Armutsbekämpfung
Wir sollten eine Höchstgrenze für extremen Reichtum festlegen

In den fünf Jahren seit meinem Amtsantritt als Armutsexperte der Vereinten Nationen ist das Nettovermögen der fünf reichsten Männer der Welt in die Höhe geschossen – von bereits absurden 340 Milliarden Dollar auf unerträgliche 1,1 Billionen Dollar. Im gleichen Zeitraum ist das Vermögen von fast fünf Milliarden Menschen gesunken.
Die Zahl der Menschen, die unterhalb der von der Weltbank festgelegten Armutsgrenze von 6,85 Dollar pro Tag liegen – 3,5 Milliarden, fast die Hälfte der Weltbevölkerung – hat sich seit 1990 kaum verändert.
Die Doktrin, mit der wir alle aufgewachsen sind – dass Wirtschaftswachstum die Antwort auf Armut, Arbeitslosigkeit und eine ganze Reihe anderer sozialer Missstände ist – hat für die Musks und Zuckerbergs unserer Welt gut funktioniert. Aber auf dieser Welle sind längst nicht alle mitgeritten: Vielmehr hat sie einige wenige Eliten auf Superyachten katapultiert und Ungleichheit, Armut und Umweltzerstörung hinterlassen.
Diese wirtschaftliche Dominanz lässt sich leicht in politischen Einfluss ummünzen. Der erlaubt es Ultrareichen, progressive politische Maßnahmen zu blockieren, die diese enorme Wohlstandslücke schließen könnten, und ihre eigenen Interessen zu schützen – Donald Trump und Elon Musk, die vor dem Weißen Haus einen Tesla zur Schau stellen, sind ein Paradebeispiel. In Amerika leben etwa zehn Millionen Kinder in Armut. Die Bevölkerung wurde – wie wir alle – dazu verleitet zu glauben, es sei in ihrem besten Interesse, es der Elite zu erleichtern, mehr Geld zu verdienen.
Wir dürfen nicht weiter auf diesen Trick hereinfallen. Extremer Reichtum schafft extreme Armut, anstatt sie abzuschaffen. Er lenkt knappe Ressourcen und Produktionskapazitäten weg von grundlegenden sozialen Dienstleistungen und hin zu den verschwenderischen Launen der Reichen. Er treibt den Klimawandel an, der sich auf Menschen in Armut stärker auswirkt als auf jede andere Gruppe. Und er untergräbt die Demokratie.
So wie wir eine Armutsgrenze haben – eine Grenze, von der die Gesellschaft beschlossen hat, dass niemand sie unterschreiten sollte – brauchen wir eine Grenze für extremen Reichtum: eine Grenze, von der die Gesellschaft beschließt, dass niemand sie überschreiten sollte, wegen der Risiken für Demokratie, Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Angehäufter Reichtum jenseits dieser Grenze ist ganz offensichtlich das Ergebnis von Politikversagen, Vetternwirtschaft, Korruption oder Monopolmacht. Mit ihm lässt sich zu viel politischer Einfluss erkaufen oder zu viel Schaden an der Umwelt anrichten. Eine solche Vermögensgrenze wäre ein entscheidender Schritt, um sicherzustellen, dass Reichtum der Gesellschaft dient, anstatt sie zu verzerren.
Untersuchungen der New Economics Foundation und von Patriotic Millionaires zu einer extremen Vermögensgrenze zeigen, dass die öffentliche Unterstützung für einen Schwellenwert für schädliches Vermögen wächst. Die für die Studie befragten Teilnehmenden betrachteten extremes Vermögen durchweg als ein Systemversagen.
Eine Grenze für extreme Vermögen festzulegen, wäre ein komplexes Unterfangen – aber es würde eine dringend benötigte Debatte darüber auslösen, wie viel Reichtum zu viel ist. Als politisches Instrument könnte eine Grenze für extreme Vermögen als Bezugspunkt für eine progressive Besteuerung dienen, die die Steuerlast von Arbeitnehmer*innen (Einkommensteuer) und Haushalten (Mehrwertsteuer) auf diejenigen verlagert, die den Großteil des weltweiten Grund- und Finanzvermögens besitzen. So ließe sich der über die Jahre angesammelte Reichtum umverteilen, um damit Sozialleistungen zur Armutsbekämpfung zu finanzieren.
Beispielsweise könnte eine bescheidene Steuer von drei Prozent auf das Vermögen aller Milliardäre und Centi-Millionäre – die zweifellos über der Grenze für extreme Vermögen liegen würden – bis zu 690 Milliarden Dollar pro Jahr einbringen. Wie meine jüngsten Untersuchungen zeigen, ist dies mehr als das Doppelte dessen, was nötig ist, um eine grundlegende Gesundheitsversorgung und andere Basisdienstleistungen für die 26 ärmsten Länder der Welt bereitzustellen.
Viel zu lange wurde uns gesagt, es gäbe kein globales Problem, das Wirtschaftswachstum nicht lösen könne. Wir dürfen nicht vergessen, nachzufragen: Wie viel Wachstum, zu welchen Kosten und für wen? Andernfalls riskieren wir eine von Armut geprägte Zukunft auf einem verwüsteten Planeten, neben immer obszöneren Listen von Reichen und weiteren gefährlichen Milliardär*innen in Regierungen.
Je länger ich daran arbeite, neue Ansätze zur Beseitigung der Armut zu finden, die über Wirtschaftswachstum hinausgehen, desto deutlicher wird es: Wir sollten unsere Energie auf die Umverteilung von Reichtum konzentrieren, nicht darauf, ihn zu erzeugen. Und eine Grenze für extreme Vermögen würde der Wirtschaftselite dabei weniger Schlupflöcher bieten – selbst denen in den höchsten Machtpositionen.
Links
De Schutter, O., 2025: Financing social protection floors: Contribution of the Special Rapporteur to FfD4.
https://www.srpoverty.org/2025/01/17/financing-social-protection-floors-contribution-of-the-special-rapporteur-to-ffd4/
New Economics Foundation, Patriotic Millionaires, 2025: Exploring an extreme wealth line.
https://neweconomics.org/2025/01/exploring-an-extreme-wealth-line
Olivier De Schutter ist UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte.
hrc-sr-extremepoverty@un.org