Roman
Hier spricht eine, die sonst immer übersehen wird
Dieser Beitrag ist der fünfte unseres Kultur-Spezialprogramms für 2026 mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.
Estela García ist 40 Jahre alt und hat ihren eigenen Blick auf die Welt: auf die Menschen, Pflanzen und Tiere in ihrem Umfeld im Santiago de Chile der Gegenwart; auf ihre Mutter, die weit entfernt auf dem Land lebt; auf die dreiköpfige, gut situierte Familie, in deren Haus sie jahrelang als Hausangestellte putzt, wäscht, kocht, näht und bügelt. Estela hat etwas zu erzählen, doch die meiste Zeit ihres Lebens bleibt sie stumm, unsichtbar und innerlich einsam – immer gefangen in ihrer Rolle als Empfängerin von Anweisungen.
Die Familie – er Arzt, sie Angestellte in einem Holzunternehmen, das ehrgeizige Mädchen im schulpflichtigen Alter – behandelt sie zwar nicht gesetzeswidrig, aber vermittelt ihr stets, sie sei minderwertig, und drängt sie so systematisch in die Bedeutungslosigkeit: Das erste Wort des Mädchens ist zwar „Nana“, eine Bezeichnung für die Rolle Estelas, doch seine Mutter berichtet ihrem Mann, es habe „Mama“ gesagt. Als Estela kurz ein Kleid der Hausherrin anprobiert, bittet diese sie direkt, es zu waschen. Nutzt das Kind einen grammatikalisch falschen Ausdruck, wird die Angestellte beschuldigt und belehrt. Die Marginalisierung trägt auch rassistische Züge: Als sich die Mutter schminkt, möchte das Mädchen wissen, weshalb sie ihre Schminke nicht auch Estela leiht – damit deren dunklere Haut „rein und weiß“ wirke.
Estela bricht ihr Schweigen erst, als sie verhaftet wird und in einer Verhörsituation vom Innenleben der Familie erzählt. Sie legt einer Zuhörerschaft außerhalb ihrer Zelle Bericht ab und fordert diese immer wieder auf, gut zuzuhören und das Wichtigste mitzuschreiben. Als Leser*in fühlt man sich davon auch selbst angesprochen; so verleiht dieser Kunstgriff der Erzählung hohe Unmittelbarkeit und Dringlichkeit.
Was im Roman vorweggenommen wird und immer wieder als Bezugspunkt dient, sei auch hier erwähnt: Das Mädchen stirbt – unter Umständen, die das Buch lange offenlässt. Erfahren zu wollen, wie es passiert ist, macht einen Teil der Spannung aus, zumal Alia Trabucco Zerán immer wieder, wie nebenbei, Spuren legt. Welche Rollen werden Rattengift und Revolver wohl spielen?
Folgen der sozialen Ungleichheit
Wichtiger als das „Whodunit“ aber ist die Frage nach sozialer Ungleichheit, die das Buch eindrücklich aufwirft. Estela steht stellvertretend für ein ganzes Heer von Hausangestellten, die in Lateinamerika und anderswo dafür sorgen, dass der Alltag der Privilegierten möglichst geschmeidig läuft. Aus dem Fernseher der Familie heraus beschweren sich Arbeiter*innen über die schwierige wirtschaftliche Situation im Land. Estela ist eine von ihnen; ihr geht es auch darum, als Mensch anerkannt zu werden.
Alia Trabucco Zerán legt in präziser Sprache die Härte des Alltags der Protagonistin offen. Für Bessergestellte die Einkäufe erledigen, die Schmutzwäsche sortieren, die Toilette putzen – tagein, tagaus –, während man selbst in einer kleinen Kammer hinter einer Schiebetür haust: Estela droht darüber ihren Bezug zur eigenen Identität zu verlieren und zur Wirklichkeit als solcher, während das Zusammenspiel der Familie, für die sie arbeitet, in die Katastrophe mündet.
Formal ist das Buch ein einziger langer Monolog Estelas in ihrer Verhörzelle. Doch was als Plädoyer für ihre Unschuld angelegt ist, gerät letztlich selbst zur Anklage: Estela erhebt ihre Stimme und begehrt auf gegen Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit und das Übersehenwerden.
Roman
Trabucco Zerán, A.,2024: Mein Name ist Estela. Blessing. Übersetzt von Benjamin Loy. Das Original erschien 2022 unter dem Namen „Limpia“. Der Roman diente als Vorlage für den Film „Limpia – Schwimm zu mir“ aus dem Jahr 2025.
Jörg Döbereiner ist Chef vom Dienst bei E+Z.
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