Bücher
Weitergehen, ohne die eigenen Wurzeln zu vergessen
Dieser Beitrag ist der vierte unseres Kultur-Spezialprogramms für 2026 mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.
Aya Cissoko gelingt es, 1999 und 2003 den Weltmeistertitel im Kickboxen und 2006 im Amateurboxen zu gewinnen, bevor sie ihre Boxkarriere wegen einer schweren Verletzung an der Halswirbelsäule aufgeben muss. Dank ihres eisernen Durchhaltevermögens kommt sie wieder auf die Beine, studiert Politikwissenschaft und hat inzwischen mehrere autobiografisch geprägte Bücher veröffentlicht.
Geboren wird sie 1978 in Paris, ihre Eltern stammen aus einem Dorf in Mali. In ihrem ersten Buch „Danbé“ von 2011 beschreibt sie gemeinsam mit der Jugendbuchautorin Marie Desplechin die Geschichte ihrer Familie, ihre Kindheit und Jugend in den Banlieues von Paris und wie sie zum Boxen kommt. „Danbé“ ist ein Wort aus der Sprache der Malinké, einer ethnischen Gruppe in Westafrika. Es lässt sich in etwa mit „Würde“ übersetzen.
Entscheidend für Aya Cissokos Weg ist der Entschluss ihres Onkels, in den 1960er-Jahren aus Mali nach Frankreich zu gehen, um dort Geld zu verdienen. Frankreich schöpft zu dieser Zeit dringend benötigte Arbeitskräfte aus seinen ehemaligen Kolonien – auch aus der Region Kayes in Mali, wo die Erde damals zu ausgetrocknet ist, um alle zu ernähren, wie die Autorin schreibt.
Als der Onkel Anfang der 1970er-Jahre nach Mali zurückkehrt, übernimmt Aya Cissokos Vater dessen Papiere, um seinerseits in Frankreich sein Glück zu versuchen und dort in die Fußstapfen seines Bruders zu treten. Er arbeitet unter dessen Namen unter anderem bei Renault. Dort nimmt offenbar niemand wirklich Anstoß daran, dass ein anderer unter demselben Namen in die Fabrik zurückkehrt. Die Arbeitskraft interessiert mehr als der Mensch – das gilt laut Aya Cissoko sowohl für die französischen Arbeitgeber als auch für die malische Großfamilie.
Opfer eines Brandanschlags
Aya Cissokos Vater lässt sich in Frankreich nieder und heiratet eine 15-jährige Analphabetin aus seinem Heimatdorf, die ihm nach Paris folgt. Obwohl die Familie Cissoko in armen Verhältnissen lebt, spricht die Autorin von einer behüteten Kindheit voller Sanftmut im Banlieue Les Amandiers.
Dies ändert sich schlagartig in der Nacht vom 27. auf den 28. November 1986, als ein Feuer die Familie in ihrem Wohnhaus aus dem Schlaf reißt. Aya verliert ihren Vater und ihre Schwester bei dem Brandanschlag – es ist einer von mehreren in Paris auf Gebäude, die von zugewanderten Familien bewohnt werden. Insgesamt sterben in dieser Nacht 24 Menschen. Die Brandstifter werden nie gefunden. Wie Aya Cissoko schreibt, wurde die Familie Opfer eines ungesühnten Verbrechens. Sie ist davon überzeugt, dass das Feuer gezielt gelegt wurde, um zu töten.
Ihre Mutter Massiré entscheidet sich bewusst dagegen, dem Drängen der malischen Großfamilie nachzugeben und nach Mali zurückzukehren. Sie möchte den drei Kindern, die ihr noch bleiben, eine Chance auf Erfolg dort ermöglichen, wo sie geboren sind und zur Schule gehen – in Frankreich. Allerdings erlauben es die Traditionen, denen der erweiterte Familienkreis folgt, einer malischen Frau nicht, ihre Kinder allein großzuziehen. Massiré wird von der malischen Community in Paris fallengelassen. Die kleine Familie ist auf sich gestellt, die Analphabetin wird zum Familienoberhaupt.
Umzug in den Brennpunkt
Mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern wird Aya Cissoko in eine Sozialwohnung in der berüchtigten Cité du 140 Rue de Ménilmontant gesteckt – eine Siedlung mit ganz eigenen Regeln. Hier sei viel gestorben worden, schreibt Aya Cissoko – an Überdosis, durch Suizid oder Mord. Sie bezeichnet die 140 als ihr mentales Gefängnis, rebelliert gegen ihre strenge Mutter, fühlt sich verzweifelt und einsam.
