Drogen und Gemeinschaften
Alkohol oder Schach? Für ein indisches Dorf ist die Antwort klar
Im südindischen Bundesstaat Kerala liegt ein verschlafenes Dorf namens Marottichal, in dem das Schachspiel die Menschen vor übermäßigem Alkoholkonsum rettet. Das ist nicht übertrieben, denn anders als in anderen indischen Dörfern wird in diesem 6000-Seelen-Ort überall Schach gespielt: An Bushaltestellen, vor den Läden und unter Bäumen versammeln sich die Dorfbewohner*innen regelmäßig um schwarz-weiße Bretter, um eine Partie zu spielen. Bereits Anfang der 2000er-Jahre erlangte Marottichal den Ruf als „Schachdorf Indiens“. Man geht davon aus, dass es in jedem Haushalt mindestens eine Person gibt, die ziemlich gut Schach spielt. Das Hobby ist sowohl bei Kindern und Jugendlichen beliebt wie auch bei älteren Menschen.
Vor einigen Jahrzehnten war das noch anders. In den 1960er- und 1970er-Jahren verleitete die grassierende Arbeitslosigkeit die Einheimischen dazu, aus Cashewfrüchten Schnaps zu brennen. Was in drei Haushalten für den Eigenbedarf begann, machte aus Marottichal in den 1980er-Jahren ein regionales Zentrum der illegalen Alkoholproduktion.
Der Alkoholismus forderte einen hohen Preis: Leberzirrhose war weitverbreitet, und viele Familien wurden durch Glücksspiel, häusliche Gewalt, Straßenkämpfe und Verschuldung in die Armut gestürzt. Rowdytum gehörte zum Alltag.
Dann kehrte der ehemalige Dorfbewohner Charaliyil Unnikrishnan nach Marottichal zurück, um dort einen Teeladen zu betreiben. Er beteiligte sich an Anti-Alkohol-Kampagnen und begann, an öffentlichen Orten Schach zu spielen. Neugierige blieben stehen, um zuzuschauen und mehr darüber zu erfahren. Auch in seinem Teeladen bot Unnikrishnan ihnen mehr an als nur eine Tasse Tee: Er machte sie mit dem Schachspiel vertraut und brachte es jedem bei, der es lernen wollte. Das sprach sich schnell herum. Manche Dorfbewohner*innen scherzen, das „C“ in Charaliyil stehe für „Chess“, englisch für Schach.
Im Laufe der Jahre brachte er Hunderten das Schachspielen bei und trat international gegen Großmeister an. In Marottichal entwickelte sich Schach für viele zu einer Alternative zum Trinken und zum Glücksspiel. Es brachte die Menschen an öffentlichen Orten zusammen und wurde ein neuer Zeitvertreib für Kinder und junge Erwachsene.
Das Schachspiel in die Zukunft führen
Der Wandel erreicht nun die nächste Generation. Das Dorf arbeitet daran, Schach in den Schulunterricht zu integrieren, damit Kinder schon früh anfangen können, es zu lernen. Schon jetzt nehmen junge Spieler*innen aus Marottichal an Turnieren in ganz Indien und im Ausland teil. Ein heranwachsendes Talent aus dem Dorf ist etwa der 17-jährige Gowrishankar Jayaraj. Ihm wurde 2025 vom Internationalen Schachverband (FIDE) der Titel „Meisterkandidat“ verliehen.
Auch Marottichal selbst hat für seine Schach-Begeisterung Anerkennung gefunden. Im Jahr 2016 kamen dort mehr als 1000 Menschen zusammen, um gleichzeitig Schach zu spielen, was dem Dorf eine Auszeichnung von „Asia Records“ einbrachte.
Marottichals Geschichte ist die einer Gemeinde, die mit Alkoholismus zu kämpfen hatte, bis das Schachspiel sie vereinte. Sie erinnert daran, dass Veränderung manchmal mit einer so simplen Sache beginnt wie damit, dass eine Person eine andere dazu einlädt, eine Partie zu spielen.
Roli Mahajan ist eine Journalistin aus Lucknow, Indien.
roli.mahajan@gmail.com