Glaubensbasierte Organisationen
Von Gurdwaras bis zu Kirchen: Religionen begegnen Indiens Drogenkrise
Indiens Drogenkrise hat kritische Ausmaße erreicht. Der Bundesstaat Punjab verzeichnet einige der alarmierendsten Zahlen des Landes: Im Jahr 2024 waren dort über 230.000 Menschen opioidabhängig, und die Opioidkonsumrate lag bei 9,7 %, verglichen mit einem nationalen Durchschnitt von 2,1 %. Punjab hat etwa 30 Millionen Einwohner*innen und liegt direkt am „Heroinkorridor“, der von Afghanistan über Pakistan nach Indien verläuft.
Im selben Jahr wurden in Punjab 9025 Strafverfahren nach dem Gesetz über Betäubungsmittel und psychotrope Substanzen (Narcotic Drugs and Psychotropic Substances (NDPS) Act) registriert. Trotz eines rückläufigen Trends ist dies nach wie vor die zweithöchste Zahl in ganz Indien nach dem Bundesstaat Kerala. Die am häufigsten konsumierten Drogen in Punjab waren Heroin, Opium und missbrauchte Medikamente.
Gleichzeitig ist das öffentliche Suchtbehandlungssystem in Punjab stark überlastet. Der Bundesstaat betreibt 529 ambulante Kliniken für die opioidunterstützte Therapie (OAT), die durch rund 180 private Behandlungszentren ergänzt werden.
Religiöse Organisationen haben diese Lücke mit einer Wirksamkeit geschlossen, die der Staat bislang nur schwer erreichen konnte. Die Gründe dafür sind nicht schwer zu verstehen. In von Sucht geplagten Gemeinschaften ist das Vertrauen in staatliche Systeme geschwächt. Religiöse Organisationen hingegen verfügen über moralische Autorität, eine Reichweite bis zur Gemeindeebene und ein Verständnis von Genesung, das ebenso sehr spiritueller wie medizinischer Natur ist. Sie behandeln die Betroffenen nicht nur, sondern integrieren sie auch wieder in die Gesellschaft.
Das Gurdwara-Modell in Punjab
Das Konzept des „Seva“ – selbstloser Dienst – hat im Sikh-Glauben eine lange Tradition. Dadurch eignen sich Gurdwaras, die Gebets- und Lernstätten der Sikhs, ideal für die soziale Betreuung. In Punjab haben sich einige davon von der bloßen Bereitstellung kostenloser Mahlzeiten hin zum Betrieb umfassender Rehabilitationsprogramme weiterentwickelt. In manchen Gurdwaras erhalten Patient*innen Unterstützung bei der Entgiftung, Beratung, berufliche Ausbildung und – was entscheidend ist – eine Gemeinschaft, die sie auch nach ihrer Entlassung weiterhin begleitet und unterstützt.
Die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Unterstützung wird durch Forschungsergebnisse zur Opioidabhängigkeit in Indien unterstrichen. Eine Studie mit 466 Patient*innen, die sich in einem Behandlungszentrum in Amritsar einer stationären Opioid-Entgiftung unterzogen hatten, ergab, dass rund 32 % im Jahr nach ihrer Entlassung einen Rückfall erlitten hatten. Eine weitere indische Studie mit Patient*innen, die wegen einer Opioidabhängigkeit behandelt wurden, zeigte, dass ein Drittel innerhalb eines Nachbeobachtungszeitraums von 90 Tagen einen Rückfall hatte. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Herausforderungen bei der Aufrechterhaltung der Genesung nach der Therapie und die potenzielle Bedeutung einer fortgesetzten psychosozialen und gemeindenahen Unterstützung.