In ihrer Not fängt Aya Cissoko an zu boxen. Der Sport lehrt sie Respekt gegenüber ihrem eigenen Körper, aber auch gegenüber anderen. Er hilft ihr, ihre Wut zu kanalisieren. So wird das Boxen für sie mehr und mehr zum Rückzugsort.
Mit ihrer Mutter dagegen hadert sie. Während sie selbst die Dinge mit den Augen einer jungen Französin sieht, betrachtet Massiré sie auf malische Art. Aya Cissoko sieht ihre Mutter als Unterdrückte, ausgenutzt von der malischen Familie, die sich wieder mehr und mehr im Leben der kleinen Familie breitmacht. Ihre Identität sei die einer malischen Frau geblieben, schreibt Aya Cissoko über ihre Mutter.
2016 wird Aya Cissokos Roman „n'ba“ veröffentlicht, der 2017 unter dem Namen „Ma“ auf Deutsch erscheint. Er ist eine Huldigung an ihre 2014 verstorbene Mutter und erzählt von Immigration und weiblicher Identitätsfindung zwischen Kulturen. Aus ihm lässt sich viel darüber lernen, wie westafrikanische Frauen in Frankreich ihren Alltag bewältigen und ihre Integration organisieren, ohne dabei ihre Herkunft aufzugeben.
Aya Cissoko geht auch darauf ein, wie sich Massiré nach dem Tod ihres Mannes gegen die Traditionen auflehnt und mit der Unterdrückung der Frauen bricht. Für sie hat ihre Mutter die malische Kultur weiterentwickelt, ohne mit ihr zu brechen. Es sei möglich, in einer Person beides zu sein: Französin und Malierin, betont Cissoko.
Die eigene Geschichte kennen
2022 erscheint Aya Cissokos Buch „Au nom de tous les tiens“. Auf Deutsch wird es 2023 unter dem Titel „Kein Kind von nichts und niemand“ veröffentlicht – eine Anspielung darauf, dass jeder Mensch Wurzeln hat, die ihn prägen. Aya Cissoko setzt sich darin mit ihrer afrikanisch-französischen Identität auseinander. Das Buch ist auch eine Art Vermächtnis an ihre Tochter. „Ohne deine Geschichte bist du wie eine leere Hülle“, schreibt sie und verweist darauf, dass sich in der Existenz ihrer Tochter verschiedene Geschichten vereinigen: die ihrer malischen Ahnen, aber auch die des Holocaust, vor dem die Vorfahren des Vaters, eines aschkenasischen Juden aus der Ukraine, fliehen mussten.
In ihren Büchern hält Aya Cissoko dem Einwanderungsland Frankreich, ihrem Geburtsland, immer wieder den Spiegel vor. Als Boxerin kämpfte sie für Frankreich und war stolz darauf, den Sieg für die blau-weiß-roten Farben zu holen. Zugleich hatte sie immer wieder den Eindruck, man verweigere ihr, vollständig zu dem Land zu gehören, das das ihre ist. In ihrer eigenen Familiengeschichte konzentriere sich der ganze strukturelle Rassismus Frankreichs, schreibt sie, und übt Kritik an Institutionen und deren Vertreter*innen: Billige Arbeitskräfte, die einst nützlich waren, um das Land nach dem Krieg wieder aufzubauen, würden nun als Last empfunden.
Liest man alle drei Bücher von Aya Cissoko, so wiederholt sich manche Geschichte, oft aus einem etwas anderen Blickwinkel. Das tut dem Leseerlebnis aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Alle drei Werke sind empfehlenswert: Mit jeder Seite öffnen sich neue Möglichkeiten, tiefer einzutauchen in die faszinierenden Geschichten dieser Grenzgängerin zwischen den Kulturen.
Bücher
Cissoko, A., Desplechin, M., 2011: danbé. Éditions Calmann-Lévy. (Französisch. Das Buch wurde unter dem Titel „Danbé, la tête haute“ verfilmt; Trailer mit englischen Untertiteln)
Cissoko, A., 2017: Ma. Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn. Übersetzt von Beate Thill. (Das französische Original erschien 2016 unter dem Titel „n’ba“.)
Cissoko, A., 2023: Kein Kind von nichts und niemand. Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn. Übersetzt von Beate Thill. (Das französische Original erschien 2022 unter dem Titel „Au nom de tous le tiens“.)
Dagmar Wolf ist Redaktionsassistentin bei E+Z.
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