Klimarisiken
Nairobis Fluten zeigten: Stadtplanung muss Armutsbetroffene einbinden
Im April 2024 führten heftige Regenfälle in Kenia zu schweren Überschwemmungen. Nach Angaben der UN kamen schätzungsweise 267 Menschen ums Leben, rund 380.000 waren betroffen. Besonders stark traf es die Hauptstadt Nairobi und ihr Ballungsgebiet. Flüsse wie der Nairobi und der Athi traten über die Ufer und richteten massive Schäden in Wohngebieten und an der städtischen Infrastruktur an. Am stärksten betroffen waren Menschen in informellen Siedlungen – mit Wohnlagen an tief gelegenen Flussufern, in Feuchtgebieten oder an steilen Hängen. Tausende wurden vertrieben, wobei Frauen und Kinder besonders stark unter den Folgen litten.
Auf dem Höhepunkt der Überschwemmungen kündigte die Stadtverwaltung von Nairobi an, Bewohner*innen informeller Siedlungen entlang der Flussufer aus Sicherheitsgründen, wegen Umweltrisiken und aufgrund bestehender Vorschriften, die das Bauen innerhalb eines 60 Meter breiten Uferstreifens verbieten, umzusiedeln. Die Behörden versprachen Ersatzwohnraum und Unterstützung für die Betroffenen. In der Praxis ähnelten viele dieser Umsiedlungen jedoch Zwangsräumungen. Es kam zum Einsatz von Polizeikräften, Entschädigungen blieben aus, und zahlreiche Menschen wurden obdachlos und verloren ihre Einkommensgrundlage.
Die Ereignisse in Nairobi im Jahr 2024 sind kein Einzelfall. Weltweit treten infolge des Klimawandels sowohl plötzlich einsetzende als auch schleichende Extremwetterereignisse häufiger und intensiver auf. Stadtbewohner*innen in prekären Lebensverhältnissen, insbesondere in informellen Siedlungen, gehören zu denjenigen, die den Gefahren am stärksten ausgesetzt sind.
Aufgrund unsicherer Landbesitzverhältnisse sind sie zudem überdurchschnittlich häufig von Zwangsräumungen betroffen, manchmal unter dem Vorwand der Klimarisikominderung – selbst dann, wenn es vor Ort alternative Lösungen gäbe. Zwangsräumungen verschärfen nicht nur bestehende Problemlagen von Gemeinschaften und untergraben ihre Fähigkeit, Klimarisiken abzumildern oder sich anzupassen, sie verfestigen auch die strukturellen Ursachen bestehender Probleme, darunter historisch gewachsene soziale Ungleichheiten und politisch institutionalisierte Ausgrenzung, wie eine aktuelle Studie der deutschen NGO Misereor zeigt.
Die urbane Dimension der Klimakrise
Das United Nations Human Settlements Programme (UN-Habitat), die UN-Organisation für nachhaltigen Wohnungsbau und Stadtentwicklung, hat kürzlich einen neuen strategischen Plan für den Zeitraum 2026 bis 2029 formuliert. Darin wird die zunehmend urbane Dimension der Klimakrise anerkannt und eine verbesserte Risikoanalyse sowie vorausschauende Planung gefordert, um ihre Auswirkungen auf Städte und Siedlungen insbesondere für die arme Bevölkerung abzumildern. Der Strategie zufolge sind sicherer Zugang zu angemessenem Wohnraum und Land entscheidend, um Stadtbewohner*innen vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Sie betont auch die Bedeutung siedlungs- und gemeinschaftsbasierter Ansätze, um kontextspezifische Vorsorge- und Reaktionsmaßnahmen zu ermöglichen und zugleich Wohn-, Land- und Eigentumsrechte von Bewohner*innen zu schützen.
In Kenia und anderen Ländern zeigt sich zunehmend, wie wertvoll solche Ansätze sind. Die gemeinnützige Organisation Pamoja Trust gehört zu den Vorreiterinnen im Bereich gemeindebasierter Stadtplanung. In den vergangenen Jahren hat sie Gemeinschaften in informellen Siedlungen durch gebietsbezogene Erhebungen und Risikoanalysen unterstützt und den Bewohner*innen mithilfe der Daten ermöglicht, staatliche Verbesserungspläne und Notfallmaßnahmen mitzugestalten.
Zu den eingesetzten Instrumenten gehören Schulungen zum Thema Klimabewusstsein, Fokusgruppendiskussionen über lokale Erfahrungen mit dem Klimawandel sowie partizipative Kartierungen, um Gefahrenherde, kritische Infrastruktur sowie kulturell oder ökologisch bedeutende Bereiche innerhalb der jeweiligen Siedlungen zu identifizieren.
In der westkenianischen Stadt Kisumu hat Pamoja Trust ein solches partizipatives Instrumentarium genutzt, um zwei informelle Siedlungsgemeinschaften dabei zu unterstützen, klimabedingte wirtschaftliche und nichtwirtschaftliche Verluste und Schäden zu dokumentieren. Dieser Ansatz ermöglichte es den Bewohner*innen nicht nur, den Verlust von Haushalts- und Geschäftsvermögen festzuhalten, sondern auch immaterielle Schäden wie Angst und Traumata infolge immer wiederkehrender Überschwemmungen und Vertreibungen.
