Fragile Staaten
Welche Krise ist die schlimmste in Südsudan?
Südsudan ist eines der Länder weltweit, die am stärksten vom Klimawandel bedroht sind. Extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen untergraben zunehmend die Lebensgrundlagen der Menschen und setzen Gemeinden unter Druck, die ohnehin schon mit begrenzten Ressourcen zu kämpfen haben. Im Jahr 2024 waren laut UN mehr als 1,4 Millionen Menschen von den schlimmsten Überschwemmungen seit Jahrzehnten betroffen, und rund 380.000 Menschen wurden vertrieben.
Nach Angaben der UN sind mehr als 95 % der Bevölkerung Südsudans auf klimabedingte Lebensgrundlagen angewiesen. Landwirtschaft und Viehzucht sind besonders anfällig für Veränderungen bei Niederschlägen und Temperaturen. Wenn Klimaschocks die Verfügbarkeit von Ressourcen wie Wasser und Anbauflächen einschränken, geraten traditionelle Regelungen bezüglich Nutzung und Bewegungsfreiheit unter Druck, und Konflikte um Land verschärfen sich.
In der trockenen Savanne des nördlichen Bundesstaates Northern Bahr el Ghazal beispielsweise hat eine Kombination aus steigenden Temperaturen, unvorhersehbaren Niederschlägen und häufigen Überschwemmungen im Wechsel mit Dürren zu Ernteausfällen, Bodendegradation und Wasserknappheit geführt. Immer wieder sind die Menschen zur Flucht gezwungen, und die landwirtschaftliche Produktion sowie die Weideflächen gehen zurück.
Die Situation macht sich auch an Orten bemerkbar, die traditionell von günstigeren Wetterbedingungen profitiert haben. In Eastern Equatoria, einem Bundesstaat im Südosten Südsudans, der für seine grünen Wälder bekannt ist, haben anhaltende Dürre und unzureichende Niederschläge den landwirtschaftlichen Kreislauf gestört, sodass Landwirt*innen ihr Land nicht bewirtschaften und nicht genügend Nahrungsmittel produzieren können.
Die Situation ist im ganzen Land dieselbe: Wenn die Ernten ausfallen und die Nahrungsmittelvorräte der Haushalte schwinden, sind die Familien zunehmend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Südsudan befindet sich somit in einem Teufelskreis: Unregelmäßige Niederschläge führen zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, was die Ernährungsunsicherheit und die Armut verschärft, während die daraus resultierenden Krisen und Konflikte Ressourcen beanspruchen, die eigentlich in langfristige Maßnahmen zur Klimaanpassung investiert werden könnten.
Die Umfrage „Public Perceptions of Peace“ aus dem Jahr 2024 quantifiziert, wie diese Belastungen von der Bevölkerung in Südsudan wahrgenommen werden. Die Umfrage wurde unter 4.769 Teilnehmenden in allen zehn Bundesstaaten und einem Verwaltungsgebiet durchgeführt und ergab, dass 93 % der Befragten der Meinung waren, der Klimawandel habe direkte Auswirkungen auf ihre Gemeinden. 67 % gaben an, dass Mitglieder ihrer Gemeinden in den vergangenen drei Jahren durch Überschwemmungen oder Dürren vertrieben worden seien, während 89 % sagten, der Klimawandel habe die Landwirtschaft stark beeinträchtigt, und 79 % berichteten von Auswirkungen auf die Weidewirtschaft.
Die Umfrage deckte jedoch auch eine Kluft zwischen dem Ausmaß des Problems und dem Vertrauen in die staatlichen Maßnahmen auf. Während 54 % der Meinung waren, die Regierung tue genug, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, betrachteten nur 19 % die nationale Regierung als die wirksamste Institution, um den Gemeinden bei der Bewältigung der Probleme zu helfen – im Vergleich zu 43 %, die UN-Organisationen nannten.
Das jüngste Land der Welt
Die UN stellt fest, dass Klimastressoren in Südsudan und anderswo an sich keine Konflikte auslösten. Vielmehr wirkten sie auf bereits bestehende politische, wirtschaftliche und soziale Schwachstellen und verschärften dadurch Spannungen um Land, Wasser und andere Ressourcen.
