Entwicklung und
Zusammenarbeit

Migration

„Entscheidend ist, früher zu investieren“

Ob Frühwarnsystem oder geplante Umsiedlung: Klimabedingte Mobilität erfordert praktische Lösungen, die verhindern, dass Vertreibung zu einer Krise wird. Amy Pope, Generaldirektorin der Internationalen Organisation für Migration (IOM), erläutert, worauf die Politik setzen sollte. Sie plädiert dafür, Mobilität als Teil der Anpassungspolitik zu begreifen.
Auf der Pazifikinsel Pele in Vanuatu – die immer wieder von Klimakatastrophen heimgesucht wird – sind Grabsteine eines überfluteten Friedhofs an Land gespült worden. picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Annika Hammerschlag
Auf der Pazifikinsel Pele in Vanuatu – die immer wieder von Klimakatastrophen heimgesucht wird – sind Grabsteine eines überfluteten Friedhofs an Land gespült worden.

Amy Pope im Interview mit Katharina Wilhelm Otieno

Viele Regierungen behandeln den Klimawandel in erster Linie als Umwelt- oder Entwicklungsthema. Wie würden Sie die sicherheitspolitische Dimension von Klimafolgen erklären, und welche Rolle spielt Migration dabei?

Der Klimawandel beeinflusst zunehmend die Stabilität von Gesellschaften, weil er Lebensgrundlagen und den Zugang zu Ressourcen verändert. Wenn Gemeinschaften unter Wasserknappheit, Ernährungsunsicherheit oder wiederkehrenden Katastrophen leiden, sind sie häufig instabiler und anfälliger für Spannungen.

Migration ist Teil des Ganzen, sollte aber nicht als Bedrohung verstanden werden. Oft handelt es sich dabei um eine Bewältigungs- oder Anpassungsstrategie. Entscheidend ist, Mobilität so zu steuern, dass Risiken verringert, Gemeinschaften unterstützt und Menschen nicht zu unsicheren oder irregulären Wanderungsbewegungen gezwungen werden. Aus Sicht der IOM geht es also um praktische Lösungen, die die Gefahren für Menschen verringern, ihre Resilienz stärken und dafür sorgen, dass Mobilität, wenn sie stattfindet, sicher, geordnet und menschenwürdig verläuft.

Der Begriff „klimabedingte Mobilität“ umfasst sowohl kurzfristige Vertreibung nach Extremereignissen als auch geplante Umsiedlungen. Welche Formen der Mobilität nehmen derzeit am stärksten zu, und wo?

Der größte Teil klimabedingter Mobilität besteht heute aus Binnenvertreibung infolge plötzlicher Ereignisse wie Überschwemmungen, Stürmen oder anderen extremer Wetterereignisse. Die Häufigkeit solcher Ereignisse und deren Auswirkungen nehmen in verschiedenen Regionen zu, darunter in Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.

Gleichzeitig beobachten wir einen allmählichen Anstieg der Mobilität infolge schleichender Belastungen wie Dürren oder Umweltzerstörung. Das gilt besonders für Regionen, in denen die Lebensgrundlagen stark von natürlichen Ressourcen abhängen.

Geplante Umsiedlungen sind bislang weniger verbreitet, gewinnen aber in bestimmten Kontexten an Bedeutung, etwa auf kleinen Inseln und in Gebieten, die wiederholt Risiken ausgesetzt sind. Über alle Formen der klimabedingten Mobilität hinweg ist jedoch der wichtigste Trend, dass die Wanderungsbewegungen in erster Linie lokal oder regional sind.

Gibt es Indikatoren, mit denen sich Hotspots klimabedingter Spannungen und Vertreibung frühzeitig erkennen lassen? Welche Maßnahmen können dann ergriffen werden, und wo funktioniert das bereits?

Die gibt es, allerdings sollten solche Indikatoren als Frühwarninstrumente verstanden werden, nicht als Vorhersagen von Krisen oder Konflikten. Immer besser lassen sich Gebiete identifizieren, in denen Klimarisiken, Vertreibungsgefahr, Druck auf Lebensgrundlagen, schwache öffentliche Versorgungsstrukturen und andere Anfälligkeiten zusammentreffen.

Dafür müssen Daten zu Überschwemmungen, Dürren, Stürmen und dem Meeresspiegelanstieg mit Informationen über Bevölkerungsbewegungen, Wohnverhältnisse, Lebensgrundlagen, Zugang zu Versorgungsstrukturen und lokale Bewältigungskapazitäten zusammengeführt werden. Erst wenn diese Faktoren gemeinsam betrachtet werden, können Regierungen und Partner früher handeln.

