Gen Z
„Kliniken vor Stadien“: Marokkos Jugendproteste und der Fußball
Was online mit anonym geführten Diskussionen begann, entwickelte sich im September 2025 zu heftigen politischen Protesten in mehreren Städten des Landes. Die Bewegung „GenZ 212“, benannt nach der marokkanischen Ländervorwahl +212, treibt grundlegende gesellschaftliche Themen um: Ungleichheit, öffentliche Dienstleistungen und was „nationaler Fortschritt“ für Marokko eigentlich bedeutet.
Die jungen Demonstrierenden zeigten sich insbesondere frustriert über die Kluft zwischen Marokkos internationalen Ambitionen und dem oft bitteren sozialen Alltag. Sie stellen die Prioritäten infrage, nach denen staatliche Gelder ausgegeben werden.
Im Fokus ihrer Kritik stehen Investitionen für große Fußball-Veranstaltungen: den zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 von Marokko ausgerichteten Afrika-Cup (AFCON) sowie die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2030, bei der Marokko neben Portugal und Spanien als Hauptgastgeber fungieren wird. Zugleich sind das Bildungs- und Gesundheitssystem in Marokko unterfinanziert. Es mangelt an medizinischer Ausrüstung und Fachpersonal. Als im September in einem Krankenhaus in Agadir acht Frauen nach Geburten per Kaiserschnitt starben, entlud sich eine Welle der Wut.
Auf Online-Plattformen organisiert
Wie viele andere Gen-Z-Protestbewegungen ist auch GenZ 212 lose im digitalen Raum organisiert. Auf der Plattform Discord kamen bald hunderttausende User*innen zusammen. Eine neue Generation artikulierte dort ihre politischen und sozialen Forderungen – und trug sie in die Öffentlichkeit. Slogans wie „Kliniken vor Stadien, Gesundheit vor Sport“ hallten in den Straßen Marokkos.
Die Regierung dagegen hatte AFCON 2025 schon im Vorfeld als Erfolgsgeschichte präsentiert, ein Symbol für Marokkos wachsenden regionalen Einfluss. Laut Regierung brachte der Wettbewerb umgerechnet 1,5 Milliarden Euro ein und deckt bereits 80 % der Infrastrukturausgaben für die WM 2030.
Hohe Jugendarbeitslosigkeit in Marokko
Doch welches Signal senden massive Investitionen in Sport-Infrastruktur an Jugendliche, von denen viele ihre Zukunft als zunehmend ungewiss beschreiben? Laut der marokkanischen Behörde HCP (Haut Commissariat au Plan) haben 2,9 Millionen Marokkaner*innen zwischen 15 und 29 Jahren weder eine Arbeit noch gehen sie zur Schule oder sind in Ausbildung. Die Jugendarbeitslosigkeit schwankt regional zwischen 28 % und 40 %. Diese Generation – frustriert und unter hohem wirtschaftlichem Druck – sah im Afrika-Cup weniger einen Anlass zum Feiern als den Ausdruck einer verzerrten Realität.
„Wir sind keine Unruhestifter“, sagt der 22-jährige Achraf (Name geändert), Student der Ingenieurswissenschaft in Rabat. „Wir wollten nur unsere Grundrechte einfordern. Wir sind nicht gegen Fußball oder Großveranstaltungen, aber nicht, solange Frauen noch in Krankenhäusern sterben, nicht, solange das Gesundheitssystem chaotisch ist, und nicht, solange sich das Bildungswesen verschlechtert.“
Als Quelle seiner Frustration nennt Achraf das Ungleichgewicht in der Gesellschaft. „Wir haben nur um Würde gebeten. Um ein Marokko, in dem alle Menschen gleich sind“, sagt er. „Es ist seltsam, dass wir 2026 immer noch um so etwas bitten, während Milliarden für internationale Veranstaltungen ausgegeben werden.“
Achraf erinnert daran, dass viele junge Menschen im Rahmen der Proteste verhaftet und verurteilt worden seien. „Wofür? Dafür, dass wir Fragen zu unserem eigenen Land gestellt haben.“ Er kritisiert zudem den Abriss von Häusern in Rabat und Casablanca im Zuge des Afrika-Cups und der Fußball-WM.
Kritik an gesundheitlicher Versorgung
Aus Casablanca beschreibt die 25-jährige Asmae (Name geändert) ein ähnliches Gefühl der Abkopplung der internationalen Ambitionen Marokkos von der alltäglichen Realität. „Was wir fordern, ist Ausgewogenheit“, sagt sie. „Mit derselben Entschlossenheit, mit der Stadien gebaut werden, sollten auch Krankenhäuser, Schulen und lokale Infrastruktur entstehen.“
Für sie ist das Problem nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch geografischer Natur. „Alles konzentriert sich auf wenige Großstädte“, sagt sie. „Wenn man eine medizinische Behandlung benötigt, muss man oft nach Rabat oder Casablanca fahren. In Notfällen ist das nicht immer möglich.“
Aus Sicht von Asmae lehnt GenZ 212 nicht die Entwicklung des Landes oder große nationale Projekte als solche ab, sondern versucht, neu zu definieren, was Zugehörigkeit bedeutet. „Wir fordern Fairness, Transparenz und Würde“, sagt sie. „Bildung, Gesundheitsversorgung und Chancen sollten kein Luxus sein – sie sind Rechte.“
Schrumpfender öffentlicher Raum
Für die Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Sara Soujar ist die aktuelle Welle der Gen-Z-Proteste Teil einer längeren Entwicklung im Kampf um bürgerliche Freiheiten in Marokko – von der pro-demokratischen „Bewegung des 20. Februar“ während des Arabischen Frühlings 2011 über Proteste in der Region Rif in den Jahren 2016/2017 bis hin zu anderen regionalen Mobilisierungen. Sie argumentiert, die zugrunde liegenden Dynamiken seien weitgehend unverändert geblieben. Die Gen-Z-Bewegung sieht sie als „natürliche Fortsetzung der Protestgeschichte Marokkos“.
