Entwicklung und
Zusammenarbeit

Zivilgesellschaftliches Engagement

Mexiko und der Drogenrausch

Crystal Meth, Fentanyl und andere im Labor erzeugte Drogen sind ein boomendes Geschäft mit globalen Lieferketten. Mexiko spielt dabei eine wichtige Rolle: Drogen werden hier hergestellt und exportiert, aber auch in besorgniserregendem Umfang konsumiert. Während sich zivilgesellschaftliche Organisationen für süchtige Menschen einsetzen, lässt der lebensrettende Politikwechsel auf sich warten.
Angehörige der zivilgesellschaftlichen Organisation „Grupo Marte“ auf Patrouille in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana. Sonja Peteranderl
Angehörige der zivilgesellschaftlichen Organisation „Grupo Marte“ auf Patrouille in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana.

Ein Camouflage-Tuch verbirgt den unteren Teil von Marck Riveras Gesicht, er kneift die Augen zusammen und lässt den Blick über den ausgedörrten Kanal des Flusses der mexikanischen Grenzstadt Tijuana gleiten, in dem sich dunkler Schlick sammelt. Rivera und andere Angehörige der „Grupo Marte“, einer Initiative von Freiwilligen, patrouillieren in schwarzer Kleidung und schweren Boots am Kanal entlang, einem der Drogen-Hotspots von Tijuana. Sie gehen in Tunnel hinein, in denen obdachlose Menschen leben, besuchen ein Straßencamp. Die Helfer*innen von Grupo Marte verarzten Wunden und verteilen Medikamente sowie saubere Nadeln an Menschen, die Drogen spritzen. Falls jemand zu ruhig da liegt und sich nicht mehr rührt, prüfen die Freiwilligen, ob die Person nur schläft. „Es gibt Menschen, die hier an offener Straße an einer Überdosis sterben“, sagt Rivera. „Die Leute wissen nicht mehr, was sie konsumieren.“

Rivera kam vor Jahren aus Culiacán im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa, der Wiege des bekannten Sinaloa-Kartells, nach Tijuana. Er wollte eigentlich über die Grenze in die USA, um den amerikanischen Traum zu leben. Stattdessen fand er sich im Kanal wieder – obdachlos und abhängig von Heroin und Crystal Meth. Er landete im Gefängnis. 

Heute hilft Rivera anderen Menschen in Not. „In Tijuana ist der Drogenkonsum heftig, hier treffen die ganzen Drogen und die Migrationsströme aufeinander“, sagt er. „Alle Leute werden hier angeschwemmt, die aus den USA abgeschoben werden, die aus dem Gefängnis kommen oder aus anderen Städten oder Ländern.“ Viele hätten schon zuvor Drogen konsumiert, doch der harte Alltag in der Grenzstadt verschärfe die Abwärtsspirale. Die Gestrandeten bräuchten Unterstützung bei Sucht, psychischen Problemen oder lebensgefährlichen Verletzungen – stattdessen würden sie oft noch von Polizei oder Militär drangsaliert.

Mexikos Kartelle als globale Player

Mexikos große transnational aktive kriminelle Netzwerke, das Jalisco-Kartell und das Sinaloa-Kartell, sind in mehr als 40 Ländern weltweit aktiv. Sie kontrollieren große Teile des Handels mit Drogen wie Kokain, Crystal Meth oder Fentanyl – und die Grenzstadt Tijuana ist einer der wichtigsten Drogenkorridore Richtung USA. Die wachsende Menge und Verfügbarkeit von synthetischen Substanzen könnten dem UNODC World Drug Report 2026 zufolge einen dauerhaften Wandel auf dem globalen Drogenmarkt bewirken – begleitet von Überdosen und Gewalt. Expert*innen sind besorgt, dass starke synthetische Drogen den Weltmarkt fluten, darunter Fentanyl, Nitazene oder Orphine wie Brorphin oder Cychlorphin.

Der „Maya-Zug“ kommt an einem Bahnhof in Campeche, Mexiko, an.

Organisierte Kriminalität

Zug der Zerstörung

Die neue „Superdroge“ für Mexikos Kartelle ist dem mexikanischen Kriminalitätsexperten Óscar Balderas zufolge das synthetische Opioid Fentanyl. Es sei „die finanziell lukrativste Droge für die Kartelle“. Fentanyl ist bis zu 50-mal stärker als Heroin. 

Fentanyl verfügt über eine hohe Wirksamkeit selbst in geringer Dosis, kostet relativ wenig in der Herstellung und kann mit anderen Drogen verschnitten werden, um deren Wirkung zu steigern. All das macht es für Drogenproduzenten attraktiver als das halbsynthetische Heroin, das chemisch aus dem Saft der Schlafmohn-Samenkapseln gewonnen wird. Hinzu kommt, dass der Preis für Heroin in den vergangenen Jahren stark gefallen ist. Gegenüber Kokain, das aus Kokapflanzen hergestellt wird, hat Fentanyl den Vorteil, dass es nicht aus Anbauländern in Südamerika importiert werden muss.

