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Unabhängiger Journalismus in Zeiten von Big Tech und KI

Nutzer*innen weltweit beziehen ihre Nachrichten immer häufiger über die Plattformen einiger weniger großer Tech-Konzerne. Wie kann Journalismus von Big-Tech-Infrastruktur unabhängiger werden?
Die iranische Journalistin Hannah Kaviani nahm am Global Media Forum 2026 in Bonn teil. picture alliance / Panama Pictures / Christoph Hardt
Die iranische Journalistin Hannah Kaviani nahm am Global Media Forum 2026 in Bonn teil.

Auf der ganzen Welt nutzen Menschen immer weniger traditionelle journalistische Angebote, um sich zu informieren. Wie der Reuters Digital News Report 2026 berichtet, sind Social Media und Videoplattformen als Nachrichtenquellen im Schnitt erstmals populärer als die Websites und Apps von nachrichtlich arbeitenden Medien. Immer mehr Nutzer*innen experimentierten zudem mit KI-Chatbots. Zugleich gebe es weiterhin Unterstützung für journalistische Prinzipien wie Unparteilichkeit.

In den Diskussionen um unabhängigen Journalismus spielt „Big Tech“ eine zentrale Rolle – jene Handvoll Technologieunternehmen, die die Social-Media-Plattformen und Suchmaschinen betreiben, über die Informationen heute überwiegend bezogen werden. Sie verfügen sowohl über Cloud-Speicher und Rechenleistung als auch über Kapazitäten zur Datenanalyse und reichweitenstarke Verbreitungskanäle und damit über wesentliche Voraussetzungen für die Erstellung und Veröffentlichung digitaler nachrichtlicher Inhalte. 

Auf Facebook  verbreiteten sich 2017 Gewaltaufrufe gegen die Rohingya in Myanmar.

Journalist*innen weltweit treibt die Frage um, wie sie ihre Abhängigkeit von Big Tech verringern können. Eine Antwort darauf möchte die Journalism Cloud Alliance (JCA) geben. Sie hat das Ziel, eine übergreifende technische Infrastruktur für verschiedene journalistische Redaktionen bereitzustellen. Diese soll die Cybersicherheit von Journalist*innen verbessern und günstiger machen sowie eine größere Verhandlungsmacht gegenüber Big Tech ermöglichen. Die JCA wurde 2024 gestartet und steht unter der Schirmherrschaft des Global Forum for Media Development (GFMD) und des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP).

Auf nationaler Ebene existieren Beispiele von Zusammenschlüssen mehrerer kleinerer Redaktionen, etwa unter dem Dach der Danish Press Publications Collective Management Organization (DPCMO) in Dänemark und von Country Press Australia (CPA) in Australien. Diese Strategie konnte bereits die Position kleinerer Medien in Verhandlungen mit Google und Facebook über eine faire Vergütung für Nachrichteninhalte auf deren Plattformen und Suchmaschinen stärken.

Unterschiedliche Kontexte für Journalismus

Zwei der wichtigsten Herausforderungen der alternativen Cloud-Infrastruktur der JCA kamen während einer Diskussionsrunde zu Journalismus und Big Tech im Rahmen des Global Media Forums (GMF) in Bonn im Juni zur Sprache. Das GMF ist eine von der Deutschen Welle jährlich veranstaltete internationale Medienkonferenz. 

Erstens dürfte es sich als schwierig erweisen, ein einheitliches System zu schaffen, das den verschiedenen rechtlichen Anforderungen genügt, denen Redaktionen weltweit unterliegen. Die Gesetzgebung zum Datenschutz und das Presserecht unterscheiden sich in verschiedenen Staaten erheblich, selbst innerhalb der Europäischen Union gibt es Unterschiede. Journalistische Arbeitsabläufe in Demokratien unterscheiden sich von jenen in Autokratien.

Das zweite Problem besteht in der Monetarisierung. Anfänglich wurde die JCA durch philanthropische Mittel finanziert. Um Dienste und Technologien langfristig anbieten zu können, könnte die JCA auf andere Finanzierungsmodelle zurückgreifen, etwa Mitgliedsbeiträge, nutzungsabhängige Servicegebühren oder öffentliche Mittel. Viele kleine Redaktionen, insbesondere in Ländern, in denen die Presse unterfinanziert ist, haben aber bereits mit finanziellen Engpässen zu kämpfen. Sie sind möglicherweise nicht in der Lage, zu einem Modell beizutragen, das ihnen zusätzliche Kosten verursacht. Zudem könnte es sich als schwierig erweisen, die Öffentlichkeit für eine Teilnahme zu gewinnen, da die Menschen es mittlerweile gewohnt sind, ihre Nachrichten kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr zu erhalten.

Herausforderungen des Journalismus

Das Global Media Forum in Bonn stand in diesem Jahr unter dem Motto „Journalism out loud“. Das bezieht sich auf die Forderung, unabhängiger Journalismus müsse lauter werden angesichts einer globalen politischen Lage, die geprägt ist von erstarkendem Nationalismus, Bestrebungen nach mehr staatlicher Kontrolle des digitalen Raums und einer sich vertiefenden Polarisierung der Gesellschaft – auch in westlichen Demokratien.

Vertreter*innen aus Medien, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutierten in Bonn Themen wie den Missbrauch von Information, Manipulation und die Rolle von künstlicher Intelligenz (KI). Letztere wird einerseits als Chance für den Journalismus gesehen wegen der neuen Möglichkeiten des Factcheckings. Andererseits gilt sie auch als Bedrohung, etwa weil es leicht ist, sie zur Verbreitung von Desinformation zu missbrauchen. Angesichts der sich verändernden Machtverhältnisse in der Medienlandschaft wurde hervorgehoben, dass traditionelle Medien und Journalismus weiterhin bedeutsam seien, auch wenn sich die Art und Weise, wie Menschen auf Inhalte zugreifen, verändert hat. Für viele Medienorganisationen bleibt jedoch die zentrale Schwierigkeit bestehen, angesichts des veränderten Nutzerverhaltens ihrer Zielgruppen ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu etablieren. 

Die Zukunft des Journalismus wird nicht allein bestimmt durch die Art seiner Inhalte oder seine Verbreitungsmechanismen, sondern durch die Entscheidungen derjenigen, die die Infrastruktur kontrollieren, auf der er beruht. Um eine vielfältige Medienlandschaft zu gewährleisten, die auf Pluralismus und Gerechtigkeit basiert, sind strukturelle Veränderungen erforderlich. Journalist*innen haben ein Interesse daran, den Trend der wachsenden Abhängigkeit von Big Tech zu stoppen. Inwiefern ihnen dies gelingt, wird über die Qualität der Medienlandschaft mitbestimmen – in Demokratien wie Autokratien.

Quellen

Reuters Institute Digital News Report 2026

Journalism Cloud Alliance

Global Media Forum 2026

Lucia Deon studiert Kommunikationswissenschaft. 
euz.editor@dandc.eu

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