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Medien

Wie Indonesiens Medien mit KI umgehen

KI-Tools halten in indonesischen Redaktionen genauso schnell Einzug wie anderswo, doch ihre Einführung bringt neue Risiken und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich. Medienunternehmen setzen KI sowohl für Routinearbeiten ein als auch um interne Systeme aufzubauen. Zugleich verschärfen sie ihre Richtlinien, um Qualität, Glaubwürdigkeit und Umsatz zu sichern.
E+Z, KI-generiert

KI hat 2023 Einzug in indonesische Medienunternehmen gehalten. Schon ein Jahr darauf begannen Medien, KI in allen Produktionsabläufen einzusetzen. Sie nutzen sie für Textbearbeitung, automatisches Tagging (softwaregenerierte Kategorien, um Inhalte zu organisieren), Stimmgenerierung und sogar, um Avatare zu erstellen.

Ein Informationspapier der Alliance of Independent Journalists (AJI) von 2024 beschreibt, wie Branchenführer KI zur Verbreitung von Inhalten und für technische Unterstützung sowie für kreative Anwendungen wie etwa Vorschläge für Schlagzeilen testeten. Das Papier hob auch Risiken hervor: Desinformation, algorithmische Verzerrungen und Unklarheiten beim Urheberrechtsschutz für KI-generiertes oder -unterstütztes Material.

Im Jahr 2026 hat sich der Einsatz von KI laut einer Studie von BBC Media Action mit dem Titel „Understanding the Use of AI in Indonesian Newsrooms“ mittlerweile vom Experiment zur gängigen Praxis entwickelt. Laut der Untersuchung unter 212 Journalist*innen nutzen 75 % von ihnen KI-Tools im Rahmen ihrer täglichen Arbeit.

Die Studie zeigt auch, welche Tools dominieren. ChatGPT führt deutlich: 86 % der Befragten nutzen es, gefolgt von Gemini (63 %) und DeepSeek (12 %). Für Design und andere kreative Aufgaben liegt Canva vorne (32 %). Für Audio- und Videobearbeitung nannten die Befragten zudem Adobe Podcast oder CapCut. Bei der Nutzung von KI zur Überprüfung von Informationen zeigen sich Journalist*innen nach wie vor zurückhaltender. Nur 28 % nutzen sie zur Faktenprüfung, wobei fast die Hälfte dieser Gruppe täglich darauf zurückgreift.

Unser Bild stammt aus einem der Leitfäden von Africa Check: „Africa Check’s guide to zombie claims: How to spot false information that just won’t die.“

Allgemein ist die Einstellung zu KI eher ambivalent als begeistert oder ablehnend. Rund 70 % sehen KI als Chance, wobei 45 % der Studienteilnehmenden sie zugleich auch als potenzielle Bedrohung wahrnehmen. Mehr als die Hälfte verbindet KI mit Vorteilen wie schnelleren Arbeitsabläufen, größerer kreativer Kapazität und besserer Datenanalyse. Zugleich warnen 30 % vor Nachteilen wie verwässerten journalistischen Werten, weniger Beschäftigungsmöglichkeiten und einem größeren Risiko von Plagiaten und Inhaltsduplikaten.

Crawling und Zero-Click-Suchen

Die Medienbranche Indonesiens steht, wie Medien überall, vor einem tiefgreifenden Wandel, da sich die KI rasant weiterentwickelt. Generative KI beeinflusst mittlerweile sowohl die Geschäftsmodelle von Medienunternehmen als auch die langfristige Zukunftsfähigkeit von Redaktionen.

Wahyu Dhyatmika, Vorsitzender der Indonesian Cyber Media Association (AMSI), beschreibt zwei aktuelle Veränderungen, die seiner Ansicht nach die Medienlandschaft umkrempeln. Zum einen hätten sich generative KI-Tools enorm verbreitet – besonders ChatGPT und Google AI Overview. Er setzt dies in Verbindung mit „Zero-Click-Suchen“, bei denen Nutzer*innen Antworten auf einer Plattform erhalten, ohne direkt auf die Website des Medienanbieters zu gelangen. Medien, die auf organischen Traffic (Besucher*innen, die über unbezahlte Suchergebnisse zu einer Website gelangen) angewiesen sind, verzeichnen ihm zufolge einen Rückgang der Besucherzahlen von zum Teil mehr als 50 %. Das Publikum nutze für komprimierte Zusammenfassungen zunehmend KI-Plattformen – und diese Zusammenfassungen stützten sich oft auf Berichte jener Medien, die so an Leserschaft verlieren.