Mexiko hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend vom Drogenkorridor zur Produktionsstätte gewandelt. Hunderte Labore zur Produktion von Fentanyl, aber auch Crystal Meth, wurden ausgehoben. Im März 2026 entdeckten Sicherheitskräfte bei einer Razzia im westlichen Bundesstaat Colima rund 270 Kilo einer Fentanyl-ähnlichen Substanz in Puder- und Pillenform, genug für etwa 14 Millionen Dosen. 

Zulieferung aus Asien

Die Chemikalien für die Herstellung synthetischer Drogen wie Fentanyl beziehen Mexikos Kartelle vor allem aus China, Indien oder anderen asiatischen Staaten. In den USA steht derzeit der wichtigste Verbindungsmann zwischen Chinas Chemiefabriken und dem Sinaloa-Kartell vor Gericht. Zhi Dong Zhang alias „Brother Wang“ soll tonnenweise chemische Substanzen für die Fentanylproduktion an Drogenlabore in Mexiko vermittelt haben. Die Kartelle pressen daraus Tabletten oder strecken andere Drogen und sogar in Apotheken verkaufte Medikamente mit Fentanyl. Drogenköche arbeiten laufend daran, die Formeln zu perfektionieren.

Auch in afrikanische Länder wie Nigeria fliegen die Kartelle ihre Drogenköche aus, um dort Labore aufzubauen, vor allem zur Produktion von Crystal Meth. Von dort verschiffen sie synthetische Drogen auch weiter nach Europa und bis nach Australien und Neuseeland. 

Mexikanische Kartellmitglieder sind zunehmend auch in Europa präsent. Kürzlich wurde eine Gruppe des Jalisco-Kartells in Spanien festgenommen, die dort den Handel mit Kokain und Methamphetaminen koordinierte. Die Kriminalitätsexpertin Vanda Felbab-Brown vom US-Thinktank Brookings warnt vor Crystal Meth als potenzieller Einstiegsdroge für Fentanyl. „Meine größte Sorge ist, dass mexikanische Kartelle auch andernorts so vorgehen werden wie in den USA – nämlich Fentanyl und andere synthetische Opioide wie Nitazene in die Meth-Lieferungen zu mischen“, sagt sie. 

Das Risiko der Überdosis

Die Kartelle versuchen, immer stärkere Produkte herzustellen. Sie mixen immer wirksamere und damit riskantere Mischungen zusammen, auch weil die Konsumierenden ein stärkeres High wollen – trotz des hohen Risikos, überzudosieren. Dabei kann schon eine winzige Menge Fentanyl zum Atemstillstand führen. „Ich weiß nie, wie viel Fentanyl drin ist“, sagt Luis, der in einem Straßencamp in Tijuana lebt und sich etwa sechsmal täglich eine Heroin-Crystal-Meth-Mischung spritzt, um sich „nicht schlecht zu fühlen“. Er habe selbst schon eine Überdosis erlebt, sagt er. Mittlerweile konsumiere er aber nur, wenn noch jemand anderes da sei, bei dem er Hilfe suchen könnte. 

In Tijuana versuchten Sanitäter*innen des Roten Kreuzes 2024 mehr als 800 Menschen mit einer Überdosis wiederzubeleben. Dem gerichtsmedizinischen Dienst Semefo von Baja California zufolge hatten fast 17 % aller in den Städten Mexicali und Tijuana eingelieferten Toten Fentanyl im Körper – ob sie daran gestorben sind, ist allerdings unklar. Da es keine offizielle, landesweite Statistik gibt, bleiben viele Opfer unsichtbar.

„Bei einer Überdosis hat man nur zehn oder 15 Minuten Zeit zu reagieren, danach ist es zu spät“, weiß Marck Rivera von Grupo Marte. Naloxon, als Nasenspray oder injiziert, wirkt bei einer Überdosierung mit Opioiden wie ein Gegengift. Es hebt die lebensgefährliche Atemlähmung auf. Doch Naloxon ist in Mexiko nur auf Rezept erhältlich und für Menschen, die auf der Straße leben, zu teuer. Selbst Organisationen, die süchtige Menschen unterstützen, haben Mühe, ihre Naloxon-Bestände zu füllen. 

Zivilgesellschaftliches Engagement für Abhängige

Eine Organisation, die Naloxon verteilt, ist Prevencasa. Im Hof der NGO in Tijuana prangt das Graffiti „Helfen, nicht bestrafen“ an einer Wand, bunte Stühle warten auf Menschen, die Untersuchungen oder psychologische Beratung benötigen. Prevencasa ist ein Experimentierlabor für eine alternative, gesundheitsorientierte Drogenpolitik. Helfer*innen verteilen Medikamente, Kondome oder Spritzen-Kits. Zur Entsorgung benutzter Nadeln steht eine Plastikbox bereit. In einem sicheren Raum können Frauen hier sogar Drogen nehmen. 