Entsprechend war die räumliche Analyse, die Pamoja Trust über mehrere Jahre hinweg in einigen der betroffenen informellen Siedlungen Nairobis durchgeführt hatte, entscheidend, um einen Einblick in die genaue Anzahl der Menschen zu gewinnen, die in den überfluteten Gebieten lebten, potenziell von den Überschwemmungen betroffen waren und Maßnahmen zur Bewältigung der Katastrophenfolgen benötigten.
Da viele dieser Gemeinschaften von der Regierung nicht anerkannt werden und zahlreiche Bewohner*innen keine formalen Eigentumsrechte besitzen, wurde die Zahl der Betroffenen in offiziellen Schätzungen vermutlich unterschätzt. So hatte die gemeinschaftsbasierte Erhebung in den informellen Siedlungen Chieko, Budalangi und Gituamba im Bezirk Kasarani in Nairobi rund 700 Wohngebäude und schätzungsweise 1.417 Menschen, die innerhalb des 60 Meter breiten Uferstreifens lebten, identifiziert. Zudem waren in diesem Gebiet vier Schulen und neun religiöse Einrichtungen als kritische Infrastruktur erfasst worden. Demgegenüber zählte die offizielle, satellitengestützte Bewertung nach der Überschwemmung 118 zerstörte Gebäude für den gesamten Bezirk Kasarani – eine Diskrepanz, auf die Pamoja Trust in einem Gutachten an die Nairobi River Commission, die für die Sanierung der Flussufer zuständige staatliche Behörde, hingewiesen hat.
Lokale Daten nutzen
Während die Planungen zur Neugestaltung der Flussufergebiete Nairobis an Fahrt gewinnen, arbeiten Pamoja Trust und seine Partner in den Siedlungen daran, sicherzustellen, dass Daten aus gemeinschaftsbasierten Erhebungen in die offiziellen Pläne einfließen. Zugleich fordern sie die Regierung auf, sicherzustellen, dass von Überschwemmungen betroffene Gemeinschaften von bestehenden Förderprogrammen für einkommensschwache Haushalte profitieren, etwa vom Kenya Slum Upgrading Project (KENSUP). Dies gilt umso mehr, als einige dieser Gemeinschaften bereits vor den Überschwemmungen als KENSUP-Begünstigte identifiziert worden waren.
Erfahrungen aus anderen afrikanischen Städten unterstreichen den Mehrwert partizipativer Aufwertungsinitiativen, die auch Klimarisiken berücksichtigen. In Freetown in Sierra Leone etwa haben Verbesserungen der Entwässerungssysteme, von Jugendlichen organisierte Müllsammelaktionen und Maßnahmen der Umweltsanierung – wie das Pflanzen von Mangroven – die Lebensqualität in drei überschwemmungsgefährdeten Stadtteilen deutlich verbessert.
In Nairobi ist es darüber hinaus wichtig, bestehende Gesetze zu Flussuferzonen zu vereinheitlichen und die Rechenschaftspflicht bei der Durchsetzung von Räumungsanordnungen sicherzustellen, unter anderem indem die bislang fragmentierten institutionellen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten geklärt werden. Bestehende Zielkonflikte zwischen Umweltschutz und der Stärkung sozialer Rechte müssen erkannt und mit den Betroffenen gelöst werden.
UN-Habitat hält in seiner neuen Strategie fest, dass die „Stärkung der Resilienz gegenüber klimabedingten Gefahren durch risikosensible Stadt- und Flächennutzungsplanung (…) – insbesondere für Menschen in vulnerablen Lebenslagen (…) – im Zentrum der Bemühungen zur Anpassung an den globalen Klimawandel stehen muss.“ Die Umsetzung dieser Forderung in die Praxis steht jedoch noch aus, vor allem in informellen Siedlungen.
Gemeinschaftsbasierte Ansätze zeigen, dass Lösungen existieren – und dass sie ein erhebliches Potenzial haben, die Anpassungsfähigkeit der marginalisierten Stadtbevölkerung zu stärken.
Links
United Nations Human Settlements Programme (UN-Habitat), 2025: Strategic plan 2026–2029.
Misereor, 2024: Loss and damage in informal urban settlements.
Pamoja Trust, 2025: The concept of participatory social planning for sustainable community
development.
Sam Olando ist Stadtsoziologe und Rechtsanwalt in Nairobi. Er ist Geschäftsführer von Pamoja Trust, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für den Zugang zu Land, Wohnraum und grundlegenden Dienstleistungen für benachteiligte Bevölkerungsgruppen einsetzt.
solando@pamojatrust.org
Eva Dick ist Fachreferentin für städtische Entwicklung in der Abteilung Afrika/Naher Osten bei Misereor und assoziierte Wissenschaftlerin des German Institute of Development and Sustainability (IDOS).
eva.dick@misereor.de
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.