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Sex verkaufen, auf Anerkennung hoffen: Das Leben in Indiens Rotlichtvierteln

Sexarbeiterinnen in Indien erleben Armut, Missbrauch und soziale Ausgrenzung. Basierend auf Feldforschungen in Rotlichtvierteln untersucht die Politikwissenschaftlerin und Genderforscherin Khushboo Srivastava die komplexen Realitäten der Sexarbeit in Indien und die anhaltenden Debatten über Rechte, Regulierung und Anerkennung.
Sexarbeiter*innen und Aktivist*innen demonstrieren am Vorabend des Internationalen Tags der Arbeit 2022 in Kolkata. picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Bikas Das
Sexarbeiter*innen und Aktivist*innen demonstrieren am Vorabend des Internationalen Tags der Arbeit 2022 in Kolkata.

Nur wenige Geschichten sind so alt – und so umstritten – wie die von Frauen, die Sex verkaufen, um leben zu können. In Indien existiert Sexarbeit in einem Paradoxon: Sie ist hypersichtbar und unsichtbar zugleich. Sie ist tief in der Geschichte verwurzelt, versteckt sich in Hinterhöfen und wird permanent kontrolliert durch Gesetze, Moralvorstellungen und Stigmata.

In der öffentlichen Debatte werden Sexarbeiterinnen unsichtbar gemacht, dabei sind sie dem Blick der Gesellschaft, der sie auf Stereotypen reduziert, im Übermaß ausgesetzt. Dieses umstrittene Terrain spaltet die feministische Politik seit Jahrzehnten. Über Sexarbeit wird wechselweise geschwiegen, sie wird als schädlich oder gewaltvoll dargestellt oder als eine Frage von Wahl und Selbstbestimmung verteidigt. Sexarbeiterinnen erfahren verbalen, körperlichen, emotionalen und psychologischen Missbrauch sowie bezahlte und unbezahlte Gewalt und explizite und indirekte Nötigung.

Formelle und informelle staatliche Institutionen haben die Situation noch verschlimmert. Das Gesetz zur Verhinderung unmoralischen Handels von 1986 definiert Prostitution als „sexuelle Ausbeutung oder Missbrauch (…) zu kommerziellen Zwecken“. Auf dem Papier stellt das Gesetz den Betrieb von Bordellen, Zuhälterei und öffentliche Anwerbung unter Strafe – nicht jedoch den Verkauf sexueller Dienstleistungen an sich. Praktisch wird das Gesetz uneinheitlich und oft auf grausame Art durchgesetzt. Polizeirazzien richten sich routinemäßig gegen Sexarbeiterinnen, während ihre Kundschaft, Menschenhändler*innen und Bordellbesitzer*innen ungeschoren davonkommen. 

In indischen Rotlichtvierteln – von der Garstin Bastion (GB) Road in Neu-Delhi bis zu Sonagachi in Kolkata – leben Sexarbeiterinnen in überfüllten Bordellen, teilen sich winzige Zimmer und werden von Polizei, Kundschaft und manchmal sogar ihren eigenen Familien schikaniert. Viele haben sich nicht freiwillig für diese Arbeit entschieden, sondern wurden durch Armut, häusliche Gewalt oder Verstoßung hineingedrängt. Und doch sagen viele von ihnen, dass ihnen die Sexarbeit – so schwierig und stigmatisiert sie auch ist – finanzielle Unabhängigkeit und ein fragiles Gefühl von Würde verschafft hat. Viele Sexarbeiterinnen empfinden es als weniger erniedrigend, Sex zu verkaufen, als in einer missbräuchlichen Ehe zu leben oder einen Hungerlohn zu verdienen.

Eine Frau in der GB Road brachte es auf den Punkt: „Das ist die einzige Arbeit, mit der ich meine Kinder ernähren kann. Selbst wenn ich damit aufhöre, wird mir die Gesellschaft niemals verzeihen.“ Weitere Frauen stimmten ihr zu und erzählten von Versuchen, in Fabriken oder als Hausangestellte zu arbeiten, wo die Bezahlung schlechter war, die Belästigungen genauso schlimm und es keine Sicherheit gab.

