Unsere Sicht
Politischer Humor dient sowohl der Freiheit als auch dem Extremismus

Vierzig Jahre lang hatte Wong Kei-kwan sozialkritische Karikaturen gezeichnet für die Tageszeitung Ming Pao in Hongkong, dann war Schluss. Im Mai 2023 stellte die Zeitung seine Cartoons ein, nachdem sich mehrere Regierungsstellen der Sonderverwaltungszone darüber beschwert hatten. Beobachter sahen in dem Fall einen weiteren Sargnagel für die kritische Medienlandschaft Hongkongs unter dem autoritären Einfluss Chinas.
Der Zustand politischer Satire in einer Gesellschaft ist ein Gradmesser für Meinungsfreiheit: Sie gibt Unterdrückten eine Stimme und hinterfragt humorvoll Autoritäten.
In vielen Ländern versuchen Herrschende deshalb, Satiriker*innen zum Schweigen zu bringen, wie im Fall von Wong Kei-kwan. Sie bedrohen und bestrafen sie, lassen sie verschwinden oder treiben sie ins Exil.
Doch auch andere Kräfte schränken den Freiheitsraum der Satire ein. Social-Media-Algorithmen etwa benachteiligen unerwünschte Inhalte. Letztlich entscheiden die Plattformen selbst, was die breite Masse erreichen darf – oft nach intransparenten Maßstäben. Meta, der Mutterkonzern von Facebook und Instagram, habe viele seiner Karikaturen gelöscht, berichtet der sudanesische Cartoonist Khalid Albaih im Gespräch mit E+Z. Die renommierte Karikaturistin Ann Telnaes verließ Anfang dieses Jahres die Washington Post, nachdem eines ihrer Werke nicht publiziert wurde. Es kritisierte das Verhalten des Tech-Milliardärs und Washington-Post-Eigentümers Jeff Bezos rund um den Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump: Auf dem Entwurf der Karikatur kniet Bezos gemeinsam mit anderen Größen der US-amerikanischen Tech- und Medienbranche in unterwürfiger Geste vor einer Trump-Statue. Offenbar ist solche Kritik unter Bezos in der Washington Post nicht möglich.
Humor funktioniert in beide Richtungen
Satire zielt mit ihrem Humor grundsätzlich von unten nach oben: Die Beherrschten lachen über die Herrschenden. Allerdings lässt sich Macht mittels Humors nicht nur infrage stellen, sondern auch festigen. Ein Paradebeispiel dafür ist Donald Trump, der sich als Präsident gezielt über politische Gegner*innen und Andersdenkende lustig macht.
Auch Extremismus lässt sich mit Komik sowohl bekämpfen als auch salonfähig machen: Im politischen Diskurs auf Social Media, aber nicht nur dort, ziehen Extremist*innen demokratische Werte ins Lächerliche, verspotten Benachteiligte und schüren Ängste und Vorurteile. Kritik daran stempeln sie schnell als „humorlos“ ab.
Satire kann Autokratie untergraben, extremistischer Humor hingegen die Demokratie. Eine Strategie gegen antidemokratische Kräfte ist wiederum: Humor. Das haben kreative Aktionen gegen Extremismus und Autokratie bewiesen.
Alle zwei Jahre verleiht die Freedom Cartoonists Foundation den Kofi Annan Courage in Cartooning Award und rückt damit Karikaturist*innen und ihre demokratiefördernde Arbeit ins Rampenlicht. Im Jahr 2024 ging der Preis an Wong Kei-kwan und die indische Karikaturistin Rachita Taneja. Die beiden stehen für Tausende, die unter schwierigen Bedingungen um Bilder und Worte ringen, um freiheitliche Werte hochzuhalten. Sie sind Vorbild und Inspiration – auch für das Publikum in etablierten, aber angegriffenen Demokratien.
Links
Telnaes, A., 2025: Why I’m quitting the Washington Post.
https://anntelnaes.substack.com/p/why-im-quitting-the-washington-post
Freedom Cartoonists:
https://freedomcartoonists.com/
Capelotti, J. P., Hoefel, D., Date, R. (eds.), 2024: Humour and conflict in the global south. European Journal of Humour Research. Vol. 12 No. 3 (2024).
https://europeanjournalofhumour.org/ejhr/issue/view/48
Jörg DÖbereiner ist Chef vom Dienst bei E+Z.
euz.editor@dandc.eu