IOM unterstützt solche Ansätze unter anderem mit ihren „Climate Mobility Innovation Labs“, zu denen auch der „Risk Index for Climate Displacement“ gehört. Auf den Philippinen werden durch diese Arbeit beispielsweise Daten zu Klimarisiken, Vertreibung und Anfälligkeit zusammengeführt. So lässt sich besser erkennen, wo Gemeinschaften besonders gefährdet sind und wo Investitionen in Vorsorge, Anpassung und lokale Versorgungsstrukturen am dringendsten gebraucht werden.

Die daraus folgenden Maßnahmen sind sehr konkret: Wir sollten Frühwarnsysteme verbessern, lokale Infrastruktur und Dienstleistungen stärken, Lebensgrundlagen sichern, bei Bedarf sichere Standorte oder Umsiedlungen planen sowie Mobilitätsdaten für Vorsorge und Wiederaufbau nutzen. Das Ziel ist, zu handeln, bevor klimabedingte Belastungen tatsächlich zu Vertreibungskrisen führen.

Während klimabedingte Mobilität voraussichtlich zunimmt, wächst in einigen Ländern zugleich der Widerstand gegen Einwanderung. Welche zusätzlichen Spannungen oder Konflikte können daraus entstehen?

Spannungen im Zusammenhang mit menschlicher Mobilität können dann entstehen, wenn Gemeinden, die ohnehin unter Druck stehen, plötzlich mit einer höheren Nachfrage nach Wohnraum, Land, Wasser, Arbeitsplätzen, Schulen, Gesundheitsversorgung oder öffentlicher Infrastruktur konfrontiert werden. Das kann sowohl Migrant*innen als auch die aufnehmenden Gemeinden belasten.

Hinzu kommt ein politisches Risiko. Wenn Migration als Sicherheitsbedrohung dargestellt oder klimabedingte Mobilität mit irregulärer Einwanderung verwechselt wird, kann das Angst, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit schüren. Dadurch wird es schwieriger, Menschen zu schützen, aufnehmende Gemeinden zu unterstützen und als Regierung praktische Lösungen zu planen.

Aus diesem Grund legt die IOM besonderen Wert auf frühzeitige Planung, verlässliche Daten, die Einbindung der Gemeinden und die Unterstützung lokaler Behörden. Ziel ist es, Menschen dabei zu helfen, sich sicher an einen anderen Ort zu begeben, wenn eine Umsiedlung notwendig ist, ihnen zu ermöglichen, sicher an ihrem derzeitigen Wohnort zu bleiben, wenn das möglich ist, und sicherzustellen, dass die aufnehmenden Gemeinschaften die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

In der Genfer Flüchtlingskonvention wird klimabedingte Vertreibung nicht ausdrücklich erwähnt. Welche realistischen Reformmöglichkeiten oder ergänzenden Ansätze sehen Sie, um diese Lücke zu schließen?

Zunächst ist Präzision wichtig. Die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 und ihr Protokoll von 1967 bleiben zentrale Säulen des internationalen Schutzes. Der Klimawandel oder Katastrophen allein begründen jedoch noch keinen Flüchtlingsstatus. Das bedeutet nicht, dass kein Schutzbedarf besteht oder das bestehende Recht keine Rolle spielt. In bestimmten Situationen können Flüchtlingsrecht, Menschenrechte oder regionale Schutzregelungen durchaus greifen, insbesondere wenn Klimafolgen mit Konflikten, Verfolgung, Gewalt, Diskriminierung oder ernsthaften Gefahren für Leben und Würde zusammenwirken.

Der realistischste Weg besteht in naher Zukunft wohl nicht in einem einzigen neuen global geltenden Vertrag, sondern in einer Kombination sich ergänzender Ansätze. Auf internationaler Ebene bedeutet das etwa eine bessere Nutzung bestehender Menschenrechtsverpflichtungen, Prinzipien der Nichtzurückweisung, der Rahmenwerke zur Katastrophenvorsorge, des Globalen Migrationspakts, gegebenenfalls des Globalen Flüchtlingspakts sowie der Arbeit staatlich getragener Initiativen wie der „Platform on Disaster Displacement“. 

Und auf regionaler oder bilateraler Ebene?

