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Dass das Zusammenleben in Osttschad funktioniert, grenzt an ein Wunder

Die hohe Zahl an Geflüchteten aus Sudan brachte internationale Hilfsorganisationen in den Osten Tschads, eine Gegend, die nahezu abgeschnitten von jeglicher Infrastruktur ist. Mit ihnen kamen Krankenhäuser, Schulen und Märkte – aber auch Konflikte um Ressourcen, die sowieso schon knapp waren. Die Gefühle vor Ort sind entsprechend gemischt.
Patient*innen warten vor dem Gesundheitszentrum des IRC in Farchana, Osttschad. ko
Patient*innen warten vor dem Gesundheitszentrum des IRC in Farchana, Osttschad.

Abdoulay Abdessalam ist der Repräsentant des Chef de Canton der tschadischen Grenzstadt Adré, in der täglich Geflüchtete aus Sudan ankommen. Das Amt des Chef de Canton stammt noch aus der Kolonialzeit und funktioniert als vermittelnde Position zwischen Verwaltung und lokalen Gemeinden. 

In der osttschadischen Provinz Wadai, zu der Adré gehört, ist jegliche staatliche Verwaltung weit weg, es gibt kaum Krankenhäuser, Straßen, wenig Warenverkehr und schon gar kein fließendes Wasser oder Strom in den Dörfern, die verstreut in der trockenen Savanne liegen. Tatsächlich scheint der Chef de Canton eher in einem Dreieck aus internationalen Hilfsorganisationen, Geflüchteten und lokalen Gemeinden zu vermitteln. 

„Auf der einen Seite sind die Preise durch die vielen Neuankömmlinge gestiegen – der Preis eines Huhns etwa hat sich in den letzten drei Jahren verdoppelt –, ebenso wie die Krankheiten. Auf der anderen Seite haben wir als lokale Gemeinde nun viel mehr Zugang zu kostenlosen Dienstleistungen über die Hilfsorganisationen, die ohne die Geflüchteten niemals hierhergekommen wären“, sagt Abdessalam. 

Auch sei durch die größere Anzahl an Menschen die Kriminalität angestiegen, es gebe mehr Diebstahl, mehr Aggression, mehr Chaos in der Kleinstadt, die vor der Ankunft der vielen Geflüchteten rund 40.000 Einwohner*innen zählte. Durch die Menschen, die in den Erstaufnahmelagern und dem großen Camp am Rand der Stadt untergebracht sind, sind nun rund 200.000 hinzugekommen. 

Gleichzeitig habe sich vor allem die Gesundheitsversorgung durch die Präsenz der Geflüchteten für die Gemeinde verbessert, ebenso der Zugang zu Wasser – und es gebe mehr Möglichkeiten für die lokale Jugend, Geld durch den Verkauf von Waren an die Geflüchteten zu verdienen, sagt Abdessalam. „Das Verhältnis zwischen Geflüchteten und der lokalen Gemeinde ist allgemein gut, es gibt etwa bereits viele gemischte Ehen. Das einzige Konfliktpotenzial ist die Landnutzung – die Leute haben den Geflüchteten Platz auf ihren Feldern gewährt, weil sie davon ausgegangen sind, dass die Gäste in drei Wochen wieder weg sind. Nun sind es drei Jahre, und besonders zu Erntezeiten kommt es zu Streit“, erklärt er. Das UNHCR hat laut Abdessalam damals Kompensation für die besetzten Felder versprochen, davon sei allerdings bis heute noch nichts angekommen. Staatliche Unterstützung angesichts der vielen Geflüchteten bekommt seine Gemeinde nicht – die Einheimischen dürfen lediglich die Gratisdienstleistungen der internationalen Hilfsorganisationen nutzen.

Von denen erwartet sich die lokale Gemeinde Adrés mehr: „Unsere Jugend ist sehr frustriert, dass sie so wenig in die Arbeit der Organisationen einbezogen werden. Hier und da werden Kurzzeitjobs geboten, aber die wichtigen Langzeitposten gehen an Fremde – obwohl viele hier Universitätsabschlüsse haben und etwa auf die Uni in der Hauptstadt gegangen sind.“ Manche Organisationen versuchten, Menschen von hier einzubeziehen. Die Jugend sei aber frustriert über die Arbeitslosigkeit, besonders da es ganz offensichtlich potenzielle Arbeitgeber vor Ort gebe. „Manchmal denke ich, wir stehen kurz vor einer Revolte der jungen Menschen gegen die NGOs“, berichtet Abdessalam. 

