Gesundheit
Romita Ghosh nutzt KI im Kampf gegen Unterernährung
Romita Ghosh im Interview mit Roli Mahajan
Wer sind Sie und welches Start-up haben Sie gegründet?
Ich bin Romita Ghosh, MedTech-Unternehmerin und strategische Beraterin im Bereich KI. Früh in meinem Leben habe ich eine einschneidende gesundheitliche Krise durchgemacht, und seitdem treibt mich vor allem eine Frage um: Wie können wir hochwertige Gesundheitsversorgung proaktiv und bezahlbar gestalten, anstatt nur zu reagieren? Deshalb habe ich iHeal HealthTech gegründet, ein Unternehmen für Produkte und Lösungen zur Prävention, insbesondere für benachteiligte Gemeinschaften. Daneben habe ich MAAP (Malnutrition Assessment and Action Plan) gegründet, ein Start-up zur Bekämpfung von Unterernährung.
Welches Problem geht MAAP an?
Weltweit lebt etwa jedes dritte unterernährte Kind in Indien, obwohl viele städtische Gemeinden unter zunehmendem Überkonsum leiden. Dieser Kontrast spiegelt eine tieferliegende Ungleichheit wider: Während manche Kinder im Überfluss aufwachsen, sind andere nach wie vor täglich von Ernährungsunsicherheit betroffen und haben nur begrenzten Zugang zu rechtzeitiger medizinischer Versorgung. Das Wachstum von Millionen von Kindern wird nicht regelmäßig und genau genug überwacht. Bestehende Systeme stützen sich oft auf manuelle Hilfsmittel und fragmentierte Daten. All diese Aspekte führen zu einer verzögerten Intervention.
MAAP schließt diese Lücke durch KI-gestütztes, smartphonebasiertes Screening. Mitarbeiter*innen vor Ort oder Eltern können das Kind fotografieren, und die App schätzt die Körpergröße, berechnet Wachstumsindikatoren, weist auf Risiken hin und schlägt ernährungsbezogene Maßnahmen vor. Außerdem erstellt sie eine digitale Akte, um Nachsorgeuntersuchungen zu erleichtern. Dadurch wird die Ernährungsüberwachung schneller, konsistenter und leichter skalierbar.
Was war Ihre Motivation?
Meine Motivation entspringt einem wiederkehrenden Muster, das ich in verschiedenen Gesundheitssystemen beobachtet habe und jetzt auch im Bereich KI: Diejenigen, die Lösungen am dringendsten benötigen, profitieren oft als Letzte davon. Gerade Kinder in unterversorgten Gemeinden haben oft das Nachsehen. MAAP nutzt Technologie als Ausgleichsfaktor, um sicherzustellen, dass jedes Kind frühzeitig überwacht und unterstützt werden kann. Auch KI läuft aber Gefahr, Ungleichheit zu reproduzieren, etwa durch nicht repräsentative Daten und Systeme, die ohne Berücksichtigung des lokalen Kontexts entwickelt werden. MAAP spiegelt deshalb auch mein Engagement wider, inklusive, kontextbewusste KI für Gemeinschaften zu entwickeln, die zu oft übersehen wurden.
Was waren die größten Herausforderungen?
Da MAAP im Bereich der Kindergesundheit und von staatlicher Seite eingesetzt wird, erfordert unsere Lösung hohe Genauigkeit, strenge klinische Validierung und die Abstimmung mit öffentlichen Systemen. Der Aufbau von Vertrauen und die Validierung, um in diesen hochsensiblen Bereichen zu agieren, waren unsere größten Herausforderungen. Eine weitere war es, in ressourcenarmen Umgebungen gemeinsam mit den Nutzer*innen eine Lösung zu entwickeln, die zuverlässig funktioniert, auch bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen, Verbindungsqualitäten, Geräten und Kompetenzniveaus. Hinzu kommt die ständige Abstimmung und Vermittlung, um Regierungen, Tech-Expert*innen und Gemeinschaften zusammenzubringen. Und dann ist da noch die Geschwindigkeitslücke: KI entwickelt sich rasant weiter, aber die Governance-Rahmenbedingungen hinken hinterher. Das birgt das Risiko, Systeme einzuführen, die zwar leistungsstark, aber schwer zu integrieren sind.
Was hat Ihnen geholfen?
Vor allem eine Kombination aus Sinnhaftigkeit, Perspektive und den Menschen, mit denen ich arbeite. Es kann eine Herausforderung sein, die einzige Frau in einer Diskussionsrunde zu sein oder die einzige Vertreterin einer Global-Majority-Perspektive. Viele Tech-Diskussionen sind immer noch von westlichen Kontexten geprägt. Das macht es bisweilen schwer, für Lösungen einzutreten, die auf anderen Realitäten basieren. Aber mich haben diese Erfahrungen gestärkt, weil ich weiß, warum ich tue, was ich tue. Die richtigen Partner zu finden und Teil globaler Netzwerke zu sein, hat mir auf meinem Weg definitiv auch geholfen. Ich durfte verschiedene globale und regionale Perspektiven kennenlernen und von ihnen lernen.
Wo sehen Sie Ihr Projekt in fünf Jahren?
Wir hoffen, dass MAAP zu einer globalen digitalen Infrastruktur für Kindergesundheit und Ernährung ausgebaut sein wird, eingebettet in städtische Kinderbetreuungssysteme, Schulen und Programme des öffentlichen Gesundheitswesens. Es wird 100 Millionen Kinder erreichen und eine Echtzeit-Wachstumsüberwachung sowie frühzeitige Interventionen ermöglichen, in Indien und darüber hinaus. MAAP kann auch die Politik mitgestalten, indem es etwa Governance-Modelle, Standards, Audits und Einsatzrahmen beeinflusst. Hoffentlich inspiriert es auch mehr lokale Führungskräfte, insbesondere Mädchen, Frauen und unterrepräsentierte Gemeinschaften, dazu, sich aktiv an der Gestaltung und Steuerung von KI-Systemen zu beteiligen.
Romita Ghosh ist MedTech-Unternehmerin und strategische Beraterin im Bereich KI.
romita.gs@gmail.com