Das Gurdwara-Modell integriert das, was Suchtfachleute als „soziales Kapital“ bezeichnen, direkt in die Therapie selbst. Süchtige, die sich in der Genesung befinden, werden nicht einfach in die Anonymität entlassen – sie kehren in eine Gemeinschaft zurück, die sie kennt, sich um sie kümmert und ihnen über ihre eigenen Netzwerke Arbeit vermittelt. Die Drogenkrise in Punjab ist in der Tat auch eine Arbeitslosenkrise. Studien stellen durchweg einen Zusammenhang zwischen Drogenmissbrauch und Arbeitslosigkeit in ländlichen Gebieten her. Daten aus der regelmäßigen Arbeitskräfteerhebung für den Zeitraum April bis Juni 2025 zeigten, dass die Jugendarbeitslosigkeit (in der Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen) in Punjab bei 20,2 % lag und damit über dem nationalen Durchschnitt. Die Gurdwara-Programme bekämpfen also gleichzeitig Drogenmissbrauch und Arbeitslosigkeit.
Unterdessen hat die staatliche Infrastruktur mit ernsthaften Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen. Punjab führte im Jahr 2025 neue Vorschriften zur Behandlung von Suchterkrankungen ein. Die Reform folgte auf einen großen Skandal, bei dem private Reha-Anbieter Millionen von Buprenorphin-Tabletten – ein Opioid zur Behandlung von Opioidabhängigkeit sowie akuten und chronischen Schmerzen – auf den freien Markt umgeleitet hatten. Ein Zentrum in Patiala soll Berichten zufolge in weniger als acht Monaten 2,6 Millionen Tabletten verkauft haben, obwohl dort nur 55 Patient*innen registriert waren. Dieser Vorfall verdeutlicht eindrücklich die Risiken eines kommerzialisierten Rehabilitationssektors, der ohne angemessene Aufsicht betrieben wird – und spricht für gemeindenahe Alternativen.
Die Kirche engagiert sich im Nordosten
Fast 3000 Kilometer weiter östlich, in den Hügeln im Nordosten Indiens, unternimmt eine andere Religionsgemeinschaft ähnlich umfangreiche Anstrengungen. Die Region – zu der Bundesstaaten wie Mizoram, Nagaland, Meghalaya und Manipur gehören – ist überwiegend christlich geprägt. Sie grenzt an Myanmar, das zusammen mit Laos und Thailand das „Goldene Dreieck“ des Opium- und Heroinhandels bildet und zu den größten Drogenanbaugebieten Asiens zählt. Indiens 1643 Kilometer lange, größtenteils ungesicherte Grenze zu Myanmar verläuft durch drei dieser Bundesstaaten, wodurch Heroin und Methamphetamin relativ ungehindert ins Land gelangen können.
In Mizoram bekennen sich rund 87 % der Bevölkerung zum christlichen Glauben. Die größte Konfession, die Mizoram Presbyterian Church, hat kürzlich eine Vereinbarung mit der Regierung unterzeichnet, wonach das Jordan Centre – eines der größten Rehabilitationszentren in Mizoram – für einen Zeitraum von 15 Jahren an die Synode der Kirche übergeben wird. Der Staat wird einen jährlichen Zuschuss von rund 52.000 Dollar bereitstellen, und die Kirche hat 238.000 Dollar aus ihrem eigenen Haushalt vorgesehen, um die Einrichtung, die unter staatlicher Leitung weitgehend funktionsunfähig geworden war, wiederzubeleben und auszubauen.
Die Logik ist dieselbe wie in Punjab, nur in anderen theologischen Begriffen ausgedrückt. „Für die Regierung war es selbstverständlich, auf sie zuzugehen“, erklärte Francis Kharshiing, Leiter der staatlichen „Drug Reduction, Elimination and Action Mission“ (DREAM), gegenüber UCA News. Er verwies auf eine ähnliche Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat in Meghalaya. „Durch die Bündelung von Ressourcen, Vertrauen und Nähe zur Bevölkerung wollen wir nicht nur Suchterkrankungen behandeln, sondern auch Würde wiederherstellen, Leben neu aufbauen und künftige Generationen schützen“, sagte er. In Nagaland ist das Shalom-Rehabilitationszentrum der katholischen Kirche in Chumukedima seit 1993 in Betrieb; dessen Leiter wurde im Oktober 2024 vom Gouverneur des Bundesstaates offiziell für die drei Jahrzehnte währende Arbeit des Zentrums geehrt.