Zweitens weist Dhyatmika darauf hin, dass automatisierte Bots, die Websites durchsuchen („Crawler“) auch auf Nachrichtenseiten sprunghaft zugenommen haben. Mittlerweile extrahierten und speicherten immer mehr Bots journalistische Inhalte ohne Lizenzvereinbarungen und ohne etwas an die Publisher zu zahlen, was eine große Herausforderung für die Branche darstelle. Laut Dhyatmika haben weniger als fünf Prozent der rund 500 AMSI-Mitglieder technische Kontrollmechanismen eingeführt, wie maschinenlesbare Anweisungen für Bots oder Whitelist-/Blacklist-Protokolle, um Crawler-Zugriffe zu steuern. AMSI entwickelt daher eine auf OpenMind AI basierende Infrastruktur. Sie soll Crawling-Aktivitäten überwachen und von KI-Systemen, die journalistische Inhalte abgraben, Entschädigungen einfordern. Die Organisation testet das System derzeit mit drei Mitgliedern.

Kritik wegen KI-Fehlern

Der KI-Einsatz in Redaktionen hat in Indonesien bereits zu Kontroversen geführt. Verschiedene Medien wurden wegen Fehlern im Zusammenhang mit KI-generierten Inhalten massiv kritisiert.

CNN Indonesia geriet im vergangenen Jahr in die Kritik, nachdem ein Artikel über US-Präsident Donald Trump veröffentlicht worden war, der noch KI-generierte Empfehlungen enthielt. Der Fehler verbreitete sich rasant auf Social Media und warf Fragen zu grundlegenden redaktionellen Abläufen auf.

Im Januar wurde der Zeitung Radar Tulungagung vorgeworfen, falsche Informationen über ein angebliches Versprechen von Präsident Prabowo Subianto verbreitet zu haben, neue Staatsbedienstete einzustellen. Zudem verwendete der Artikel eine Illustration von Gemini.

Diese Vorfälle machen ein zentrales Risiko von KI im Journalismus sichtbar: Das Streben nach Tempo und Automatisierung kann auf Kosten von Genauigkeit – und damit Glaubwürdigkeit – gehen. Während indonesische Medienschaffende weiter experimentieren, stehen sie vor derselben praktischen Herausforderung wie ihre Kolleg*innen weltweit: Wie lässt sich KI in Arbeitsabläufe integrieren, ohne dabei journalistische Standards zu beeinträchtigen?

KI-Pionier

Seit der Einführung von ChatGPT im November 2022 hat sich Kompas.com – eines der ersten Online-Nachrichtenportale Indonesiens – als aktiver Pionier im KI-Bereich in der indonesischen Medienlandschaft positioniert. „Wir sehen, dass sich Gesellschaft und Technologie in Richtung KI bewegen und die Zivilisation selbst diesem Trend folgen wird. Deshalb befassen wir uns mit KI“, sagt Johanes Heru Margianto, Chef vom Dienst bei Kompas.com, das zur großen Kompas Gramedia Group gehört. Kompas.com lässt Journalist*innen und Content Creators viel Spielraum, um KI zu testen, und setzt diese im gesamten Arbeitsablauf ein, von der Vorproduktion bis hin zur Verbreitung.

Das Medium hat KI auch in sein Content-Management-System (CMS) integriert, also in die Software, die verwendet wird, um Artikel zu erstellen und zu veröffentlichen. In diesem Zusammenhang hilft KI dabei, Tippfehler zu erkennen und schlägt alternative Blickwinkel und Erzähloptionen vor. Zugleich sagt Margianto, dass die Redaktion KI nur mit Vorsicht als Informationsquelle einsetze, da sie ungenau und somit irreführend sein könne, vor allem, wenn Mitarbeitenden die entsprechenden Kompetenzen zur Faktenprüfung fehlten.

Aufgrund solcher Bedenken legte die Medienabteilung von Kompas Gramedia Regeln fest. Im Oktober 2023 entwarfen Margianto und elf Mitarbeitende die „KG Media Guidelines on AI Utilization“. Das Dokument legt praktische Anforderungen für den Einsatz von KI fest und definiert rechtliche und disziplinarische Konsequenzen bei Verstößen – von der schriftlichen Verwarnung bis hin zur Kündigung.

Die KG-Medienrichtlinien definieren KI als Hilfsmittel, das unter menschlicher Kontrolle bleiben muss. Margianto plädiert dafür, dass Journalist*innen KI zum Vergleichen und Entwickeln von Ideen nutzen sollten, es jedoch vermeiden müssten, die Erstellung von Inhalten vollständig an KI zu delegieren, da dies die Glaubwürdigkeit journalistischer Arbeit untergrabe. Selbst bei Routineinhalten – wie Wettervorhersagen, Gebetszeiten oder Terminen von Sportveranstaltungen – prüft die Redaktion von Kompas.com das von KI erstellte Material weiterhin.

Im Januar 2025 veröffentlichte auch der indonesische Presserat eigene Richtlinien. Diese heben hervor, dass Redaktionen den Einsatz von KI mit journalistischer Ethik in Einklang bringen müssen, und Journalist*innen weiterhin für die Überprüfung aller KI-gestützten Inhalte verantwortlich sind.

Wirtschaftlicher Druck

Die Wirtschaftslage ist ebenfalls zu einer Herausforderung geworden. Die rasche Verbreitung von KI verändert das Grundverständnis der Medienbranche und wirft Fragen zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit und Relevanz von Medienunternehmen auf. Kompas.com hat darauf reagiert, indem es KI-Bots daran hindert, seine Artikel automatisch auszulesen und zu speichern („scraping“), und sich stattdessen dafür entschieden, seine journalistischen Inhalte direkt an KI-Plattformen zu verkaufen.