Auf regionaler Ebene gibt es erheblichen Spielraum für ganz praktische Vereinbarungen, die tatsächliche Mobilitätsmuster reflektieren. Dazu gehören Freizügigkeitsabkommen, ein vorübergehender Schutz oder Aufenthaltsregelungen nach Katastrophen, humanitäre Visa, Programme zur Arbeitsmigration, grenzüberschreitende Vereinbarungen für viehhaltende Gemeinschaften sowie Abkommen, die es Menschen ermöglichen, sich vor, während oder nach klimabedingten Krisen sicher von einem Ort an den anderen zu bewegen.

Auf nationaler und bilateraler Ebene können Regierungen ebenfalls viel bewirken: etwa durch reguläre Migrationswege, Rahmenwerke für geplante Umsiedlungen, Evakuierungs- und Aufnahmevereinbarungen, Zugang zu Dokumenten, die Übertragbarkeit sozialer Sicherung, die Anerkennung von Qualifikationen sowie Maßnahmen, die Migrant*innen und Vertriebenen den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen ermöglichen, ohne sie in irreguläre Verhältnisse oder Ausbeutung zu drängen.

Wie sollten Klimafinanzierung, Katastrophenvorsorge und Migrationsmanagement besser aufeinander abgestimmt werden, damit Mittel vorausschauend in Resilienz, Aufnahmegemeinden und sichere Mobilitätswege fließen, statt erst nach Ausbruch einer Krise?

Diese drei Aspekte müssen gemeinsam geplant und dürfen nicht als separate Bereiche behandelt werden. Entscheidend ist, früher zu investieren: in die Orte, aus denen Menschen wegziehen, in die Gemeinden, die sie aufnehmen, und in sichere Mobilitätsmöglichkeiten dort, wo Bewegung notwendig ist oder bereits stattfindet.

Für die IOM bedeutet das, Regierungen dabei zu unterstützen, Risiken klimabedingter Mobilität in konkrete Investitionsprioritäten zu übersetzen. Über die „Climate Mobility Investment Facility“ unterstützt die IOM Länder dabei, finanzierungsfähige Projektportfolios für Entwicklung, Resilienz und Anpassung zu entwickeln – etwa im Bereich Hochwasserschutz, Dürre, Meeresspiegelanstieg oder bei geplanten Umsiedlungen und der Unterstützung von aufnehmenden Gemeinden. Auch deshalb sind die „Climate Mobility Innovation Labs“ so wichtig. Sie nutzen Daten und lokale Partnerschaften, um Risiken klimabedingter Mobilität zu erkennen und praktische, lokal entwickelte Lösungen zu erarbeiten.

Wir müssen also den Ansatz ändern: Statt erst nach einer Vertreibung zu reagieren, sollten wir bereits vor der Eskalation von Krisen in Vorsorge, Resilienz und sichere Mobilität investieren. Dafür braucht es bessere Frühwarnsysteme, vorausschauendes Handeln, lokale Dienstleistungen, widerstandsfähige Infrastruktur und reguläre Wege, die Menschen einen sicheren und menschenwürdigen Umzug ermöglichen, wenn sie an einem Ort nicht mehr bleiben können.

Geplante Umsiedlungen sind ein sensibles, manchmal aber notwendiges Instrument. Welche Konflikte können dabei entstehen? Und welche Standards braucht es, damit dabei Rechte, kulturelle Bindungen und Lebensgrundlagen gewahrt bleiben?

Geplante Umsiedlungen gehören zu den sensibelsten Bereichen klimabedingter Mobilität. Sie dürfen nie einfach als Verlagerung von Menschen von einem Ort an einen anderen verstanden werden. Sie betreffen so vieles zugleich: Land, Lebensgrundlagen, Kultur, Identität, familiären Zusammenhalt, den Zugang zu Dienstleistungen und die Beziehungen zu aufnehmenden Gemeinden.

Schlecht geplante Umsiedlungen können deshalb neue Konflikte hervorrufen, etwa um Landbesitz, Entschädigungen, Arbeitsplätze, öffentliche Versorgungsstrukturen oder eben den Verlust von traditionellen und kulturellen Bindungen. Deshalb sollten sie sorgfältig geprüft und in der Regel nur als letztes Mittel erwogen werden, wenn die Risiken am bisherigen Ort nicht mehr verlässlich unter Kontrolle gebracht werden können.

Die zentralen Standards dabei sind klar: Umsiedlungen müssen staatlich geführt, rechtsbasiert und an den Bedürfnissen der Gemeinschaften ausgerichtet sein. Betroffene müssen von Anfang an einbezogen werden, Zugang zu verständlichen Informationen haben und dabei unterstützt werden, ihre Lebensgrundlagen, ihren Wohnraum, ihre kulturellen Bindungen und den sozialen Zusammenhalt zu bewahren. Das Ziel dahinter sind nicht Umsiedlungen um ihrer selbst willen, sondern mehr Wahlmöglichkeiten: Gemeinschaften sollen dort sicher bleiben können, wo es möglich ist, und dort unterstützt werden, wo ein Verbleib nicht mehr sicher ist.