Komitees zur Konfliktlösung

„Die Leute hier vor Ort haben uns in den letzten 20 Jahren immer wieder gefragt, ob wir nicht wieder zurück in die Heimat wollen“, erzählt Tahir Ismail, der 2007 aus Sudan nach Tschad gekommen ist. „Aber wir haben immer wieder gesagt, dass dieser Konflikt noch lange nicht beendet ist – der Kriegsausbruch vor drei Jahren gab uns recht.“ Ismail ist seit vergangenem Jahr der Präsident der Geflüchtetencamps in Farchana – sowohl des Camps, das es schon seit 2004 gibt, als auch des neueren Camps, das 2023 aufgebaut wurde. Der Lehrer hat in den Camps weiter unterrichtet und ist schon lange eine zentrale Figur der Geflüchtetengemeinschaft.

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Auf die Frage nach dem Verhältnis zur lokalen Gemeinde erzählt er von einem Komitee, das mit Unterstützung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR gegründet wurde und in dem sowohl Geflüchtete als auch Einheimische zusammen an Konfliktlösungen arbeiten. „Das Komitee sensibilisiert die Menschen in den Dörfern dafür, dass wir nicht freiwillig gekommen sind – und dass wir die gleichen Bedürfnisse haben wie sie. Wir brauchen Holz, Wasser und Nahrung. Aber wir betonen auch, dass wir Gutes in die Region gebracht haben, wie etwa das Gesundheitszentrum im Ort“, sagt Ismail. 

Cholera-Ausbruch macht Unterschiede deutlich

Grundsätzlich hört man wenig über Konflikte zwischen Geflüchteten und Einheimischen in der Gegend – wenn, dann geht es um Land. Manchmal kaufen auch nomadische Kamelhirten in den Geflüchtetenlagern Alkohol, den die Sudanes*innen brauen, und machen dann betrunken Probleme. Es kam dabei durchaus schon zu Schüssen. Aber vor allem der Busch um die Lager, in denen insbesondere die Frauen Feuerholz sammeln müssen, ist gefürchtet. Viele berichten von gewaltsamen, teils sexuellen Übergriffen. 

Dennoch nennen es viele ein Wunder, dass in der bitterarmen Region, die nun hunderttausende traumatisierte und verzweifelte Menschen aufgenommen hat, nicht noch viel mehr passiert. Im Gegenteil, viele berichten von einer herzlichen Aufnahme und von Zusammenhalt. Das könnte nicht zuletzt daran liegen, dass viele Menschen auf beiden Seiten der Grenze derselben ethnischen Gruppe, den Zaghawa, angehören. Auch in vielen Camps dominiert die Ethnie, und die Menschen versuchen, gemeinsam mit anderen Zaghawa aus ihrer Gegend untergebracht zu werden. 

Der Cholera-Ausbruch im Juli 2025 in Wadai und der Nachbarprovinz machte jedoch Versorgungsunterschiede deutlich. In den Dörfern der Einheimischen wütete die Krankheit gnadenlos, berichten Mitarbeitende des International Rescue Committee (IRC). Staatliche Hilfe oder funktionierende Gesundheits- oder Hygieneinfrastruktur gibt es in den Strohhütten-Siedlungen nicht. Das IRC konnte durch Basis-Cholerakits, Impfungen und mobile Stationen entgegenwirken. In den Geflüchtetencamps hingegen sei der Ausbruch durch die Präsenz und Infrastruktur mehrerer internationaler Hilfsorganisationen im Vergleich recht schnell und geordnet eingedämmt gewesen – immerhin gibt es dort Wasserversorgung und Gesundheitszentren. 

Katharina Wilhelm Otieno ist Redakteurin bei E+Z und arbeitet zeitweise in Nairobi. Sie reiste im Januar nach Tschad.
euz.editor@dandc.eu 

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