Alte Wurzeln, moderne Kämpfe

Prostitution hat tiefe Wurzeln in Indien. In vedischen Zeiten wurden Konkubinen und Kurtisanen – oft Sklavinnen – Königen als Geschenke übergeben. Kautilyas Abhandlung Arthashastra legte Regeln für Prostituierte fest, und Vatsyayanas Kamasutra klassifizierte sie nach Status, Rang und Fähigkeiten. Unter den Moguln waren Tawaifs hochqualifizierte Darstellerinnen und kulturelle Ikonen. Aber die Kolonialpolitik und wirtschaftliche Umwälzungen drängten den Beruf in kriminalisierte Randbereiche. Was von Königshöfen und anderen Machtzentren einst gefördert wurde, brachte man nun mit Kriminalität, Krankheit und moralischem Verfall in Verbindung.

Die heutige Debatte beschränkt sich nicht nur auf Indien und ist stark polarisiert zwischen radikalen und liberalen Feminist*innen (siehe Box). Zentral ist dabei eine einzige Frage: Sollte Prostitution als System der sexuellen Sklaverei abgeschafft oder als legitime Tätigkeit, die wie jeder andere Beruf reguliert und geschützt werden muss, anerkannt werden? 

Radikale Feminist*innen wie Andrea Dworkin und Carole Pateman argumentieren, Prostitution sei am Ende sexuelle Sklaverei – ein System, das auf Ungleichheit basiert und in dem Männer die Erniedrigung von Frauen erkaufen. Sie argumentieren, Einwilligung unter wirtschaftlichem Zwang sei keine echte Einwilligung, und eine Legalisierung würde Ausbeutung nur verschleiern. Dworkin sagt: „Prostitution lässt keine Frau unversehrt.“

Liberale Feminist*innen wie Martha Nussbaum und Prabha Kotiswaran hingegen betrachten Sexarbeit als Arbeit, die – sofern entkriminalisiert und reguliert – bessere Bedingungen und Verhandlungsmacht bieten könnte. Sie heben die Handlungsfähigkeit von Frauen hervor, die in einer harten wirtschaftlichen Realität zurechtkommen müssen. Der Verkauf sexueller Dienstleistungen sei nicht viel anders als andere Formen körperlicher Arbeit, und moralische Panik trage wenig dazu bei, strukturelle Armut oder Geschlechterungleichheit anzugehen.

Wie Indiens Gesetze Sexarbeiterinnen im Stich lassen

Die Debatte um Sexarbeit in Indien ist auch geprägt von langjährigen Spannungen in Gesetzgebung und Politik. Es herrschen drei gegensätzliche Ansichten vor: die moralistische Position, die Prostitution als Verstoß gegen moralische Grundsätze betrachtet und ihre Abschaffung fordert; die institutionalistische Sicht, die Prostitution als den „ältesten Beruf“ sieht, den der Staat nur marginal kontrollieren kann; und die erwähnten feministischen Perspektiven, die Prostitution als Aspekt ungleicher Geschlechterverhältnisse sehen.

In Indien sind Gesetze zur kommerziellen Sexarbeit über die Verfassung, das indische Strafgesetzbuch sowie das Gesetz zur Verhütung unmoralischen Handels von 1986 verteilt. Doch diese Rahmenwerke sind geprägt von kulturellen Fehlinterpretationen von Frauen, kolonialer Moralpolitik und elitären Annahmen. 

In den frühen südasiatischen Gesellschaften gab es zwar eine Kastenschichtung, aber deren Grenzen und damit verbundene sexuelle Normen waren nicht festgeschrieben. Frühe Texte wie das Arthashastra und das Kamasutra spiegeln eine Gesellschaft wider, in der Prostitution reguliert und in manchen Kontexten gesellschaftlich anerkannt war. Mit der Zeit verfestigten sich jedoch Kastenhierarchie und das brahmanische Patriarchat, was zu restriktiveren sexuellen Normen führte. Die Kolonialherrschaft verstärkte diesen Wandel durch die Einführung viktorianischer Moralvorstellungen und durch ein Strafrecht, das einvernehmliche Sexarbeit als soziale Abweichung einstufte. Nach der Unabhängigkeit änderte sich daran wenig.

