchten, dass der Krieg jederzeit zurückkehren könnte.“

Verheerende israelische Luftangriffe

Ende April listete die staatliche Katastrophenschutzbehörde 626 offizielle Unterkünfte mit insgesamt 119.623 Vertriebenen auf. „Die übrigen 85 Prozent leben in Mietwohnungen oder bei Verwandten, oft unter prekären Bedingungen“, sagt Nasser Yassine vom Arab Center for Research and Policy Studies.

Ein Bericht des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) kommt zu dem Ergebnis, dass seit dem 2. März mehr als 1400 Gebäude zerstört wurden. Besonders schwerwiegend war der Angriff auf die Qasimiyeh-Brücke, eine zentrale Verbindung zwischen dem Süden und dem Rest des Landes. Ihre Zerstörung erschwerte humanitäre Hilfsmaßnahmen in den Gebieten südlich des Litani-Flusses erheblich. Zudem wurden bis Mitte Mai 161 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen registriert, bei denen 110 Beschäftigte im Gesundheitswesen getötet und 252 verletzt wurden.

Schulen werden zu Notunterkünften

Nach Angaben des UNHCR befinden sich unter den Vertriebenen mehr als 390.000 Kinder. Das Bildungsministerium versucht zwar, Präsenzunterricht und Fernunterricht zu kombinieren, doch laut Save the Children waren 2024 fast 500 Schulen in Notunterkünfte umgewandelt worden – was darauf hindeutet, dass diese Maßnahmen nur begrenzte Wirkung haben.

Sozialministerin Haneen Sayed erklärte Ende März der Presse, dass internationale Hilfe lediglich rund 30 % des Bedarfs in Libanon decke. Während des Krieges 2024, der etwas mehr als zwei Monate dauerte, hätten die UN rund 700 Millionen Dollar mobilisiert, um die humanitären Folgen zu bewältigen. Für den neuen Krieg, der inzwischen in den zweiten Monat gehe, seien bislang jedoch nur 30 Millionen Dollar eingegangen. Weitere 60 Millionen Dollar seien von Geberländern zugesagt worden.

Das Lebanese Institute for Market Studies schätzt die direkten und indirekten wirtschaftlichen Schäden des Krieges bis Ende April auf mindestens 5 Milliarden Dollar. Die Zahlen gelten jedoch als vorläufig. Weite Teile des Südens stehen nach wie vor unter israelischer Kontrolle, und das volle Ausmaß der Zerstörungen, Sprengungen und der anhaltenden Angriffe dort muss noch ermittelt werden.

Zivilgesellschaft verteilt Mahlzeiten

Die Zivilgesellschaft versucht, zumindest einen Teil der Versorgungslücken zu schließen. Das Kulturzentrum Barzakh in Hamra hat beispielsweise sein Kulturprogramm ausgesetzt und begonnen, täglich 2000 Mahlzeiten für Vertriebene zuzubereiten. Möglich wurde das durch Freiwillige und private Spenden.

Das Modell verbreitete sich rasch im ganzen Land. Fouad Ezzedine, 28 Jahre alt, und sein Bruder Mohammed, 25 Jahre alt, begannen zunächst damit, Spenden von Freund*innen zu sammeln, um Sandwiches für obdachlose Menschen zuzubereiten. Innerhalb weniger Wochen verteilte ihre Initiative Hunderte Mahlzeiten pro Tag, wobei einige Geschäfte kostenlos Lebensmittel zur Verfügung stellten. „Wir konnten Dutzenden Familien helfen“, sagt Fouad Ezzedine. „Warum schafft der Staat das nicht im großen Maßstab?“

Auch Nimr Al-Hajj Hassan, 45 Jahre alt, hat die Krise zu seiner Aufgabe gemacht. Er fuhr hin und her zwischen Tyros und den südlichen Dörfern und später zwischen Beirut und dem Süden, um Habseligkeiten für Familien abzuholen, die zu überstürzt geflohen waren, um ihre Sachen mitzunehmen. Mit der Zeit erhielt er immer mehr Anfragen. Er hat Kühlschränke ausgeräumt, Türen verschlossen und Schlösser gewechselt. „Manchmal dachte ich, ich würde nicht zurückkommen“, sagt er und bezieht sich dabei auf Drohnen am Himmel und Angriffe in der Nähe.

Bleiben als Form des Widerstands

Wie viele Menschen noch im Süden Libanons sind, ist schwer zu sagen. Anfang Mai waren es jedoch weiterhin einige. Manche konnten sich die Mieten anderswo nicht leisten. 

Andere wollten ihr Land nicht verlassen. Hassan aus Toul, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, blieb sogar dort, nachdem eine Granate das Nachbarhaus getroffen hatte. Zu Beginn des Krieges hatte er Lebensmittel für drei Monate für sich, seine Frau und seine 27-jährige Tochter eingelagert. „Wenn wir gehen, wer kümmert sich dann um das Dorf?“, fragt er.

Helen Zughaib.

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Je leerer die Nachbarschaft wurde, desto wichtiger wurde seine Rolle. Hassan hat beschädigte Häuser kontrolliert, aufgebrochene Türen gesichert und sich um streunende Hunde und Katzen gekümmert, die zurückgelassen worden waren. Sanitäter*innen haben derweil immer Kontakt zu ihm gehalten und ihn unterstützt, wo sie konnten. „Was ich tue, ist eine Form des Widerstands“, sagt er. Seine Präsenz versteht er als Unterstützung für jene Familien, die ebenfalls geblieben sind.

Einer von ihnen ist der 66-jährige Ali Moussa. Wegen gesundheitlicher Probleme musste er jedoch immer wieder medizinische Zentren aufsuchen. Sowohl er als auch seine Mutter sind auf Medikamente gegen Bluthochdruck beziehungsweise Diabetes angewiesen. Staatliche Gesundheitszentren, die Patient*innen mit chronischen Krank­heiten kostenlos versorgen, hätten ihnen geholfen, zurechtzukommen, sagt er.

Noch heute stecken Splitter aus dem Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 in seinem Körper. 1980 starben Freund*innen direkt neben ihm durch eine Granate. „Ich spüre das bis heute“, sagt er. „Ich habe so viele Menschen begraben, dass ich sie nicht mehr an meinen Fingern abzählen kann. Und ich habe genug Kriege erlebt, um zu wissen, dass danach selten Frieden kommt.“

Ali Awadeh ist libanesischer Journalist mit Schwerpunkt auf Politik-, Umwelt- und Menschenrechtsthemen. 
aliawadah84@gmail.com 

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