UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung
Vier Szenarien für die Zukunft der globalen Agenda
Die bisherige Bilanz der globalen Agenda ist durchwachsen. Zwar werden die meisten der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung bis 2030 mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht erreicht. Gleichwohl haben viele Länder den Weg zu einer nachhaltigeren Entwicklung eingeschlagen, seit die Ziele Anfang 2016 in Kraft traten. Je näher das Enddatum der Agenda rückt, desto mehr entwicklungspolitische Akteure fragen sich, was danach folgen könnte. Wie im Ergebnisdokument des „Summit of the Future“ vom September 2024 festgehalten, soll auf dem SDG-Gipfel in New York im September 2027 begonnen werden, darüber zu beraten, wie es weitergehen könnte.
Vier große Szenarien für die Zukunft nach der Agenda 2030 sind plausibel, das ist die Essenz einer Recherche der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die Autoren haben hierfür unter anderem Interviews mit Wissenschaftler*innen aus Japan, Mexiko und Südafrika geführt sowie eine Reihe von Expert*innen befragt, etwa vom German Institute of Development and Sustainability (IDOS), von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und dem Beyond Lab, einem UN-Thinktank. Auch innerhalb der GIZ wurden zahlreiche Gespräche mit Personen geführt, die sich mit der Agenda 2030 und einer möglichen Folgeagenda beschäftigen.
- Keine neue Agenda: Angesichts der geopolitischen Konfliktlinien und des rückläufigen Interesses an nachhaltiger Entwicklung kann sich die Staatengemeinschaft auf keine Folgeagenda einigen. Die Verhandlungen werden abgebrochen.
- Mehrere neue Agenden: Es werden zwei oder mehrere konkurrierende Agenden verabschiedet, zum Beispiel eine von Ländern, die eher ambitionierten Klimaschutz betreiben möchten, und eine von „Bremser-Staaten“, die beispielsweise gern langfristig auf fossile Energien setzen möchten. Denkbar ist auch eine EU-geprägte Agenda gegenüber einer von China geprägten Agenda.
- Fortsetzung der bisherigen Agenda: Angesichts der starken Fliehkräfte schreibt die internationale Gemeinschaft die Agenda 2030 fort, um zumindest den 2015 erreichten Konsens zu bewahren. Denkbar sind kleinere inhaltliche Anpassungen bei einzelnen Unterzielen und Indikatoren sowie angepasste Zielwerte.
- Eine einzige neue Agenda: Die internationale Gemeinschaft verhandelt intensiv und verabschiedet eine singuläre neue Agenda. Diese könnte sich wieder stärker auf die Grundbedürfnisse rückbesinnen, etwa in Anklang an die Millennium Development Goals (MDGs), oder globale öffentliche Güter in den Mittelpunkt stellen. Sie könnte noch transformativer und holistischer ausgerichtet werden als die Agenda 2030 – oder aber auch deutlich stärker durch antiliberale und autokratische Staaten geprägt sein.
Welchen Zeitraum eine neue Agenda umfassen könnte, ist offen. Bisher sind vor allem 10, 15 oder 20 Jahre im Gespräch. Diskutiert wird auch die Möglichkeit von Meilensteinen. Es besteht ein reales Risiko, dass zwar eine neue Agenda verabschiedet wird, ihre Umsetzung aber in einer Mehrzahl von Staaten kaum noch Aufmerksamkeit erhält, weil der Rückhalt fehlt.
Denkbar wäre jedoch auch eine neue Anreizstruktur, um eine engagierte Umsetzung zu fördern. In diesem Kontext wird bereits heute – teilweise auch unrealistisch – große Hoffnung auf die Privatwirtschaft als Finanzier für die Umsetzung der Post-Agenda-2030 gesetzt.
Zentrale Spannungsfelder einer Post-Agenda-2030
Das Thema Umwelt- und Klimaschutz könnte zu einem der zentralen Streitpunkte der Verhandlungen über die Post-Agenda-2030 werden. Immer mehr Staaten betrachten es als Wachstumshemmer oder denunzieren Bemühungen darum als vermeintliche Ideologie. Eine der Folgen ist bereits jetzt weltweit sinkende Klimaschutzambitionen.