Südsudan erlangte 2011 seine Unabhängigkeit und gilt als das jüngste Land der Welt. Nach der Unabhängigkeit führten jahrelange Konflikte und politische Instabilität dazu, dass sich viele Institutionen und die Wirtschaft des Landes nicht richtig etablieren konnten. Diese Situation wird durch die jüngsten Entwicklungen noch verschärft, da das Land beispielsweise damit zu kämpfen hat, die Folgen des Krieges in seinem Nachbarland Sudan zu bewältigen.
Eine Studie der Weltbank aus dem Jahr 2024 ergab, dass 76 % der südsudanesischen Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben. Mehr als zwei Drittel der Menschen leben in extremer Armut und müssen mit weniger als 2,15 Dollar pro Tag auskommen. Die Weltbank führt die Armut im Land auf eine Kombination aus Konflikten, schwacher Regierungsführung, begrenzten staatlichen Kapazitäten und wiederkehrenden Naturkatastrophen zurück.
In Schulen zeigen sich langfristige Folgen
Wenn solche Naturkatastrophen eintreten, benötigen die Gemeinden Nahrung, Unterkünfte, sauberes Wasser und medizinische Hilfe. Straßen und Schulen müssen instandgesetzt werden. Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, müssen umgesiedelt werden. Und das sind nur die kurzfristigen Anforderungen an die Regierung, die ihre ohnehin knappen Ressourcen für die Nothilfe erschöpfen.
Langfristig jedoch werden dieselben Gemeinden ohne ausreichende Investitionen in Hochwasserschutzmaßnahmen, Frühwarnsysteme, klimaresiliente Infrastruktur und alternative Existenzgrundlagen immer wieder in dieselben Notlagen geraten.
Unter dem Strich untergräbt der Klimawandel still, aber stetig, Entwicklungsfortschritte. Schulen sind ein deutliches Beispiel dafür. Extreme Hitze beeinträchtigt den Unterricht, während Überschwemmungen Schulschließungen erzwingen oder Bildungseinrichtungen in Notunterkünfte verwandeln. Wenn Kinder wiederholt den Zugang zu Bildung verlieren, reichen die Folgen weit über die unmittelbare Katastrophe hinaus.
Alle in Südsudan wissen um den Klimawandel
Südsudan muss sicherstellen, dass klimabezogene Überlegungen in die übergreifende Entwicklungs-, Friedens- und humanitäre Planung des Landes einfließen. Der Bau von Straßen, die auch bei Überschwemmungen befahrbar bleiben, die Verbesserung der Wasserinfrastruktur, die Stärkung von Frühwarnsystemen sowie die Unterstützung von Landwirt*innen und Viehzüchter*innen bei der Anpassung an sich verändernde Bedingungen können dazu beitragen, künftige humanitäre Kosten zu senken.
Für Südsudan stellt sich nicht mehr die Frage, wie man das Bewusstsein für den Klimawandel schärfen kann. Das gesamte Land ist sich dessen bewusst. Die schwierigere Frage ist vielmehr, wie ein Land, das mit Armut, Konflikten und anderen humanitären Krisen zu kämpfen hat, die Ressourcen aufbringen kann, um sich auf den nächsten Klimaschock vorzubereiten, bevor dieser eintritt.
Die Erfahrungen Südsudans verdeutlichen das Dilemma, mit dem viele gefährdete Länder konfrontiert sind: Diejenigen, die am stärksten von Klimaschocks betroffen sind, verfügen gleichzeitig über die geringsten Ressourcen, um sich darauf vorzubereiten. Den Klimawandel jedoch als zweitrangiges Thema zu behandeln, weil es dringlichere Probleme gibt, könnte sich als kostspieliger Fehler erweisen. Für Südsudan sind Klimaschutzmaßnahmen kein Luxus für eine wohlhabendere Zukunft. Sie sind zunehmend Teil des Kampfes des Landes um Ernährungssicherheit, Frieden und Entwicklung.
Alba Nakuwa ist freie Journalistin aus Südsudan. Sie lebt in Nairobi.
albanakwa@gmail.com