Entwicklung und
Zusammenarbeit

Afrika

Wirtschaftliche Infrastruktur allein genügt nicht für Wachstum

Die Forderung von Afrikanischer Union und OECD nach deutlich mehr Investitionen in Afrikas Infrastruktur für Transport, Energie, Kommunikation und Wasser ist zwar im Kern richtig. Diese Mittel können ihre Wirkung aber erst dann voll entfalten, wenn zugleich mehr für soziale Infrastruktur, stabile Rahmenbedingungen und eine aktive Industriepolitik getan wird.
Der Hafen von Lobito in Angola, Namensgeber für den Lobito-Korridor. picture alliance / Visually / Ivan Nesterov
Der Hafen von Lobito in Angola, Namensgeber für den Lobito-Korridor.

Die Afrikanische Union (AU) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fordern afrikanische Regierungen, Geberländer und den Privatsektor dazu auf, ihre Investitionen in die wirtschaftliche Infrastruktur Afrikas deutlich zu erhöhen – von derzeit durchschnittlich 83 Milliarden Dollar jährlich auf künftig 155 Milliarden Dollar. Dies werde das Wachstum des BIP in Afrika langfristig verdoppeln, von durchschnittlich 4,4 % auf 8,9 % pro Jahr, heißt es in ihrem Bericht „Africa’s Development Dynamics 2025 – Infrastructure, Growth and Transformation“. Dem Report ist zugutezuhalten, dass er die große Bedeutung des Ausbaus wirtschaftlicher Infrastruktur für Afrika deutlich macht und wesentliche Probleme benennt. Allerdings wirft er eine Reihe methodischer Fragen auf und vernachlässigt Faktoren, die für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas ebenfalls zentral sind.

In den vergangenen Jahren wurde die wirtschaftliche Infrastruktur in Afrika zu 41 % durch die Regierungen afrikanischer Länder, zu 48 % durch Entwicklungspartner und zu 11 % durch private Investoren finanziert. Der Report fordert von allen drei Quellen, ihre Mittel aufzustocken. Zugleich benennt er die Hürden dafür und wie sie zu überwinden wären: Afrika ist mit wachsenden Schuldenproblemen konfrontiert, die den fiskalischen Spielraum von Regierungen einengen. Viele Entwicklungspartner reduzieren ihre Budgets. Und private Finanzierung ist wegen hoher Risiken sehr teuer. Deshalb gilt es, die Schuldenprobleme zu lösen, die Entwicklungshilfebudgets zu verstetigen und die hohen privaten Kapitalkosten durch eine verbesserte Risikobewertung zu senken.

Zweifel sind allerdings angebracht bei der im Report vorgeschlagenen Verteilung der Mittel. Demnach verteilt sich der Investitionsbedarf für ganz Afrika insbesondere auf Straßen (32 %), Bahnlinien (24 %), Glasfaserkabel (23 %) und Solarenergie (17 %). Für „Sonstiges“ bleiben nur vier Prozent der Gesamtsumme übrig. Doch genügt das wirklich für den Ausbau der See- und Flughäfen, Wind- und Hydroenergie, Stromnetze und Wasserversorgung? Insbesondere ist fraglich, ob die für Wasser eingeplanten Investitionen von weniger als einem Prozent der Gesamtsumme ausreichen. Das entspricht weder dem aktuellen Wert von im Schnitt etwa 11 Milliarden Dollar pro Jahr noch der Einschätzung des High-Level Panels der AU aus dem Jahr 2023, das den jährlichen Bedarf für den Wassersektor mit 30 Milliarden Dollar angibt.

Auch andere Faktoren sind wichtig

Zudem erweckt der Bericht den Eindruck, als sei der Ausbau der wirtschaftlichen Infrastruktur allein der entscheidende Hebel für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Die Argumentation: Der Ausbau der wirtschaftlichen Infrastruktur führe zur Diversifizierung der Wirtschaft, insbesondere der Industrie, Dienstleistungen und Exporte; dies wiederum begünstige Wachstum. Das ist zwar nicht per se falsch, unterschlägt aber einen wichtigen Punkt: Auch die soziale Infrastruktur ist von zentraler Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung; dies gilt insbesondere für Gesundheit und Bildung. Ohne eine gesunde und gut ausgebildete Bevölkerung können die afrikanischen Länder die angestrebten wirtschaftlichen Ziele nicht erreichen.

Außerdem behindern auch strukturelle Faktoren die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Dazu zählt die Zersplitterung des Wirtschaftsraums in viele kleine und mittelgroße Länder, die sich nur durch mehr regionale und kontinentale Integration überwinden lässt. Konflikte und Krisen belasten die länderübergreifende Zusammenarbeit, etwa in der Sahelzone, am Horn von Afrika und im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Die politische Instabilität nahm zuletzt zu; das zeigt sich an Militärputschen, umstrittenen Wahlen und Protesten der jungen Bevölkerung. Viele Länder kämpfen weiterhin mit Korruption und Problemen in der Regierungsführung.

Nicht zuletzt gilt es, koloniale Muster zu durchbrechen. Die Wertschöpfung muss vor Ort in den jeweiligen Ländern bleiben. Vor diesem Hintergrund ist kritisch zu hinterfragen, weshalb der Bericht so stark auf Investitionen in transnationale Korridore fokussiert ist, etwa den Lobito-Korridor, der vor allem dem Rohstoffexport aus Sambia und dem Süden der DRC über den Hafen von Lobito in Angola in westliche Länder dient. Ohne einen industriepolitischen Rahmen auf nationaler und regionaler Ebene droht so die Verfestigung traditioneller Muster internationaler Arbeitsteilung. Es bedarf also einer aktiven Industriepolitik inklusive der Förderung zukunftsträchtiger Branchen mit hoher Wertschöpfung, etwa im verarbeitenden Gewerbe, bei regenerativen Energien und digitalen Dienstleistungen.

All diese Gründe zeigen: Investitionen in die wirtschaftliche Infrastruktur führen nicht automatisch zu wirtschaftlicher Diversifizierung. Sie müssen vielmehr einhergehen mit Maßnahmen, die stabile politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung schaffen. Ohne eine gleichzeitige Stärkung der sozialen Infrastruktur, aktive Industriepolitik, erfolgreiche regionale Zusammenarbeit, weniger Konflikte und Krisen und mehr politische Stabilität werden selbst verdoppelte Investitionen nur begrenzte Wirkung haben. 

Link
AU, OECD, 2025: Africa’s Development Dynamics 2025 – Infrastructure, Growth and Transformation.

Georg Schäfer ist Experte für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, Beschäftigungsförderung und Armutsbekämpfung. Er war lange in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit tätig.
geo.schaefer@t-online.de 

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