Erneuerbare Energie
Indigene Proteste gegen Projekte auf Indonesiens „Geothermie-Insel“
In Mataloko, einem Dorf auf der indonesischen Insel Flores in der Provinz Ost-Nusa-Tenggara, quillt dünner Rauch aus Rissen im Boden. Der stechende, an faule Eier erinnernde Gestank von Schwefelwasserstoff verfängt sich im Hals. Unter dem Blätterdach der Bäume und zwischen den Überresten alter Plantagen blicken die Dorfbewohner*innen auf ein Land, das mehr und mehr unbewohnbar geworden ist.
Die indonesische Regierung hat die Vulkaninsel Flores als Zentrum für die Zukunft der Nutzung von erneuerbaren Energien ausgemacht und sie 2017 offiziell zur „Geothermie-Insel“ erklärt. Doch für die hier lebenden Indigenen Gemeinschaften – darunter die Mataloko, die Wae Sano und die Poco Leok – markiert der Übergang zu erneuerbaren Energien den Beginn eines tiefgreifenden Verlusts ihrer Lebensweise.
Die Vorbehalte hinsichtlich der Geothermie auf Flores sind nicht neu. Schon vor dreißig Jahren wurde in Mataloko das erste Kraftwerk errichtet, doch es scheiterte und war nur kurz in Betrieb. Ein Überbleibsel dieses Kraftwerks ist bis heute zu sehen: ein verlassenes, umzäuntes Bohrloch, versehen mit einem Totenkopf-Warnschild. Es ist zwar versiegelt, aber immer noch entweicht giftiger Dampf.
Die Umwelt vor Ort hat sich unwiederbringlich verändert. Der Bach, der hier einst floss, ist verschwunden – stattdessen sprudelt kochender Schlamm aus der Erde. Die nahegelegenen Felder liegen brach; nichts wächst mehr. Die Wellblechdächer der Häuser, die eigentlich zwei Jahrzehnte halten sollten, rosten binnen weniger Monate durch – ein Verfall, den die Bewohner*innen auf die permanenten Schwefelwasserstoffemissionen zurückführen. Sie berichten zudem von chronischen Hautreizungen und Atembeschwerden, bekannten Nebenwirkungen des Gases.
„Früher war der Boden fruchtbar, die Ernte gut“, sagt Dorfbewohnerin Augustina Kigo, die vor ihrer Hütte sitzt. „Aber seit hier angefangen wurde zu bohren, ist das vorbei.“
Der ökologische Wandel und der „Ring of Fire“
Geothermie wird meist als nachhaltige, stets verfügbare Alternative zu fossilen Brennstoffen gepriesen. Wegen seiner geografischen Lage am pazifischen „Ring of Fire“ ist Indonesien dafür geradezu prädestiniert: Das Land verfügt über ein geschätztes Potenzial von mehr als 23 Gigawatt. Da sich das Land dazu verpflichtet hat, bis spätestens zum Jahr 2060 CO₂-neutral zu sein, spielt Flores eine zentrale Rolle. Die Regierung investiert massiv in die Insel. Fachleute warnen jedoch davor, dass besondere und ernsthafte Risiken bestehen, wenn man Geothermie auf kleinen, hochaktiven Vulkaninseln wie Flores erschließt.
Surya Darma, Leiter des Indonesia Center for Renewable Energy Studies (ICRES), weist darauf hin, dass Flores schon allein durch seine geografische Lage sehr anfällig für seismische Aktivitäten ist. „Bei der geothermischen Nutzung sollten Gebiete mit hohem Katastrophenrisiko vermieden werden, da geothermische Aktivitäten das Risiko von Erdbeben erhöhen, besonders durch die Rückführung von Flüssigkeiten in die Erdkruste“, sagt er. Er betont, wie notwendig umfassende geologische Risikobewertungen und sichere Injektionstechnologien sind.
Widerstand in den Dörfern
Im Dorf Lungar, im Schatten des Vulkans Poco Leok, führen Frauen den Widerstand gegen den Ausbau der Energiegewinnung an. Das nahegelegene Geothermie-Kraftwerk Ulumbu, das dem staatlichen Stromversorger PLN gehört und 2011 eingeweiht wurde, plant seine Leistung von zehn auf 40 Megawatt zu steigern. Dafür sind 60 neue Bohrstandorte vorgesehen, verteilt auf 13 Weiler.