Margianto führt den Wandel auf ein verändertes Nutzerverhalten zurück. „Weltweit war Google immer die größte Traffic-Quelle. Deshalb wurde SEO so wichtig“, sagt er. Er bezieht sich damit auf die Suchmaschinenoptimierung – Maßnahmen, die dazu beitragen, dass Inhalte in den Suchergebnissen weit vorne angezeigt werden. Wegen KI-generierter Antworten und Zusammenfassungen geht der von Google generierte Traffic jedoch weltweit zurück. In Indonesien, ergänzt er, erlebten mittlerweile so gut wie alle Online-Medien schwindende Besucherzahlen.

Bei Kompas.com schätzt Margianto den Rückgang auf etwa 20 %, was er für weniger gravierend hält als die Einbußen, von denen andere Medien berichten. KI verändere jedoch mehr als nur die Konsumgewohnheiten, argumentiert er: Sie untergrabe die ureigensten Mechanismen der Medienwirtschaft. „Der Kern des Mediengeschäfts ist das Publikum. Das ist es, was monetarisiert wird. Schwindet das Publikum, bricht die Geschäftsgrundlage zusammen“, sagt er. Für Margianto geht das Problem über die Monetarisierung hinaus: Die Medien müssten ihre Rolle neu definieren, da ihre traditionellen Funktionen – das Informieren und Aufklären der Öffentlichkeit – zunehmend von Social Media und KI-Systemen übernommen würden.

Hintergrundberichte mit KI: Zona Utaras Kurswechsel 

Andere Unternehmen gehen andere Wege. Zona Utara etwa, ein Medienunternehmen aus Nord-Sulawesi, experimentiert seit drei Jahren mit KI im Redaktionsbetrieb. Doch anstatt sich im rasanten Tagesnachrichtenzyklus zu messen, legt es nun den Schwerpunkt auf ausführliche und investigative Berichterstattung.

Gründer und Chefredakteur Ronny Buol sagt, der Wandel spiegele das veränderte Verhalten der Leserschaft wider. „Die Menschen gehen nicht mehr auf Google, sondern direkt zur KI. Warum sollten wir also weiter Tagesnachrichten produzieren?“, fragt er. Zona Utara veröffentlicht nach wie vor täglich Berichte, wenn wichtige Ereignisse eintreten, richtet seine Arbeit jedoch nicht mehr auf regelmäßige Aktualisierungen aus.

Der neue redaktionelle Schwerpunkt bedeutet nicht, dass das Medium auf KI verzichtet. Im Laufe des vergangenen Jahres hat Zona Utara seine eigenen Tools entwickelt. Laut Buol führt der Einsatz von Allzwecksystemen für Nachrichten zu „Halluzinationen“ und Fehlinformationen. „Das verdoppelt unseren Arbeitsaufwand, weil wir alles überprüfen müssen“, sagt er.

Deshalb hat Zona Utara eigene KI-Agenten in sein CMS integriert. Diese folgen strengen Vorgaben, die den Standards einer Redaktion entsprechen: Sie müssen die Sechs W-Fragen (wer, was, wann, wo, warum und wie) abdecken, Verifizierungsschritte einbeziehen und klare Angaben zur Autorschaft machen. Buol sagt, er und seine Kolleg*innen hätten sich die Entwicklung dieser Tools selbst beigebracht, obwohl sie kein IT-Team haben.

Auch wenn der Fokus zunehmend auf investigativer Berichterstattung liegt, veröffentlicht das Medium weiterhin „Evergreen“-Inhalte – ebenfalls mit Hilfe von KI. Buol nannte Schiffsfahrpläne als Beispiel: Zona Utara bezieht Daten von der nationalen indonesischen Fracht- und Passagierschifffahrtsgesellschaft, wandelt die Datensätze in Artikel um und erstellt interaktive Karten und Grafiken.

Um die Qualität zu sichern, führte die Redaktion Ende 2024 interne KI-Richtlinien ein. Reporter*innen dürfen keine generischen KI-Tools verwenden – um verzerrte Darstellungen zu vermeiden und sensible interne Daten zu schützen. Die Vorschriften verlangen zudem Transparenz: Alle KI-gestützten Inhalte müssen mit einem Hinweis versehen sein.

Der Kurswechsel zahlt sich aus. Seit Mitte 2025 verweilt die Leserschaft länger auf der Webseite. „Wir haben ein treues Publikum für ausführliche Berichterstattung“, sagt Buol und fügt hinzu: „Vielleicht, weil KI keine investigativen Berichte verfasst.“

Anastasya Andriarti ist eine Journalistin aus Indonesien. Sie arbeitet zudem als Dozentin für Journalismus und als Forscherin im Bereich Medien- und Kommunikationswissenschaften.
sinaudata@gmail.com

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