Entwicklung und
Zusammenarbeit

Agricultural research

Afrikas traditionell genutzte Pflanzen sind kaum erforscht

Wissenschaft, Wirtschaft und Politik haben traditionelle Nutzpflanzen in Entwicklungsländern lange ignoriert. Dafür zahlt Afrika heute einen hohen Preis.
In Westafrika greifen wegen gestiegener Getreidepreise auf dem Weltmarkt mehr Menschen wieder zu dem traditionellen Grundnahrungsmittel Cassava. Es hat den Ruf eines Arme-Leute-Essens. picture alliance/Anadolu/Emmanuel Osodi
In Westafrika greifen wegen gestiegener Getreidepreise auf dem Weltmarkt mehr Menschen wieder zu dem traditionellen Grundnahrungsmittel Cassava. Es hat den Ruf eines Arme-Leute-Essens.

Afrikas traditionelle Nutzpflanzen gehören vielfach zu den sogenannten „vergessenen Lebensmitteln“. Gebräuchlich sind auch Beschreibungen wie „vernachlässigt“, „verwaist“ und „ungenügend genutzt“. Verwandte Begriffe sind zudem „minor foods“ oder auch „Arme-Leute-Essen“. Gemein ist den Gewächsen, dass Menschen früher von ihnen abhingen und das heute oft noch tun.

Fachleute warnen, es gebe obendrein „verschwindende Lebensmittel“. Dabei geht es unter anderem um Beeren oder Pilze, die gesammelt werden. Entwaldung bedeutet nämlich, dass Pflanzen- und Tierarten verschwinden, bevor die Biologie sie komplett erfasst hat. Mangels verlässlicher Daten ist es unmöglich, den genetischen Verlust präzise zu beziffern. Generell prägen Wissenslücken die Lebensmittelversorgung in Afrika

Drei grundlegende Probleme

Die wichtigsten Grundnahrungsmittel der Menschheit sind heute Reis, Weizen und Mais. Sie stammen nicht aus Afrika, prägen aber die Ernährungsgewohnheiten dort. Afrikanische Länder bauen sie auch an, aber meist nicht in für Selbstversorgung ausreichendem Maß. Die Abkehr von traditionellen Grundnahrungsmitteln hat gravierende Nachteile: 

  • Veränderte Ernährungsgewohnheiten erhöhen das Auftreten chronischer Krankheiten wie Diabetes.  
  • Traditionell genutzte Pflanzen und Tiere sind an die Umwelt, in der sie gezüchtet wurden, gut angepasst, weshalb sie auch mit dem Klimawandel relativ gut zurechtkommen. Es wäre klug, Sorten zu züchten, die Hitze, Dürre und Hochwasser widerstehen.
  • Je weniger Lebensmittel ein Land importiert, desto stabiler sind die Preise. Inflation auf dem Weltmarkt treibt auch die Inlandspreise in die Höhe, was arme Menschen besonders hart trifft. Steigender Devisenbedarf für Getreideimporte lässt derweil den Devisenkurs fallen, was die inländische Inflation weiter anheizt. 

Weil weltweit gebräuchliche Pflanzen gut erforscht sind, ist es relativ leicht, neue leistungsstarke Varianten zu züchten. Dagegen gibt es kaum Hochertragssorten von traditionellen Grundnahrungsmitteln wie etwa Cassava, Yam oder Fonio in Westafrika. Sie ließen sich in einer vielfältigen Bandbreite züchten, aber es würde länger dauern und mehr Aufwand erfordern als die Entwicklung neuer Reis-, Weizen- und Maissorten. 

Es könnte obendrein schwierig sein, das neuartige Saatgut zu vermarkten. Die kommerzielle Landwirtschaft in Afrika präferiert nämlich international angebaute Pflanzen, während Subsistenzhöfe ihr eigenes Saatgut verwenden. Selbst wenn die vielen Frauen, welche die kleinen Felder beackern, über neue Optionen informiert würden, würde ein Großteil dennoch das Risiko scheuen. Viele andere könnten sich verbessertes Saatgut und nötige Hilfsmittel gar nicht leisten.

Positiv ist, dass digitale Technik es leichter macht, selbst die analphabetische Landbevölkerung zu informieren. Smartphones sind weit verbreitet, sodass agrarische Beratungsdienste mit didaktischen Videoclips Innovationen vorantreiben können. Davor ist aber wissenschaftlich solide Arbeit nötig, um neue Optionen der Nutzung traditionsreicher Pflanzen zu erkunden.

Hans Dembowski ist ehemaliger Chefredakteur von E+Z. 
euz.editor@dandc.eu  

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