Buchrezension
Holocaustforscher fordert internationalen Druck auf Israel
Die Parlamentswahlen in Israel am 27. Oktober sind auch eine Abstimmung über Premierminister Benjamin Netanjahu: Sie werden darüber entscheiden, ob der langjährige Premier sich weiter im Amt halten kann. Die Meinungen über ihn gehen in Israels Wahlvolk weit auseinander. Während es seit Jahren massive innenpolitische Proteste gegen Netanjahu gibt, stehen vor allem religiös-national eingestellte Gruppen fest hinter ihm.
Der renommierte Holocaustforscher Omer Bartov hält die Politik Netanjahus für destruktiv, wie er in seinem Buch „Israel – What went wrong?“ schreibt, das im April 2026 erschienen ist. Seiner Meinung nach hat sich Israel unter Netanjahu immer mehr zum autoritären, ethno-nationalistischen Staat entwickelt, der sich über das Völkerrecht hinwegsetzt und folglich zunehmend zum Paria der internationalen Gemeinschaft wird. Halte dieser Trend an, warnt Bartov, würden immer mehr liberale Israelis auswandern, während sich Juden und Jüdinnen in der Diaspora ihrerseits von dem Land abwendeten. Sie seien selbst wachsendem Antisemitismus ausgesetzt.
Diesen Trend erkennt Bartov auch in den USA. Im April 2026 begrüßte er im Interview mit der Zeitschrift The New Yorker die Tatsache, dass mittlerweile 60 % der US-Bevölkerung Israel in negativem Licht sähen. Das zeige, dass das Geschehen aufmerksam verfolgt werde. Die Entwicklung sei für das Judentum in den USA jedoch gefährlich, weil nicht nur berechtigte Israelkritik zunähme, sondern auch der rechte Antisemitismus erstarke, den etwa der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson propagiere. Seither haben verschiedene Umfragen gezeigt, dass Jüdinnen und Juden unter 35 Jahren in den USA zunehmend den Zionismus ihrer Eltern ablehnen.
Bartov ist Veteran der israelischen Streitkräfte und lehrt heute Geschichte an der Brown University in Rhode Island. Ihm zufolge hat sich der Zionismus seit der Staatsgründung Israels 1948 fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ursprünglich sei er eine säkulare Bewegung gewesen, die einen demokratischen Staat mit Grundrechten für alle forderte, unabhängig von Glauben oder Sprache. Das habe die Unabhängigkeitserklärung Israels bekräftigt. Heute dagegen prägen laut Bartov rechtsextreme Kräfte die Politik. Sie fordern möglichst viel Land für Israel, wollen zusätzliche Gebiete annektieren und beanspruchen den Staat ausschließlich für Juden und Jüdinnen. Dabei berufen sie sich auf keine Verfassung, sondern auf heilige Schriften.
Im Auftrag der Regierung geschehen laut Bartov Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bereits vor dem Gazakrieg habe die Netanjahu-Regierung mit ihrer Kampagne gegen die Unabhängigkeit der Justiz die Demokratie angegriffen.
Rechtsnationales Abdriften
Für eine wesentliche Ursache des rechtsnationalen Abdriftens Israels hält Bartov ein historisches Versäumnis. Anders als ursprünglich versprochen, habe sich der neue Staat keine Verfassung gegeben. Der Versuch, die Lücke mit einer Reihe von Grundgesetzen zu schließen, sei unvollständig geblieben. So gebe es beispielsweise keinen Grundrechtekatalog für alle Menschen auf Staatsgebiet oder Besatzungsland, für das Israel verantwortlich ist. Kolonialistische Tendenzen der Landaneignung, die es von Anfang an gegeben habe, seien stärker geworden.
Die Besatzungspolitik im Westjordanland und in Gaza seit 1967 hält Bartov für besonders destruktiv. Die aggressive Siedlungspolitik vergifte die politische Kultur. Israel übe längst die volle Souveränität über das gesamte Gebiet vom Jordan bis an das Mittelmeer aus. Seine Gesetze böten der palästinensischen Bevölkerung in Israel zu wenig Schutz – und in den besetzten Gebieten praktisch keinen. Selbst ihre Menschenrechte würden nicht respektiert.
Wie Bartov schreibt, hat Terrorismus viele Israelis traumatisiert, und die Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 haben viele gegenüber palästinensischem Leid taub werden lassen. Der Geschichtsprofessor verurteilt sie als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das rechtfertige aber keine menschenrechtswidrige und demokratiefeindliche Politik. Militärische Dominanz kann, wie er ausführt, auch keine dauerhafte Sicherheit schaffen, denn Gewalt schürt ständig weiter Hass.
Im Schatten des Völkermords
Weder in Israel noch in den besetzten Gebieten erkennt Bartov derzeit einflussreiche Kräfte, die einen Ausbruch aus der Gewaltspirale bewirken könnten. Deshalb hält er internationalen Druck für nötig. Der Friedensplan von US-Präsident Donald Trump sei ein halbherziger Anfang. Dazu, dass mehr geschehe, könne Deutschland beitragen. Bartov äußerte E+Z gegenüber den Wunsch, die Bundesregierung würde sich der Initiative anschließen, Einfuhren aus den Siedlungen zu unterbinden, die der britische Außenminister Ed Miliband im September ergriff und der sich Länder wie Kanada, Frankreich und Dänemark angeschlossen haben.
In seinem Buch führt er aus, es sei relevant, dass die Bundesrepublik nach dem Genozid am europäischen Judentum wieder zu einem international anerkannten Land aufgestiegen sei und sich sogar mit Israel versöhnt habe. Bartov warnt, Israels Ansehen werde – ähnlich wie das Deutschlands nach 1945 – Jahrzehnte lang vom Völkermord in Gaza belastet bleiben. Der Holocaustexperte hatte schon im November 2023 in der New York Times gewarnt, Israel stehe an der Schwelle zu einem Genozid, dürfe ihn aber nicht begehen.
Anders als beispielsweise der deutsche Völkerrechtsprofessor Kai Ambos, demzufolge ein Genozid schwer zu beweisen ist, da dafür genozidale Intention nötig ist, konstatierte Bartov im Juli 2025, die schlimmste Befürchtung sei mittlerweile eingetreten. Im Buch begründet er das unter anderem so: Schon im Oktober 2023 hätten Spitzenpolitiker genozidale Rhetorik angewendet, wenn sie von „menschlichen Tieren“ sprachen oder ankündigten, Gaza unbewohnbar zu machen. Das Ausmaß der Zerstörung und die unzureichende humanitäre Hilfe zeigen in seinen Augen nun, dass diese Drohungen umgesetzt wurden.
Buch
Bartov, O., 2026: Israel – What went wrong? New York, Farrar, Straus and Giroux.
Hans Dembowski war von 2004 bis 2024 Chefredakteur von E+Z.
dembowski@posteo.de