Fußballgeschichten
Ägyptens Ultras als Teil der Revolution
Fußball ist politisch. Viele Machthaber nutzen Sportveranstaltungen zur Imagepflege und Demonstration von Macht und Einigkeit. Die Fanszene der Ultras hingegen begreift das Stadion oft als autonome Zone, die sich staatlicher Kontrolle entzieht.
Im Jahr 2011, mitten im Arabischen Frühling, wurde die organisierte Fanszene des ägyptischen Fußballrekordmeisters Al Ahly zu einer Stütze der ägyptischen Revolution. Als am 2. Februar Milizen des Hosni-Mubarak-Regimes auf Pferden und Kamelen Demonstrierende auf dem Tahrir-Platz angriffen, stellten sich Ultras ihnen in den Weg. Tagelang dauerten die anschließenden Straßenkämpfe, rund 150 aktive Fußballfans kamen im Lauf der Revolution 2011 ums Leben. Am 11. Februar trat Mubarak zurück. Die Revolution siegte für kurze Zeit.
Fast auf den Tag genau ein Jahr später fand der politische Einfluss der Ultras in Ägypten ein jähes Ende. Am 1. Februar 2012 – beim Spiel zwischen Al Ahly und Al Masry in Port Said – drangen Bewaffnete in den Block der Al Ahly-Anhänger ein. Das Flutlicht war ausgeschaltet, die Polizei griff nicht ein. Insgesamt 72 Menschen kamen durch Gewalt und Massenpanik ums Leben, darunter überwiegend Fans von Al Ahly.
Nach der Katastrophe in Port Said wurden Fußballspiele über mehrere Jahre ohne Fanszene ausgetragen und das Innenministerium kontrollierte den Zugang. Die Ultraszene erfuhr einen Niedergang, mehrere Gruppierungen lösten sich später auf. Bis heute hält sich der Vorwurf, der damalige Militärrat habe die Gewalt zugelassen oder sogar herbeigeführt, um die Beteiligung der Ultras am Widerstand zu brechen. Viele Ultras gelangten in die berüchtigten Gefängnisse Ägyptens.
Unter dem heutigen Machthaber Abdel Fattah el-Sisi soll der ägyptische Fußball wieder der Inszenierung dienen und keinen Raum für Widerstand bieten. Ganz verschwunden ist das Politische im Fußball jedoch nicht. Bei der Präsidentschaftswahl 2018 gaben mehr als fünf Prozent ihre Stimme symbolisch dem Fußballstar Mohamed Salah – obwohl er gar nicht kandidierte.
Ägypten ist kein Einzelfall: Auch bei den Maidan-Protesten in der Ukraine 2013/14 oder beim Widerstand gegen Brasiliens früheren Präsidenten Jair Bolsonaro in den Stadien von São Paulo wurden aktive Fanszenen zu sichtbaren politischen Akteuren.
Marius Moniak studiert Politikwissenschaft und Medizin in Frankfurt am Main. Er hat diesen Text im Rahmen eines Praktikums bei E+Z verfasst.
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Dies ist die fünfte unserer Fußballgeschichten. Weitere Geschichten finden Sie hier.