Im Juni dieses Jahres schlossen sich Kirchen verschiedener Konfessionen – Presbyterianer, Baptisten und Katholiken – mit zivilgesellschaftlichen Organisationen in Mizoram zusammen, um eine gemeinsame Anti-Drogen-Koalition zu bilden. Die „Central Young Mizo Association“ und das höchste kirchliche Gremium, das „Mizoram Kohhran Hruaitute Committee“, hatten das Treffen als dringliche Angelegenheit einberufen. „Drogenmissbrauch ist eines der schwerwiegendsten Probleme, mit denen sowohl die Kirchen als auch die Zivilgesellschaft heute konfrontiert sind“, erklärte Bischof Stephen Rotluanga aus Aizawl gegenüber UCA News.
Die Frauen, die vom Staat übersehen werden
Indiens Drogenkrise hat eine weitere Dimension, die in den offiziellen Daten kaum zum Ausdruck kommt: Frauen. Die Infrastruktur zur Drogenrehabilitation des Landes ist fast ausschließlich auf männliche Patienten ausgerichtet. In der Vergangenheit basierten Suchtforschung, Diagnose und Behandlungsansätze auf Modellen, die sich in erster Linie auf Männer konzentrierten, während die spezifischen Realitäten der Sucht bei Frauen oft übersehen wurden. In Indien werden diese Realitäten durch ein so starkes Stigma verschärft, dass suchtkranke Frauen kaum identifiziert werden – Familien verstecken sie, Gemeinschaften schließen sie aus, und staatliche Einrichtungen, sofern es sie überhaupt gibt, sind oft unzugänglich.
Frauen sehen sich einer Vielzahl sich überschneidender Hürden bei der Suchtbehandlung gegenüber, darunter Stigmatisierung und Scham, begrenzte familiäre Unterstützung, Betreuungsaufgaben sowie Bedenken hinsichtlich Sicherheit und Privatsphäre. Indische Studien über Frauen, die eine Behandlung in Anspruch nehmen, haben mangelnde soziale Unterstützung, Kinderbetreuungsaufgaben, Selbststigmatisierung und familiäre Stigmatisierung als Hindernisse für den Einstieg in eine Behandlung oder den Verbleib darin dokumentiert.
Glaubensbasierte Organisationen, die innerhalb der Gemeinschaften und nicht außenstehend agieren, sind manchmal besser in der Lage, diese Frauen zu erreichen. Kirchliche Netzwerke im Nordosten haben beispielsweise Modelle der Selbsthilfeberatung und Programme für Hausbesuche entwickelt, sodass Frauen ihre Sucht nicht öffentlich zugeben oder ihre Familien verlassen müssen, um Hilfe zu suchen. Auch Programme, die mit Gurdwaras im Punjab verbunden sind, haben begonnen, speziell auf Frauen zugeschnittene Angebote zu entwickeln, da man erkannt hat, dass Sucht in Familien selten nur die Männer betrifft.
Dennoch sind die Lücken in der Behandlungsversorgung für beide Geschlechter nach wie vor enorm. Nach Angaben des Ministeriums für soziale Gerechtigkeit und Empowerment werden derzeit 768 Behandlungs- und Rehabilitationszentren im Rahmen des National Action Plan for Drug Demand Reduction (NAPDDR) finanziert – viel zu wenige für ein Land, in dem Millionen von Menschen eine Behandlung wegen Substanzabhängigkeit benötigen. Vor dem Hintergrund dieser institutionellen Defizite füllen religiöse Organisationen nun nicht nur einen Teil der Lücke, sondern tragen auch einen unverhältnismäßig großen Teil der Last.
Indiens Drogenkrise ist zugleich eine Krise der Zugehörigkeit: Menschen greifen zu Drogen, wenn sie sich vom Wirtschaftsleben, von ihren Familien und ihrer Zukunft abgekoppelt fühlen. Die derzeit wirksamste Rehabilitationsarbeit in Indien wird von Einrichtungen geleistet, deren gesamte Existenz darauf ausgerichtet ist, den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit – sowohl in spiritueller als auch in physischer Hinsicht – zu einer Gemeinschaft und zu einem höheren Ziel zu vermitteln.
Rishabh Jain ist freiberuflicher Journalist und Dokumentarfilmer und befasst sich mit Themen wie Klimawandel, Gesundheit, Menschenrechte und Migration.
rish.jain8899@gmail.com