Die Kaffee- und Nelkenbäuerin Elisabeth Lahus ist eine der Wortführerinnen der Proteste. „Tana hitu ende dami“, sagt sie auf Manggarai, ihrer traditionellen Sprache – „das Land ist unsere Mutter“. Ihre Gemeinschaft sieht es als das Erbe der Vorfahren.
„Der Schaden entsteht nicht nur dort, wo gebohrt wird“, sagt Lahus. „Er kann auch 500 Meter weit entfernte Orte betreffen. Es entsteht Rauch. Das Geräusch von sprudelndem, kochendem Wasser erfüllt die Luft. Die negativen Auswirkungen der Geothermie werden uns alle gefährden.“
Viele der Anwohner*innen leben in einfachen Holzhütten und betreiben Subsistenzwirtschaft. Die Anlage werde rasend schnell ausgebaut, berichten sie. Zudem bemängeln sie, es habe zu wenig Beratung gegeben und das Projekt verstoße gegen den UN-Grundsatz, der die freie, vorherige und informierte Zustimmung Indigener Völker vorschreibt.
Die Kirche mischt sich ein
Vor einiger Zeit haben die wachsenden Unruhen einen mächtigen Verbündeten gewonnen. Im Januar 2025 lehnten die Verantwortlichen der katholischen Kirche auf Flores unter Leitung von Erzbischof Paulus Budi Kleden die Geothermie-Projekte öffentlich ab. Die Region ist überwiegend katholisch, und die Haltung der Kirche löste lokale Proteste aus. Kritiker*innen, die zuvor geschwiegen hatten, fühlten sich dazu veranlasst, sich zu Wort zu melden.
Erzbischof Kleden erklärte, die Kirche sei zu dieser Entscheidung gekommen, nachdem die betroffenen Gemeinden aus erster Hand berichtet hatten. „Geothermie kann sehr gut sein, wie sich andernorts gezeigt hat. Aber für Flores ist sie keine Option“, sagte er. Dabei verwies er auf die steile, für Katastrophen anfällige Topografie der Insel sowie darauf, dass lebenswichtige landwirtschaftliche Flächen und Wasserquellen gefährdet würden. Er fügte hinzu, dass Kultur und Identität der Gemeinden, die eng mit ihrem Land und der Landwirtschaft verbunden sind, bedroht seien.
Die zivilgesellschaftliche Organisation „Coalition for Human Rights in Development“ (Koalition für Menschenrechte im Entwicklungskontext) hat die Rolle der deutschen Entwicklungsbank KfW in dieser Sache kritisiert. Sie führt an, die KfW habe durch die Unterzeichnung eines Darlehensvertrags zur Finanzierung des Ausbaus des Geothermie-Kraftwerks Ulumbu im Jahr 2018 ein Projekt unterstützt, in dessen Rahmen beispielsweise Anwohner*innen, die sich gegen die Besetzung ihres Landes wehrten, angegriffen und geschlagen worden seien. Die Koalition erklärte, der Landbeschaffungsprozess garantiere nicht die Beteiligung der lokalen Gemeinschaften und achte deren kollektive Rechte nicht.
In einer im Dezember 2025 veröffentlichten Erklärung teilte die KfW mit, sie habe eine unabhängige Expertenprüfung dazu in Auftrag gegeben. Diese sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Anforderungen der einschlägigen FPIC-Standards (freie, vorherige und informierte Zustimmung) nicht ausreichend eingehalten worden seien. Die KfW gab an, sie habe Maßnahmen zur Verbesserung der Informations- und Zustimmungsprozesse mit den betroffenen Gemeinden empfohlen und die Finanzierung für geplante Infrastrukturmaßnahmen im Ulumbu-Projekt seit Ende 2024 ausgesetzt.
Trotzdem ragen die Bohrinseln weiterhin bedrohlich empor, und die Zukunft der Indigenen Gemeinschaften von Poco Leok, Wae Sano und Mataloko bleibt ungewiss. Das Versprechen einer Wende hin zu sauberer Energie hat dafür gesorgt, dass ihr Leben vorerst zum Stillstand gekommen ist. Für die Dorfbewohner*innen eine bittere Ironie: Sie sollen ihr Land, ihre Gesundheit und ihr kulturelles Erbe opfern, damit weit entfernte Städte ihr Licht auf „nachhaltige“ Weise leuchten lassen können.
Garry Lotulung ist ein freier Fotojournalist und Dokumentarfotograf in Jakarta, Indonesien. Er hat sich auf Reportagen über die Lebensumstände der Menschen, sozialen Wandel und Umweltkrisen spezialisiert.
garrylotulung@gmail.com