Bei Prevencasa können Konsumierende auch mit Teststreifen ihre Droge auf Fentanyl prüfen, und inzwischen fallen fast alle dieser Tests positiv aus. Qualität und Mischungen verändern sich ständig. Wenn sich der Fentanylgehalt extrem ändert, kann das eine Welle von Überdosen auslösen, bis sich Konsumierende an den neuen Mix gewöhnt haben.

Veränderte Drogenpolitik

Organisationen aus den USA lieferten in der Vergangenheit teils Naloxon nach Mexiko, um dortige Organisationen mit knappen Ressourcen zu unterstützen. In den USA ist Naloxon seit 2023 rezeptfrei in Apotheken erhältlich – in der Folge sank die Zahl der tödlichen Überdosen in den USA erstmals seit 2018. „Seit Beginn der Opioid-Epidemie haben sich die Herangehensweisen der USA im Umgang mit Drogenkonsum zweifellos dramatisch verändert“, beobachtet die Brookings-Expertin Felbab-Brown. „Insbesondere im Übergang von der Obama-Regierung zur ersten Trump-Regierung und schließlich zur Biden-Regierung konnten wir eine deutlich größere Akzeptanz bestimmter Formen der Schadensminderung beobachten wie eine flächendeckende Verfügbarkeit von Naloxon und einen verbesserten Zugang zu medikamentösen Therapien.“

Nach einigen Fortschritten hin zu einer nachhaltigeren Drogenpolitik geht der globale Trend jedoch gerade eher zurück zu einer Politik der harten Hand. Die Budgets fließen vor allem in Aufrüstung, Überwachung und Gefängnisse statt in eine bessere Sozial- und Gesundheitspolitik, die den Kreislauf von Armut, Hoffnungslosigkeit und Gewalt unterbrechen könnte.

„Grenzüberschreitende Arbeit ist im Bereich der Schadensminderung von entscheidender Bedeutung, doch derzeit ist die Lage äußerst schwierig, da die Trump-Regierung Strategien zur Schadensminderung ablehnt und die Mittel für alles außer Naloxon drastisch kürzt“, sagt Gretchen Bergman. Sie hat in San Diego die Organisation „A New Path“ gegründet, die süchtige Menschen unterstützt und sich auch mit mexikanischen Organisationen austauscht. In Kalifornien erlebt sie derzeit noch einen stetigen Nachschub an Naloxon, allerdings habe es in letzter Zeit Verzögerungen bei der Beschaffung von Fentanyl-Teststreifen gegeben.

Auch in vielen lateinamerikanischen Staaten sind rechte bis rechtsextreme Politiker*innen mit dem „Drogenkrieg“ ins Präsidentschaftsamt gekommen – also dem Versprechen, hart und militärisch gegen kriminelle Gruppierungen vorzugehen. Die Ära der linken Welle Lateinamerikas scheint vorbei. Engagierte Initiativen wie Grupo Marte, Prevencasa oder A New Path versuchen die gesellschaftlichen Folgen des kriminellen Milliardengeschäfts mit Drogen abzufedern, doch ihre Mittel schrumpfen. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum geht zwar militärisch gegen die Drogenlabore vor. Allerdings fehlt eine umfassende gesundheitsfokussierte Drogenpolitik mit einer langfristigen, staatlichen Finanzierung für Hilfsstrukturen.

„Hier in Tijuana beeinflussen nicht die Politik, sondern die Drogen und die Migrationsströme, was passiert“, glaubt Marck Rivera. Um die Einsätze seiner Freiwilligentruppe und die Not der Menschen auf den Straßen von Tijuana zu dokumentieren, betreibt er den TikTok-Kanal @grupo.m.a.r.t.e. Die Plattform nutzt er auch, um Spenden einzuwerben, denn das Geld ist immer knapp. Ob beim Crowdfunding genug zusammenkommt, damit ein Einsatz stattfinden kann, steht häufig erst kurzfristig fest. Naloxon an Konsumierende zu verteilen, ist gerade unmöglich. Rivera kann höchstens versuchen, Menschen in eine Krankenstation zu transportieren, in der Hoffnung, dass die Zeit reicht. Doch gerade fehlt der Gruppe sogar Geld für das Benzin.

Quelle
Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC): World Drug Report 2026.

Sonja Peteranderl ist Journalistin und Gründerin von BuzzingCities Lab, einem Thinktank, der sich mit digitaler Innovation, Sicherheit und organisierter Kriminalität beschäftigt.
euz.editor@dandc.eu

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