Die IOM hat die Arbeit im Bereich geplanter Umsiedlung und klimabedingter Mobilität im Pazifikraum unterstützt. Dort wirken sich der Meeresspiegelanstieg, Küstenerosionen und andere wiederkehrende Gefahren bereits auf Gemeinschaften aus. In Ländern wie den Salomonen geht es etwa darum, Regierungen und Gemeinden dabei zu unterstützen, vorauszuplanen, Risiken einzuschätzen und dafür zu sorgen, dass jede notwendige Mobilität sicher, menschenwürdig und nachhaltig erfolgt.

Städte sind wichtige Ziele sowohl für Binnenmigration als auch für grenzüberschreitende klimabedingte Migration. Welche Ansätze können Kommunen praktisch dabei unterstützen, Sicherheitsrisiken vorzubeugen?

Städte spielen in vielen Bereichen der Mobilität eine wichtige Rolle, doch wir sollten darauf achten, das nicht überzubewerten. Denn klimabedingte Mobilität nimmt viele Formen an. Manche Menschen ziehen in Städte, andere bewegen sich nur vorübergehend, lokal, zwischen ländlichen Gebieten oder innerhalb ihrer eigenen Region.

Wenn Kommunen Menschen aufnehmen, die von Klimafolgen betroffen sind, ist nicht die Migration selbst das Sicherheitsrisiko. Entscheidender ist, ob lokale Behörden über die Ressourcen, Daten und Planungsinstrumente verfügen, Bevölkerungsveränderungen inklusiv zu gestalten.

Kommunen brauchen also Unterstützung bei Wohnraum, grundlegender Versorgung, Gesundheitsdiensten, Bildung, Qualifizierung und dem Zugang zu menschenwürdiger Arbeit. Zugleich müssen sie Mobilitäts- und Vertreibungsrisiken in ihre Stadtplanung, Infrastrukturinvestitionen und Klimaanpassungspläne integrieren können.

Auch der soziale Zusammenhalt ist entscheidend. Das bedeutet, sowohl Neuankömmlinge als auch aufnehmende Gemeinden zu unterstützen, den Druck auf öffentliche Dienstleistungen zu verringern und Beteiligungsmöglichkeiten auf lokaler Ebene zu schaffen.

Welche drei Prioritäten sollte sich die internationale Gemeinschaft in den kommenden zwei Jahren setzen, um Klima, Sicherheit und Migration kohärent miteinander zu verbinden? Und woran ließe sich hier Erfolg messen?

Die erste Priorität sollte in den nächsten zwei Jahren darin bestehen, früher in Resilienz und Anpassung an den Orten zu investieren, die den Klimafolgen am stärksten ausgesetzt sind.

Die zweite Priorität sollte sein, Mobilität zu einem Bestandteil der Anpassungspolitik zu machen. Dazu gehören geplante Umsiedlungen, wo sie notwendig sind, eine bessere Unterstützung für Binnenvertriebene und aufnehmende Gemeinden sowie sichere und reguläre Wege dort, wo Migration Menschen bei der Anpassung helfen kann.

Die dritte Priorität sollte darin bestehen, die Finanzierung in den Bereichen Klima, Entwicklung, humanitäre Hilfe und Migration aufeinander abzustimmen. Zu oft arbeiten diese Systeme noch immer getrennt voneinander, obwohl Gemeinschaften die Folgen bereits gleichzeitig spüren. Es braucht also eine kohärentere Finanzierung, bessere Daten und stärkere lokale Partnerschaften, um nicht mehr erst nach einer Krise zu reagieren, sondern bereits zu handeln, bevor Risiken tatsächlich zu Vertreibungsnotfällen führen.

Der Erfolg sollte dabei nicht daran gemessen werden, ob sich weniger Menschen auf den Weg machen. Entscheidend ist vielmehr, ob weniger Menschen gezwungen sind, während einer Krise zu fliehen, ob Gemeinschaften sicherere Wahlmöglichkeiten haben, ob lokale Behörden besser vorbereitet sind und ob betroffene Menschen Zugang zu Schutz, Lebensgrundlagen, Dienstleistungen und einem Leben in Würde haben.

Amy Pope ist Generaldirektorin der Internationalen Organisation für Migration (IOM).
iom.int

Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.

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