Frauen in Konflikten
Frauenalltag im Geflüchtetencamp: Übergriffe, Mangel, Schlangestehen
Acht Tage war Hawayaya Souleyman im September 2023 mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern auf der Flucht, wie sie erzählt. Ihr Heimatdorf im sudanesischen Bundesstaat Gharb Darfur liegt 30 Kilometer von der tschadischen Grenzstadt Adré entfernt. Die Familie floh zu Fuß. Drei ihrer Kinder überlebten diese Woche nicht, sie fielen einer Bombe zum Opfer.
Seit drei Jahren lebt Souleyman nun mit ihrem Mann und den überlebenden Kindern in Aboutengue, einem der größten Geflüchtetencamps in der tschadischen Grenzregion Wadai. Hier lebten Ende Januar 43.200 Menschen. Sie fühle sich hier einigermaßen sicher, nur das Feuerholzsuchen in den umliegenden Büschen sei gefährlich, sagt die 33-Jährige. Immer wieder käme es zu Übergriffen, sodass Frauen nur in Gruppen losgehen. Auch sie habe schon einmal vor Männern fliehen müssen, die sich ihrer Gruppe näherten.
Während ihrer Flucht aus Darfur, berichtet Souleyman, hätten Kämpfer der RSF-Miliz in Sudan immer wieder Mädchen und Frauen aus der Gruppe entführt, in der sie mit ihrer Familie unterwegs war. Manche kamen zurück, andere nicht. Souleyman blieb verschont.
Um sich nicht erneut solchen Gefahren aussetzen zu müssen, wäre es besser, Frauen müssten gar kein Feuerholz mehr sammeln gehen, sondern bekämen es von den Hilfsorganisationen im Camp bereitgestellt, sagt Souleyman. Doch die Versorgung sei grundsätzlich mangelhaft und käme oft zu spät, berichtet sie. Tatsächlich fehlt es vor Ort an den grundlegenden Dingen: Wasser, Medikamente, Essen und Bargeld.
Somit verbringt Souleyman ihre Tage damit, Dinge zu suchen. Die erste Tageshälfte vergeht meistens damit, an Brunnen für Wasser Schlange zu stehen. Oft wird es 13 Uhr, bis sie nach Hause kommt, manchmal ohne Wasser, wenn es nicht für alle reicht. Am Nachmittag geht sie oft in den Wald und sucht Feuerholz, oder sie läuft durch das Camp zu verschiedenen Orten, von denen sie gehört hat, dass dort Hilfsorganisationen gerade Seife, Nahrung oder Bargeld verteilen.
Souleymans drei verbliebene Kinder besuchen manchmal die Campschule, aber längst nicht regelmäßig. Ihr Mann hat keine Arbeit, hilft aber auch nicht im Haushalt. Souleyman ist wie fast alle im Camp eine Zaghawa. Die Zaghawa sind eine ethnische Gruppe, die hauptsächlich von der Viehzucht lebt und patriarchal geprägt ist. Es sind vor allem die Zaghawa und Massalit, die der RSF-Miliz in der Region Darfur zum Opfer fallen. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen sprechen von ethnischen Säuberungen, die UN warnt vor einem Genozid.
Souleyman hofft, entweder irgendwann in ihre Heimat in Sudan zurückzukehren – oder aber wenigstens in Tschad Arbeit zu finden, etwa ein Feld, das sie bestellen kann.
Gefahrensituation Feuerholzsammeln
Einige Zelte weiter lebt Manaïl Youssouf. Die 25-Jährige kommt aus demselben Dorf wie Souleyman und floh bereits wenige Monate vor ihr. Youssoufs Mann lebt nicht im Camp in Aboutengue. Er ging schon vor einer Weile mit anderen Männern in den Norden Tschads, um in den Goldminen zu arbeiten, in der Hoffnung, seine Familie so ernähren zu können. Die Kinder der Familie Youssouf sind fünf und zwei Jahre alt. Das jüngere, im Lager geboren, ist unterernährt und wird ambulant in einer der Campkliniken behandelt.
Die Versorgung der im Camp verbliebenen Familie fällt nun auf die 25-Jährige zurück. Manaïl Youssoufs Bruder und ihre Mutter leben ebenfalls in Aboutengue. Beide sind nach einem Bombenangriff auf ihr Haus in Sudan teilweise gelähmt und haben, so beschreibt es Youssouf, „ihr Gedächtnis verloren“. Sie sind im Camp in psychologischer Betreuung.
