Jugendarbeitslosigkeit
Cafés als Orte der Hoffnung für Somalias arbeitslose Jugend
In einem kleinen Café im Hodan-Distrikt von Mogadischu fällt die Morgensonne auf die Holztische, an denen junge Menschen mit Laptops und Smartphones sitzen, tippen, scrollen und leise miteinander sprechen. Einige verschicken Bewerbungen, andere überarbeiten ihre Lebensläufe oder helfen Freund*innen beim Formulieren von Anschreiben. Angesichts des umkämpften Arbeitsmarkts in Somalia halten sie ehrgeizig und konzentriert an einer „Arbeitsroutine“ fest.
Die jungen Leute mögen keine formellen Büros haben, arbeiten in vielerlei Hinsicht aber dennoch bereits als Bürokräfte. Für die 27-jährige Safiya, die einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre hat, gehört das Café zum festen Tagesablauf. „Auch wenn ich keine Rückmeldungen auf meine Bewerbungen bekomme, lerne ich weiterhin neue Dinge – etwa wie digitales Marketing funktioniert und wie die Freiberuflichkeit funktioniert. Das hält mich in Bewegung“, sagt sie.
Untätig sind die jungen Leute jedenfalls nicht. Cafés in Mogadischu sind zu Mikrosystemen von Ambitionen und gegenseitiger Unterstützung geworden, in denen junge Menschen Fähigkeiten entwickeln und Wissen austauschen. Rund 75 % der somalischen Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre, und jedes Jahr drängen zehntausende junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt. Doch nur sehr wenige finden eine formelle Beschäftigung. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei etwa 34 % – fast doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt. Während das Bruttoinlandsprodukt Somalias 2024 um vier Prozent wuchs, lebt weiterhin mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Informelle Arbeit macht über 80 % der Beschäftigung aus.
Ähnlich wie Chinas sogenannte „Pretend-to-work“-Büros sind Somalias Cafés daher zu einer eigenen Form der Hoffnung geworden: Orte, an denen Selbstvertrauen, Gemeinschaft und Sinn neu entstehen können. Angesichts der wenigen verfügbaren Arbeitsplätze schaffen sich junge Menschen so eigene Strukturen, bauen Fähigkeiten auf und pflegen gemeinsame Träume, um ihrem Alltag Bedeutung zu geben und Netzwerke zu knüpfen, die später zu einer Beschäftigung führen könnten. Jeder aktualisierte Lebenslauf, jede gemeinsame Coding-Session und jede Geschäftsidee, die bei einem Kaffee diskutiert wird, ist ein kleiner Akt der Hoffnung und Entschlossenheit. So entstehen neue Wege dort, wo das traditionelle System versagt.
In einer Ecke arbeitet der 24-jährige Ahmed mit einem Freund an der Idee für eine Liefer-App. Er hat sein Studium abgebrochen, als die Studiengebühren unbezahlbar wurden, besucht nun aber Kurse zu Logistik und digitalen Zahlungssystemen. „Wir warten nicht darauf, dass der Staat uns einstellt. Wir schaffen das System selbst – durch Start-ups“, sagt er. „Am schwierigsten ist nicht das Lernen, sondern der Zugang zu Startkapital und Kontakten. Wir teilen online Unterlagen, helfen uns gegenseitig bei Geschäftsplänen und leihen uns manchmal sogar Handys für Bewerbungsgespräche. Dieses Café ist unser Büro, unser Klassenzimmer und unser Sicherheitsnetz.“
Abdifatah Mohamed, Direktor für Beschäftigungspolitik im Arbeits- und Sozialministerium (MoLSA), sagt: „Die meisten formellen Arbeitsplätze konzentrieren sich auf den öffentlichen Dienst, NGOs und große Unternehmen. Es braucht aber auch Investitionen in mittelgroße Betriebe. Ohne sie warten Absolventen endlos oder rutschen in informelle Arbeit ab.“
Der Ökonom Abdirahman Warsame vom Heritage Institute ergänzt: „Junge Somalier sind kreativ und widerstandsfähig. Sie bauen Netzwerke dort auf, wo das System versagt. Wenn diese Energie mit strukturierten Programmen wie dem UNDP-Programm Shaqo Abuur verknüpft würde, das junge Menschen in digitalen Kompetenzen und Unternehmertum schult, könnte sie die Wirtschaft transformieren.“
Als das Nachmittagslicht im Café weicher wird, schließt Safiya ihren Laptop. „Wir haben nicht viele Optionen, aber wir stehen hier trotzdem auf der Matte“, sagt sie. „Wir glauben weiterhin daran, dass es morgen besser werden kann.“
Bahja Ahmed ist freiberufliche Autorin, Pädagogin und humanitäre Helferin aus Mogadischu, Somalia.
bahmedmuse@gmail.com