Umwelt- und Klimaschutz könnten wieder an Zustimmung gewinnen, wenn die internationale Debatte zu globalen öffentlichen Gütern weiter an Momentum gewinnen sollte. Zudem könnten neue Narrative der Umweltpolitik wieder Auftrieb verleihen, etwa die Konzepte des menschlichen und planetaren Wohlbefindens, der regenerativen Nachhaltigkeit und der intergenerativen Gerechtigkeit. Diese Konzepte sind oft in lokalen Traditionen verankert und können zugleich anschlussfähige Rahmen für eine ökologisch-nachhaltige Entwicklung bilden. Einer Post-Agenda-2030 muss es jedoch auch gelingen, die Interessen vieler Staaten im Hinblick auf Energiesicherheit, Wachstum und Ausbau der Infrastruktur mit dem Klimaschutz zu verknüpfen.
Auch der Widerstand gegen die Themen Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und gute Regierungsführung nimmt weltweit zu. Zahlreiche Länder lehnen diese Konzepte kategorisch als „von außen aufgezwungen“ ab. In den Verhandlungen wäre daher bereits eine verwässerte Einigung im Hinblick auf diese Themen als Erfolg zu bewerten.
Digitale Souveränität und Transformation könnten als eigenständige Ziele in einer Post-Agenda-2030 verankert werden, aufbauend auf dem Global Digital Compact von 2024, dem umfassenden globalen UN-Rahmenwerk für digitale Kooperation. Andererseits könnte Digitalisierung auch zukünftig eher ein Querschnittsthema bleiben, aufgrund der rasanten technologischen Veränderungen rund um Künstliche Intelligenz (KI), aber auch wegen möglicher Rückschläge, etwa sinkender Investitionen.
Maßgebliche Akteure in den Verhandlungen
Von entscheidender Bedeutung für die inhaltliche Ausrichtung der Post-Agenda-2030 wird die geopolitische Konkurrenz zwischen den USA und China sein. Was die aktuelle US-Regierung betrifft, so wäre es bereits ein Gewinn, wenn diese sich passiv verhielte, etwa den Verhandlungen fernbliebe und diese nicht blockiere. Aufgrund der derzeitigen klaren Positionierung der USA gegen multilaterale Institutionen und die Agenda 2030 ist jedoch auch eine destruktive Haltung Washingtons gegenüber jeglichen Bemühungen denkbar. Auch wenn die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen 2028 zu einer positiveren Haltung gegenüber den Vereinten Nationen führen könnten, ist eine komplette Umkehr der Politik der Trump-Jahre bis 2030 eher unwahrscheinlich.
China nutzt bereits jetzt das von den USA hinterlassene Machtvakuum. Mit unterschiedlichen Initiativen wie der Global Development Initiative (GDI) und der Global Civilisation Initiative (GCI) legt die Volksrepublik den Grundstein, um die Ausrichtung der Post-Agenda-2030 nach chinesischen Interessen und Werten zu gestalten. Ob es China gelingt, die BRICS+-Staaten hinter sich zu vereinen, wird über seinen Erfolg mitentscheiden. Derzeit fehlt dem Zusammenschluss aus Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und weiteren Staaten eine einheitliche Vision.
Zumindest Russland nimmt in ersten Äußerungen zur Post-Agenda-2030 bereits Bezug auf die chinesische GDI. Gleichzeitig wird Moskau weiter versuchen, seinen Einfluss auf die G77 zu verstärken und auf eine antiliberale, von fossilen Energieträgern geprägte Zukunft hinzuwirken.
Allianz zwischen der EU und dem Globalen Süden?
In den Verhandlungen zur Post-Agenda-2030 könnte es der Europäischen Union schwerfallen, eine einheitliche Position zu entwickeln. Auch eine politische Lähmung der EU durch innere Spaltung und der damit einhergehende Bedeutungsverlust können nicht ausgeschlossen werden. Andererseits ist es denkbar, dass es einer Allianz aus EU und Ländern des Globalen Südens gelingt, eine Alternative zu den Narrativen Chinas und der USA anzubieten, basierend auf gegenseitigen Interessen und Respekt sowie einer klaren Vision für eine sozial gerechte, grüne Transformation.
In den UN bewegt sich bekanntlich nichts ohne die G77. Die dort versammelten Länder lassen sich jedoch nicht als Einheit betrachten, da sie durch unzählige Partikularinteressen geprägt sind. Einerseits verbinden insbesondere manche Schwellenländer einen großen Gestaltungswillen mit einem ernsthaften Interesse an einer ambitionierten Zukunftsagenda. Und auch unter den Least Developed Countries (LDCs) finden sich starke Unterstützer einer Folgeagenda, die nicht hinter die Ansprüche der Agenda 2030 zurückfällt. Andererseits kritisieren viele autokratische Länder und Ölstaaten innerhalb der G77 die progressiven Ziele der aktuellen Agenda und werden die Verhandlungen zur Post-Agenda-2030 eher bremsen.
