UN-Nachhaltigkeitsziele
Nicht auf Kurs, aber noch nicht verloren
Vor jeder neuen Monatsausgabe diskutieren wir in der Redaktion, welcher Titel unseren Schwerpunkt am besten trifft. Manchmal geht das schnell, manchmal beraten wir lange – und gelegentlich bleibt ein Ohrwurm zurück („Wann ist ein Mann ein Mann?“). Für das Januar-Heft 2026 zum zehnjährigen Bestehen der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) hatten wir auf Anhieb zwei Titelideen. Beide treffend, jedoch mit gegensätzlichen Aussagen: „Das Ziel: eine bessere Welt“ und „Die Welt ist nicht auf Kurs“.
Vor zehn Jahren einigten sich die 193 UN-Mitgliedstaaten darauf, gemeinsam eine Welt zu gestalten, in der alle Menschen gut leben können. Seitdem werden Daten gesammelt und Fortschritte getrackt, und einige Länder sind deutlich vorangekommen. Man kann darüber streiten, wie realistisch das Gesamtprojekt von vornherein war – etwa weil ein klarer Fahrplan und ausreichende Finanzierung bis heute fehlen. Dennoch war es ein großer, visionärer Schritt: Politik, Zivilgesellschaft, Bildungseinrichtungen und Unternehmen weltweit machten sich auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit.
Der Gegenwind ist stark
Heute wissen wir: Die Ziele werden bis 2030 nicht erreicht. Fast die Hälfte der Indikatoren zeigte 2024 nur minimale oder moderate Verbesserungen; bei einem Drittel stagnierte oder verschlechterte sich die Lage. Die Corona-Pandemie hat viele Errungenschaften zurückgeworfen, und gekürzte Gelder für Entwicklungszusammenarbeit bremsen zusätzlich. Die Kindersterblichkeit unter Fünfjährigen könnte 2025 wieder gestiegen sein – bisher war ihr stetiger Rückgang eine Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig bedeutet auch Fortschritt nicht automatisch, dass bald alles gut ist: Bei manchen Umwelt- und Klimazielen mag die Zerstörung in einigen Ländern gebremst worden sein, geht aber trotzdem weiter.
Als wäre das nicht schon Ernüchterung genug, verbünden sich weltweit Kräfte, um die UN-Ziele anzugreifen. Rechtsnationale Regierungen und fossilwirtschaftliche Gruppen torpedieren internationale Vereinbarungen. Die USA ließen das bereits ausgehandelte Dekarbonisierungsabkommen für die Schifffahrt scheitern; auf der letzten Weltklimakonferenz blockierten öl- und gasproduzierende Staaten einen verbindlichen Ausstiegsfahrplan aus fossilen Energien. Die Gegner einer lebenswerten Zukunft sind laut und gut vernetzt; ihre Ansichten fluten die Medienwelt und machen es schwieriger, uns eine positive Zukunft auch nur vorzustellen.
Die Zukunft nicht aus dem Blick verlieren
Die Weltlage gibt wenig Anlass zu Optimismus. Dennoch haben wir uns für den Titel „Das Ziel: eine bessere Welt“ entschieden, auch wenn es pathetisch klingen mag. Denn gerade angesichts der Widrigkeiten darf die Weltgemeinschaft dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren. Bisher hält sie auch in großen Teilen weiter daran fest. Weltweit formieren sich Koalitionen der Willigen, die handeln, wo globale Einigung fehlt.
Die Mehrheit der Menschen hat sie dabei hinter sich: Laut Umfragen wünschen sich bis zu 89 % der Weltbevölkerung stärkere Klimaschutzmaßnahmen – und vermutlich auch Fortschritte bei den meisten anderen SDG-Zielen. Wenn wir diese Mehrheiten ignorieren, überlassen wir das Feld endgültig jenen Kräften, die uns glauben machen wollen, es sei ohnehin zu spät.
Eva-Maria Verfürth ist Chefredakteurin von E+Z.
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