Soujars Ansicht nach haben jahrelange, offiziell angekündigte Reformen nicht zu einer Erweiterung des öffentlichen Raums geführt. Stattdessen beschreibt sie ein anhaltendes Muster der Beeinträchtigung von Meinungsäußerung, Organisation und friedlicher Versammlung. „Sowohl der öffentliche Raum als auch der Raum der Zivilgesellschaft unterliegen weiterhin verschiedenen Formen der Einschränkung“, kritisiert sie.
Die Gen-Z-Proteste, argumentiert Soujar, fielen unter die verfassungsrechtlich garantierte Meinungs- und Versammlungsfreiheit. „Die Debatte sollte sich darauf konzentrieren, die Achtung der Grundrechte zu gewährleisten und das Vertrauen zwischen Staat und Gesellschaft wiederherzustellen“, sagt sie.
Tausende Festnahmen
Die Marokkanische Vereinigung für Menschenrechte (AMDH) hat zahlreiche Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Protesten der GenZ 212 dokumentiert. Der Vereinigung zufolge wurden mehr als 2000 junge Menschen, auch Minderjährige, festgenommen – teils willkürlich. Gegen mehr als 1400 Personen seien Strafverfahren eingeleitet worden.
Laut AMDH-Präsidentin und Anwältin Souad Brahma beinhalten die dokumentierten Verstöße etwa übermäßige Repression, willkürliche Festnahmen und Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Zeug*innen berichten ihr zufolge von schwerwiegender psychischer Gewalt während der Haft. Auch sei die journalistische Berichterstattung zu den Protesten eingeschränkt worden. Insgesamt, so die Kritik der AMDH, setzten die marokkanischen Behörden im Umgang mit öffentlicher Kritik eher auf Eindämmung und Kontrolle, statt sich mit den sozialen Forderungen auseinanderzusetzen.
„Eine vorhersehbare Explosion“
Für den Ökonomen Najib Akesbi ist die Protestwelle das Ergebnis eines jahrzehntelang angesammelten Ungleichgewichts nach anhaltenden wirtschaftlichen und sozialen Verzerrungen, wie er während einer Konferenz im vergangenen Jahr erklärte. Siebzig Jahre nach der Unabhängigkeit Marokkos im Jahr 1956 liegt das Pro-Kopf-BIP bei etwa 4000 Dollar – laut Akesbi ein unzureichendes Niveau. Marokko steht im Human Development Index derzeit auf Rang 120 von 192.
Laut Akesbi zeichnet sich die aktuelle Protestwelle durch ihr Generationsbewusstsein und ihre digitale Identität aus. Die jungen Menschen sprächen nicht als isolierte soziale Gruppen, sondern als ganze Generation, mit einer eigenen Zukunftsvision.
Tiefgreifende Reformen bleiben aus
„Jedes Mal wiederholt sich dasselbe Muster“, erklärt Akesbi mit Blick auf Proteste in Marokko seit den 1960er-Jahren. „Soziale Frustration baut sich auf, die Menschen protestieren, und die Reaktion zielt eher auf Kontrolle als auf Reformen ab.“
Im Zentrum steht laut Akesbi eine „Vertrauenskrise“. Aufeinanderfolgende Regierungen hätten wiederholt Reformen in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und Regierungsführung versprochen, ohne aber strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Das System habe sich nicht wesentlich weiterentwickelt.
Marokkos Wirtschaftsmodell beschreibt Akesbi als fragil. „Wir sind von Dingen abhängig, die wir nicht kontrollieren – Regen, Tourismus, ausländische Investitionen“, erklärt er. „Das ist keine Souveränität.“ Mit Blick auf die Jugend kritisiert Akesbi insbesondere, dass die Wirtschaft nicht genügend Arbeitsplätze schaffe. „Man hat also eine Generation, die zwar gebildet, aber ausgeschlossen ist“, sagt er.
Die WM 2030 steht vor der Tür
Wohin dieser Mangel an Perspektiven führen kann, haben die Proteste vom Herbst 2025 gezeigt. Nun ist der Afrika-Cup vorbei, und Marokko bereitet sich auf die Fußball-WM vor. Für das Moroccan Institute for Policy Analysis (MIPA) ist dies ein „gewaltiges finanzielles Unterfangen und eine ebenso bedeutende Chance für wirtschaftlichen Aufschwung“. Wie stark der Aufschwung tatsächlich ausfallen wird, bleibt abzuwarten. Die Kosten liegen für Marokko schätzungsweise zwischen 5 und 6 Milliarden Dollar.
Während es um die Fußball-Infrastruktur in Marokko immer besser steht, bleiben grundlegende Forderungen der jüngeren Generation nach Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitswesen weiterhin unerfüllt. Wohin wird diese Entwicklung führen? Fest steht: Junge Marokkaner*innen sehnen sich nach wie vor nicht so sehr nach sportlichem Spektakel wie nach Würde, Gleichberechtigung und einer lebenswerten Zukunft.
Salma Mansouri ist das Pseudonym einer marokkanischen Journalistin/eines marokkanischen Journalisten, der/die anonym bleiben möchte.
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Dieser Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Egab veröffentlicht.