Jenseits von Nationalstaaten hat im SDG-Umsetzungsprozess die Bedeutung von Regionen und Städten zugenommen. Ihr Einfluss wird aber weiterhin beschränkt werden durch das weltweite Erstarken des Nationalismus sowie ihre mangelnde Repräsentanz bei offiziellen UN-Verhandlungen.
Als nichtstaatlicher Akteur wird die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung und beim Agenda-Setting vorab spielen. Ihr tatsächlicher Einfluss auf die offiziellen Verhandlungen ist jedoch in der Regel begrenzt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Handlungsräume der Zivilgesellschaft in vielen Staaten stark eingeschränkt werden und viele NGOs im Globalen Süden durch den Wegfall von USAID in eine finanzielle Krise geraten sind. An ihre Stelle treten teilweise staatsnahe Thinktanks, die Regierungspositionen vertreten.
Implikationen für die internationale Zusammenarbeit und Deutschlands Rolle
Die Bundesregierung hat in ihrem dritten freiwilligen Staatenbericht von 2025 und im Koalitionsvertrag angekündigt, ein ambitioniertes Rahmenwerk für die Post-Agenda-2030 unterstützen zu wollen. Die internationalen Erwartungen an Deutschland als Unterstützer von nachhaltiger Entwicklung und multilateralem Handeln sind durch den (Teil-)Rückzug der USA noch einmal gestiegen.
Aus Sicht der Autoren ist es für Deutschland und die EU wichtig, ein eigenes Narrativ sowie eigene Zielsetzungen für die Verhandlungen zu entwickeln. Andernfalls besteht die Gefahr, dass das Vakuum mit konkurrierenden, weniger ambitionierten Narrativen anderer Akteure gefüllt wird. Angesichts des sinkenden politischen und öffentlichen Interesses an nachhaltiger Entwicklung ist es empfehlenswert, globales Wohlergehen und nachhaltige Entwicklung zu verknüpfen mit den aktuellen Prioritäten der Bundesregierung, der EU und unserer Partner im Globalen Süden. Dazu zählen insbesondere Wirtschaftsförderung, Infrastruktur und Sicherheit.
Eine gemeinsame Positionierung mit anderen Ländern für eine ambitionierte Post-Agenda-2030 ist entscheidend für einen Verhandlungserfolg bei den UN. Deutschland hat die Mittel, Kapazitäten und das breite internationale Netzwerk, um Brücken zum Globalen Süden und weiteren Partnern schlagen zu können. Der Dialog mit China und aufstrebenden Akteuren wie Indonesien, Brasilien, Südafrika und Indien ist essenziell, um die jeweiligen Positionen besser zu verstehen und mögliche Gemeinsamkeiten zu identifizieren.
Dialogprozess zu Post-Agenda-2030
Im Sinne des gesamtgesellschaftlichen Ansatzes der Agenda 2030 sollten auch im Post-2030-Prozess möglichst viele Stimmen Gehör finden. Hierfür bieten sich bestehende und neu zu etablierende Multi-Akteurs-Plattformen an, die den Austausch mit der Zivilgesellschaft, aber auch mit weiteren Stakeholdern wie der Privatwirtschaft und der Wissenschaft, internationalen Gebern und kommunalen Akteuren ermöglichen. Große internationale Konferenzen sollten für den Dialogprozess zu Post-2030 und das Agenda-Setting genutzt werden, und auch die von der Bundesregierung eingesetzte Nord-Süd-Kommission könnte Impulse für die gemeinsame Entwicklung von Narrativen mit dem Globalen Süden setzen.
Die Zukunft der globalen Agenda bleibt äußerst ungewiss. Umso wichtiger ist es für die Bundesregierung und alle am globalen Gemeinwohl orientierten Länder, strategische Allianzen zu bilden, um bei den Post-2030-Verhandlungen ein gutes Ergebnis im Sinne aller Menschen und des Planeten zu erzielen.
Johannes Kummerow ist Berater für Strategische Vorausschau in der Stabsstelle Unternehmensentwicklung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).
johannes.kummerow@giz.de
Jörn Geißelmann ist Senior Berater für Strategische Vorausschau in der Stabsstelle Unternehmensentwicklung der GIZ.
joern.geisselmann@giz.de
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.