Youssouf selbst bekam auf ihrer Flucht eine Kugel ins Bein, die Narbe wird sichtbar bleiben. Mit der Ankunft im Camp, berichtet sie, habe keineswegs ein sicheres Leben begonnen. So sei sie beim Feuerholzsammeln von zwei Männern gejagt worden, konnte aber entkommen.
Das Feuerholz verkauft Youssouf weiter. Es ist ihre einzige Einkommensquelle. Das Leben im Lager sei teuer, sagt sie. Immer wieder kämen Fremde in die Zelte, Diebstahl sei allgegenwärtig. Das Geld, das die Familien Ende des Monats erhielten, reiche bei Weitem nicht aus. Zum Zeitpunkt des Gesprächs im Januar waren das rund 85 Dollar pro Haushalt. Je nach Finanzierungssituation erhalten die Familien dieses Geld auch nur alle zwei Monate.
Youssoufs größter Wunsch ist es, eines Tages weiterstudieren zu können. Vor Kriegsausbruch hatte sie ein Jurastudium begonnen. Bis es so weit ist, hofft sie, in Tschad Arbeit zu finden, um ihre Familie ernähren zu können.
Sexuelle Gewalt nach wie vor größtes Risiko
Ndjepa Dinga Toloun arbeitet als Hebamme in Aboutengue. Die Schwangerschaftsraten im Camp sind hoch, auch wenn Hilfsorganisationen wie das International Rescue Committee (IRC), bei dem sie angestellt ist, Verhütungsberatung anbieten. „Allerdings begleitet nur jeder zweite Mann seine Frau hierher, und das ist ein Problem“, sagt Toloun.
Unter den Zeltplanen der provisorischen Frauenstation in Aboutengue ist es kochend heiß. Die Betten stehen auf Sand, und Fliegen schwirren umher. Raick Bell, der in Aboutengue als leitender Arzt für das IRC arbeitet, bezeichnet die fehlende medizinische Infrastruktur als eines der größten Probleme für Frauen und Mädchen in Osttschad – vor allem seit der massiven Budgetkürzungen der westlichen Geberländer fehlen Medikamente, Betten, Hebammen, Kreißsäle.
Das größte Risiko für Frauen und Mädchen in den Geflüchtetencamps aber, da sind sich Bell und Toloun einig, ist sexuelle Gewalt. Fünf oder sechs Vergewaltigungsfälle werden laut Toloun im Schnitt pro Woche in der IRC-Frauenstation gemeldet. Auch sie sagt, dass Frauen vor allem beim Feuerholzsammeln immer wieder in gefährliche Situationen geraten.
Aber auch im Camp vergewaltigen immer wieder Männer die geflüchteten Frauen. Zara Fadoul Moussa hat ihre 16-jährige Schwester zur Station gebracht. Der Täter war ein Zeltnachbar, 18 oder 19 Jahre alt. Die 31-Jährige und ihre kleine Schwester kannten ihn. Sie ist nun schwanger. In solchen Fällen bietet das IRC auch psychologische Betreuung an. Zara Fadoul Moussa sagt, es sei eben Schicksal gewesen.
Rache durch Söhne
Erst gestern, berichtet Denise Remadji Madjimbaye, habe sie geholfen, ein Kind zur Welt zu bringen, dessen Mutter von einem Soldaten in Sudan vergewaltigt wurde. Madjimbaye leitet die Frauen- und Entbindungsstationen des IRC in Aboutengue und in der Kleinstadt Farchana, wo sich ebenfalls Geflüchtetencamps befinden.
Die hohen Geburtenraten in den Camps in Tschad ließen sich allerdings nicht nur auf Vergewaltigungen zurückführen, sagt sie: „Es fehlt an Personal für Aufklärung zu vernünftiger Familienplanung.“ Außerdem hätten viele Familien viele Mitglieder verloren. Die Überlebenden begriffen es nun teilweise als ihre Aufgabe, den Verlust an Menschen durch neue Nachkommen zu decken, um so langfristig wieder mehr Arbeitskräfte und Unterstützung in den Haushalten zu haben.
Campmitarbeitende berichteten zudem, dass viele auf neugeborene Söhne hoffen – damit die sich eines Tages für das Unrecht, das den Zaghawa angetan wurde, rächen können.
Hawayaya Souleyman ist wieder schwanger, im zweiten Monat. Sie habe eigentlich kein Kind mehr gewollt, solange sie die verbliebenen drei nicht richtig versorgen kann, sagt sie. Es sei die Entscheidung ihres Mannes gewesen. Immerhin habe er zugestimmt, sich nach diesem Kind auf dauerhafte Verhütung einzulassen.
Katharina Wilhelm Otieno ist Redakteurin bei E+Z und arbeitet zeitweise in Nairobi.
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