Der rechtliche Rahmen in Indien hat dazu beigetragen, dass Sexarbeiterinnen eher als Kriminelle denn als Bürgerinnen behandelt werden, was viele in den Untergrund drängt. Obwohl Prostitution an sich nicht illegal ist, kriminalisiert das Gesetz zur Verhütung unmoralischen Handels wichtige Aspekte des Gewerbes: Die Abschnitte 3(1) und 3(2) machen den Betrieb von Bordellen und die Vermietung oder Verpachtung von Räumlichkeiten für Bordellzwecke strafbar. Die Abschnitte 7 und 8 verbieten Prostitution in der Nähe öffentlicher Orte und stellen Anwerbung unter Strafe. Mit der Kriminalisierung von Arbeitsstätten und sichtbaren Formen des Austauschs haben diese Bestimmungen die Sexarbeit in unsichere Umgebungen gedrängt und viele Arbeiterinnen in eine größere Abhängigkeit von Bordellbesitzer*innen oder Vermittler*innen gebracht. 

Die Vernachlässigung des Staates hat dazu geführt, dass Sexarbeiterinnen Belästigungen, Inhaftierungen und Ausgrenzung ausgesetzt sind. Gelegentlich greifen Gerichte ein, um ihre Rechte zu wahren – besonders hervorzuheben ist hier das Urteil des Obersten Gerichtshofs vom Mai 2022 (Strafrechtsbeschwerde Nr. 135/2010), das Sexarbeit als legitimen Beruf anerkennt. Das Urteil bekräftigte das Recht von Sexarbeiterinnen auf Würde und Schutz vor Gewalt, warnte vor routinemäßigen Polizeieinsätzen, unterstrich das Recht auf Privatsphäre und legte Richtlinien für eine verantwortungsvolle mediale Berichterstattung fest.

Stimmen aus Mumbais Rotlichtviertel

In Mumbais Kamathipura – dem ältesten und berüchtigtsten Rotlichtviertel der Stadt – sind diese rechtlichen Abstraktionen gelebte Realität. Hier prägen staatliche Vernachlässigung und gesellschaftliche Verachtung den täglichen Überlebenskampf der Sexarbeiterinnen. Ranjana (38) erzählte: „Aus meiner Familie waren fast alle in der Sexarbeit tätig, und alle mussten es verheimlichen. Wir können nie mit Stolz sagen, dass wir Sexarbeiterinnen sind, weil Staat und Gesellschaft uns schon immer für schmutzig gehalten haben und unsere Arbeit als Verbrechen gilt.“

Nima (31) sagte: „Selbst unsere Schatten sind schmutzig. Weißt du, warum? Weil wir nicht sind wie du oder deine Mutter, die einen ‚anständigen‘ Job haben, verheiratet sind und mit ihrem Mann und ihren Kindern zusammenleben. Niemand kann sich vorstellen, dass auch wir Familien haben und keine Opfer von Menschenhandel sind.“

Obwohl sie in der Politikgestaltung keine Rolle spielen, haben die Frauen von Kamathipura komplexe Identitäten: Sie sind Versorgerinnen, Betreuerinnen und organisieren ihre Gemeinschaft. Viele verfolgen die rechtlichen Entwicklungen und hoffen auf Entlastung. Chaya (29) erklärte: „Wir verfolgen genau, was die Gerichte tun. Registriert die Polizei unsere Beschwerden nicht, sagen alle, wir sollen vor Gericht gehen. Wir vertrauen darauf, dass es unsere Rechte schützt.“

Für viele bedeutet die Anerkennung von Sexarbeit als Tätigkeit einen Funken Würde inmitten jahrzehntelanger Kriminalisierung. Rani (36) fasste zusammen: „Sexarbeit ist weder gut noch schlecht. Das haben die Gesetze lange nicht begriffen. Unsere Forderung war, nichts zu kriminalisieren, sondern Vorkehrungen für Gesundheit, Bildung und Hygiene zu treffen. Auch das Gericht betonte, wie wichtig das ist.“

Sexarbeit in Indien ist kein isoliertes soziales Übel. Sie ist ein Spiegel, der unser Unbehagen gegenüber Sexualität, wirtschaftlichen Ungleichheiten und unseren Unwillen, marginalisierten Menschen Würde zuzugestehen, reflektiert. Sich ehrlich mit Sexarbeit auseinanderzusetzen, bedeutet, sich mit tieferen Ungerechtigkeiten zu befassen. Die Frage ist nicht, ob Prostitution existieren sollte – das tut sie bereits –, sondern wie die Gesellschaft diejenigen behandelt, die sie ausüben.

Khushboo Srivastavaist Politikwissenschaftlerin und arbeitet an der Schnittstelle von Gender und Politik.
krsrivastava29@gmail.com 

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